Liebe auf den ersten Blick: Die Reise einer chinesischen Christin nach Jerusalem

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Die Autorin in Jerusalem. Foto Shirley Burdick
Die Autorin in Jerusalem. Foto Shirley Burdick
Lesezeit: 8 Minuten

Ich bin eine aus China stammende Christin in fünfter Generation. Ich war 17, als meine Familie von China in die USA auswanderte. Die Beziehung, die zwischen mir und Israel in den letzten Jahren entstanden ist, kam ganz unerwartet.

(for english version click here.)

von Shirley Burdick

Rückblickend muss ich sagen, dass, obwohl ich mehrfach die Bibel gelesen hatte, ich nie viel über Israel nachgedacht hatte. Es war einfach kein Thema, über das in der Kirche gesprochen wurde oder das irgendwie wichtig für meinen christlichen Glauben gewesen wäre. Dann, innerhalb von zwei Wochen, änderte sich alles mit einem Schlag.

Meine erste Reise nach Israel

Im Jahr 2000 unternahm ich mit meinem Mann Bill aus reiner Neugier eine Reise nach Israel. Ich hatte nicht das Gefühl, dass die Reise besonders viel Sinn machen würde, denn im Buch Hesekiel im Alten Testament und der Offenbarung im Neuen Testament wurde ein neues Jerusalem prophezeit – warum also sollte man sich etwas ansehen, das sowieso irgendwann verschwunden sein wird?

Doch gleich bei unserer Ankunft war ich vom ersten Augenblick an überrascht zu sehen, dass Jerusalem eine lebendige, funktionierende Stadt und nicht nur ein Versprechen auf dem Papier ist. Es war real! Es war mannigfaltig,  voller Leben und Energie. Als die Strahlen der Nachmittagssonne die Mauern der Jerusalemer Altstadt in goldenes Licht tauchten und unser Tour-Bus im Schneckentempo an der Mauer vorbeikroch, rief der Reiseleiter: „Verkehrsstaus sind grossartig, denn das heisst, dass die Menschen wieder zurückkommen – genau wie es die Propheten vorhergesagt haben!“ Zurück von wo? Wo waren sie denn vorher gewesen? Ich war völlig unwissend. Stolz erzählte uns der Reiseleiter die Gründungsgeschichte des modernen Israel. War das, was wir da vor uns sahen, tatsächlich das, worüber die Propheten vor 3000 Jahren berichtet hatten? Und dann erzählte er uns, wie die jüdischen Pioniere die Sümpfe trockengelegt und die Wüste zum Blühen gebracht hatten. Wir sahen die grünen Hügel und die Obstbäume und probierten von den köstlichen Früchten und Gemüsesorten. Wir hätten nie geglaubt, dass dies noch vor gut 80 Jahren ein verlassener Ort gewesen war, oder dass die hebräische Sprache, die jetzt an jeder Ecke zu hören war, erst vor etwas mehr als 100 Jahren wiederbelebt worden war. Wir waren wie Träumende – was für eine Realität war das? Wie konnten Gott und die Menschen nach fast 2000-jähriger Abwesenheit die Fortsetzung der Erschaffung dieser Realität wieder aufnehmen und weiterführen?

Nach unserer 14-tägigen Reise war mein Kopf voller theologischer Fragen, die ich nicht einmal in Worte fassen konnte. Ausserdem war ich verärgert, weil uns niemand beim Bibelstudium oder in den Predigten von dieser Realität erzählt hatte. Wir wussten, dass wir noch einmal nach Israel zurückkehren mussten, um mehr über dieses Volk und diesen Ort herauszufinden, die unsere gesamten bisherigen Ansichten auf den Kopf stellten.

Also reisten wir 2004 noch einmal nach Israel, um das Land auf eigene Faust zu erkunden. In den vier Jahren nach unserem ersten Besuch hatten wir viel gelesen, die jüdische Geschichte erforscht und Informationen über die Diaspora erhalten, insbesondere über die beinahe 2000-jährige Geschichte des christlichen Antisemitismus. Dieses Mal kamen wir also mit einer gewissen Last auf unseren Schultern zurück.

Eines Tages, als wir am Cardo (einer in Nord-Süd-Richtung verlaufenden antiken Hauptstrasse aus römischer Zeit) in der Altstadt von Jerusalem vorübergingen, sahen wir auf den Stufen, die hinunter zum Cardo führten, eine Gruppe amerikanischer High-School-Jungs – alle mit schwarzer Kippa. Einer der Jungs stand auf und rief: „Hört zu, was uns Joshs Grossvater erzählen will.“

Ein älterer Herr erhob sich vom Treppenabsatz, stellte sich mit beiden Füssen fest auf den römischen Cardo und begann, zu den Jungen zu sprechen.

„Seht ihr die goldene Kuppel oben auf dem Tempelberg?“, sagte er,  wobei er in die Richtung der Westmauer zeigte. „Weil die Kuppel dort ist, können wir den Heiligen Tempel nicht errichten. Was können wir dagegen tun?“

„Für ein Wunder beten?“, „Verhandeln?“, „Moschiach!“  (hebräisch für Messias), riefen verschiedene der Jungs.

„Wie wär‘s, wenn wir eine Rakete rüber schicken? Yeah!“, rief ein anderer und lachte, während er die um ihn herum stehenden Jungs abklatschte.

„Wir warten auf HaSchem“

Joshs Grossvater gab ihnen jedoch per Handzeichen zu verstehen, dass sie ruhig zuhören sollten. „Wir warten“, sagte er. „Wir warten auf HaSchem (hebräisch für „der Name“, gemeint ist Gott). Auch wenn ihr es nicht mehr zu euren Lebzeiten erleben werdet, dann erleben es vielleicht eure Kinder. Wenn eure Kinder es nicht zu ihren Lebzeiten erleben werden, dann erleben es vielleicht deren Kinder. Wir erziehen unsere Kinder als Juden und zur Erfüllung der Aufgaben, die HaSchem uns gibt, und wir warten auf Ihn. Er hat uns bereits zurück ins Land gebracht, wie Er es uns zugesagt hatte. Er lügt uns nicht an, also warten wir darauf, dass Er sich erhebt und tut, was Er uns verheissen hat. Eines Tages wird Er es tun, denn Er hat es uns versprochen!“

Die Ansprache, die Joshs Grossvater auf der antiken Römerstrasse hielt, hallte von den Mauern in der Umgebung wider. Hatten ihre Vorfahren den gleichen Traum, damals, als sie vor 2000 Jahren aus Jerusalem vertrieben wurden, vielleicht sogar, während sie auf genau dieser Strasse gingen? Wäre es möglich, dass die Geister der Vergangenheit die Rückkehr ihrer Nachkommen und den Wiederaufbau um sie herum sehen?

Das war der Punkt, an dem ich wusste, dass auch ich ein Teil von all dem sein wollte, gemeinsam mit diesen Menschen, deren Glauben und Substanz ich zuvor nicht gekannt hatte. Nach fast 2000 Jahren scheinbarer Stille bewegen sich Gott und Sein Volk mit grosser Macht vorwärts und das wollten wir nicht verpassen.

Rückkehr nach Jerusalem

Ende 2007 kündigte ich meinen lukrativen Job in der Softwareentwicklung und kam nach Israel, um als Freiwillige bei einer christlich-zionistischen Organisation bedürftige Israelis und jüdische Neu‑Einwanderer zu unterstützen. Die Organisation wurde mit dem Gedanken der Wiedergutmachung an den Juden – hinsichtlich der dunklen christlich-antisemitischen Vergangenheit – gegründet. Mein Mann arbeitete weiterhin in seinem gewohnten Job, den er von Jerusalem aus per Telearbeit erledigte, damit wir unsere Lebenshaltungskosten in Jerusalem bestreiten konnten, die dort wesentlich höher sind als in Kansas City in den USA.

Die Autorin in Jerusalem. Foto Shirley Burdick
Die Autorin in Jerusalem. Foto Shirley Burdick

2008 kamen wir an und wollten zunächst nur ein Jahr bleiben. Nach einem Jahr, in welchem wir das Leben in Jerusalem erleben durften, entschieden wir uns jedoch, noch zwei weitere Jahre zu bleiben, bis 2010 unsere Visa abliefen und wir sie nicht weiter verlängern konnten. 2013 kehrten wir dann auf ein Neues nach Israel zurück, um fünf weitere Jahre wieder als Freiwillige für die gleiche Organisation zu arbeiten.

Während dieser Zeit haben wir tiefe Freundschaften zu vielen jüdischen Menschen gebildet, sowohl zu säkularen* als auch zu orthodoxen Juden. Wir sagen immer offen heraus, dass wir Christen sind und dass wir an der Wiederherstellung Israels teilhaben wollen, um ein besseres Verständnis vom jüdischen Volk zu gewinnen. Sie haben sich um uns gekümmert und es ist ihnen immer wichtig, uns dabei zu haben, sei es am Schabbat, an Feiertagen, Lebensereignissen oder an Gemeinschaftsaktivitäten. Gemeinsam mit unseren Freunden besuchen wir regelmässig eine orthodoxe Synagoge und nehmen an Bibelstudien und Zusammenkünften teil. Auch wenn wir in der Gemeinde eine absolute Minderheit darstellen, fühlen wir uns miteinbezogen und umsorgt.

Durch das Leben unter Juden wurden wir Zeugen ihrer Hinwendung zu Gott und zu ihren Mitmenschen durch die Bewahrung ihrer jüdischen Identität und in dem sie ihr Judentum leben und praktizieren. Die biblischen Vorschriften und Gesetze, die uns bisher veraltet vorkamen, haben nun eine andere, neue und erfrischende Bedeutung gewonnen und denen, die sie befolgen, in unseren Augen eine enorme Menschlichkeit und Würde verliehen. Wir haben viel Zeit damit verbracht, unsere eigene Theologie mit dieser neu entdeckten Realität Israels in Einklang zu bringen. Was wir beim erneuten Lesen und Erforschen der Bibel entdeckt haben, ist ein Gott, der absolut treu gegenüber Seinem Volk Israel und barmherzig gegenüber den Nationen ist. Ausserdem erhielten wir ein völlig neues Verständnis von den Schriften des Apostels Paulus, insbesondere seines Konzepts der Christen, die „in das Gemeinwesen des Volkes Israel eingepflanzt werden“ und seine Aussagen, dass „ganz Israel gerettet werden wird“.

Einmal, als wir am Schabbat am Abendessenstisch sassen, sah uns ein Rabbi in die Augen und fragte: „Was ist in eurer christlichen Theologie die Zukunft für die Juden?“ Wir waren beide nur allzu glücklich, dass wir ihm aufgrund unseres umfangreichen Bibelstudiums eine Antwort darauf geben konnten: „In jenen Tagen [wird es geschehen], dass zehn Männer aus allen Sprachen der Nationen einen Juden beim Rockzipfel festhalten und zu ihm sagen werden: ‚Wir wollen mit euch gehen, denn wir haben gehört, dass Gott mit euch ist!'(Sacharja, 8:23)“ Wir glauben, dass Gott eine leuchtende Zukunft vor Israel ausgebreitet hat und, wie Joshs Grossvater es ausdrückte: „es wird geschehen, weil Er es versprochen hat.“ Aus allertiefstem Herzen wissen wir, dass das die Wahrheit ist.

Wir wissen, dass wir ein unglaubliches Geschenk erhalten haben. In letzter Zeit haben wir nun versucht, Wege zu finden, um unser neu gewonnenes Verständnis mit anderen Christen zu teilen. Bei einem Besuch in Japan hatte ich die Gelegenheit, in mehr als 20 Kirchen zu sprechen – über die Rückführung  des Volkes Israel, die Gründungsgeschichte Israels, über das jüdische Leben und die jüdische Identität und über die von den Propheten vorhergesagte Zukunft Israels. Wir versuchen, den Respekt für das Judentum und aufrichtige Liebe und Bewunderung für das jüdische Volk zu fördern, indem wir Geschichten aus dem wahren Leben erzählen und wenn möglich, christliche Besucher in jüdische Familien bringen, damit sie das jüdische Leben hautnah in Jerusalem erfahren können.

Wir staunen über das, was sowohl in jüdischen als auch in christlichen Gemeinden geschieht. Wir sehen viele junge Juden aus Ländern der ersten Welt, die Aliyah machen, ihre jüdische Identität sehr ernst nehmen und  ihr Heimatland mit aufbauen und beschützen wollen. Gleichzeitig sehen wir, wie sich Christen von der antisemitischen Doktrin verabschieden, mit der sie aufwuchsen, dieser mit Reue begegnen und Wiedergutmachung leisten wollen, indem sie Israel unterstützen.

Wir haben das Gefühl, dass Gott ein neues Kapitel aufgeschlagen hat. Es ist wirklich aufregend, in einer Zeit wie dieser zu leben und wir sind dankbar, dass wir ein Teil dieser Reise sein dürfen!

* Säkulare, also weltliche, Juden unterscheiden sich sehr von säkularen Nichtjuden. Säkulare Nichtjuden glauben nicht an Gott. Säkulare Juden glauben jedoch häufig sehr wohl an Gott und die Bibel. In der jüdischen Gesellschaft werden sie als säkular bezeichnet, weil sie die jüdischen Tora-Gesetze nicht einhalten. Ben Gurion gilt zum Beispiel als säkular, obwohl er an die Bibel glaubte und sie als Basis für seine Vision zur Gründung des Staates Israel verwendete.

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