Putins Nahost-Schachzug wird sich gegen ihn wenden

Lesezeit: 5 Minuten“Man hat uns wie einen Sack Kartoffeln übergeben”, zitierte Wladimir Putin Bewohner der Krim, als er die im März 2014 erfolgte russische Annexion der Schwarzmeerhalbinsel erklärte. In den Augen Putins war der Verlust der Krim, wie auch das Auseinanderfallen der UdSSR, Teil eines westlichen Komplotts, Russland zu schrumpfen und seinen Wiederaufstieg zur Supermacht zu verhindern. “Als die Krim sich in einem anderen Land wiederfand, da verstand Russland, dass es nicht nur beraubt worden war, sondern ausgeplündert”, so Putin.

Eine Analyse von Amotz Asa-El

Es war dieses heftige Gefühl, welches den Kreml zu dem Projekt der imperialen Restauration bewog, das vor den Toren Russlands begann, bevor es weit darüber hinaus ging und in jener Region seinen Höhepunkt erreichte, wo es schon bald auf Talfahrt gehen könnte: dem Nahen Osten.

Russlands imperiale Wiederauferstehung findet an drei Orten statt: am Schwarzen Meer, in Mitteleuropa und im Nahen Osten.

Gegen seine Opfer am Schwarzen Meer – Georgien und die Ukraine – startete Russland 2008 und 2014 Invasionen, weil deren  Liebäuglei mit dem Westen Moskau zu weit gegangen war: die Georgiens, weil das Land nach einem Beitritt zur Nato strebte, die der Ukraine, weil sie sich – im Schneckentempo – auf eine EU-Mitgliedschaft zubewegt hatte.

In Zentraleuropa war die Politik Russlands darauf gerichtet, Nato-Raketen aus dem Gürtel des ehemaligen sowjetischen Herrschaftsgebiet fernzuhalten, das vom Balkan bis zu den baltischen Staaten reicht.

In beiden geografischen Räumen war Russland strategisch in der Defensive und trachtete – so sah es das jedenfalls selbst – danach, sich gegen das Vordringen des Westens in Russlands historische Peripherie zu stemmen.

Im Nahen Osten sah sich Russland anfangs ebenfalls in der Defensive, ehe es die Schwäche Amerikas witterte.

Putins Nahost-Gambit begann in Libyen. “Unsere westlichen Partner”, sagte er, “haben, als sie, anstatt die sogenannte Flugverbotszone über Libyen durchzusetzen, diese bombardierten, gegen die Resolution des UN-Sicherheitsrats verstossen”.

Libyen war einst ein wichtiger Kunde der russischen Waffenindustrie. Der Verlust des Landes an den Westen scheint sich nun anzubahnen, so, wie die Sowjetunion in den 1970er Jahren Ägypten verloren hat.

Schlimmer noch: Die Anti-Gaddafi-Unruhen, die den Nato-Angriff auslösten, weiteten sich rasch auf Syrien aus und bedrohten Russlands wichtigsten strategischen Punkt am Mittelmeer – die Marinebasis Tartus. Für Putin ist dieser Aussenposten die Verwirklichung des Traums Peters des Grossen, Russland in warmen Gewässern zu verankern.

Syrien hatte Moskau diese Basis kurz nach der Machtübernahme von Hafez Assad 1970 übergeben. Zu Putins Verteidigungsstrategie gehörte es daher, diesen Besitz zu schützen, koste es, was es wolle. Das wiederum machte es nötig, den Bewahrer dieses Besitzes zu protegieren – Bashar Assad.

Die Verteidigungshaltung in Syrien war anfangs taktisch. Russland bewaffnete Assad, kämpfte aber nicht für ihn.

Der Übergang zur Offensive begann mit Barack Obamas Versäumnis, seiner Drohung, Syrien anzugreifen, sollte es Chemiewaffen einsetzen, Taten folgen zu lassen. Das war der Punkt, wo Putin den Schluss zog, dass die USA nicht mehr vorhätten, ihren Willen im Nahen Osten durchzusetzen.

Kaum zehn Wochen nachdem die USA ihren Schwur gebrochen hatten, Syrien anzugreifen, landeten Putins Aussen- und sein Verteidigungsminister in Kairo und unterzeichneten ein 3,5 Milliarden Dollar schweres Waffengeschäft. Zum ersten Mal seit Anwar Sadats Ausscheren aus dem sowjetischen Herrschaftsbereich mehr als 40 Jahre zuvor kaufte Ägypten wieder russische Waffen.

Wieder schaute Putin, was Amerika tun könnte und stellte zufrieden fest, dass es nichts unternehmen würde – auch nicht, als das ursprüngliche defensive Ziel in Syrien zu einem offensiven Vorpreschen in Ägypten wurde, ein Vorrücken auf Amerikas traditionellen Anker in der arabischen Welt, vor aller Augen.

Es war vor diesem Hintergrund, dass Putin sein grosses Gambit machte, als er seinen Kampfjets im Herbst 2015 befahl, Assads Feinde zu bombardieren, nachdem Russland zuvor mit verblüffendem Tempo eine Luftwaffenbasis nördlich von Tartus errichtet hatte – auch dabei war Amerika nur Zuschauer.

Amerika auf dem strategischen Rückzug und Russland nun offen in der Vorwärtsbewegung: So wurden die Geschicke in Syriens Krieg gedreht. Assad würde, wie diese Kolumne erklärt, zwar nicht die Machtposition zurückgewinnen, die er vor dem Krieg in Syrien innehatte, doch Putin würde diejenige Russlands wiederherstellen und sogar ausweiten.

Nachdem er Russlands Präsenz in Ägypten wiederhergestellt und die in Syrien nochmals verstärkt hatte, zwang Putin auch Erdogan, den starken Mann der Türkei, in die Knie, indem er ihn nach Moskau kommen und sich für den Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs entschuldigen liess.

Das Ergebnis von alldem ist, dass das, was als Versuch begann, einen regionalen strategischen Faustpfand zu verteidigen, zu einer strategischen Dominanz eines mehr und mehr postamerikanischen Nahen Ostens wurde.

Russland findet sich nun in der Rolle des Schiedsrichters in der Region wieder, der am Morgen zwischen Assad und der syrischen Opposition vermittelt und am Nachmittag zwischen der Palästinensischen Autonomiebehörde und der Hamas. Es ist eine Rolle, die Russland schon bald frustrierend finden wird – und die ihm irgendwann zu kostspielig werden wird.

„Russlands Gewinne im Nahen Osten haben ihren Zenit erreicht.“

Zwar wird Russland der wichtigste Waffenlieferant des Iran sein, Manöver mit der ägyptischen Armee abhalten und vielleicht noch ein oder zwei Marinebasen ausserhalb Syriens dazugewinnen. Doch Russlands neuer Status bedeutet, dass Moskau nun nicht mehr einfach nur nach der Stärke seiner Präsenz im Nahen Osten bewertet werden wird, sondern nach seiner Fähigkeit, diesen zu verändern, so, wie es die USA taten, als sie die ersten arabisch-israelischen Friedensabkommen unterstützten.

Russland hat sich zudem zwischen den Iran und die Türkei gesetzt, die beide in Putin den Nachfolger der Zaren sehen, die Persien und dem Osmanischen Reich einst grosse Stücke Land entrissen.

Moskaus diplomatische Anstrengungen, Teheran und Ankara dazu zu bewegen, ein neues Syrien zu formen, könnten dieses Jahr zu einem Abkommen führen, aber auf lange Sicht wird das nicht funktionieren.

Und zwar deshalb, weil Syriens sunnitische Mehrheit fühlt, dass Russland den Genozid, dem sie ausgesetzt ist, erst unterstützt und später aktiv mitbetrieben hat.

In der syrischen Bevölkerung gibt es einige, die den Ansporn und die Möglichkeit haben, Terror gegen russische Soldaten und Zivilisten an der syrischen Küste zu verüben. Die Ermordung des russischen Botschafters in Ankara letzten Monat dient, auch wenn der Täter kein Syrer war, als Warnung an Russland, dass das Imperium nicht nur Prestige und Macht mit sich bringt, sondern auch Feinde, die auf Rache sinnen – so wie die, die sich Russland gemacht hat, als es Partei im syrischen Bürgerkrieg wurde.

Zwar hat die syrische Minderheit, zu der Assad gehört, Putin die Küste gegeben, die er wollte und die imperiale Restauration, nach der es ihn dürstete, doch die Wunden des Feindes werden Jahrzehnte brauchen, um zu heilen, und ihre Feindschaft könnte Russland ebenso teuer zu stehen kommen wie einst diejenige Afghanistans die Sowjetunion.

Über Amotz Asa-El

Amotz Asa-El ist leitender Berichterstatter und ehemaliger Chefredakteur der Jerusalem Post, Berichterstatter Mittlerer Osten für Dow Jones Marketwatch, politischer Kommentator bei Israel's TV-Sender Channel 1 und leitender Redakteur des Nachrichtenmagazins Jerusalem Report.

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5 KOMMENTARE

  1. Amotz Asa-El hat eine zutreffende Beschreibung der Gründe für die Intervention Russlands in Syrien aufgezeigt. Was zu ergänzen wäre, das ist die völkerrechtliche Grundlage dieser Unterstützung des Assad-Regimes, die nach Art. 87 a (4) des deutschen Grundgesetzes wie folgt zusammengefasst werden kann:

    Zur Abwehr einer drohenden Gefahr für den Bestand Syriens kann die Staatsregierung „Streitkräfte zur Bekämpfung organisierter und militärisch bewaffneter Aufständischer“ einsetzen.

    Hätten sich die Demonstranten nicht „militärisch bewaffnet und organisiert“, dann hätte es diesen Bürgerkrieg und damit die Fluchtbewegungen nicht gegeben. Dass die Bewaffnung und die Bezahlung der Aufständischen von der westlichen Wertegemeinschaft erfolgt ist, das hat die syrische Staatsregierung ermächtigt, den russisch-syrischen Beistandspakt zu aktivieren. Während die Staatsregierung und ihre Verbündeten legal handeln, so ist der Aufstand der Demonstranten illegal – und ihre Unterstützung von außen ebenso.

    Die Prognosen von Amotz Asa-El – „Putins Nahost-Schachzug wird sich gegen ihn wenden“ – sind von Geschäftsinteressen diktiert, über die ich spekulieren müsste. Das Pentagon jedenfalls ist nicht seiner Meinung.

  2. Teil 2/2

    Warum Israel Assad nicht ausstehen kann ist mir klar, aber warum Israelis glauben das nach Assad etwas kommt was besser ist, das ist mir Schleierhaft.

    Nach Assad werdet ihr religiöse Muslimische Fundamentalisten dort sitzen haben und das ist die schlechteste aller Optionen.
    Syrien ist nur ein Land unter einem Herrscher, ohne so einen zerfällt es in Stammesgebiete, das sie die Realität.
    Russland verteidigt dort seine Interessen und zeigt sich als zuverlässigerer verbündeter wie die USA unter Obama es waren. Das nutzt den Russen.
    Putin aber den Wunsch Zar zu sein zu unterstellen ist Unsinn.
    Putin ist das beste was Russen seit Jahrhunderten erleben konnten, das macht in nicht zu einem guten Demokraten, aber eben zum besten was es bisher gab.
    Und in der Sache zählt der Fortschritt, denn nur damit wird es irgendwann ein gutes demokratisches Russland geben. Vielleicht nicht nach unserem Geschmack, aber eines was die Russen mögen.
    Das sie die Ukraine zurücknahmen, also das halte ich für richtig. Das man den Teil Russlands damals an eine Russische Provinz angliederte, naja, das bedeutete nie das die Krim nicht als urrussisches Gebiet betrachtet wurde.
    Russland ist beine Grossmacht, wird sie immer sein, denn sie hat alles was wir gerne hätten. Bodenschätze, und viel viel viel Land.
    Warum sie immer demütigen. sie sind Teil Europas, unsere Partner und Putins Russland ist zudem noch bei weitem weniger aggressiv wie die Sowjetunion es einmal war.

    Aber dann kommen hier solche Artikel, also ich schüttle nur noch den Kopf.

    • Vielen Dank für Ihre Einschätzung, die besonnen und nüchtern die Fakten handhabt.
      audiatur ist eine völlig unterschätzte Internetseite mit vorzüglichen Informationen
      – umsomehr ärgern solche Artikel, die zwar stringent den Gedanken einer wirtschaftlichen
      wie militärischen Blockpolitik folgen,
      für Menschen, die keiner Seite verpflichtet sind, aber keinen Sinn machen.
      Putins Russland ist kein Feind
      – es könnte ein Freund und Teil Europas sein, würden unsere Politiker nicht dem
      imperialen Streben der Machthaber der USA völlig zu Willen sein.

      Wer das manipulative Geplapper verpflichteter Journalisten zum Thema Krim
      nicht durchleiden, sondern wissen möchte, was ein Staatsrechtler dazu sagt,
      der lese hier die Einschätzung von Prof. Merkel:

      http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/die-krim-und-das-voelkerrecht-kuehle-ironie-der-geschichte-12884464.html

  3. Mannnn….. also wirklich. Teil 1 / 2
    Manchmal wundere ich mich über den Unsinn der manche Leute schreiben.
    Ich habe die Sache mit den Chemiewaffen in Syrien mitverfolgt und denke es ist ganz klar nicht Assad gewesen.
    Man sah im Netz sogar Videos auf denen die „Terroristen“ mit Minenwerfern versuchten Behälter abzuschiessen. Wozu ?
    Die Basis Tartus könnte von Syrien zurückgenommen werden, es ist ein Militärstützpunkt, aber das Land ist nicht im Eigentum Russlands.
    Obama versuchte da einen Grund zu schaffen um Assad zu stürzen, hatte dann aber wohl nicht den Mut mit der selben Lüge wie damals Busch im Irak, Syrien anzugreifen.

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