Foto Israel Defense Forces, CC BY-SA 2.0, Wikimedia Commons

Die Bedrohung Israels durch Angriffstunnels aus Gaza ist übertrieben. Die israelische Reaktion auf die Tunnels ist Zeit- und Geldverschwendung und ermöglicht der Hamas einen PR-Sieg.

von Efraim Inbar

Die Angriffstunnels der Hamas, die von Gaza nach Israel reichen, sind eine ausgezeichnete PR für Terroristen. Sie verkörpern eine beunruhigende Vorstellung, welche die Bedrohungswahrnehmung der israelischen Bevölkerung intensiviert. Terroristen wollen gefürchtet werden und die Tunnels scheinen dieses Ziel zu erreichen, trotz ihrem bescheidenen Zerstörungspotenzial.

Im Januar 2016 spielte IDF-Generalstabschef Gadi Eizenkot der Hamas in die Hände, als er erklärte, dass die Abwehr der Tunnelgefahr „in diesem Jahr die wichtigste Mission“ der Armee sei. Eisenkots Erklärung zeigte, dass er die Tunnelgefahr im Vergleich zum Raketenarsenal der Hisbollah oder die Bedrohung durch den Islamischen Staat im Sinai priorisierte. Zudem verharmloste er damit die ernsthafte nukleare Bedrohung durch den Iran.

Erziehungsminister Naftali Bennett schloss sich dieser Volksstimmung ebenfalls an und übertrieb die Bedrohung durch die Hamas-Tunnels. Er beschuldigte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, das Kabinett bis nach Beginn der Operation Fels in der Brandung über die grosse Gefahr durch die Tunnels im Dunklen gelassen zu haben. Ein Berichtsentwurf der Abteilung für Rechnungsprüfung kritisierte Netanjahu, den ehemaligen Verteidigungsminister Moshe Yaalon und den damaligen IDF-Generalstabschef Benny Gantz ebenfalls dafür, die Hamas-Tunnelbedrohung nicht antizipiert zu haben.

Im Sommer 2014 startete Israel eine Bodenoperation, um die Tunnels zu zerstören, die in israelisches Gebiet eindrangen. Die Folge davon waren schwere Kämpfe, insbesondere in Shujaiyeh, einem Stadtteil von Gaza Stadt. 41 israelische Soldaten wurden getötet und viele weitere verwundet während der Bodenphase, die mit der Zerstörung von 32 Tunnels endete.

Nach der Entwicklung von Iron Dome, welches die Raketenbedrohung aus Gaza grösstenteils neutralisiert, sind die Tunnels zu einem wichtigen Mittel im Arsenal der Hamas geworden. Sie sind eine technisch simple Herausforderung und relativ schwer zu kontern. Israelische Bemühungen bei der Entwicklung von Technologien, welche die Tunnels aufspüren können, waren bislang nur teilweise erfolgreich.

Dennoch ist das Potenzial der Tunnels, Israel bedeutenden Schaden zuzufügen, beschränkt. Es stimmt, dass sie Terroranschläge und die Entführung von Israels (sowohl tot als auch lebendig) ermöglichen. Obwohl israelische Bewohner in der Nähe von Gaza am direktesten betroffen sind, ist diese Art von Bedrohung – auch wenn zweifelsohne beunruhigend – keine neue Entwicklung.

Terrorismus wurde von der nationalen Sicherheitsbehörde schon immer als zweitrangig betrachtet, im Vergleich mit Bedrohungen, welche Israels territoriale Integrität beeinträchtigen oder seine Existenz bedrohen. Die Tunnels können keine strategischen Ziele innerhalb Israels – beispielsweise Elektrizitätswerke oder Flughäfen – bedrohen, wie dies bei den Hamas-Raketen in der Vergangenheit der Fall war. Investitionen in die Raketenabwehr ist wichtig; Geld auszugeben um die Wirkung der Tunnels zu negieren, ist es nicht. Limitierte finanzielle Mittel verlangen, dass Ausgaben gemäss dem relativen Ausmass der jeweiligen Bedrohungen priorisiert werden.

Nichtsdestotrotz planen israelische Sicherheitskreise, angestossen von Verteidigungsminister Avigdor Lieberman, ein gigantisches Projekt: eine 60 Kilometer lange Mauer um Gaza, die Dutzende Meter Tiefe haben wird. Zu Beginn wird ein Versuchsabschnitt zu Kosten von 600 Millionen Schekel (ca. 155 Millionen CHF) errichtet werden. Diese „Maginot-Linie“ würde, falls fertiggestellt, eines der teuersten Projekte in der Geschichte Israels darstellen.

Die hohe Priorität, die Israel dem Tunnelproblem zuteilt, ist völlig ungerechtfertigt. Erstens ist es unklar, ob die geplante Gaza-Mauer Untergrundprojekte der Hamas effektiv verhindern könnte. Betonmauern können durchdrungen werden, wie Bankräuber gezeigt haben. Israel sollte den Einfallsreichtum der Hamas-Ingenieure nicht unterschätzen.

Zweitens verschlingt dieses ambitionierte Projekt Ressourcen, mit denen für die IDF wichtigere Projekte finanziert werden könnten. Ein treffendes Beispiel ist die Vernachlässigung von Bodentruppen aufgrund finanzieller Überlegungen. Die Aufrüstung von Bodentruppen ist zwingend angesichts der sich anbahnenden Bedrohung durch Raketen mit hoher Treffgenauigkeit und weiteren ernsthaften Ungewissheiten.

Drittens verstärkt die massiven Bemühungen gegen die Tunnelgefahr unnötigerweise die Macht der Feinde Israels. Das Mammut-Mauerprojekt ist ein PR-Geschenk für die Hamas. Zudem ist sein Timing problematisch, da es Hinweise darauf gibt, dass die Hamas ermüdet. Die vergangenen Konflikte haben von Gaza ihren Tribut gefordert. Es scheint hätten Israels „Rasenmäher“-Strategie und die zunehmende regionale Isolation der Hamas ein Mindestmass an Abschreckung erzielt. Die Hamas scheint neuen Feindseligkeiten wenig zugeneigt.

Das Bauprojekt für die Mauer um Gaza scheint von innenpolitischen Motiven dominiert zu werden. Es soll die verständlichen Sorgen der Bewohner des Südens im Hinsicht auf die Tunnelgefahr beruhigen. Es ermöglicht der Regierung, den konstanten politischen Druck abzuschwächen, indem sie erklärt, man „täte das Bestmögliche“, um eine Lösung zu finden. Dies ist allerdings eine verschwenderische, populistische Reaktion.

Und vor allem macht es strategisch keinen Sinn. 

Efraim Inbar ist Professor Emeritus in Politikwissenschaften an der Bar-Ilan Universität und der Gründungsdirektor des Begin-Sadat Center for Strategic Studies an der Bar-Ilan Universität. Auf englisch zuerst erschienen bei BESA Center Perspective Papers. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung.

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2 KOMMENTARE

  1. Sicherlich macht das Bauprojekt gegen Tunnels aus Gaza militärstrategisch keinen Sinn. Doch darum geht es nicht. Efraim Inbar unterschätzt meines Erachtens die Bedrohung, die für die soziale Stabilität der israelischen Gesellschaft von den Terrortunnels ausgeht. Das dürfte für die Hamas der Hauptgrund sein, diese „Projekte“ weiterhin zu verfolgen. Sie weiß um den Nutzen einer ständigen Bedrohung des israelischen Zusammenhalts im Sinne der psychologischen Kriegsführung.

  2. Der Betonwall wird keinen wirksamen Schutz bieten.
    Die enormen Baukosten verhindern zudem Forschungsprojekte für intelligente Lösungen.

    In allen anderen Punkten kann ich dem Artikelschreiber aber nicht folgen.
    Der Bau der Tunnel bindet enorme Mittel der Hamas – die Tunnel NACH IHRER
    FERTIGSTELLUNG zu zerstören ist effektiv und richtig.
    Der unerträglich hohe Blutzoll den die Zerstörung einiger Tunnel gefordert hatte
    unterstreicht die Wichtigkeit intelligenter Lösungen aus naturwissenschaftlichen Bereichen.

    Zudem sollte jede Aggression aus Gaza fortan mit der Ausdehnung der Sicherheitszonen
    des Gaza-Streifens vom ägyptischen Grenzgebiet her geahndet werden – Stück für Stück.
    Lediglich ein schmaler Streifen von einem Kilometer sollte letztlich mittig Richtung Ägypten
    führen.
    Das sage ich, weil ich jede Hoffnung auf Frieden aufgegeben habe
    – es wird keinen Frieden mit den Arabern geben.

    Dann sieht der Artikelschreiber ein Ermüden der Hamas
    … als ob!
    Davon sehe ich aber nichts und zudem scheint es mir auch deswegen nicht korrekt zu sein,
    weil mehr denn je Gelder fließen und an radikalem Nachwuchs kein Mangel herrscht.

    Wenn Israel den Terror auf ein Mindestmaß herunterzwingen will, dann muss
    beim Geldzufluß angesetzt werden
    – der PA die Steuereinnahmen in Höhe der Zuwendungen für Märtyrer zu streichen
    war ein guter erster Schritt.

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