„Warum hält [plötzlich] jeder inne und steht bloss stumm da?” fragt ein Protagonist in Jonathan Safran Foers neuem Roman Hier bin ich. „Weil es sich weniger falsch anfühlt, als alles andere was wir [in diesem Moment] tun könnten”, erwidert sein Gesprächspartner. Der Austausch findet in Israel statt und bezieht sich auf die legendären Schweigeminuten am israelischen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Mir kam er gestern in den Sinn.

„Wir alle spürten, dass wir nur schweigen mögen über das wovon wir nicht sprechen können“

Für mich war es der erste Jom HaSchoah in Israel, und auch ich hielt inne. Genau wie der Lastwagenfahrer, der mitten in der Kreuzung stoppte, ausstieg und mit gesenktem Haupt stehen blieb. Genau wie die Kellnerin im Café gegenüber, die trotz schwerbeladenem Tablett im Arm, abrupt Halt machte. Genau wie meine Mutter, die zart und gedankenversunken neben mir stand. Und wohl genau wie ihnen, schnürte es auch mir die Kehle zu. Wir alle spürten – zumindest in jenem Augenblick – das Versagen der menschlichen Sprache, und dass auch wir, nur schweigen mögen über das „wovon wir nicht sprechen können“. Diese Schweigeminuten sind es denn auch, die in den unterschiedlichsten Bevölkerungsschichten tiefe Betroffenheit hervorrufen und als Ritual fest im Jom HaSchoah verankert bleiben.

Mit Schweigen allein lassen sich Erinnerungen aber nicht wachhalten und Warnungen nicht weitergeben. Deshalb werden in Israel jedes Jahr an diesem Tag auch grosse Veranstaltungen aufgezogen, ernste Ansprachen geführt und diverse Schoah-Filme gezeigt. Früher erfüllten all diese Programme ihren Dienst. Mittlerweile drohen sie aber zur Routine zu verkommen. Um wachsendem Desinteresse, gerade auch bei jungen Menschen, vorzubeugen, wird nun auf alternative Programme gesetzt. Vom Ziel her sind sie nicht neu. Auch sie wollen, das Andenken an die Märtyrer wachhalten, die Auswüchse von Hass und Rassismus aufzeigen, und die Relevanz des Gedenktages erhalten. Sie unterscheiden sich von den traditionellen Programmen aber in erster Linie durch ihr Format. Beispiel: die „Zikaron BaSalon“-Initiative. Wie der Name besagt, (zu Deutsch bedeutet er in etwa „Erinnerung in der Wohnung“) kommen bei diesen Veranstaltungen Menschen in Privathäusern zusammen, um der Schoah und ihrer Opfer zu gedenken. Es ist also ein kleiner Kreis – im Schnitt etwa 15 bis 40 Teilnehmer – und eine intime, zwanglose Atmosphäre. Das Programm selbst ist aber rigoros strukturiert und systematisch vorbereitet. Zunächst referiert ein Schoah-Überlebender oder ein Mitglied der Second Generation über persönliche Erlebnisse. Dann werden Texte, Gedichte und Lieder vortragen. Schliesslich findet eine offene Diskussion statt, bei der Teilnehmer über den Holocaust und seine weitreichenden Konsequenzen sprechen, Fragen stellen, und Gedanken austauschen. Die „Zikaron BaSalon“-Initiative wurde 2010 ins Leben gerufen und findet mittlerweile in über 10.000 Privathäusern weltweit statt.

Auch die Schulen in Israel haben sich in den letzten Jahren neue Programme für Jom HaSchoah einfallen lassen. Beispiel: „Shem VeNer“. Bei dieser Initiative, die auch mit altersgerechten Lernmaterialien begleitet wird, erhalten Kinder eine Gedenkkerze sowie Name und Story eines bestimmten Opfers. Im Kreise ihrer Familie zünden die Kinder dann zum Gedenken an das Opfer die Kerze an und gemeinsam wird seine Geschichte verlesen. Mit einer solchen, personalisierten Erfahrung, so der Konsens, können sich Kinder identifizieren und Eltern engagieren.

Es geht aber nicht nur darum, in Sachen Veranstaltungen, von der bislang eingeführten Routine abzuweichen. Konzeptionell gilt es ebenfalls, neue Perspektiven zu erkunden. Auch dabei kommt Sprache zum Einsatz. So schildert Rabbi Dr. Benny Lau, Sohn und Neffe von bekannten Schoah-Überlebenden und seines Zeichens einer der führenden, modernen jüdischen Denker, in einer Reihe von Veranstaltung rund um den Jom HaSchoah, wie er selbst neue Ausblicke gewonnen hat. Lange Zeit habe er die Partisanen und Widerstandskämpfer als Helden des Holocausts betrachtet. Allmählich begreift er aber, dass es aber jene Menschen sind, die nach der Schoah, den Mut aufbrachten, das Leben zu bejahen, Existenzen aufzubauen, Familien zu gründen, und das jüdische Gemeindeleben auferstehen zu lassen.

Am Jom HaSchoah 2017 stand man in Israel wieder minutenlang still. Die Aufarbeitung der Geschichte und das Verständnis dafür, dass sie nicht vergessen werden darf, schritt indes hörbar voran.

Über Yvette Schwerdt

Yvette Schwerdt ist internationale Marketingexpertin und Wirtschaftsjournalistin. Sie schreibt und referiert regelmäßig über neue Trends und Entwicklung in ihrem Fachbereich. Besonders am Herzen liegen ihr auch die Themen Israel, jüdische Geschichte und jüdische Kultur. Yvette ist, aufgrund ihrer mehrsprachigen, multikulturellen Ausbildung und ihrer internationalen Laufbahn, in Israel, Amerika und im deutschsprachigen Raum gleichermaßen zu Hause.

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1 KOMMENTAR

  1. Es ist keine leichte Aufgabe, das Gedenken an die Ermordeten wachzuhalten und gleichzeitig die nachfolgenden Generationen mit einzubeziehen und deren Einbindung nicht durch eine schleichende Routine zu lösen.

    Ich finde diese Form des gesellschaftlichen Mitfühlens sehr bewegend.

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