Mahane Yehuda Markt in Jerusalem. Foto deror_avi, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons.
Mahane Yehuda Markt in Jerusalem. Foto deror_avi, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons.
Lesezeit: 4 Minuten

Seit 50 Jahren wird über den Verlust des israelischen Konsens getrauert. Überwältigt vom plötzlichen Umschwung der vor dem Krieg herrschenden Angst, in die Euphorie der Nachkriegszeit, wusste Israel im Juni 1967 nicht, was es mit den grossen Gebieten tun sollte, die es in dem von seinen Nachbarn provozierten Krieg erobert hatte.

Ein Kommentar von Amotz Asa-El

„Wir sollten den Bewohnern der besetzten Gebiete diese einfachen und klaren Dinge sagen“, schrieb damals im Sommer Amos Oz, ein vielversprechender 27-jähriger Autor: „Wir wollen nicht euer Land … Wir bleiben nur so lange hier, bis eine Friedensvereinbarung unterzeichnet ist … Es liegt an euch, ihr habt die Wahl.“

Bald schon schlossen sich andere Literaten und ein grosser Teil der akademischen Elite Oz’ Meinung an. Andere, angeführt von Nobelpreisträger S. Y. Agnon, dem Lyriker Natan Alterman und dem Schriftsteller Moshe Shamir, vertraten die gegenteilige Ansicht.

„Bei diesem Sieg geht es nicht nur darum, dass die Juden ihre ältesten und höchsten Nationalheiligtümer zurückerhalten, jene, die tiefer als alles andere in das kollektive nationale Gedächtnis und die Tiefen seiner Vergangenheit eingeprägt sind“, schrieb Alterman und fügte hinzu: „Bei diesem Sieg geht es darum, dass der Unterschied zwischen dem Staat Israel und dem Land Israel ausgelöscht wird.“

Auf diese Weise entstanden die beiden bekannten Denkrichtungen: Land für Frieden und Grossisrael. Der Zusammenprall dieser beiden Konzepte war so intensiv und weitreichend, dass viele dachten, er würde die israelische Gesellschaft auseinanderreissen.

Zusammen mit den Spannungen zwischen säkularen und religiösen Juden sowie den Differenzen zwischen israelischen Sozialisten und Kapitalisten fürchteten viele, dass die Juden in Israel zu sehr entzweit wären, um die Bedrohungen durch ihre Nachbarn überleben zu können.

Aber sie lagen falsch.

ISRAELISCHE Wähler gaben im Lauf der Jahre sowohl der Grossisrael- als auch der Land-für-Frieden-Strömung die Gelegenheit, ihre jeweiligen politischen Bestrebungen durchzusetzen. Erstere erhielt ihre Chance in den 1980er-Jahren, als eine Regierung unter der Führung der Likud-Partei den Grossteil der Siedlungen im Westjordanland baute, während die zweite im folgenden Jahrzehnt zum Zuge kam, als eine von der Arbeiterpartei geführte Regierung das Osloer Abkommen unterzeichnete.

Beide Experimente hatten massive palästinensische Gewalt zur Folge, die sich in Form der Ersten und Zweiten Intifada äusserte, welche die meisten Israelis aller Illusionen hinsichtlich der palästinensischen Bereitschaft zum Friedensschluss mit dem jüdischen Staat beraubten.

„Zugeständnisse für den Frieden“

Nun aber zeichnete sich erstmals seit 1967 ein neuer israelischer Konsens ab. Die meisten Israelis, so hat sich gezeigt, sind bereit, Zugeständnisse für den Frieden zu machen, wenn sie sich Menschen gegenüber sehen, die für den Frieden eintreten; sind es stattdessen jedoch Feinde, mit denen sie konfrontiert sind, dann werden sie kämpfen. Dies wurde besonders offensichtlich während der Militäraktion im Frühjahr 2002 in Dschenin, als sich mehr Reserve-Fallschirmjäger zu dem erwarteten Entscheidungskampf mit den Selbstmordattentätern einfanden, als von der IDF einberufen. Unglaublicherweise mussten einige wieder nach Hause geschickt werden.

An seiner Wurzel gab es diesen Konsens schon immer. Aus diesem Grund schloss selbst ein knallharter Hardliner wie Menachem Begin einen ultimatives Land-gegen-Frieden-Abkommen, als er einem Mann des Friedens wie Anwar Sadat gegenüberstand. Aus dem gleichen Grund entschied sich auch 1967 der friedliebende damalige Premierminister Levi Eshkol für den Krieg, als er sich mit einem Mann des Krieges wie Gamal Abdel Nasser konfrontiert sah.

In ähnlicher Weise verlangte im zurückliegenden Jahrzehnt der pragmatisch denkende Mainstream einen Anti-Terror-Zaun, trotz der Opposition von Shimon Peres und Ariel Sharon – ersterer war dagegen, weil er fürchtete, der Zaun würde seiner ‚Peace Now‘-Vision schaden, und letzterer, weil er dachte, der Zaun liefe seiner Vision von Grossisrael zuwider.

Im gleichen Sinne herrscht israelischer Konsens in Bezug auf religiöse Angelegenheiten.

ES STIMMT, einige Israelis sind ultra-orthodox, andere modern-orthodox und die meisten sind säkulare Juden. Dennoch begehen 90 Prozent aller israelischen Juden den Pessach-Seder, 60 Prozent fasten an Yom Kippur, 70 Prozent ernähren sich koscher, 94 Prozent beschneiden ihre männlichen Neugeborenen und 66 Prozent halten ein Schabbat-Mahl und sprechen dabei das entsprechende Gebet, den Kiddusch.

Das zeigt, dass die Israelis extrem traditionsbewusst sind.

Gleichzeitig stellt die ultra-orthodoxe Bevölkerung, die einst strikt gegen den Zionismus war und die säkulare Arbeitswelt tunlichst mied, heute jährlich 2.500 Soldaten und lässt Tausende ihrer jungen Männer und Frauen säkulare Beschäftigungen ausüben. Dadurch tragen auch sie zum israelischen Konsens bei.

Und schliesslich tauchte noch eine dritte Dimension des israelischen Konsenses auf – die Wirtschaft.

Nachdem es ursprünglich von Sozialisten gegründet worden war, riss Israel schliesslich ­– nach Hochinflation und als es am Rande des Bankrotts angelangt war – das Ruder in Richtung Kapitalismus herum. Der Übergang erfolgte derart abrupt, dass letztlich selbst die meisten Kibbuzim privatisiert wurden.

Trotzdem sahen die Wirtschaftsreformer Israels davon ab, das ausgeklügelte soziale Sicherheitsnetz sowie das Gesundheitssystem – das eines der egalitärsten und umfassendsten der Welt ist – zu demontieren.

„Mitfühlender Kapitalismus“

An dieser Front bedeutet der israelische Konsens, einen mitfühlenden Kapitalismus anzustreben. Einen Kapitalismus, der das Gedeihen privater Unternehmer ermöglicht und dabei gleichzeitig Gerechtigkeit für Unterprivilegierte und Chancengleichheit für Arme im Blickpunkt behält.

In diesem Juni markieren die europäischen Medien den fünfzigsten Jahrestag des Sechstage-Kriegs, den viele als den Moment beklagen werden, in dem der israelische Konsens zu Grabe getragen wurde. Nun ja, das mag für das Jahr 1967 zutreffen, aber seit der Jahrtausendwende ist der israelische Konsens nach und nach wieder auferstanden.

Das ist auf jeden Fall eine hervorragende Leistung, umso mehr, wenn man sie vergleicht mit den nationalen Identitätskrisen und der mangelnden sozialen Solidarität, von denen europäische Länder von der Ukraine bis Belgien erschüttert werden – von den zahllosen Bürgerkriegen in der arabischen Welt ganz zu schweigen.

Über Amotz Asa-El

Amotz Asa-El ist leitender Berichterstatter und ehemaliger Chefredakteur der Jerusalem Post, Berichterstatter Mittlerer Osten für Dow Jones Marketwatch, politischer Kommentator bei Israel's TV-Sender Channel 1 und leitender Redakteur des Nachrichtenmagazins Jerusalem Report.

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3 KOMMENTARE

  1. Es tut weh, ein solches postfaktisches sehr links eingestellte Sichtweise zur ende durchzulesen. Vor allem wen es mit den Fakten sehr lasch umgeht und sich diese zurecht biegt.

    „Großisrael“…?, und Sie meinen es ist das heutige Israel von Jordan bis Mittelmeer ?!
    Nicht mal die europäischen Antisemiten sind so genügsam. Aber linksorientierte säkulare Juden können auch keine Ahnung über die Größe von Israel entsprechend der Tora haben, aber wie wäre es statt dessen es mit dem Gebiet daß während der Friedenskonferenz in San Remo / Italien am 24.April 1920 als das Gebiet für das als Nationale Jüdische Heimstaate zugewiesen?
    Das dabei Großbritannien als beauftragter Mandatsträger knapp 78% des Mandatsgebiets an die Haschemitenfamileaus Großpolitischen- und Wirtschaftlichen-Überlegungen abtraten (Sieh Transjordanien = Jordanien heute) entzieht sich dem Gedächnis des Schreibers.
    Als Großbritannien dannt vom Völkerbund als Mandatsträger über Palestine am 24 Juli 1922 bestätigt wurde haben Juden nur noch knapp 23% des original zugeordneten Mandatsgebiets erhalten und die Araber Palästinas Transjordanien.

    …“Führung der Likud-Partei den Grossteil der Siedlungen im Westjordanland baute“…, „WESTJORDANLAND“ ?!, und das soll Jude und Israeli sein, der noch nie was von Judäa und Samaria gehört hat ?

    … „als er einem Mann des Friedens wie Anwar Sadat gegenüberstand“…, Sadat Mann des „Friedens“, na ja, nach dem dieser Mann des „Friedens“ im Jom Kipur Krieg eine rissen Schlappe eingefahren hat und mehrere 10 Tausend Ägyptische Soldaten auf dem Sinai gefangen waren und die IDF vor Kairo !
    Da war der Hr. Sadat wohl in einer Friedens Zwangsjacke, oder?

    Den Rest erspare ich mir zu kommentieren.

  2. Zeitgeschichte in München Horst Möller in seiner lesenswerten Strauß-Biografie: „Die Bundesrepublik dürfe sich von keinem Staat der Welt vorschreiben lassen, mit wem sie diplomatische Beziehungen aufnehme.“UND DAS SOLLTEN ALLE EU MITGLIEDER IN DIE VERFASSUNG MIT EINBEZIEHEN DANN KOENNTEN SIE NICHT MEHR GEDROHT ODER ERPRESST WERDEN JAPAN SOLLTE ES AUCH TUN

  3. EINIGE PARALELLE ZU DEN JAHREN DER KRIEGE UND POLITISCHEN EINFLUSS DER EUROPAER Das Luxemburger Abkommen 1952
    Bundeskanzler Konrad Adenauer war sich der Verantwortung bewusst: „Wir mussten das Unrecht, das den Juden angetan worden ist von den Nationalsozialisten soweit gut machen, wie das irgend möglich war“, erinnerte er sich später. Es war für ihn zugleich der entscheidende Maßstab, ob die Deutschen „wieder aufgenommen werden würden in den Kreis der anderen Völker“.Das Treffen von New York 1960
    Schon 1952 wollte die Bundesregierung diplomatische Beziehungen aufnehmen, was der israelischen Seite viel zu früh erschien. 1956 drängte Jerusalem, doch nun äußerte das Bonner Auswärtige Amt Bedenken, da es die Unterwanderung der Hallstein-Doktrin befürchtete. Während die Regierung Adenauer informell schon sehr eng mit Israel zusammenarbeitete – es gab schon damals Waffenlieferungen – waren volle diplomatische Beziehungen seitens der Bundesrepublik noch nicht erwünscht, da für diesen Fall die arabischen Staaten mit einer Anerkennung der DDR drohten. So dauerte es, bis am 14. März 1960 die erste persönliche Begegnung im Hotel Waldorf Astoria in New York zustande kam. Erwogen worden war das Treffen schon seit geraumer Zeit. Adenauer hatte angeboten, zu einem Besuch nach Israel zu kommen, Ben Gurion aber bevorzugte eine Begegnung an einem neutralen Ort. Ihrer beider Aufenthalt in New York bot sich an, um den protokollarischen Aufwand so gering wie möglich zu halten. Adenauer befand sich auf einer ausführlichen Amerika- und Japanreise, die nicht zuletzt das internationale Renommée der Bundesrepublik Deutschland aufbessern sollte. Denn um die Jahreswende 1959/60 hatten antisemitische Ausfälle, darunter Hakenkreuzschmierereien an der neuerrichteten Kölner Synagoge, die Konrad Adenauer drei Monate zuvor mit eingeweiht hatte, sowie eine Reihe von Friedhofsschändungen für Empörung gesorgt. Heute ist bekannt, dass sie von der DDR-Staatssicherheit in Auftrag gegeben worden waren. Adenauer wollte hier mäßigend wirken und ein Bild des neuen Deutschland zeigen und der israelischen Seite signalisieren: Wir lassen Israel auch nach Auslaufen der Wiedergutmachungsleistungen nicht im Stich. Ben Gurion hatte vor der Knesset erklärt: „Es ist klar, dass es in Deutschland einen Antisemitismus gibt und dass dort noch Nazis leben, aber das deutsche Volk von heute ist keine Nation von Mördern und seine Jugend von heute ist keine Hitler-Jugend.“ABER DEUTSCHE LINKE UND RECHTE FINANZIEREN UND UNTERSTUEZEN NGO GEGEN ISRAEL

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