Foto Valdman Oren, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons.

Am 12. Oktober 2016 fand dieses Jahr Jom Kippur statt. Der jüdische Versöhnungstag erinnert an die Herrlichkeit vergangener Gottesdienste im Tempel in Jerusalem und stellt ein künftig glückliches Miteinander aller Völker in der heiligen Stadt in Aussicht. Just am nächsten Tag verabschiedete die UNESCO eine Resolution, die den Bezug der Juden zu ihrem Tempel kurzerhand negiert.

Wer den Text der Resolutionen liest, merkt sofort, wie tendenziös er ist. Aber wer liest solche Texte schon? Man vertraut der UNO und vor allem auch der UNESCO, einer Organisation, deren deklarierte Aufgabe es ist, „durch Förderung der Zusammenarbeit zwischen den Völkern in Bildung, Wissenschaft und Kultur zur Wahrung des Friedens und der Sicherheit beizutragen“. Dem Frieden und der Sicherheit dient diese Resolution wohl nicht. Schließlich wird hier nicht nur Israel kritisiert, sondern die Identität anderer Glaubensgemeinschaften delegitimiert. Hier erheben Rassismus und Antisemitismus ihr hässliches Haupt. Das bestätigt auch der UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon, der angesichts der Resolution warnt, dass jeder Versuch „die unstrittige gemeinsame Verbindung [von Juden, Christen und Muslimen] zu diesen Stätten zu leugnen, nur Gewalt und Radikalismus nährt“. Viel geholfen haben seine Worte wohl nicht. Genau zwei Wochen nach dem obengenannten Beschluss, sprich am 26. Oktober 2016,verabschiedete das Weltkulturerbe-Komitee der UNESCO, sozusagen als kostenlose Draufgabe, eine weitere Resolution mit ähnlichem Tenor und Wortlaut. Was also tun? An dieser Preisfrage scheiden sich die Geister.

Manche setzen auf eine sachliche Richtigstellung der krassen Geschichtsverfälschung. “Es war König David, der bereits vor 3.000 Jahren von Jerusalem aus das Königreich Juda regierte. Mit anderen Worten: Der Tempelberg war, lange bevor das Christentum und der Islam überhaupt entstanden, schon der heiligste Ort des Judentums”, schreibt beispielsweise Ronald Lauder in der Zeitschrift ‚Zeit online’. Zudem weist der Präsident des jüdischen Weltkongresses darauf hin, dass die heiligen Stätten in Jerusalem heute allen Glaubensgenossen offen stehen. Das ist erst der Fall, seit Israel in 1967 wieder die Kontrolle über die Heiligtümer erlangt hat. Ehedem, unter jordanischer Herrschaft, war Juden der Zugang zur Klagemauer verwehrt.

Benjamin Netanyahu setzt ebenfalls auf den geschichtlichen Hintergrund und zudem auch auf historische Beweise. Nach der umstrittenen UNESCO-Resolution hat der israelische Ministerpräsident ein neues archäologisches Projekt auf dem Tempelberg freigegeben. Er rechnet damit, dass weitere Ausgrabungen die historische Anwesenheit der Juden in Jerusalem zusätzlich untermauern werden. Tatsächlich hat die IAA, die israelische Altertumsbehörde der Öffentlichkeit, ausgerechnet am Tag der zweiten umstrittenen UNESCO-Resolution, einen 2.800 Jahre alten Papyrus präsentiert. Es handelt sich dabei um eine Art Lieferschein über eine Wein-Sendung von Naharatah nach Jerusalem, der die zentrale Rolle Jerusalems als wirtschaftliche Hauptstadt des Königreichs Juda im siebten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung belegt.

So weit so wirkungslos, meinen Praktiker. Sie glauben nicht, dass historische Tatsachen und handfeste Beweise radikale Hitzköpfe und ihre Handlanger überzeugen können.

Deshalb setzten sie auf geschickte Diplomatie. Dore Gold und Carmel Shama-Hacohen, etwa, haben im Vorfeld der Resolutionen versucht, auf einige UNESCO-Mitgliedstaaten einzuwirken. Dabei haben sie sich wohl nur auf jene konzentriert, denen man Objektivität zutraut. Das ist, wie die nachstehende Wahlausgangs-Liste der Resolution vom 13. Oktober 2016 beweist, bei den meisten leider nicht der Fall. Den Ausgang der Abstimmung konnten die beiden israelischen Außenpolitiker zwar nicht wesentlich verändern. Allerdings ist es ihnen gelungen, so manche Staaten davon zu überzeugen, sich der Stimme zu enthalten, statt  den Beschluss aktiv zu unterstützen. Für eine solche Enthaltung aufgeklärter Länder, wie etwa Frankreich, Italien, Schweden und Spanien, können sich Beobachter aber nicht begeistern. Zu schmerzlich erinnert viele diese “Neutralität’ an die mangelnde Unterstützung der Juden in vergangenen Zeiten.

UNESCO Resolution vom 13.10.2016 – Wahlausgangs-Liste (Credit: MFA) UNESCO Resolution vom 13.10.2016 – Wahlausgangs-Liste (Credit: MFA)
UNESCO Resolution vom 13.10.2016 – Wahlausgangs-Liste (Credit: MFA)

Skeptiker reagieren deshalb auf die UNESCO-Resolutionen jetzt mit Verachtung und Resignation. Die Organisation habe sich mit diesen geschichtsverfälschenden Beschlüssen selbst disqualifiziert, so ihre Argumentation, und sei a-priori voreingenommen, weil die Mehrheit der Mitgliedstaaten muslimisch wäre. Sie schlagen achselzuckend vor, die UNESCO samt ihren absurden Abstimmungen zu ignorieren. Der israelische Bildungsminister Naftali Bennet, etwa, hat die Zusammenarbeit mit der UNESCO vorerst auf Eis gelegt.

Aber kann sich Israel, können sich die Juden eine solche Abschottung leisten? Wohl eher nicht. Sie sind, genau wie all anderen Völker und Länder, auf die internationale Gemeinschaft angewiesen. Eine Einbahnstraße ist diese Abhängigkeit aber nicht. Auch die internationale Gemeinschaft ist auf ihre einzelnen Mitglieder angewiesen. Mehr noch, sie ist darauf angewiesen, dass Wahrheit, Gerechtigkeit und Toleranz obsiegen. Deshalb müssen führende Verantwortliche aus Politik, Wirtschaft und Religion, jetzt eindeutig Farbe bekennen. Papst, Präsident und Patriarch sollten sich lautstark gegen Rassismus und Geschichtsrevisionismus aussprechen. Sie sollten darauf drängen, die UNESCO Resolutionen zum Tempelberg aufzuheben. Nur so kann der Jahrtausend-alte Jom Kippur-Traum von einem glücklichen Miteinander aller Völker in Jerusalem dereinst Wirklichkeit werden.

Über Yvette Schwerdt

Yvette Schwerdt ist internationale Marketingexpertin und Wirtschaftsjournalistin. Sie schreibt und referiert regelmäßig über neue Trends und Entwicklung in ihrem Fachbereich. Besonders am Herzen liegen ihr auch die Themen Israel, jüdische Geschichte und jüdische Kultur. Yvette ist, aufgrund ihrer mehrsprachigen, multikulturellen Ausbildung und ihrer internationalen Laufbahn, in Israel, Amerika und im deutschsprachigen Raum gleichermaßen zu Hause.

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