Angehörige der Märtyrer-Nidal-Al-Amoudi-Division lesen eine Stellungnahme vor, in der der Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmoud Abbas, für seine Teilnahme an der Beerdigung des ehemaligen israelischen Präsidenten Shimon Perez verurteilt wird. Foto Facebook / Gatestone
Lesezeit: 6 Minuten

Rund 300 Mitglieder der unter der Führung des Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) Mahmoud Abbas stehenden Fatah-Fraktion haben in Vorbereitung auf einen Krieg mit Israel im Gazastreifen mit „militärischem Training“ begonnen.

von Khaled Abu Toameh

Der bewaffnete Arm der Fatah, die Al-Aqsa-Märtyrer-Brigaden – die Märtyrer-Nidal-Al-Amoudi-Division – gab bekannt, dass ihre Mitglieder in eine neue Militärakademie im Gazastreifen aufgenommen wurden, um dort als „Kämpfer“ ausgebildet zu werden. Die kürzlich eröffnete Akademie im Gazastreifen würde die „Kämpfer“ in unterschiedlichen Kampfmethoden „im Rahmen eines Programms zur Vorbereitung auf zukünftige Kämpfe“ mit dem „zionistischen Feind“ vorbereiten.

Die Nidal-Akademie wurde nach Nidal Al-Amoudi benannt, einem ranghohen Milizionär der Fatah, der am 13. Januar 2008 von den Israelischen Streitkräfte (IDF) getötet worden war, nachdem er in der Zeit der Zweiten Intifada eine Reihe bewaffneter Angriffe auf israelische Zivilisten und Soldaten ausgeführt hatte. „Die Akademie wurde nach Kommandant Nidal Al-Amoudi (Abu Hussein) benannt, um dessen Traum, die Kämpfer in militärischer, moralischer, religiöser und revolutionärer Hinsicht zu qualifizieren, zu erfüllen“, hiess es in einer Stellungnahme des bewaffneten Flügels der Fatah. Die Gruppierung gab an, dass etwa 300 „Kämpfer“ bereits in die Akademie aufgenommen worden seien und dass sie mit der Unterweisung in verschiedenen Methoden der Kriegsführung begonnen hätten.

„Wir haben versprochen, eine Armee von Kämpfern auszubilden, indem wir unser gesamtes Können und all unsere Energie bündeln und einsetzen, um die Option eines bewaffneten Kampfes als einziges Mittel zur Befreiung Palästinas zu festigen“ erklärte die Organisation.

Die Märtyrer-Nidal-Al-Amoudi-Division ist eine von mehreren der Fatah angeschlossenen Milizen, die auch weiterhin im Gazastreifen aktiv sind, trotz der gewaltsamen Übernahme des Gebiets durch die Hamas im Sommer 2007. Diese Gruppierungen stellen keine Bedrohung für das Hamas-Regime dar, daher lässt man ihnen in unterschiedlichen Teilen des Gazastreifens freie Hand. Die ausdrückliche Strategie dieser Gruppen ist es, sich auf den Krieg mit Israel vorzubereiten und Terroranschläge gegen Israelis zu verüben. Die Hamas allerdings, die ihre Anführer aus dem Gazastreifen vertrieben hat und auch weiterhin Dutzende Fatah-Aktivisten im Gazastreifen verfolgt, steht nicht auf ihrer Abschussliste.

Die Eröffnung der eigenen „Militär“-Akademie der Fatah-zugehörigen Miliz im Gazastreifen ist jedoch eine neue Taktik. In den vergangenen Jahren posteten die bewaffneten Gruppen der Fatah Videos ihrer Männer bei militärischen Trainings in Obstgärten und auf Feldern, fernab der Augen ihrer Rivalen von der Hamas. Inzwischen sieht es aber so aus, als hätte die Hamas nichts von den Kämpfern der Fatah zu befürchten, da Israel deren alleiniges Ziel ist.

Anstatt ihre Männer dafür zu trainieren, den Gazastreifen wieder einzunehmen und von dem unterdrückerischen Regime der Hamas zu befreien, sind also die „Kämpfer“ der Fatah damit beschäftigt, sich für den Krieg mit Israel vorzubereiten oder sich untereinander zu bekämpfen. Tatsächlich scheinen die bewaffneten Gruppen der Fatah direkt mit der Hamas um den Titel des „Am besten auf die Zerstörung Israels Vorbereiteten“ zu konkurrieren. Ebenso wie die Hamas wollen sie die Köpfe und die Herzen der Palästinenser im Gazastreifen für sich gewinnen, indem sie zeigen, dass auch sie den „bewaffneten Kampf“ gegen Israel unterstützen und „Palästina befreien“ wollen.

Zum Glück für die Hamas sind die Milizen der Fatah ganz und gar mit ihren internen Kämpfen beschäftigt. Dadurch bleibt nur wenig Zeit, um darüber nachzudenken, wie man das Leben ihres Volks verbessern könnte.

Heute sind mindestens fünf weitere bewaffnete Gruppierungen der Fatah im Gazastreifen aktiv: Die Abu-Risch-Brigaden, die Jihad-Jibril-Brigaden, die Abdul-Qader-Al-Husseini-Brigaden, die Al-Aqsa-Märtyrer-Brigaden und die Fatah Sukkur (Falken). Einige dieser Gruppen haben in der Vergangenheit Verantwortung für den Abschuss von Raketen auf Israel übernommen. Und es herrscht keine grosse Harmonie oder gar Liebe zwischen diesen verschiedenen Fatah-Gruppen, deren Mitglieder sich gegenseitig eher als Rivalen und politische Gegner denn als Kameraden und Kollegen begreifen.

Quellen im Gazastreifen zufolge sollen viele Angehörige dieser Gruppen ehemalige Polizisten der Palästinensischen Autonomiebehörde sein, die nach der Übernahme des Gazastreifens durch die Hamas arbeitslos geworden waren. Als solche stehen viele von ihnen noch immer im Sold der Palästinensischen Autonomiebehörde, obwohl sie nur zu gerne Mahmoud Abbas und seine Politik abschaffen würden. Mit anderen Worten, diese Bewaffneten der Fatah, die sich auf den Krieg mit Israel vorbereiten, erhalten ihre Gehälter indirekt von westlichen Geldgebern, einschliesslich der USA und vieler europäischer Länder, die die Palästinensische Autonomiebehörde finanziell unterstützen.

Die Märtyrer-Nidal-Al-Amoudi-Division startete erst vor Kurzem einen vernichtenden Verbalangriff auf Abbas, weil er an der Beerdigung des früheren israelischen Präsidenten Shimon Peres in Jerusalem teilgenommen hatte. Maskierte Angehörige der Gruppierung posteten ein Video in den sozialen Medien, in dem sie Abbas aufs Schärfste für seine Teilnahme an der Beerdigung verurteilten und feststellten, dass sie gegen jegliche Art der „Normalisierung“ der Beziehungen zu Israel sind. Sie verlangten, Abbas müsse sich bei den Palästinensern und der Fatah entschuldigen und sagten weiter, dass der „bewaffnete Kampf“ der einzige Weg sei, „Palästina zu befreien“.

Zuletzt „begrüsste“ dieselbe Gruppierung den von Musbah Abu Sbeih in Jerusalem verübten bewaffneten Anschlag , bei dem zwei Israelis getötet wurden – eine 60-jährige Grossmutter und ein 29-jähriger Polizeibeamter. „Diese heldenhafte Tat ist eine klare Botschaft dafür, dass der bewaffnete Kampf bei den Palästinensern ein tiefverwurzelter Grundsatz ist“,  erklärte die Miliz. „Die Aktion ist nur die natürliche Antwort auf die Verbrechen der Besatzung.“

Aber machen wir uns nichts vor. Diese Gruppen glauben, dass sie die wahre Fatah vertreten, die Fatah, die zu keiner Zeit Israels Existenzrecht anerkannt hat und die Fatah, die nach wie vor am bewaffneten Kampf als einziges Mittel zur „Befreiung Palästinas“ festhält. Es gibt keine Gruppierungen, die in dieser Hinsicht eine Ausnahme machen würden. Das ist der Grund, warum sie auch weiterhin unter dem Namen der Fatah operieren. Ihrer Ansicht nach befolgen sie die Grundsätze Ihres ehemaligen Anführers Yassir Arafat, der die Fatah als „nationale Befreiungsbewegung“ ins Leben rief und die Möglichkeit eines bewaffnen Kampfes gegen Israel nie wirklich ausschloss. Es sind Abbas und seine Getreuen in der Fatah, die ihrer Meinung nach von den Grundsätzen und wahren Zielen der Fatah abgewichen sind.

Der Machtkampf zwischen den Milizen der Fatah im Gazastreifen spiegelt die grosse Spaltung innerhalb der politischen Führung der Fatah wider. Nach Auskunft palästinensischer Quellen haben sich die Anführer der Fatah im Gazastreifen tatsächlich von der Parteiführung im Westjordanland abgekoppelt. Abbas‘ Berater schieben die Schuld für diese Spaltung dem verbannten starken Mann der Fatah Mohammed Dahlan zu. Sie behaupten, er versorge andersdenkende Fatah-Vertreter mit Geldern, um so den palästinensischen Präsidenten, der gleichzeitig Kopf der Fatah ist, zu demontieren. Vor Kurzem rief Abbas die Fatah-Führer aus dem Gazastreifen zu einer Dringlichkeitssitzung in Ramallah, um Dahlans zunehmenden Einfluss im Gazastreifen und die Kluft innerhalb der Fatah zu diskutieren. Dieser Schritt erfolgte, nachdem Tausende von Dahlan-treuen Fatah-Mitgliedern im Gazastreifen eine grosse Demonstration gegen Abbas veranstaltet hatten. Während des Protests verbrannten sie Bilder von Abbas und trampelten auf ihnen herum.

Derartige Entwicklungen innerhalb der Fatah sind aus einem ganz besonderen Grund bemerkenswert: Im Grossen und Ganzen empfindet die internationale Gemeinschaft die Fatah nach wie vor als die „moderate“ palästinensische Partei, mit der Israel Frieden schliessen sollte. Doch die Fatah ist weit davon entfernt, ein einziger, geeinter Block zu sein; nach ihren eigenen Worten wollen viele Gruppierungen innerhalb der Fraktion die „Befreiung Palästinas“ weiterhin nur durch den bewaffneten Kampf erreichen. Hinzu kommt, dass sich weder Abbas noch irgendeiner seiner führenden Fatah-Getreuen im Westjordanland je von den kriegsbereiten Fatah-Milizen distanziert oder sie zurückgewiesen hätte. Ausschlaggebend ist, dass viele dieser Fatah-Milizionäre weiterhin Gehälter von der Palästinensischen Autonomiebehörde beziehen.

Die Fatah ist in der Tat eine zweiköpfige Hydra; der eine Kopf sagt der englischsprachigen internationalen Gemeinschaft das, was sie hören will, nämlich, dass sie für eine Zwei-Staaten-Lösung ist und eine friedliche Lösung des Konflikts mit Israel wünscht, während der andere Kopf die Wahrheit sagt: Sie setzt sich für einen bewaffneten Kampf und die „Befreiung Palästinas“ ein und bereitet sich sogar auf einen Krieg mit Israel vor. Erwähnenswert ist auch die Tatsache, dass einige dieser Fatah-Milizen auch weiterhin in einigen Teilen der von Abbas‘ Sicherheitskräften kontrollierten Gebiete im Westjordanland aktiv sind. Und ebenso wie ihre Gefolgsleute im Gazastreifen erhalten auch sie weiterhin ihre Gehälter von der Palästinensischen Autonomiebehörde.

Abbas hat den Gazastreifen nicht nur an die Hamas verloren, sondern auch an seine eigenen ehemaligen Unterstützer in der Fatah, die eine ganz andere Richtung eingeschlagen haben als die Fatah-Führung im Westjordanland. Der Streit zwischen der Fatah und der Hamas, der die Palästinenser de facto in zwei Gruppen gespalten hat, eine im Westjordanland und eine im Gazastreifen, ist ein Grund dafür, dass die Palästinenser weiter denn je davon entfernt sind, einen unabhängigen palästinensischen Staat zu erreichen. Der Machtkampf innerhalb der Fatah und die tiefe Kluft zwischen ihren Anführern ist ein weiterer Grund. Abbas‘ Anspruch auf die alleinige Führung der Fatah können selbst seine leichtgläubigsten Unterstützer kaum mehr für bare Münze nehmen: Tausende seiner „Kämpfer“ befinden sich in der Vorbereitung auf den Krieg mit Israel.

Auf Englisch zuerst erschienen bei Gatestone Institute. Khaled Abu Toameh ist ein preisgekrönter arabisch-israelischer Journalist und TV-Produzent.

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1 KOMMENTAR

  1. Es ist das uralt-alte Trauerlied rivalisierender Clans der Araber.
    Die Tatsache, sich nicht auf eine Führung einigen zu können, unterstreicht eindrucksvoll
    den Fakt, dass „die Palästinenser“ eben nur eine Erfindung sind – und kein Volk.

    Nehmen wir die deutsche Geschichte und die Zeit vor Preußen.
    Deutschland war unterteilt in zig eigenständige Herrschaftsbereiche mit unterschiedlichen Interessen – lauter kleine Fürstentümer.
    Erst die Bildung eines einigen Staates konnte alle mit einer Stimme sprechen lassen.
    Aber was führte zu der Einigung?
    Das Wissen um die historischen Gemeinsamkeiten, um gemeinsame Traditionen.
    Um ein gemeinsam empfundenes WIR, dem die Gefahren von außen als Begrenzung
    gegenüberstanden.

    Auf welche Gemeinsamkeiten, auf welche Traditionen schauen „die Palästinenser“,
    um eine Einigung zu erzielen?

    Alle Gruppen der Pali-Araber, was mir eine bessere Bezeichnung dünkt, haben
    unterschiedliche ausländische Geldgeber und Waffenlieferanten,
    die unterschiedliche, ausländische Interessen in ihre „Großzügigkeiten“ mit
    einfliessen lassen.

    Allen diesen „Gönnern“, die von ihrer Interessenlage eher als Terrorfürsten denn
    als Unterstützer des „palästinensischen“ Volkes auftreten,
    ist eines gemein:
    Keiner von denen kann ein aufrichtiges Interesse an einem starken,
    erfolgreichen, im arabischen Raum befindlichen,
    Palästina mit einer wirtschaftlichen Aufwärtskurve haben!
    Denn so ein Palästina wäre wirtschaftlich und politisch ein Konkurrent.
    In unmittelbarer Nachbarschaft zu Israel gelegen, würde so ein Palästina
    womöglich als Zulieferer eine israelähnliche wirtschaftlich ausgerichtete, industrielle
    Infrastruktur entwickeln
    – die die „Gönner“ doch selber nicht für ihr Land vorweisen können!

    Im Interesse ihrer Clans übersehen die pali-arabischen Clanführer diese
    unbedeutende Nebensächlichkeit und lassen sich wie Süchtige
    mit Kapital und Kriegswaffen anfüttern
    – um auf dem Rücken des pali-arabischen Volkes die Träume ihrer Geldgeber
    zu erfüllen.

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