Foto Université Internationale de Rabat, CC-BY-SA 4.0, Wikimedia Commons.
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Warum sich die Palästinensische Autonomiebehörde die Bildungsreform des marokkanischen Königs zur Entradikalisierung zum Vorbild nehmen sollte.

von Jérôme Lombard

König Mohammed VI. von Marokko weiss, dass sein Land ein ernsthaftes Problem mit dem extremistischen Islam und der dschihadistischen Radikalisierung seiner Jugend hat. Ungefähr 1500 junge Marokkaner sollen sich in Syrien und dem Irak der Terrororganisation „Islamischer Staat“ angeschlossen haben, um in den „Heiligen Krieg“ zu ziehen. Das nordafrikanische Königreich ist damit eines der Länder, das die grösste Anzahl von ausländischen Kämpfern auf Seiten der Dschihadistenmiliz stellt. Vor diesem Hintergrund ist sich Marokkos König bewusst, dass ein wirkungsvoller Kampf gegen den Hass auf Andersgläubige und für Toleranz und Respekt bereits in der Schule bei den Kindern und Jugendlichen beginnen muss. Dort sind die islamistischen Fundamentalisten insbesondere im Religionsunterricht stark vertreten. Dort wird der Kampf um die Köpfe zukünftiger Generationen geführt. Aus diesem Grund hatte König Mohammed VI. im Herbst des vergangenen Jahres die Generalüberarbeitung der Lehrpläne und Schulbücher für den Religionsunterricht an staatlichen Schulen, der in Marokko „Islamische Erziehung“ heisst, angeordnet.

Bekämpfung der Radikalisierung der Jugend in Marokko

Eine von dem Monarchen eingesetzte 70-köpfige Kommission bekam die Aufgabe, alle Texte und Koranpassagen in den Lehrbüchern zu streichen, die Intoleranz gegenüber anderen, nicht-islamischen Lebensformen betonten, die Gleichberechtigung der Geschlechter verneinten und den Islam als die einzig wahre Religion darstellten, zu streichen. Derartige Inhalte waren im marokkanischen Religionsunterricht bis dato überaus präsent, hatte doch der Vater und Vorgänger von Mohammed VI., König Hassan II., in den 1980er und 90er Jahren die Rückbesinnung auf traditionell-islamische Werte in Abgrenzung zu der zu jener Zeit im Land sich verbreitenden sozialistisch-kommunistischen Ideologie gefördert. Damit übergab Hassan II. die Ausbildung von Religionslehrern zwangsläufig in die Hände der Fundamentalisten. Die 2016 von seinem Sohn eingesetzte Reform-Kommission hat fleissig und schnell gearbeitet. Seit diesem Jahr gelten neue Lehrpläne, die Verwendung der überarbeiteten Schulbücher ohne extremistische und diskriminierende Passagen im Unterricht ist für alle Lehrer verpflichtend. Von zivilgesellschaftlichen Aktivisten, die schon seit langem eine Reform des Bildungssystems zur Bekämpfung der Radikalisierung der Jugend in Marokko fordern, hat König Mohammed IV. viel Lob für seinen Schritt bekommen. In der Tat ist die Entscheidung des Monarchen mutig und vor allem ein wichtiger Schritt zur Verhinderung weiterer islamistischer Früh-Indoktrination im Land. Dass Marokkos Ansatz der Entradikalsierung Beispiel in den anderen Maghreb-Staaten und den arabischen Ländern machen wird, ist derweil eher unwahrscheinlich. Für eine solche Reform des Erziehungssystems braucht es eine starke Persönlichkeit wie den marokkanischen König (der in seinem Land traditionell auch als Anführer der Gläubigen gilt), der neben dem Willen auch die politische Macht zur Durchsetzung derartiger Entscheidungen gegen die Interessen der islamisch-fundamentalistischen Kreise besitzt. Dass aber eine Entradikalisierung des Erziehungssystems nach marokkanischem Exempel in vielen arabisch-muslimischen Ländern eines der wichtigsten Gebote der Stunde sein sollte, beweisen einmal mehr die Palästinensischen Autonomiegebiete (PA).

Ein im Juli 2015 von der „Association of Secondary School Teachers in Israel“ veröffentlichter Bericht mit dem Titel „Palestinian Authority Education – A Recipe for Hate and Terror“ zur Untersuchung des Radikalisierungspotentials an Schulen, höheren Bildungseinrichtungen und Universitäten unter der Hoheit der PA, bescheinigt dem palästinensischen Bildungssystem ein hohes Radikalisierungspotential. Wörtlich heisst es in dem Bericht: „Die Palästinensische Autonomiebehörde leitet ihr Kinder dazu an, Israel das Existenzrecht abzusprechen, sie bringt ihnen bei, Juden als böse zu betrachten und sie ermuntert sie, Terroristen als Vorbilder anzusehen.” Die Vermittlung universeller Werte wie Toleranz und eine Erziehung zu Frieden kommen, wie im Falle Marokkos vor der jüngsten Reform, in den Lehrplänen hingegen nicht vor. Die israelische Lehrervereinigung führt in ihrem Bericht unzählige Beispiele für eine indirekte und direkte Indoktrination an palästinensischen Schulen an, die einer frühen Radikalisierung der Kinder und Jugendlichen Auftrieb geben. So heissen bereits Grundschulen nach verurteilten Terroristen und ausgesprochenen Antisemiten wie beispielsweise die „Amin Al-Husseini Elementary School“ in El Bireh, die nach dem Nazi-Kollaborateur und Grossmufti von Jerusalem, Amin Al-Husseini, benannt wurde. Der Bericht deckt auf, dass in den von den PA-Behörden herausgegebenen Schulbüchern dem Staat Israel konsequent das Existenzrecht abgesprochen wird, Gewalt und Terror gegen die „zionistischen Besatzer“ gerechtfertigt wird und der Kampf für die Vernichtung des jüdischen Staats als „heiliger“, religiöser Krieg beschrieben wird. In einem von dem Palästinensischen Ministerium für Religiöse Angelegenheiten herausgegebenen Lehrbuchs für die 8. Klassenstufe (Im Bericht S. 35) heisst es beispielsweise: „Die muslimischen Staaten brauchen heute zwingend den Dschihad und die Dschihad-Kämpfer, um das geraubte Land zu befreien und um die geraubten Länder Palästinas und der Levante  von den stehlenden Juden zu säubern.“ Es ist diese zu Hass und zum Dschihad gegen die „Ungläubigen“ aufrufende Sprache, die in Marokko gerade als ein die islamistische Radikalisierung fördernder Missstand aus den Lehrbüchern ersatzlos entfernt wurde. Israelische Politiker weisen immer wieder auf die dem palästinensischen Bildungssystem immanente Aufhetzung zu Gewalttaten hin. Anfang des Monats, als ein 26-jähriger palästinensischer Attentäter in Jerusalem einen Lastwagen in eine Menschenmenge steuerte, 4 Menschen ermordete und 13 weitere teils schwer verletzte, wies die Likud-Politikerin Tzipi Hotovely auf die Verbindung von hasserfüllter Indoktrination und Terror hin: „Es ist nicht akzeptabel, dass Studenten, die in der Nähe des Zentrums unserer Hauptstadt leben, sagen, dass es ihr Wunsch sei, Shahid (Märtyrer) zu werden.“  Mit Verweis auf die Herkunft des Attentäters aus einem Ost-Jerusalemer Stadtteil sagte Hotovely weiter: „Wir sollten die volle Kontrolle über das Bildungssystem in den Stadtvierteln von Ost-Jerusalem bekommen.“

Der dschihadistische Terrorismus erwächst einer radikal-fundamentalistischen Auslegung des Korans. Es ist der Antrieb aus ein und derselben Ideologie, die sich einen fanatisierter Islamisten in Rabat in die Luft sprengen, in Jerusalem mit einem Lastwagen in eine Menschenmenge rasen, oder sich in Syrien dem IS anschliessen lässt. Eine gegen die Aufhetzung zu Hass und Gewalt und auf Toleranz und Frieden abzielende Bildungs-Reform wie in Marokko, wäre daher auch in den Palästinensergebieten eine akute Notwendigkeit. Sie sollte von all denjenigen, die es sich zum Ziel gesetzt haben, den Frieden im Nahen Osten zu fördern und dabei einseitig Israel kritisieren, kompromisslos eingefordert werden.

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