Aleppo – Kannst du heute Nacht schlafen?

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Das noch intakte Aleppo bei Nacht, im Jahre 2010. Foto Von Anas A / Flickr.com. CC BY 2.0, Wikimedia Commons.
Lesezeit: 5 Minuten

Ich weiss, dass ich es nicht kann. Ich habe acht Kinder. Einige von ihnen sind zu Hause, andere sind unterwegs. Aber ich weiss, wo sie sind und ich weiss, sie sind in Sicherheit. Ich weiss, dass ihre Betten warm sind und dass genug zum Essen da ist, wenn sie Hunger haben.

von Todd Berman

Einige werden nun sagen, dass es mir ja gut geht in meiner Siedlung im Westjordanland, während andere meine Rückkehr in mein angestammtes Heimatland Judäa und Samarien loben werden. Aber heute Abend kann, nur für einen Augenblick einmal, keines von beidem das Thema sein.

Nur ein paar hundert Meilen nordöstlich meiner Heimatstadt liegt eine andere Stadt im Würgegriff des Schreckens. Eltern wissen nicht, ob ihre Kinder sicher sind, wissen nicht, wo sie etwas zu Essen für sie herbekommen sollen, und wenn sie ihnen einen Gutenachtkuss geben, wissen sie nicht, ob es nicht vielleicht das letzte Mal ist. Während die New York Times in einem Aufschrei titelte „Ein kompletter Niedergang der Menschlichkeit“, verkündete die USA Today „Gefangen in Aleppo: ‚Alle sterben. Auch ich werde bald sterben‘“. Alle sterben, selbst die kleinen Kinder sterben in den Armen ihrer Eltern. Wie kann ich da als Vater und als Mensch überhaupt noch schlafen?

Ich habe heute mit meinen Studenten über die Tragödie in Aleppo gesprochen. Ich erzählte ihnen, dass ich etwas von einer sehr aufmerksamen Person gelesen hatte, die mit Blick auf den heutigen Zustand in Amerika die Frage stellte, ob es uns damit ernst war, als wir nach dem Holocaust sagten „nie wieder.“

Offenbar gibt es zwei Antworten auf diese Frage. Die eine ist, dass sich unser ‚nie wieder‘ natürlich auf uns bezog. Das jüdische Volk sollte seine Sicherheit nie wieder in die Hände anderer legen. Nie wieder sollten wir uns darauf verlassen, dass andere Länder uns verteidigen oder uns aufnehmen, wenn wir verfolgt werden. Wir brauchen ein Land, in dem wir Zuflucht finden und eine eigene Armee. Ein Rückkehrrecht und unsere eigenen Verteidigungssysteme. Und nach fast 2.000 Jahren im Exil haben wir das alles in vielerlei Hinsicht auch erreicht.

Es gibt jedoch eine zweite, globalere Bedeutung dieser beiden Worte ‚nie wieder‘, die für alle gültig ist.

Wenn ich mir meine Studenten im College-Alter ansehe, sehe ich Namen: Armenien, Holocaust, Kambodscha, Ruanda, Bosnien, Darfur und nun auch Aleppo. Nein, die Welt hat nichts aus den Lektionen der Vergangenheit gelernt.

Die mutwillige Ermordung von Zivilisten und die willkürliche Bombardierung von städtischen Wohngebieten durch die von Russland und dem Iran unterstützte syrische Armee beweist das nur allzu deutlich. Es scheint, als ob „nie wieder“ eine Phrase ist, „erzählt von einem Narren, voller Klang und Wut, die nichts bedeutet.“ (Shakespeare, Macbeth)

Das zerstörte und zerbombte Aleppo. Foto Foreign and Commonwealth Office – Flickr, OGL, Wikimedia Commons.

Einige mögen vergeblich protestieren: Sind die Bürger Syriens denn nicht unsere Feinde? Nein, nein, ich bin nicht der Feind eines 5-jährigen Kindes, das zu seinem Vater aufblickt und in seinen Augen nach einer Sicherheit sucht, die er ihm nicht geben kann. Nein, ich bin nicht der Feind eines 16-jährigen Mädchens, das sich aus blankem Grauen vor dem, was es erwarten mag, an seine Mutter klammert. Wir haben jede Menge Zeit, unsere Probleme ausführlich zu erörtern. Allerdings nicht jetzt.

„Diese Menschen sind nicht meine Feinde.“

Jedes Jahr an Yom Kippur, dem Tag, an dem Juden in der ganzen Welt ihre Herzen ausschütten und um göttliche Vergebung bitten, erfolgt im Nachmittags-Gottesdienst eine Lesung des gesamten Buches Jona. Ort der Handlung ist Ninive, nicht weit entfernt vom heutigen irakischen Mossul, östlich von Aleppo. Die gnädige Entscheidung Gottes, das Leben der Menschen von Ninive zu verschonen, ärgert den Propheten. Gott antwortet ihm im letzten Vers des Buches „Und ich, ich sollte nicht betrübt sein wegen der grossen Stadt Ninive, in der mehr als 120 000 Menschen sind, die nicht unterscheiden können zwischen ihrer Rechten und ihrer Linken, und eine Menge Vieh?“ Wenn wir Gott darum bitten, unsere Seelen zu retten und unsere Sünden zu vergeben, sollten wir über die Geschichte von Jona nachdenken, so haben es uns die Rabbis gelehrt. Gott belehrt Jona und sagt ihm, dass er sich nicht nur um die fehlgeleiteten Menschen, sondern sogar um die Tiere kümmert (Das erinnert mich an Kurt Vonneguts Beschreibung des Esels in Dresden). Diese Menschen sind nicht meine Feinde. Nicht heute. Sie alle sind Mütter und Väter, Kinder und Grosseltern, die einfach nur überleben wollen. Dürfen wir Gottes Aufruf, uns auch um die Bürger der Welt und sogar um die Tiere zu kümmern, ignorieren?

Aber die Welt sitzt nur da und sieht tatenlos zu. Um ehrlich zu sein, ich weiss nicht, wie es weitergehen soll. Was ist diesmal schiefgelaufen? Wie kann es sein, dass wir unsere Ohren vor dem Leid anderer verschliessen?

Ich erinnere mich daran, als ich im Usdan Student Center an der Brandeis University die laufenden Ereignissen am 11. September 2001 verfolgte. Wir sassen wie gebannt vor den Grossbildfernsehern und sahen zu, wie das Undenkbare geschah. Als die Gebäude einstürzten, sahen wir alle in Echtzeit zu, wie 3.000 Menschen starben. Ich habe über ein bestimmtes Prinzip nachgedacht. Auch, wenn es aus praktischen Gründen heute nicht mehr praktiziert wird, muss nach jüdischem Recht, ein anwesender Zeuge, wenn eine Person stirbt, seine/ihre Kleidung zerreissen. Der Symbolismus scheint klar zu sein. Wir sind nach dem Abbild Gottes geschaffene Menschen, die letztlich alle miteinander verbunden sind. Wenn jemand stirbt, werden unserer aller Seelen entzwei gerissen. Während ich hier sitze und schreibe, sterben nur ein paar hundert Meilen entfernt in Echtzeit massenhaft Menschen.

Heute Abend fühlt sich meine Seele zerrissen an.

Es fällt mir schwer, mit zerrissener Seele einzuschlafen.

Rabbiner Todd Berman ist stellvertretender Direktor des Yeshivat Eretz HaTzvi. Er gründete die jüdische Lerninitiative (JLI) an der Brandeis University und war dort einige Jahre lang als rabbinischer Berater für die orthodoxe Gemeinschaft tätig. Auf Englisch zuerst erschienen bei The Times of Israel.