Bei einem Anschlag im Dezember 2016 kamen 29 Christen in der koptischen St.-Peter-und-Paul-Kirche in Kairo ums Leben. Foto Screenshot Youtube / ArabNews
Bei einem Anschlag im Dezember 2016 kamen 29 Christen in der koptischen St.-Peter-und-Paul-Kirche in Kairo ums Leben. Foto Screenshot Youtube / ArabNews
Lesezeit: 5 Minuten

Während die Terrororganisation Islamischer Staat in Syrien und dem Irak von Rückschlägen betroffen ist, hat sich ihr Ableger auf der ägyptischen Sinai-Halbinsel, der kleinen Minderheit der koptischen Christen in der Region zugewandt. Laut den aktuellsten Zahlen flohen etwa 355 christliche Familien aus der Stadt El Arish, die im Norden des Sinai in der Nähe der Grenze zwischen Ägypten und dem Gazastreifen und Israel liegt.

von Sean Savage/JNS

Anlass für die Massenvertreibung koptischer Christen aus dem Norden des Sinai war eine Reihe von Morden und Bedrohungen durch Terroristen des IS, die es seit Ende Januar in dieser Region gegeben hatte.

Zwischen dem 30. Januar und dem 23. Februar wurden sieben Christen ermordet. Einer der Männer wurde von bewaffneten Angreifern mit Verbindungen zum Islamischen Staat bei lebendigem Leibe verbrannt und ein weiterer wurde enthauptet.

Zur gleichen Zeit veröffentlichte der IS am 19. Februar ein Video des Selbstmordattentäters, der bei einem Anschlag im Dezember 2016 29 Christen in der koptischen St.-Peter-und-Paul-Kirche in Kairo getötet hatte und rief zu weiteren Attentaten auf Christen auf.

„Die Schützen nahmen die Christen offenbar nicht wegen dem ins Visier, was sie waren – Tierarzt, Apotheker, Lehrer, Schuhverkäufer –, sondern um die kleinen christlichen Gemeinden einzuschüchtern und zur Massenflucht zu drängen“, äusserte sich Human Rights Watch in einer aktuellen Stellungnahme zur Situation in Ägypten.

Der IS schlägt zurück

Robert Nicholson – Geschäftsführer von Philos Project, einer Organisation, die „positives christliches Engagement im Nahen Osten“ fördert – erklärte, dass die Konzentration des IS auf die koptischen Christen auf dem Sinai möglicherweise mit den jüngsten Rückschlägen der Terrororganisation in Syrien und im Irak zusammenhängt.

„Der Islamische Staat macht Verluste im Irak und in Syrien und hat beschlossen, über seine Ableger in Gebieten wie der Sinai-Halbinsel um sich zu schlagen“, sagte Nicholson gegenüber dem Jewish News Service (JNS).

Die koptischen Christen rückten jedoch vermutlich auch wegen ihres Status als Minderheit und ihrer Unterstützung für den ägyptischen Präsidenten Abdel Fattah El-Sisi ins Fadenkreuz, führte er weiter an.

„Der Islamische Staat profitiert von jahrelangen Spannungen zwischen unzufriedenen Stämmen auf dem Sinai und der ägyptischen Regierung und macht die Kopten zum Stellvertreter von Präsident El-Sisi, der bei seiner Machtübernahme deutlich seine Unterstützung für die Kopten zeigte“, sagte Nicholson. „Die Kopten werden nicht nur als Ketzer dargestellt, sondern als Verbündete eines korrupten Generals, der den früheren Präsidenten und Mitglied der Muslimbruderschaft Mohammed Morsi absetzte.“

Der aktuelle Exodus der koptischen Christen von der Sinai-Halbinsel ist kein Einzelfall – Muslime und lokale Behörden zwingen sie häufig zum Umsiedeln, so Adel Guindy, ehemaliger Präsident von Coptic Solidarity, einer US-basierten Menschenrechtsorganisation, die für die Gleichberechtigung der Kopten in Ägypten eintritt.

„Es wird zur Routine: Wenn es in den Dörfern des Landes zu einem Konflikt zwischen Muslimen und Kopten kommt, werden unter Aufsicht der lokalen Behörden sogenannte ‚Versöhnungstreffen‘ abgehalten, bei denen oft entschieden wird, dass die koptischen Einzelpersonen oder Familien das Gebiet verlassen müssen – angeblich, um den ‚öffentlichen Frieden‘ zu wahren und anti-koptische Aufstände zu vermeiden“, berichtete Guindy.

Und so ist Guindy nicht überrascht, dass der Islamische Staat die gleiche Taktik gegen Christen auf dem Sinai anwendet.

„Solche rechtswidrigen Praktiken verdeutlichen ganz einfach die Ansicht, dass Kopten Bürger zweiter Klasse und es nicht wert seien, von der Regierung geschützt zu werden und ebnen damit den Weg für das was wir auf dem Sinai beobachten können“, sagte er.

Ägyptens Präsident und Christen

Als El-Sisi im Juli 2013 die Macht ergriff und Morsi absetzte, tat er dies mit der enthusiastischen Unterstützung der koptischen Christen in Ägypten. Viele von ihnen hatten gehofft, er würde die konfessionell motivierte Gewalt unterbinden und die Gleichstellung der Christen mit der muslimischen Mehrheit im Land fördern.

Doch viele Kopten fühlen sich immer noch von der Regierung vernachlässigt und wie Bürger zweiter Klasse behandelt, während die Angriffe auf Kopten nach wie vor andauern.

„Was die Kopten allgemein betrachtet in diesem speziellen Bereich der Sicherheit wollen, sind Schutz, Gerechtigkeit und Entschädigung“, sagte Guindy. „Weiter gefasst, fordern die Kopten Freiheit und gleiche Bürgerrechte. Darunter fällt auch die Aufhebung ihres Ausschlusses aus der Regierung des Landes.“

Nicholson ist der Ansicht, dass El-Sisi seine Versprechen zum Schutz der Christen erfüllen muss.

„Die öffentlichen Reden wurden bislang nicht in physische Sicherheit umgesetzt und noch viel weniger in eine stabile Wiederbelebung der Infrastruktur der Gemeinschaft“, sagte Nicholson und bezog sich dabei auf El-Sisis Versprechen, die während der Aufstände der Muslimbruderschaft im Jahr 2013 zerstörten Kirchen wiederaufzubauen.

„Die Kopten haben El-Sisi eine überwältigende Unterstützung entgegengebracht. Jetzt ist es an der Zeit, dass er sich revanchiert“, sagte er. „Der beste Gegenangriff auf den Islamischen Staat ist, in den Schutz der ägyptischen Christen zu investieren und diese zu stärken.“

Die jüngsten Anschläge gegen Kopten haben das Vertrauen der Gemeinschaft in den ägyptischen Präsident weiter untergraben – was möglicherweise die ganze Zeit über das dahinterstehende Ziel des IS war.

„Wenn die Sicherheitslage in dem Gebiet ausser Kontrolle gerät, sollte El-Sisi öffentlich bekunden, dass die Regierung die koptischen Bürger nicht länger beschützen kann und sie mit aller notwendiger Unterstützung an sichere Orte bringen“, sagte Guindy. „Doch natürlich passiert nichts dergleichen und verängstigte Familien werden alleine gelassen.“

Laut Guindy vernachlässigte die Regierung die Christen auch weiterhin, nachdem sie aus ihrer Heimat geflüchtet waren, während christliche Wohltätigkeitsorganisationen einschritten und sie mit dem Nötigsten unterstützten.

„Selbst als sie Ismailia und andere Städte entlang des Sueskanals erreichten, waren es kirchliche Organisationen, die sich um sie kümmerten. Erst Tage später machte die Regierung Anstalten, ihnen grundlegende Unterstützung zukommen zu lassen, und versprach ihnen schamlos eine ‚schnelle Rückkehr in ihre Heimat‘“, sagte er.

Malcolm Hoenlein, Geschäftsführer der Conference of Presidents of Major American Jewish Organizations, deren Leiter sich vor Kurzem mit El-Sisi in Ägypten trafen, sagte, das ägyptische Staatsoberhaupt habe das Thema der Angriffe gegen Kopten während des Treffens angesprochen und darauf bestanden, dass er sich „zu ihrem Schutz verpflichte“.

„Im Laufe der vergangenen Jahre trafen wir uns sowohl in New York als auch in Ägypten mit El-Sisi. Er hat stets seine Besorgnis um [die Kopten] ausgedrückt. Ich bin mir sicher, dass nicht genug getan wird, da diese Gemeinschaft bedroht wird, doch er zeigte sich angesichts ihrer Notlage sehr mitfühlend. El-Sisi äusserte sich sehr nachdrücklich in seinen Kommentaren zu diesem Thema“, berichtete Hoenlein.

Während eines kürzlich stattgefundenen Überraschungsbesuchs bei Jugendlichen, die an einem präsidialen Führungsprogramm teilnahmen, sagte El-Sisi, die Kopten stünden „im Fadenkreuz als Teil einer feigen Verschwörung von bösen Menschen, die darauf abzielt, die nationale Einheit und das Vertrauen in den Staat zu untergraben … Der Staat ist entschlossen, die Kämpfer im Norden des Sinai zu vernichten und den Terrorismus dort auszulöschen.“

Die Rolle der USA

Robert Nicholson, Geschäftsführer vom Philos Project sagte Präsident Donald Trump solle im Kampf gegen den Islamischen Staat „El-Sisi bei der Vorbereitung einiger mutiger Entscheidungen unmissverständlich den Rücken stärken“.

„Wir (Amerikaner) behaupten, uns für Freiheit und die Menschenwürde einzusetzen, vor allem, für die der schwächsten Mitglieder der Gesellschaft“, sagte Nicholson. „Wenn das stimmt, dürfen wir keine leeren Versprechungen mehr machen und müssen uns im Kampf gegen Gewalt jeder Art an die Seite Ägyptens, der ägyptischen Christen und der Christen in der gesamten Region stellen.“

Auf Englisch zuerst erschienen bei JNS.org.

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