Foto Screenshot Youtube / Bromley Reform Synagogue
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Erstmals gesteht Jeremy Corbyn ein, dass es in seiner Partei „antisemitische Nester“ gibt. Laut anderen Stimmen ist es mehr als ein Randphänomen.

 

von Florian Schwab

Ausgangspunkt der Debatte ist ein Graffiti des amerikanischen Graphikers Kalen Ockerman, genannt „Mear One“: Eine Hauswand in Ostlondon hat er vor einigen Jahren mit einem Motiv besprüht, das Banker mit Hakennasen zeigt, die auf dem Rücken dunkelhäutiger Arbeiter Monopoly spielen (siehe z.B. The Sun). Wie kürzlich bekannt wurde, hat Jeremy Corbyn 2014 auf Facebook gegen das Übermalen des antisemitischen Sujets protestiert. Am Freitag sagte er: „Ich bedauere aufrichtig, dass ich das Bild nicht genauer angesehen habe.“ Als die Debatte über das Wochenende nicht verstummte und es zu einer grösseren Demonstration der jüdischen Gemeinde Londons kam, bedauerte Corbyn am Montag öffentlich, dass es in seiner Partei „Nester von Antisemitismus“ gebe.

„Nein, es gibt kein Problem.“

Die Antisemitismus-Debatte über Labour kocht mit Unterbrüchen mindestens seit zwei Jahren. Damals sah sich Corbyn gezwungen, seinen engen politischen Weggefährten und früheren Londoner Bürgermeister Ken Livingstone zu suspendieren, nachdem dieser ein Labour-Mitglied in Schutz genommen hatte, das die Deportation aller Juden in die USA verlangte. Damals hatte Corbyn ein systematisches Problem noch verneint: „Nein, es gibt kein Problem. Wir sind komplett gegen jeglichen Antisemitismus in unserer Partei.“ Corbyns neue Linie, wonach es leider antisemitische „Nester“ gebe, ist insofern eine neue Kategorie.

Bereitschaft zur Gleichgültigkeit

Darüber, wie verbreitet das Problem ist, gehen die Meinungen indes auseinander. In einem Beitrag für den Spectator beklagt der junge Labour-Sympathisant Alastair Thomas eine „bemerkenswerte Bereitschaft zur Gleichgültigkeit“ unter den Corbyn-Getreuen, wenn es um Antisemitismus gehe. Und er fragt: „Warum fällt jungen Linken das Antisemitismus-Thema so schwer? Warum ist eine grosse Gruppe selbsterklärter Antirassisten und Antifaschisten so zurückhaltend, wenn es darum geht, Antisemiten aus der Partei zu werfen?“ Die Antwort des Autors: Die meisten jungen Linken haben kein Problem mit der Art von „Wandmalerei“, wie sie Corbyn nun in Bedrängnis brachte.

Im Gegenteil: Stets würde ihm versichert, man habe kein Problem mit Juden, nur mit dem Zionismus. „Doch ich habe das Gefühl, dass viele von ihnen trotz dieser Unterscheidung keinen echten Unterschied zwischen den beiden machen.“ Sie „beschuldigen Israel allerlei Verbrechen“ und „betrachten Juden überall als Sympathisanten des Zionismus“.

„Corbyn wird oft als netter Kerl beschrieben“ so Alastair Thomas, „und ich bin sicher, er ist es auch. Aber es ist kein Zufall, dass die antisemitische Epidemie innerhalb von Labour wirklich losging, als er an die Spitze kam. Er wandte sich an die Jugend, und es sind heutzutage die Jungen, die sich weigern, die Juden als authentische Minderheit zu sehen. Für sie ist der Zionismus heute ein Synonym für weisse Vorherrschaft, Neoliberalismus und westlichen Kolonialismus.“

Leider sei dies die dominante Haltung der heutigen Linken: Von einem Juden wird erwartet, dass er sich für Israels Fehlverhalten entschuldigt, dem Recht auf eine Heimat abschwört und die Kapitalisten verdammt, die jüdischen Gemeinschaften entstammen. „Wer das tut, ist ein ‚guter Jude‘.“ Diese Idee, so Thomas weiter, sei aber gefährlich, weil sie „Antisemitismus im Allgemeinen legitimiert und entschuldigt“.

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1 KOMMENTAR

  1. Aus dem Munde von Jeremy Corbyn, dieses Liebhabers der Terrororganisation Hamas, ist jede „Entschuldigung“ oder „Eingeständnis“ von „antisemitischen Nestern“ der glatte Hohn. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: In der Labour Party gibt es noch einige wenige Nester von nicht infizierten Demokraten – wobei ich mich frage, was die sich da noch erhoffen.

    Was dieser „junge Labour-Sympathisant Alastair Thomas“ da von sich gibt, ist Schützenhilfe für einen Antisemiten und ein weiteres deutliches Signal, wie es um die „Opposition“ in diesem Verein bestellt ist.

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