Foto Kobi Richter/TPS
Foto Kobi Richter/TPS
Lesezeit: 5 Minuten

Shevet Achim, eine Hilfsorganisation und Community mit Hauptsitz in Jerusalem, verhilft Kindern mit Herzfehlern aus dem Mittleren Osten zu lebensrettenden Operationen in israelischen Krankenhäusern.

 

von Andrew Friedman/TPS

In einem lichtdurchfluteten Wohnzimmer mit Ausblick auf das Mittelmeer setzt sich eine Gruppe von Familien im Tel Aviver Stadtteil Jaffa zum selbstgekochten Mittagessen an den Tisch, das von einigen Müttern der Gruppe zubereitet wurde. Die Mahlzeit ist einfach, aber sättigend: frischgebackenes Pitabrot nach kurdischer Art, Fleisch und Kartoffeln mit dicker Bratensosse und schliesslich fein geschnittener Salat.

Die einzelnen Personen der Gruppe kannten einander nicht, bevor sie nach Israel kamen. Seit sie jedoch aus dem Irak hierher gereist sind, haben sie eine Gemeinschaft gebildet, die sich gegenseitig unterstützt, füreinander da ist und einen brüderlichen Umgang miteinander pflegt: Die Kinder in der Wohnung leiden alle an angeborenen Herzerkrankungen und sind nach Israel gekommen, um im Wolfson Medical Center in Holon operiert zu werden.

Ein Patientin, Evine Abu-Ali, eine 17-Jährige aus Zacho, Kurdistan, erzählt, sie vermisse ihr Zuhause und ihre Familie in Kurdistan, sagt jedoch auch, dass ihr die Zeit in Jaffa nicht nur eine neue Perspektive für ihr Leben, sondern auch die Gelegenheit gegeben habe, Erfahrungen zu sammeln, die die meisten ihrer Freunde und Familienmitglieder in ihrer Heimat nie haben würden.

„Bevor ich hierher kam, hatte ich noch nie das Meer gesehen“, sagte Abu-Ali, die mit einer Herzerkrankung geboren wurde, bei der die linke und die rechte Herzkammer vertauscht sind. Als Folge der Erkrankung war der Sauerstoffgehalt in ihrem Blut in den ersten fünfzehn Jahren ihres Lebens sehr niedrig. Dies hat ihre körperliche Entwicklung stark beeinträchtigt – was ihre emotionale und intellektuelle Entwicklung angeht, ist sie ein normaler Teenager, ihre Körpergrösse entspricht jedoch nur in etwa der einer 9-Jährigen.

„Ich war auch schon in Jerusalem. Das können nicht viele Leute von sich sagen“, berichtete sie der Nachrichtenagentur Tazpit (TPS).

Die Behandlung wird von der internationalen Hilfsorganisation Save a Child‘s Heart bezahlt. Die Organisation wurde 1993 von Dr. Amram Cohen, der als amerikanischer Einwanderer nach Israel kam, gegründet, um Kindern in Israel und der ganzen Welt kostenlose medizinische Versorgung zukommen zu lassen und durch die Schulung von Ärzten in Israel die Qualität der pädiatrischen Versorgung von Kindern in Entwicklungsländern zu verbessern.

Für Kinder aus der arabischen Welt übernimmt die Schwesterorganisation Shevet Achim (ein Bezug auf einen Bibelvers aus dem Buch der Psalmen, in dem es um Brüderlichkeit geht) die Logistik. Sie arbeitet mit den israelischen Behörden zusammen, um die Visa und Hintergrundüberprüfungen zu beschleunigen. Weiterhin unterhält sie zwei Hostels in Jaffa (eines für Frauen und Familien und eines für Männer) und steht den Patienten und ihren Familien während ihres Aufenthalts in Israel rund um die Uhr unterstützend zur Seite.

„Ich hatte nicht geplant, irgendetwas in dieser Art zu beaufsichtigen“, sagt Shevet-Achim-Gründer und Geschäftsführer Jonathan Miles, der gebürtig aus Colorado stammt und seine Zeit seit 1990 zwischen Israel und Amman in Jordanien – und in jüngerer Zeit auch Kurdistan – aufteilt. „Ich kam mit Mitte zwanzig nach Israel, um die Rückkehr des jüdischen Volks zu sehen, die Erfüllung der Prophezeiung – die Sowjetunion war gerade erst zusammengebrochen und jede Woche kamen Tausende Juden an. Ich arbeitete mit einer Gruppe zusammen, die die Menschen, die praktisch gar nichts besassen, mit Geld, ärztlicher Betreuung, Möbeln und anderem versorgte.

Eines Tages kam eine Frau mit ihrem 13-jährigen leukämiekranken Sohn herein. Die 65.000 Dollar, die die Behandlung gekostet hätte, hatte sie nicht. Sie waren keine Juden und hatten nicht die Rechte die israelischen Staatsbürgern zustehen. Sie mussten irgendwie davon gehört haben, dass in unserem Zentrum russische Einwanderer unterstützt wurden, also waren sie hereingekommen – in der Hoffnung, dass wir ihnen helfen könnten.

Um das Ganze abzukürzen: Wir wussten, dass Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung standen, aber wir hatten ganz bestimmt nicht die Möglichkeit, so viel Geld aufzubringen. Ich sagte ihnen, ich würde die Sache prüfen und lud sie ein, am nächsten Tag wiederzukommen, allerdings war ich nicht besonders optimistisch“, erinnert sich Miles.

Foto Kobi Richter/TPS
Foto Kobi Richter/TPS

Mit Dutzenden Telefaxen an gut vernetzte Einzelpersonen und Gruppen gelang es Miles, das Geld aufzutreiben und, unterstützt von der Intervention des damaligen Präsidenten Ezer Weizmann, die Krankenhausverwaltung des Wolfson Medical Centers zu überzeugen, die Behandlungskosten auf die Summe von 42.000 Dollar – der Betrag, den die Behandlung israelische Bürger kostete – zu senken.

Segen für die Nationen der Welt.

„Der Junge starb ein Jahr später, doch er hatte die Behandlung bekommen und er starb in dem Wissen, dass er genauso wertvoll war, wie jeder andere auch“, erinnert sich Miles. „Durch diese Begebenheit habe ich gelernt, dass die israelischen Krankenhäuser ein so grosses Potenzial haben, zu einem Segen für die Nationen der Welt zu werden – also gründeten wir eine Non-Profit-Organisation und taten uns mit Save a Child‘s Heart zusammen.

Ein Vierteljahrhundert später hat diese Partnerschaft über 1.000 Kindern geholfen.

Nahezu alle Länder aus der Region waren vertreten, mit Ausnahme des Libanon. Anfangs kamen viele Kinder aus dem Irak, dann jedoch übten religiöse Gruppen grossen Druck auf die lokalen Gruppen aus, um deren Zusammenarbeit mit den Israelis zu stoppen. Heute kommt eine ganze Reihe von Patienten aus dem irakischen Kurdistan.

Die Aufenthalte in den Häusern von Shevet Achim reichen von sechs Wochen bis zu sechs Monaten, je nach Genesungsdauer und dem Grad der erforderlichen medizinischen Betreuung.

Die Familien, die zu Besuch kommen, sagen, sie versuchen Israel als Teil der Zeit, die sie hier verbringen, zu erleben, je nach den Fähigkeiten ihrer Kinder, die zwangsläufig entweder vor ihrer Operation stehen oder diese bereits hinter sich haben. Da die meisten der Familien in den Häusern von Shevet Achim muslimisch sind, steht die Jerusalemer Al-Aqsa-Moschee ganz oben auf ihrer Wunschliste der Orte, die sie unbedingt besuchen wollen. Aber selbst die, die es nicht schaffen, dort hin zu gehen, sagten, sie seien „überwältigt“ gewesen von dem freundlichen Empfang und der Behandlung durch das Krankenhauspersonal und die Einheimischen aus Jaffa gleichermassen.

„Wir sind glücklich, die Freiheit Israels zu feiern.“

Evine Abu-Ali, die zum zweiten Mal in Israel behandelt wird, sagte, sie habe noch nicht viel von Jaffa sehen können, da sie die meiste Zeit im Krankenhaus verbracht habe, wo sie wegen Vorhofflimmern behandelt wird. Sie sagte allerdings, sie habe dennoch in hohem Masse erlebt – wie sie es ausdrückte – „was es bedeutet, hier zu leben“.

„Wir hatten ein Picknick zum Jom haAtzma’ut“, berichtete Abu-Ali. „Wir gingen nach draussen, um die Flugparade zu sehen und erfuhren, was der Unabhängigkeitstag für die Israelis und insbesondere für die Familien der Gefallenen und Opfer bedeutet.“

Auf die Frage, wie es sich anfühle, die israelische Unabhängigkeit zu feiern, fügte Abu-Alis Vater hinzu: „Wir sind glücklich, die Freiheit [Israels] zu feiern, denn auch wir fühlen uns frei, weil wir hier sein dürfen.“

Wer die Arbeit von Shevet Achim unterstützen möchte, kann das hier tun.