Anti-Israelische Kundgebung in Australien anlässlich des Besuches von Benjamin Netanyahu am 23. Februar 2017.Foto Screenshot Youtube
Anti-Israelische Kundgebung in Sydney, Australien anlässlich des Besuches von Benjamin Netanyahu am 23. Februar 2017.Foto Screenshot Youtube
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In einem Brief an die New York Times argumentierte der gegenwärtige Earl of Balfour, Roderick Balfour, kürzlich, es sei Israels Schuld, dass es „wachsenden Antisemitismus auf der ganzen Welt“ gebe.

von Alan M. Dershowitz

Balfour, ein Nachfahre von Arthur Balfour, jenes britischen Aussenministers, der vor hundert Jahren die Balfour-Deklaration verfasste, schrieb: „die zunehmende Unfähigkeit Israels, sich mit [der Lage der Palästinenser] zu befassen, verbunden mit der Ausbreitung der jüdischen Siedlungen in arabische Gebiete hinein, sind wesentliche Faktoren für den wachsenden Antisemitismus auf der ganzen Welt.“ Und weiter behauptete er, Premierminister Benjamin Netanyahu „schuldet es den Millionen Juden auf der ganzen Welt“, die unter Antisemitismus leiden, den israelisch-palästinensischen Konflikt zu lösen.

Diese gut gemeinte, jedoch weltfremde Ansicht wirkt angesichts der Tatsache, dass eins der Ziele der Balfour-Deklaration war, dem Antisemitismus auf der ganzen Welt durch Schaffung einer Heimstatt für das jüdische Volk ein Ende zu machen, besonders ironisch. Nun aber behauptet sein Nachkomme, es sei Israel, das Antisemitismus hervorrufe.

Roderick Balfours Ansichten sind sowohl faktisch als auch moralisch einfach falsch. Jeder, der Juden „auf der ganzen Welt“ hasst, weil er mit der Politik Israels nicht einverstanden ist, würde Juden auch unter jedem anderen Vorwand hassen. Anders als ihre Vorgänger müssen moderne Antisemiten Vorwände für ihren Hass finden und so ist der Antizionismus zur vermeintlich berechtigten Ausrede geworden.

Setzen wir einfach andere Länder ein, um diesen Punkt zu überprüfen: Hat es zunehmend eine antichinesische Stimmung gegeben, nachdem China Tibet besetzt hatte? Beginnt man Amerikaner türkischer Herkunft zu hassen, weil die Türkei nicht bereit ist, den Konflikt in Zypern zu beenden? Leiden Europäer russischer Abstammung wegen der russischen Invasion der Krim unter Feindseligkeit? Die Antwort auf alle diese Fragen ist ein deutliches Nein. Sind Juden die einzige Gruppe, die wegen der umstrittenen Politik Israels leidet, liegt die Beweislast bei den Antisemiten und nicht beim Nationalstaat des jüdischen Volkes.

Mangelnde Bereitschaft der palästinensischen Führung.

Darüber hinaus ist Benjamin Netanyahu für die Sicherheit von Israelis verantwortlich. Selbst wenn es wahr wäre, dass der Antisemitismus aufgrund der israelischen Politik zunimmt, sollte israelische Politik niemals auf der Grundlage von Reaktionen von Eiferern auf der ganzen Welt entschieden werden. Antisemitismus, die älteste Art des Fanatismus, wird so lange weiterbestehen wie es scheint, als werde er von Apologeten wie Roderick Balfour gerechtfertigt. Auch wenn Balfour Antisemitismus nicht ausdrücklich rechtfertigt, gehen seine Argumente nur in eine Richtung, nämlich, dass Hass auf Juden angesichts der Politik Israels zumindest verständlich sei.

Balfour erwähnt mit keinem Wort die mangelnde Bereitschaft der palästinensischen Führung, die wiederholten Angebote Israels hinsichtlich eines Staates für die Palästinenser anzunehmen. Von 1938 an bis 2008 wurden den Palästinensern immer wieder Vereinbarungen angeboten, die ihnen einen eigenen Staat gegeben hätten, und immer wieder wurden diese Vereinbarungen abgelehnt. Auch heute noch weigert sich die palästinensische Führung, das Angebot Netanyahus anzunehmen, sich an den Verhandlungstisch zu setzen und ein Abkommen über den endgültigen Status ohne jegliche Vorbedingungen zu verhandeln. Und auch die Hamas, die Hisbollah und andere terroristische Gruppen, die Israel ständig bedrohen, finden bei Balfour keine Erwähnung, genauso wenig wie die öffentlich bekundete Entschlossenheit des Iran, den Staat zu zerstören, bei dessen Gründung Lord Balfour mitgeholfen hat. Laut Balfour ist alles die Schuld Israels, ebenso wie die daraus resultierende Zunahme von Antisemitismus die Schuld Israels ist.

Roderick Balfour beendet seinen Brief damit, dass er sich im Wesentlichen der Boykottbewegung gegen Israel anschliesst. Er hat seinen Widerwillen gegen eine Teilnahme an der Hundertjahrfeier der Balfour-Deklaration bekundet, solange Israel keine einseitigen Massnahmen zur Beendigung des Konflikts ergreift. Sei’s drum! Ich bin überzeugt, dass der Urheber der Balfour-Deklaration gerne an dieser Feier teilgenommen und damit anerkannt hätte, dass kein Land innerhalb einer so kurzen Zeitspanne (69 Jahre) mehr in die Welt eingebracht hat – was medizinische, technologische, ökologische und andere Innovationen betrifft – als Israel. Auch war bisher kein Land, das sich ähnlichen Bedrohungen gegenüber sah, so grosszügig mit Friedensangeboten, dem Rechtsstaat mehr verpflichtet oder so um den Schutz von Zivilisten bemüht, die als menschliche Schutzschilde von jenen benutzt werden, die seine Zivilisten angreifen.

Möge die Feier der Balfour-Deklaration also ohne die Teilnahme von Roderick Balfour ablaufen. Möge Israel weiterhin friedliche Lösungen für den Konflikt mit den Palästinensern anbieten. Und mögen die Palästinenser endlich an den Verhandlungstisch kommen und Israel so als den Nationalstaat des jüdischen Volkes anerkennen, wie es die Balfour-Deklaration vorgesehen hat.

Professor Alan M. Dershowitz ist Inhaber des Felix Frankfurter-Lehrstuhls für Rechtswissenschaften, emeritierter Professor und Autor des Buchs „Taking the Stand: My Life in the Law and Electile Dysfunction.“ Auf Englisch zuerst erschienen bei Gatestone Institute.