Das Ende der politischen Diskussion…

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Foto Facebook / Ziv Shilon
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Ich gehe nicht auf Demos. Auch dann nicht, wenn mir deren Inhalte am Herzen liegen. Das letzte Mal, als ich den Platz vor dem Tel-Aviver Rathaus eine Woche lang allabendlich aufsuchte, war nach der Ermordung Rabins 1995.

Ein persönlicher Blick auf eine Einigkeits-Kundgebung von Rachel Grünberger-Elbaz

Ich liess meinen damals fünfjährigen Sohn in der Obhut meines Mannes daheim und bemühte mich aus meinem dreissig Kilometer entfernten Heim in der Provinz in die grosse Stadt. Ich gestehe – es geschah nicht aus übermässiger Sympathie für den ermordeten MP, noch deshalb, weil mit diesem Akt ein entsetzlicher Tabubruch begangen worden war. Ich fuhr, um mit hunderten von jungen Menschen vor brennenden Kerzen auf dem Pflaster zu hocken, ihren Gitarren zu lauschen, mit ihnen schwermütige Lieder zu singen und meinen Tränen freien Lauf zu lassen. Wie so viele nützte auch ich diesen Anlass zur längst benötigten Katharsis, weinte ungehemmt und ohne etwas erklären zu müssen eine Woche lang all den Schmerz hinaus, der sich in den Jahren meines Erwachsenenlebens angestaut hatte. Es war so bittersüss und so schön, ein bisschen verlorene Jugend, ein bisschen Woodstock, ein bisschen Musik und ein bisschen Melancholie…

„Weine heute zum ersten Mal um meine Hände, die ich in Gaza verlor“

Was also führte mich am Samstagabend wieder auf jenen Platz zurück, um an einer Kundgebung teilzunehmen? Es war der bewegende Aufruf von Reservehauptmann Ziv Shilon auf der Titelseite der Wochenendausgabe von Yedioth Achronot:

»Ich, der auch in Momenten, die ich niemandem wünsche, keine Träne vergossen habe, weine heute zum ersten Mal um meine Hände, die ich in Gaza verlor, und frage mich, vielleicht auch das zum ersten Mal in meinem Leben, ob es die Sache wert war, für ein Volk zu kämpfen, dass sich selbst so sehr hasst? Ich weine um meine kleine Tochter Shira, der ich unter normalen Umständen dieser Tage beigebracht hätte, ihre Schnürsenkel zu binden, was ich heute nicht tun kann, ich weine über die Realität, in die sie hineinwächst, weine um ihre Altersgenossen, deren Eltern verkünden, dass sie sie ›nicht ins Militär schicken werden‹… in dasselbe Militär, das ich so liebe, sollen sie nicht gehen? In das Militär, in dem ich so viele meiner Freunde verloren habe, während wir unser Heimatland beschützten, sollen sie nicht gehen? In dieses Militär, dass sosehr im Zentrum unseres Konsens stand, das ein Leuchtturm war für alle anderen Armeen der Welt? Und heute ruft ein Teil des Volkes, das von diesem Militär beschützt wird, dazu auf, dessen obersten Kommandanten, den Generalstabschef, zu ermorden? In dieses Militär sollen sie nicht gehen? Das einzige Militär, das die Existenz dieses Volkes gewährleistet? Wie sehr es mich schmerzt, solche Worte zu hören, unabhängig vom politischen Weltbild, alles ist ganz einfach so entsetzlich hasserfüllt. Was ist nur geschehen mit uns hier in Israel? Was?«

Und er fährt fort:

»Daher tue ich etwas, was ich noch nie getan habe. Ich werde, selbst wenn ich allein dort sitzen müsste, am Samstagabend auf dem Rabin-Platz sein, mit einem grossen Schild, das zu Solidarität, gegenseitiger Liebe und zur Wiederherstellung dessen aufruft, was der Kern unserer Stärke war, und nun in Auflösung begriffen ist – unsere Einigkeit. Ich kann nicht schreiben, ohne Hände, werde aber das Schild und die Marker mitbringen und rufe euch alle auf, Rechte, Linke, Religiöse und Säkulare, Nichtjuden, Politiker, Künstler und ganz gewöhnliche Menschen, Bürger und Bürgerinnen Israels: Kommt und helft mir, dieses Schild zu schreiben, kommt, um unseren Staat zu umarmen – er blutet!«

 

In dem Augenblick war mir klar, dass Shilon nicht alleine auf dem Rabin-Platz sitzen dürfe. Nicht, soweit ich etwas dagegen tun kann. Der politische Diskurs in Israel war schon immer mehr als angeregt, wir sind ein hitzköpfiges Volk und leben in der Levante. Auch hassgetriebene Töne und Handlungen hat es immer schon gegeben, die Schüsse auf Rabin waren nicht der erste politische Mord im Land. In jüngsten Jahren aber spitzen sich die gesellschaftlichen und politischen Konflikte auf besorgniserregende Weise zu, wachsen die Klüfte und Risse, nicht zuletzt hochgeschaukelt von Politikern, die es durchaus besser wissen, sie aber zynisch für ihre Interessen missbrauchen.

Foto Facebook / ADLisrael

Als ich ein kleines Mädchen war, brachte mich mein Vater morgens in den Kindergarten. Dieser lag im Hinterhof der IKG, meiner Münchner jüdischen Heimatgemeinde. Unterwegs machte Papa, in jenen Jahren ein dominantes Mitglied des Vorstands, oft kurz halt, um dem Präsidenten, einem Juden namens Hellmann, über dieses und jenes tüchtig die Meinung zu sagen. Ich sass unterdessen unter Hellmanns Schreibtisch und durfte mit einer Tüte voller Chanukka-Dreydels spielen, die anlässlich des nahenden Fest bereits für die Kinder der Gemeinde bestellt worden waren. Über meinem Kopf brüllten mein Vater und der Präsident sich an. Ich war in Panik. In der Nacht darauf konnte ich nicht einschlafen, meine kindliche Fantasie schlug Purzelbäume. Ich fürchtete, Hellmann wolle meinen Papa umbringen. Der aber lachte meine Ängste einfach weg: »Aber Kind, das sind doch nur politische Diskussionen.«

Foto Facebook / Gesher

»Nur politische Diskussionen«… genau die sind uns in Israel abhanden gekommen. Während die Knesset-Abgeordneten, nachdem sie sich im Plenum vor laufenden Kameras die aggressivsten Wortschlachten geliefert haben, in der Kantine freundschaftlich ihre Krawatten vergleichen und parteiübergreifend an den familiären Festen ihrer politischen Rivalen teilnehmen, hört man vor den Toren des ›Heims der israelischen Demokratie‹ nur noch den Hass. In der vergangenen Woche kochte dieser, ausgelöst durch das Gerichtsurteil des Soldaten Elor Azarya, wieder einmal über, schlimmer, furchterregender denn je zuvor. Aber es geht hier nicht um Azarya, über dessen Fall in anderen Beiträgen dieses Magazins erschöpfend berichtet wurde. Es geht um das angestaute Gewaltpotential, das nun seine hässlichste Fratze zeigte… offene Morddrohungen gegen die Richter und ihre Familien, den Generalstabschef und überhaupt jeden, der anders denkt, gespickt mit plastischen sadistischen Details.

Das ist es, was Ziv Shilon so schmerzt. Das ist es, was mich am Samstagabend auf den Rabinplatz brachte. Mich und, wie berichtet wird, »einige Tausend« anderer Israelis aller politischen und gesellschaftlichen Schattierungen. Es hätte eine würdige Veranstaltung sein können, wäre sie nicht von einer kleinen Gruppe Azarya-Anhänger gestört worden, deren Anführer das Mikrofon gewaltsam an sich reissen wollte. Er wurde von der Polizei in Gewahrsam genommen. Es folgten ein paar kurze Ansprachen von Vertretern der Jugendbewegungen, Ziv Shilon selbst und Bat-Galim Shaer in Vertretung der »drei Familien« (der 2014 von Terroristen entführten und ermordeten Jugendlichen) und der von ihnen ins Leben gerufenen segensreichen Initiative ›maagaley siach‹, der Dialogkreise. Die führenden Oppositionspolitiker waren zwar ausnahmslos erschienen, durften sich aber nicht auf dem Podium profilieren, es sollte eine »saubere«, also unpolitische Veranstaltung bleiben. Der offizielle Teil war daher erfrischend kurz. Im Anschluss daran fanden die erwähnten Dialogkreise statt, mehrere Dutzende davon. Dort sassen alte und junge Israelis aller Ethnien und Ideologien in Zehnergruppen beisammen, debattierten und versuchten, ihren gemeinsamen Nenner wiederzufinden. Ziv Shilon war glücklich über die Resonanz auf seinen einmaligen Aufruf: 70,000 Facebook-likes und mehrere tausend Kundgebungsteilnehmer, Vertreter des so genannten »Eretz Israel ha’jaffa«, der schönen Seite Israels… ich hätte mir mehr gewünscht. Quo vadis, mein Land?

Über Rachel Grünberger-Elbaz

Rachel Grünberger-Elbaz, geb. 1958 in München, lebt seit 1977 in Israel, wo sie zunächst ihren Studienabschluss in Soziologie, Anthropologie, Film und Fernsehen machte. Seit 1984 arbeitet sie als freiberufliche Übersetzerin und Dolmetscherin und ist als solche mit den kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen ihrer beiden Heimatländer - Israel und Deutschland - bestens vertraut. In jüngster Zeit ist sie auch publizistisch tätig. Rachel Grünberger ist verheiratet und Mutter von zwei erwachsenen Söhnen.

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