Hochschulpolitik: Postmoderne Ideologie versus Israelsolidarität

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"Al Quds"-Tag 2016. Foto zVg
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Deutsche Bildungseinrichtungen haben mit israelbezogenem Antisemitismus zu kämpfen. In Oldenburg streitet sich die Bildungsgewerkschaft GEW um den Fall eines Mitglieds, das einen Boykott gegen alle jüdischen Israelis fordert. An der niedersächsischenHochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) konnte eine Dozentin in ihrem Seminar über Jahre ungehindert ein antisemitisches Weltbild verbreiten. Der Vorsitzende der Israel-Boykottbewegung BDS schaffte es gar zu einer Gastprofessur an der Universität Hamburg.

Dass diese Entwicklungen skandalisiert werden, ist auch israelsolidarischen Hochschulgruppen zu verdanken. Eine davon ist die Potsdamer Gruppe „Students for Peace in the Middle East“ (SPME). Für Audiatur-Online sprach Felix Balandat mit ihrem Sprecher Daniel Wendt über Friedensbewegte, BDS und postmoderne akademische Trends.

Audiatur-Online:Students for Peace in the Middle East“ – Dem Namen nach könnte man sie der Friedensbewegung zurechnen.

Daniel Wendt: Der deutschen Friedensbewegung stehen wir kritisch gegenüber, denn das, was diese fordert, ist oft antiisraelisch und typisch antiimperialistisch links, also rückschrittlich und lässt die liberale Demokratie theoretisch ins offene Messer laufen. Paul Spiegels Aussage „Hinter dem Ruf nach Frieden verschanzen sich die Mörder“ trifft auf die deutsche Friedensbewegung grösstenteils zu. Frieden fordern und mit der Hamas und anderen zusammenzuarbeiten, davon grenzen wir uns ab. Der Friedensbegriff ist bei uns ein anderer. Er orientiert sich an einem universalen Menschenrechtsbild und bezieht Stellung gegen die weltweite Barbarei. Wir teilen Inhalte und Schwerpunkte der Arbeit von Scholars for Peace in the Middle East (einem pro-israelischen Netzwerk von Akademikern, Anm. d. Verf.), sind aber davon unabhängig, gehören nicht zum Netzwerk.

Warum hat sich SPME als Gruppe mit mehr oder weniger nur einem Arbeitsfeld gegründet?

SPME gibt es jetzt seit 2014. Unsere Universität hat schon seit längerem einen guten Draht zum Iran. Ab 2010 gibt es Austauschprojekte mit dem Iran, was indirekt oder direkt auch eine Kooperation mit dem islamischen Regime bedeutet. Das Institut für Religionswissenschaften stand deswegen 2012/2013 in der Kritik, weil es mit der „University of Religions and Denominations“ (URD), einer islamistischen, antisemitischen und antiamerikanischen Denkfabrik im Iran kooperiert hat, initiiert im Rahmen des „Deutschen Akademischen Austauschdienst“ (DAAD). Dieser Umstand hat zur Gründung von SPME beigetragen. Die Zusammenarbeit der Universität Potsdam mit der URD besteht weiterhin.

«“Das Gerücht über Israel“ widerlegen.»

Als studienfachübergreifende Hochschulgruppe ist es unser Ziel, Antisemitismus an der Hochschule und – etwa im Fall von BDS – darüber hinaus in allen seinen Formen aufzudecken und anzuprangern, also Aufklärungsarbeit zu leisten. Oft haben wir es da mit Antizionismus zu tun, der sich heute ja ein bisschen versteckt und von sich selbst behauptet, er wäre kein Antisemitismus. Als Hochschulgruppe versuchen wir „das Gerücht über Israel“ zu widerlegen, die Einseitigkeit des deutschen Blicks auf den jüdischen Staat und den Nah-Ost Konflikt korrigieren und die Motive für „Israelkritik“ zu hinterfragen. Denn es ist schon wirklich seltsam, dass grosse Teile der besorgten Weltbevölkerung ausgerechnet auf dieses kleine demokratische Land mit dem Finger zeigen müssen, von den barbarischen Verhältnissen um es herum aber oft nur ein Achselzucken übrig haben.

Daher beschäftigt sich SPME auch mit dem Thema Islamismus, in Deutschland und im Nahen Osten. Im Februar haben wir einen Vortrag mit Dr. Philipp Lenhard in Berlin veranstaltet, in dem er die ideologischen Überschneidungen der islamistischen und der nationalsozialistischen Bewegung aufgezeigt hat.

Welche Erfolge können Sie bislang vorweisen?

Angefangen hat es mit der Konferenz „Kein Antisemitismus, nirgends?“ im Sommer 2014 , der gut besucht war. Ein weiterer kleiner Erfolg war die öffentliche Kritik an einer Veranstaltung von Amnesty International mit der Gruppe „Handala“ aus Marburg („Handala“ ist eine bei pro-palästinensischen Aktivisten beliebte Figur des Cartoonisten Nadschi Salim al-Ali, der in seinen Comics eine antisemitische Symbolsprache verwendete, Anm. d. Red.). Auf dieser Veranstaltung wurde eine Ausstellung der Marburger Gruppe präsentiert, welche das Thema Administrativhaft in Israel, also Haft ohne Anklage, behandelt. Das ist ja grundsätzlich eine interessante Sache, doch bei näherer Betrachtung wurde deutlich, dass es darum geht, Israel zu delegitimieren. Deshalb haben wir kritische Fragen an den Veranstalter gestellt, etwa, warum das Thema Terrorismus in der Ausstellung nicht behandelt wird. Im Zuge des Geschehens hat dann auch die Presse berichtet. Wir freuen uns, wenn wir basale Aufklärung und Recherchearbeit leisten können und Leute auf uns zukommen und sagen: „Hey, Ihr habt ja Recht“.

Der Verein Handala unterstützt ja auch die Israel-Boykottbewegung BDS. In den letzten Jahren sind an deutschen Universitäten immer wieder BDS-Gruppen und -Einzelpersonen aktiv geworden. In Hamburg ist gar der Vorsitzende von BDS-Südafrika Gastprofessor geworden. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

BDS ist ein Problem, die Kampagne ist antisemitisch und gut vernetzt. Sie versucht immer wieder im akademischen Bereich Fuss zu fassen. Wie aktuell an der Universität Hamburg. Es ist ein Skandal, dass Farid Esack, ein BDS Aktivist und Befürworter des palästinensischen Terrors ein solches Amt bekommt und sein Antisemitismus einfach ignoriert wird. BDS muss in öffentlichen Bildungseinrichtungen der Nährboden entzogen werden. In Potsdam und Berlin ist BDS aber immer noch eher marginal und unter sich und wenn man die deutsche Bewegung mal mit den USA oder Grossbritannien vergleicht, wo BDS fest in der linken Protestkultur verankert ist, eher überschaubar

Um Israel steht es also nicht schlecht in der deutschen Hochschullandschaft?

Das nun wieder auch nicht.. In Zeiten von postmodernen akademischen Ideologien haben es israelsolidarische Studierende schwer.

Was meinen Sie damit?

Es gibt eine postmoderne, linke Bewegung an den Universitäten, die Israel hasst. Akademische Trends, wie „postkoloniale Theorien“ werfen Israel Kolonialismus und Apartheid vor, in der Geschlechterforschung gibt es viele Stimmen, die Israel „pinkwashing“ vorwerfen, während der Umgang mit Homosexuellen und Frauen um Israel herum nicht Teil der Debatte ist. Bei postmodernen Denkern wie bspw. Judith Butler oder Dr. Christina von Braun ist die Kritik an Israel sehr laut. Bei uns an der Universität haben wir den Fall eines Lehrbeauftragten, der sehr einseitig Quellen wie z.B. Ilan Pappe, Shlomo Sand oder Moshe Zuckermann für den Israel-Palästina Konflikt anführt und auch vor Apartheidsvorwürfen nicht zurückschreckt. Da versuchen wir Aufklärungsarbeit zu leisten, kritisch zu sein, Fragen zu stellen und Gegenpositionen anzubieten. Immer wieder gibt es zwischen den postmodernen Akademikern und BDS Berührungspunkte, ideologisch, wie praktisch.

BDS-Akteure und andere verbreiten ihre Ideologie offensiv. In London mussten sich jüngst jüdische Studierende nach einem Vortrag in einem Raum verbarrikadieren, die Polizei konnte sie nicht vor wütenden Anti-Israel-Aktivisten schützen. Wird man als israelsolidarische Gruppe an der Universität angefeindet?

Nein, wir haben diesbezüglich keine Probleme. Komisch ist es nur, wenn man kritische Flyer in der Uni austeilt und die dann sehr schnell verschwinden. In solchen Situationen hoffen wir, dass es das grosse Interesse der Studierenden war.