Vor wenigen Wochen war Hamid Reza Torabi noch im Auswaertigen Amt eingeladen, am Freitag nahm er wieder am antisemitischen #QudsTag teil. Foto Frederik Schindler
Vor wenigen Wochen war Hamid Reza Torabi noch im Auswaertigen Amt eingeladen, am Freitag nahm er wieder am antisemitischen #QudsTag teil. Foto Frederik Schindler

Mindestens 400-500 Menschen haben am Freitag in Berlin an der jährlichen Demonstration am sogenannten „internationalen Qudstag“ teilgenommen, bei der stundenlang Hass gegen Israel und antisemitische Verschwörungstheorien verbreitet wurden. Unser Autor war von Beginn an dort.

von Frederik Schindler

Kurz vor geplantem Beginn der al-Quds-Demonstration in Berlin ist der Adenauerplatz noch fast leer. 50 Meter weiter haben sich allerdings schon 200 israelsolidarische Gegendemonstranten eingefunden: „Kein Friede mit den Feinden Israels“, „Gegen jeden Antisemitismus“ oder „Solidarität mit den feministischen Kämpfen im Iran“ steht auf ihren Transparenten. Fuad Afane vom „Palestine Network Communication“ beobachtet die Israelfahnen schwenkenden Menschen und schüttelt den Kopf. „Zionisten sind Faschisten“, ruft er ihnen entgegen. Der Aktivist ist in den letzten Jahren mehrfach öffentlich aufgetreten und fantasierte in seinen vergangenen Reden beispielsweise von Kinder mordenden Sekten in Israel, die von der Polizei geschützt würden. Heute will er wieder gegen Israel demonstrieren, am vom Iran ausgerufenen „Internationalen Tag zur Eroberung Jerusalems“.

„Israel ist nicht mehr zeitgemäss“

Nach einer halben Stunde halten mehrere Busse an dem Platz. Neben Männern und Frauen strömen auch überraschend viele Kinder heraus, sie tragen Schals in Palästina-Farben und T-Shirts mit Aufdrucken wie „Free Palestine“. Als Schilder mit Parolen verteilt werden, präsentieren die Kinder diese stolz und lassen sich damit fotografieren: „Boycott Israel“, „Israels Antisemitismuskeule brechen – Gemeinsam gegen Meinungs- und Redeverbot“, „Israel ist nicht mehr zeitgemäss“ oder „Schluss mit der Tötung Unschuldiger in Gaza durch Zionisten“ steht darauf. Zum Teil sind die Kinder so jung, dass sie die Botschaften selbst noch kaum verstehen können. Offensichtlich werden diese Jungen und Mädchen von ihren Eltern instrumentalisiert und zum Hass auf den einzigen jüdischen Staat erzogen.

Auch die Kleinstpartei „Deutsche Mitte“ des Verschwörungstheoretikers Christoph Hörstel ist jetzt mit ungefähr 20 Mitgliedern angekommen. Sie werben für sich als „Partei für ein freies Palästina“ und wollen Unterschriften sammeln, die sie zur Zulassung für die kommende Bundestagswahl benötigen. Hörstel wird später auf der Bühne stehen und die Teilnehmer bitten, auf Parolen wie „Kindermörder Israel“ zu verzichten. „Es stimmt zwar, aber wir müssen ihnen ein bisschen entgegenkommen.“ Dann spricht er von einer „Zeit, die wieder kommen wird, wenn in Palästina eine jüdische Minderheit geschützt wird.“ Und: „Wir wollen das Geschäft derjenigen nicht betreiben, die seit Jahrhunderten Kriege anzetteln, um weiter zu verdienen.“ Den meisten Teilnehmenden wird klar sein, wer hier mit „derjenigen“ gemeint sein soll.

Mittlerweile ist die Demonstration auf ungefähr 350 Teilnehmer angewachsen. Ein Teilnehmer trägt stolz eine Fahne der Terrororganisation „Popular Front for the Liberation of Palestine“ (PFLP), eine junge Frau hat ein Symbol der Hisbollah auf ihr Smartphone geklebt. Zwei Mitarbeiter der „Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus“, die stundenlang die Demonstration beobachten, dokumentieren auch das verbotene Zeigen einer Fahne der Amal-Miliz sowie Plakate mit dem General der iranischen Revolutionsgarden und dem Generalsekretär der libanesischen Hisbollah, Hassan Nasrallah. Die Polizei lässt später ausrichten, es habe keine Probleme mit verbotenen Symbolen gegeben. Auch in London wurden bei einer Veranstaltung zum Al-Quds-Tag in der vergangenen Woche Symbole der Hisbollah gezeigt. Mit einer Sitzblockade wurde dort der Verkehr in der Innenstadt gestört, ein Sprecher skandierte, dass hinter der Brandkatastrophe im Grenfell Tower Zionisten stünden.

Ein Teilnehmer trägt eine Fahne der Terrororganisation „Popular Front for the Liberation of Palestine“ (PFLP). Die EU und die USA führen die PFLP auf ihren Listen von Terrororganisationen. Foto Frederik Schindler
Ein Teilnehmer trägt eine Fahne der Terrororganisation „Popular Front for the Liberation of Palestine“ (PFLP). Die EU und die USA führen die PFLP auf ihren Listen von Terrororganisationen. Foto Frederik Schindler

Auch in Berlin wurden antisemitische Verschwörungstheorien verbreitet.: „IS heisst Israelische Sicherheit und Nazi heisst Nationalistisch und Zionistisch“ oder „Die zionistischen Staatsanwälte & Rechtsanwälte beteiligen sich am Mord der Ausländer und Politiker“, hiess es auf diversen Plakaten. Oder: „Israel ist die grösste Bedrohung für den Weltfrieden.“ Auch die jahrhundertealte Kindsmord- und Ritualmordlegende wurde aufgewärmt und neu verkleidet: „Alle 3 Tage tötet Israel ein Kind in Palästina“, „700 palästinensische Kinder sperrt Israel ins Gefängnis jedes Jahr“.

Plötzlich mischt sich der Journalist Claus Strunz mit einer Kippa unter die Teilnehmenden, immer mit mindestens einem Polizisten zum Schutz in der Nähe. Er wolle sich ansehen, wie die Menschen hier auf ihn reagieren, sagt er dem Anmelder der Al-Quds-Demonstration Jürgen Grassmann. „So lange Sie wirklich für den Frieden eintreten, sind Sie herzlich willkommen“, behauptet dieser zunächst. Später wird Grassmann aggressiv und ruft Jugendlichen zu, sie sollten besser nicht mit Strunz sprechen. Von einem Lautsprecherwagen wird gewarnt, dass Strunz „von Zionisten gesteuert“ würde. Einige sind verärgert, eine Frau bezeichnet seine Kippa gegenüber Polizisten als „Provokation“. Strunz selbst zeigt sich zwar „überrascht von der grossen Diskussionsbereitschaft“ der Teilnehmenden, bezeichnet einige der vorgetragenen Argumente allerdings als „unerträglich“. „Mir blutet das Herz, wenn ich die vielen Kinder sehe, denen von ihren Eltern erklärt wird, dass es Israel gar nicht geben dürfe“, sagt er anwesenden Journalisten.

„Palästina bis zum Sieg“

Als sich die Demonstranten in Bewegung setzen, werden immer wieder die gleichen Parolen gerufen. „Ist die Welt denn taub und stumm? Israel bringt Menschen um!“, „Zionisten sind Terroristen – töten Kinder und Zivilisten“, „Free Palestine“, „Palästina bis zum Sieg“ schallt es durch die Strassen. An der Route positionieren sich immer wieder einzelne Gegendemonstranten. „Wir wollen den Hass auf Israel nicht unwidersprochen lassen“, sagt eine junge Frau mit Israelfahne in der Hand. Mindestens einmal schallt ihnen „Kindermörder Israel“ von einer Gruppe Demonstranten entgegen. Gleichzeitig wird auf Plakaten zum Boykott israelischer Produkte aufgerufen und ein Redner sagt durch die Lautsprecher, dass „nur Juden, die gegen den Zionismus aufstehen, richtige Juden“ seien. Ein anderer Redner behauptet, dass „die Zionisten die Medien kontrollieren“ und man deshalb in Deutschland nichts gegen Israel sagen könne. Während er auf einer erlaubten, öffentlichen Demonstration spricht. Absurd scheint ihm das nicht vorzukommen.

In den ersten Reihen finden sich einige bekannte Gesichter. Yavuz Özoguz, der das islamistische Internetportal „Muslim Markt“ betreibt. Der Aktivist Martin Lejeune, der einst über „sozial abgelaufene“ Hinrichtungen der Hamas schrieb. Und auch der iranische Geistliche Hamid Reza Torabi läuft ganz vorne mit. Er leitet die „Islamische Akademie Deutschland“, die vom pro-iranischen „Islamischen Zentrum Hamburg“ (IZH) betrieben wird und vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Vor wenigen Wochen war Torabi noch bei der Konferenz „Friedensverantwortung der Religionen“ im Deutschen Auswärtigen Amt zu Gast. Trotz der Unterstützung der israelfeindlichen Demonstration besteht zwischen dem IZH und der Stadt Hamburg ein Staatsvertrag.

„antisemitische Hetze nicht dulden“

Kurz vor Schluss der Demonstration ziehen die Teilnehmer am Breitscheidplatz vorbei, dem Anschlagsort, bei dem ein islamistischer Attentäter im Dezember 2016 12 Menschen auf einem Weihnachtsmarkt ermordete. Eine Schweigeminute wird abgehalten, allerdings nicht ohne verfälschende Propaganda: Sie sei für „die Opfer von amerikanischen Dschihadisten“. „Die Drahtzieher des internationalen Terrorismus“, so Organisator Jürgen Grassmann, „sitzen in den USA und in London.“

Auf der antifaschistischen Gegenkundgebung läuft währenddessen israelische Popmusik, unter anderem der exiliranische Aktivist und Sprecher der oppositionellen „Green Party of Iran“, Kazem Moussavi, hält eine Rede zu den Organisationsstrukturen der al-Quds-Demonstration. Zusammen mit einer bürgerlichen Gegendemonstration, auf der Politiker verschiedener Parteien sprachen, sind mindestens 400 Menschen zusammengekommen. “Im Herzen Berlins dürfen wir diese antisemitische Hetze nicht dulden und fordern den Regierenden Bürgermeister und den Innensenator dazu auf, dieser Hassparade den rechtlichen Boden zu entziehen“, forderte dort der Sprecher des Jüdischen Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus, Levi Salomon. Sehr wahrscheinlich wird die Demonstration allerdings auch im nächsten Jahr wieder zusammenkommen.

Frederik Schindler ist freier Journalist in Frankfurt am Main.

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7 KOMMENTARE

  1. Claus Strunz mit Kippa… Wieder mal ein typisch deutscher Fall von sog. Philosemitismus, bei dem ich immer sehr mißtrauisch werde. Will er damit Antisemitismus provozieren, um sagen bzw. schreiben zu können, daß diejenigen, die gegen den permanenten Landraub Israels und die völkerrechtswidrige Annektion Ostjerusalems durch Israel protestieren, dies aus Antisemitismus tun und damit jegliche Kritik an der Politik Israels gegenüber den Palästinensern desavouieren? Antisemitismus gehört bekämpft und geächtet. Aber dieser Kampf darf von der Israel-Lobby nicht dazu mißbraucht werden, Kritik an der israelischen Politik zu verunglimpfen.

    • Wirklich uninteressant, Ihre Ausführungen!

      Ich wünschte, Israel dürfte von jedem,
      der Israel ohne jedes Argument verunglimpft,
      einen Euro einer Sondersteuer erheben
      – dann wäre Israel gerade wieder etwas von Ihnen unterstützt worden.

      Leider, Björn Lull-ein,
      hatten Sie vergessen, Ihre eigene ach so differenzierte „Israel-Kritik“
      zu argumentieren:
      Fangen Sie doch mal an und argumentieren Sie für mich Unwissenden
      den von Ihnen behaupteten „permanenten Landraub … durch Israel“!

    • Hallo Bjoern Luley,

      das ist ja wirklich sehr interessant, was Sie schreiben. Mit dem Tragen einer Kippa wird also Antisemitismus provoziert. Wenn die Kippa-Träger im Umkehrschluss auf ihr provokantes Accessoire verzichten würden, wäre das mit dem A. endlich erledigt. Bingo! Und danke für den Tipp.

      • Bitte drehen Sie mir meine Worte nicht im Munde herum! Mir persönlich ist es völlig egal, ob jemand Kippa, Turban, Gebetskäppchen oder Zylinder trägt. Wenn jemand meint, seine Religionszugehörigkeit offen zeigen zu müssen: bitte sehr!
        Im vorliegenden Fall muß man allerdings davon ausgehen, dass Claus Strunz annahm (bzw. womöglich gehofft hat), dass es seitens der Demonstranten zu Gewalttaten gegen ihn und sein TV-Team kommen würde, was er dann wiederum als Beleg dafür hätte nehmen können, dass Protest gegen die permanente illegale israelische Landnahme auf der Basis von Antisemitismus stattfinde. Dieses Vorgehen habe ich kritisiert.
        Dass Antisemitismus und Rassismus, also z.B. das Anpöbeln von Kippa, Kopftuch, oder Schleier tragenden oder andersfarbigen Menschen unentschuldbar und nicht zu dulden ist und somit bekämpft werden muss, versteht sich für mich jedenfalls von selbst!

        • Björn Lull-ein schreibt:
          „Im vorliegenden Fall muß man allerdings davon ausgehen, dass Claus Strunz annahm (bzw. womöglich gehofft hat), dass es seitens der Demonstranten zu Gewalttaten gegen ihn …“

          Sie stellen IHRE VERMUTUNG als begründet in den Raum
          – darauf nimmt der werte nussknacker56 in seiner Kritik Bezug
          und zieht eine von mehreren – übrigens logischen –
          Schlußfolgerungen.
          Wenn Sie etwas nicht meinen
          – dann sollten Sie es auch nicht schreiben!
          Wenn Sie etwas schreiben
          – dann sollten Sie es auch so meinen!
          (… oder sich die Kritik gefallen lassen)

  2. Die armen Umstehenden könnten einem fast leidtun: Grassmann scheint eine ziemlich feuchte Aussprache zu haben.

    • Wie Herr Grassmann seinen Mitdemonstranten ziemlich unverhohlen mitteilt,
      dass diese für Interviews schlicht zu blöde sind
      – das hat was!
      Mein Rat an Herrn Grassmann wäre,
      seine Lebensenergie und seinen,
      gemäß seiner eigenen Einschätzung impliziert hohen Intellekt,
      zukünftig für intelligente Ziele einzusetzen
      und mit intelligenten Menschen zusammen zu arbeiten
      – dann hat er das Problem mit der sich verselbständigten Meinungsfreiheit
      von Schäfchen nicht.

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