Ministerpräsident Benjamin Netanjahu mit Sicherheitsmann Ziv nach dessen Freilassung. Foto: GPO

Wieder einmal laufen die Ereignisse in Nahost nach einem Drehbuch ab, das sich kein Filmemacher ausdenken kann. Und am Ende kommt, wie schon vor 30 Jahren, die Lösung aus unerwarteter Richtung.

Am Anfang Mord

Am Freitag dem 14.7. wurden um 7:20 Uhr morgens im Rahmen einer „militärischen Operation“ (so die palästinensische Propagandaseite Electronic Intifada) zwei israelische Grenzschützer an einem der Eingänge zum Tempelberg von arabisch-israelischen Attentätern erschossen. Die drei „Terroristen“ (so israelische Angaben) hatten ihre Waffen geschmuggelt, mangels jeglicher Sicherheitskontrollen an den Toren zum Tempelberg, heute das wichtigste Heiligtum der Moslems in Jerusalem. Vom Heiligen Areal aus griffen sie die israelischen Grenzschutzpolizisten an und ermordeten zwei von ihnen. Die Attentäter, israelische Araber aus Umm-el Fachem, flüchteten danach in das Heiligtum und wurden dort von anderen israelischen Sicherheitsleuten erschossen.

Das war der Auslöser der gewalttätigen Konfrontationen mit mehreren Toten und hunderten Verletzten zwischen israelischen Sicherheitskräften und arabischen Jugendlichen, die seit über einer Woche Jerusalem erschüttern.

Der zweite Terrorangriff traf eine Woche später eine israelische Familie am Sabbatabend: der 70 Jahre alte Grossvater Yosef Salomon und seine Kinder Chaya (46) und Elad (36) wurden nach dem Essen in ihrem Heim in der Siedlung Newe Tzuf mit einem Messer ermordet. Die Grossmutter Tova überlebte schwer verletzt. Der Mörder, der Palästinenser Omar al Abdel (19) aus dem benachbarten Dorf Khobar, konnte durch einen Bauchschuss „neutralisiert“ werden, ehe er auch noch das neugeborene Baby ermorden konnte, dessen Geburt die Familie gerade feierte. Der Täter wird wohl in einem israelischen Gefängnis eine dreifache lebenslängliche Haftstrafe abbüssen müssen. Wobei er finanziell ausgesorgt hat: Im Gefängnis erwartet ihn das Gehalt eines hohen Offiziers der Sicherheitsdienste der palästinensischen Autonomiebehörde.

Sicherheit vs. Religionsfreiheit

Was auf die ersten Morde folgte, war eine Kette problematischer Entscheidungen. Als eine Art Kurzschlussreaktion kann der Beschluss des israelischen Sicherheitskabinetts interpretiert werden, sofort vor allen Zugängen zum Tempelberg Metalldetektoren und Kameras aufzustellen. Was in Mekka rund um die Kaba und am Petersdom eine „Selbstverständlichkeit“ ist, gilt in Jerusalem als schwerer Affront gegen die „Religionsfreiheit der Moslems“. Nicht so sehr wegen der Metallschleusen, sondern wegen der israelischen Polizisten, die sie bedienen. Seit 50 Jahren wachen israelische Sicherheitsleute an den Toren der Heiligen Stätte und überprüfen auch gelegentlich die Ausweise, wenn mal wieder das Alter der Betenden beschränkt worden ist, um Unruhen zu verhindern, oder wenn nur Bewohner Jerusalems und Israels, nicht aber der besetzten Gebiete, das heilige Areal betreten dürfen. Daran haben sich die Palästinenser offenbar gewöhnt. Doch mit den Metalldetektoren – so die palästinensische Darstellung – würde Israel illegal die Kontrolle über den Tempelberg übernehmen.

Jordanier in Palästina

Das Sagen im Haram A-Scharif, dem „erhabenen Heiligtum“ (Tempelberg), hat dort auch seit seiner Besatzung durch Israel 1967 der Wakf, die islamische Religionsverwaltung. Der Wakf ist eine jordanische Behörde. Doch vor Ort haben die Palästinenser das Sagen. Israel erzwang einige Änderungen, so die Besuche von Nichtmuslimen, also Juden, Christen und anderen Touristen. Denen ist allerdings strikt verboten, auf dem Berg zu beten oder „Rituale durchzuführen“. Bis zum Ausbruch der Intifada im Herbst 2000 konnten Touristen gegen die Entrichtung eines Eintrittsgeldes auch das Innere des Felsendoms und der El Aksa Moschee besichtigen. Das gibt es seit 17 Jahren nicht mehr.

Jordaniens Einfluss ist wegen der Besatzung und Annexion des Westjordanlandes von 1948 bis 1967 grösser, als Vielen heute bewusst ist. So besitzen alle dort lebenden „Palästinenser“, die nicht Bewohner der selbstverwalteten Autonomiegebiete sind, bis heute einen jordanischen Pass. Sie müssen ihn regelmässig in Aman erneuern lassen, um damit ins Ausland reisen zu können. Das gilt vor allem für die arabischen Bewohner Ost-Jerusalems, die in den Medien aber auch von offiziellen Stellen, wie dem deutschen Auswärtigen Amt, pauschal als „Palästinenser“ bezeichnet werden. Während das AA in Berlin in seiner letzten Verurteilung von Terroranschlägen „israelische Staatsbürger“ und „Israelis“ erwähnte, wurden auf der anderen Seite „Palästinenser“ genannt. Bei genauem Hinschauen, und wenn es da um die Staatsangehörigkeit dieser Menschen ginge, müssten sie eigentlich als „Jordanier“ bezeichnet werden. Ausgerechnet die deutschen Diplomaten müssten da bestens Bescheid wissen, da gemäss den Osloer Abkommen die palästinensischen Pässe im Auftrag der Autonomiebehörde in Deutschland hergestellt und gedruckt werden.

Es geht immer um das Ganze

Die schweren Unruhen hatten nur vordergründig mit den Metalldetektoren zu tun. Die palästinensische Nachrichtenagentur Al Aray schreibt unmissverständlich: „Seit dem klaren Verstoss gegen das Recht auf Selbstbestimmung 1948, als der Staat Israel auf kolonialisiertem palästinensischem Land errichtet worden ist…“

Es geht also mal wieder um das „Ganze“, um die Abschaffung des „illegal“ errichteten Staates Israel, wobei alles, was in der Zwischenzeit passiert ist und welche „Fakten“ geschaffen worden waren, nebensächliche Details sind. Niemand redet von einer „Zweistaatenlösung “, denn nur ein Verschwinden der Juden aus dem ganzen Land könne die Lage wieder „beruhigen“.

Unklar war auch die proklamierte Drohung von Präsident Mahmoud Abbas, alle Beziehungen zu Israel einzufrieren. Vermutlich meint er aber damit nur die sogenannte „Sicherheitskooperation“, die der Hamas ein Dorn im Auge ist. Denn stillschweigend funktioniert bislang noch eine gewisse Kooperation der Sicherheitskräfte, wobei palästinensische Polizisten verirrte Israelis ungeschoren aus palästinensisch kontrollierten Gebieten hinausbegleiten, während beide Seiten zusammenarbeiten, zum Beispiel potentielle Terroristen oder Hamas-Leute zu verhaften, die eine Bedrohung nicht nur für Israel, sondern besonders auch für den Bestand der Autonomiebehörde und das Leben des wenig beliebten Präsidenten Mahmoud Abbas darstellen. Es ist kaum anzunehmen, dass Abbas Veto einen Stopp aller Importe oder Exporte palästinensischer Waren durch israelische Häfen, ein Überschreiten aller von Israel kontrollierten Grenzübergange ins Ausland oder in den Gazastreifen, oder gar eine Verweigerung der Annahme (israelischer) Überweisungen von Zoll und Steuergebühren bedeutet. Denn diese Gelder sind ein wesentlicher Bestandteil des Budgets der Autonomiebehörde.

Absurde Deeskalationsideen

Entsprechend der Empfehlungen sogenannter „Sicherheitskreise“, darunter politisch klar gegen die israelische Regierung eingestellter ex-Generale, sollten dann zwecks De-Eskalation die Metalldetektoren wieder entfernt werden. Jene innerisraelischen Kritiker der Sicherheitsmassnahmen ignorierten dabei, dass die muslimische Wakfbehörde ihr „Ehrenwort“ gebrochen hatte, indem sie mangels eigenen Kontrollen an den Eingängen den Mord an den beiden Grenzschützern nicht verhindern konnten. Hätte Israel die Sicherheitsmassnahmen auf palästinensischen Druck hin einfach wieder zurückgenommen, wäre das für die Palästinenser ein Zeichen gewesen, ihren „legitimen Widerstand gegen die Besatzung“ vom Tempelberg aus weiter zu verstärken. Mehr Blutvergiessen wäre die Folge. Der verantwortliche Wakf hätte es sich zu diesem Zeitpunkt auch kaum erlauben können, nun seinerseits schärfere Kontrollen einzurichten, ohne wie ein „Kollaborateur mit den Zionisten“ auszusehen.

Jordaniens Rolle

Aber nun kam der 3. Spieler hinzu: Das Jordanische Königshaus.

Dessen Wakf-Behörde trägt offiziell die Verantwortung für das Islamische Heiligtum in Jerusalem. Palästinensische Proteste gegen die Metalldetektoren und andere israelische Sicherheitsmassnahmen schwappten auch ins Haschemitische Königreich über, wo sich etwa 70% der Bevölkerung als Palästinenser bezeichnet. Unruhen unter den Palästinensern bergen auch Gefahr für den Bestand der jordanischen Monarchie. König Abdullah beeilte sich deshalb, das israelische Vorgehen in Jerusalem zu verurteilen. In Aman kam es gleichwohl zu einem schweren Zwischenfall, der schnell zur schwersten diplomatischen Krise zwischen den beiden Friedenspartnern, Israel und Jordanien, eskalierte.

In einer Wohnung von Botschaftsangehörigen hat ein 17 Jahre alter jordanischer Lieferant von Möbeln, Mohammed al-Juwaida, mit einem Schraubenzieher auf einen israelischen Sicherheitsmann, von der israelischen Regierung mit seinem Vornamen „Ziv“ identifiziert, eingestochen und ihn leicht verletzt. Der Israeli zückte seine Pistole und erschoss den Angreifer. Getroffen hat es auch den jordanischen Vermieter, Dr. Bashar al-Hamarna. Der erlag später seiner schweren Verletzung.

Der Sicherheitsmann begab sich sofort in die nahegelegene israelische Botschaft, während die jordanische Polizei alle umliegenden Strassen sperrte. Die Botschaft war also einerseits belagert und zugleich geschützt.

Der Zwischenfall mit zwei toten Jordaniern wurde sofort nach Jerusalem berichtet, wo das Aussenministerium einen „Ausnahmezustand“ ausrief und gleichzeitig eine totale Nachrichtensperre verhängte. Doch die Jordanier berichteten über den Vorfall.

Um die Lage in den Griff zu bekommen, telefonierten Israels Premierminister Benjamin Netanjahu und König Abdullah miteinander. Über den Inhalt des Gesprächs ist nur bekannt, dass der König eine sofortige Rücknahme der israelischen Sicherheitsmassnahmen forderte, während Netanjahu versprach, den Status quo am Tempelberg nicht anrühren zu wollen. Bei den Gesprächen gelang es offensichtlich, sehr schnell einen Kompromiss zu finden, damit beide Seiten das Gesicht wahren könnten und die Krise nicht ausser Kontrolle gerate. Derweil wurde der israelische Geheimdienstchef Nadav Argaman geordert, nach Aman zu reisen. Von Jerusalem aus sind das nur 60 Kilometer. Wie die Zeitung Haaretz exklusiv am Montagabend berichtete, wurde der jordanischen Polizei erlaubt, die Diplomatenwohnung zu besichtigen, wo die beiden Jordanier zuvor getötet worden waren. Der israelische Sicherheitsmann hat dabei den jordanischen Ermittlern im Beisein israelischer Diplomaten seine Sicht des Hergangs geschildert. Zuvor hatten die Israelis den Jordaniern ein „Verhör“ des Sicherheitsmannes verweigert, weil der unter diplomatischer Immunität stehe.

In der Folge, während in Israel immer noch nichts über den ganzen Vorfall berichtet werden durfte, kamen beide Seiten überein, noch am Abend die gesamte Belegschaft der Botschaft, darunter auch Botschafterin Einat Schlain und der Sicherheitsmann, in einen Konvoi zu setzen und zur Grenze nach Israel fahren zu lassen.

Um 23 Uhr Ortszeit (22:00 MEZ) am Montagabend, erreichte der Konvoi israelisches Territorium. Die drohende Krise zwischen beiden Ländern wurde für „überwunden“ erklärt.

Zeitgleich tagte in Jerusalem erneut das Sicherheitskabinett. Erst nach Mitternacht am Dienstagfrüh wurde der neueste Beschluss bekannt, offenbar von Israel als „Morgengabe“ an König Abdullah gedacht und ausgehandelt: Israel beschloss, die umstrittenen Metalldetektoren wieder abzubauen und durch unauffälligere andere Sicherheitsvorkehrungen zu ersetzen.

Man kann die Reihenfolge der Ereignisse und damit auch die Lösung des Konflikts um den Tempelberg fast wie die Geschichte einer Verschwörung sehen: Die Erschiessung von zwei Jordaniern bot dem Königreich den Anlass, die gesamte Belegschaft der israelischen Botschaft in Aman in Geiselhaft zu nehmen. Mit der Freilassung aller Diplomaten, inklusive des schiessenden Sicherheitsmannes und deren Ankunft an der Grenze bot Israel die Gelegenheit, die zuvor beschlossenen Massnahmen am Tempelberg wieder zurückzunehmen und auch innenpolitisch zu rechtfertigen, da dies nun eine dringend notwendig gewordene Geste gegenüber Jordanien war, um die eigenen Diplomaten zu „retten“. Als Sieger aus der Geschichte ist nun Jordanien hervorgegangen. König Abdullah hat so aller Welt und vor allem den Palästinensern gezeigt, dass er die wahren Schlüssel zum Jerusalemer Tempelberg in der Hand hält, während Israel und die Palästinenser blindlings sich gegenseitig ins Verderben stürzen, ohne einen vernünftigen Ausweg zu finden.

Der ganze Ablauf erinnert stark an die bislang schwerste Krise in den Beziehungen zwischen Jordanien und Israel.

Historisches Vorbild

Am 25. September 1997 versuchten zwei Mossad-Agenten, den Hamas- Führer Chaled Maschal in Amman auf offener Strasse mit einer Giftspritze zu ermorden. Die Mossad-Agenten wurden verhaftet und Maschal ins Krankenhaus gebracht. Es folgten dringliche Verhandlungen auf höchster Ebene, wobei die Jordanier ultimativ von Israel forderten, einen Anti-Giftstoff nach Aman zu schicken, um Maschal das Leben zu retten. Kurz darauf wurden die Mossad-Agenten freigelassen, während Jordanien von Israel noch eine weitere politisch bedeutsame Geste verlangte: Der Gründer und Chef der Hamas, der an den Rollstuhl gefesselte Scheich Ahmad Jassin, musste aus dem Gefängnis freigelassen werden. 2004 wurde der Scheich dann mitsamt Leibwächtern im Gazastreifen von einer israelischen Rakete gezielt getötet.

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Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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2 KOMMENTARE

  1. Vielen Dank Ullrich für diesen sehr informativen und aufschlussreichen Bericht.
    Du erwähnst und erklärst auch die Fakten, die andere, ich denke da an die MSM in Deutschland und anderswo, erst gar nicht in Betracht ziehen.
    Shalom

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