Evang. Kirche in Bremen-Vegesack. Foto Joern M, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons.

Pastor Volker Keller aus Bremen ist schon im Mai von seinem Amt als „Beauftragter für den Dialog mit den Religionen“ der Bremischen evangelischen Kirche zurückgetreten. Er war „unhaltbar“ geworden, nachdem er einen Brief an die Jerusalem Post mit „Antisemit“ unterzeichnet hatte.

Im Norden Bremens liegt der Stadtteil Vegesack, eine hügelige Ansammlung von Dörfern mit Hafen. Die Gegend um die sogenannte „Bremer Schweiz“ ist traditionell ein Ort für Schiffer und Kaufleute. Es ist nicht ungewöhnlich, dass es einen Vegesacker Pastor ins Ausland zieht.

Und so kam Pastor Volker Keller bis nach Jerusalem und „Palästina“. Auf seiner Homepage und im Weser Kurier schildert er seine Erlebnisse.

Er beginnt mit einer Frage: „Wie soll ich über eine Reise nach Israel und Palästina schreiben? Verzichte ich auf eine Bewertung des politischen Konflikts, bin ich ein Angsthase. Nenne ich das Unrecht beim Namen, bin ich für Israelunterstützer ein Antisemit. Als Angsthase würde ich mein Versprechen gegenüber den Palästinensern brechen: „Ich werde von eurem Leid erzählen! Als Judenfeind oder gar „Nazi“, wie ich auf der Reise genannt wurde, möchte ich mich nicht bezeichnet sehen, weil ich es nicht bin. Ich schätze die jüdische Religion mit ihren schönen Festen und ich achte das Volk, das sich in seiner Geschichte nicht hat unterkriegen lassen. Was schreibe ich also? Die Tatsachen.

Wieso Angsthase? Und wieso sollte er überhaupt „bewerten“. Kann man als Pastor, Deutscher und Europäer eine Reise nicht erst mal auf sich wirken lassen, ohne gleich zu „bewerten“? Welches Unrecht meint er? Die Terrorattacken? Die Selbstmordattentate der Palästinenser? Die mörderische Propaganda, die allen Juden ein Existenzrecht abspricht? Nichts davon. 

Tatsachen, die der Pastor ausblendet

Den 6 Tagekrieg 1967 haben die Ägypter und Syrer provoziert mit der Blockierung der Strasse von Tiran, dem Abzug der UNO-Beobachter aus Sinai, dem Beschuss Israels vom Golan. Es gab noch viele andere Gründe für den Ausbruch des Krieges. Und dann kam die ganz grosse „Ungerechtigkeit“: dass die Araber den Krieg verloren haben, anstatt Israel zu zerstören.

Land im Krieg zu erobern/besetzen gehört nun einmal zum Kriegsgeschäft. Siehe die deutsche Geschichte und ihre „Ungerechtigkeiten“ zu Schlesien und Königsberg. Ohne Besatzung als legitimer Zustand wären die Genfer Konventionen überflüssig, die das Leben in und unter einer Besatzung regeln.

Was ist das für ein eigentümliches Versprechen, über das „Leid“ der Palästinenser zu berichten. Kann etwa ein mittelloser Bremer Strom und Wasser kostenlos beziehen oder sich riesige kitschige Villen bauen, wie in Ramallah und Bethlehem. Israelis träumen davon, ohne Sicherheitskontrollen ein Restaurant betreten zu können und sich so sicher zu fühlen, wie Palästinenser in Ramallah, Nablus, Bethlehem oder im arabischen Teil von Hebron. Doch Israelis dürfen diese Städte nicht mehr betreten, nachdem zu viele von ihnen ermordet worden sind, weil sie Juden waren. Ermordete leiden nicht.

Wieso leiden die palästinensischen Mörder? Die werden wie Helden gefeiert und kriegen auch noch fette Gehälter. Diese Palästinenser „leiden“ vielleicht, weil sie mehr verdienen, als der Pastor aus Bremen. Wenn er auf der Reise schon als Judenfeind und Nazi bezeichnet worden ist, dann dürfte das einen guten Grund gehabt haben, den er uns aber nicht verrät. Hat er vielleicht selber den Vorwand geliefert?

Wenn er dann die „Tatsachen“ aufschreibt, ist bemerkenswert, welche er auswählt und welche er auslässt.

So behauptet er: „Nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 besetzte die israelische Armee das palästinensische Land und richtete Checkpoints ein, um arabische Attentäter aufzuhalten und Waffentransporte zu verhindern.“ Interessant! Wieso kämpfte die israelische Armee 1967 gegen Jordanien, eroberte aber „palästinensisches Land“? Wieso haben viele Palästinenser heute noch einen jordanischen Pass? Wieso hat Jordanien sogar auf dem Tempelberg heute noch Vorrechte, wenn das alles 1967 schon „palästinensisch“ war? Palästinensisch sind heute nur die Autonomiestädte, die 1994 im Rahmen der Osloer Verträge den Palästinensern zur Selbstverwaltung übergeben worden sind. Alles andere sind legal von Israel besetzte Gebiete. Checkpoints entstanden erst nach der Gewaltwelle der 1. Intifada, die Mauer sogar erst 2003. Nichts davon ist auf „palästinensischem Land“ errichtet worden. Wer sich nicht auskennt, sollte erst einmal recherchieren und die „andere“ Seite anhören. Das sollte auch für Bremer Pastoren gelten.

Offenbar ist er zum ersten Mal nach dem Ausbruch der 1. Intifada 1987 nach Israel und „Palästina“ gereist. Vorher konnten sich Araber, Juden und sogar Pilger wie der Bremer Pastor ohne jegliche Kontrollen im ganzen Land frei bewegen. Zu glauben, dass das, was er heute sieht, immer so gewesen sei, ist abwegig. Das ist, also würde er von Bremen nach Berlin reisen und behaupten, es habe nie eine DDR gegeben, weil nichts mehr davon übriggeblieben ist.

„Dialog“ ohne Ende

In einer Email an den Journalisten Benjamin Weinthal der Jerusalem Post unterzeichnete der Pastor: „Mit besten Wünschen nach Israel, Ihr Volker Keller, Antisemit“. Damit befasste sich auch das Simon Wiesental Zentrum in Wien. Später behauptete er, dass „Antisemit“ eindeutig „ironisch“ gemeint gewesen sei. Die Jerusalem Post titelte: „Deutscher Pastor erklärt sich zum Antisemiten“.

Inzwischen verkündete der Bremer Pastor den Rücktritt von seinem Amt als Beauftragter der Bremischen Evangelischen Kirche für den Dialog mit den Religionen. Wegen jenem Brief an Weinthal war er für die EKD in diesem Amt nicht mehr haltbar. Der Bremer Weserkurier schrieb: „Pastor Renke Brahms, Schriftführer der Bremischen Evangelischen Kirche, hat den Rücktritt Volker Kellers „mit Respekt“ zur Kenntnis genommen.“ Das war im Mai. Doch auf der Homepage der Evangelischen Kirche in Bremen gilt er nach wie vor als „Beauftragter für den Dialog mit den Religionen“. Seine dort bis heute veröffentlichten Ausführungen sprechen für sich:

„Bremerhavens Bürgermeister Michael Teiser (CDU) stellt in Frage, dass Muslime in Deutschland voll hinter dem Grundgesetz stehen und führt als Begründung den Koran an. Wer zu 100 Prozent hinter dem Koran stehe, könne nicht voll hinter der Verfassung stehen.  Er bezieht sich auch auf ein internes Gutachten des städtischen Rechtsamtes. Teiser ist zu widersprechen.

Diverse wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass die Haltung von Muslimen zur Verfassung sowie zu allgemeingültigen Normen und Werten von Normalität gekennzeichnet ist. Sie unterscheidet sich nicht grundsätzlich von Einstellungen der nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaft. Eine Studie der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung zu Kopftuchträgerinnen kommt zu dem Ergebnis, dass die Frauen nicht anders denken als durchschnittliche deutschstämmige. Die Musliminnen wünschen sich eine demokratisch gewählte Regierung und lehnen radikale politische Vorstellungen ab, „Macho“-Männer akzeptieren sie nicht. Die Bertelsmann Stiftung betont in ihrem „Religionsmonitor“, dass es unter Muslimen kaum fundamentalistische Einstellungen gebe, wohl aber das Interesse, sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren. Gegenüber anderen Religionen seien sie tolerant. Islamistische Parteien lehnt eine deutliche Mehrheit unter den Muslimen ab. Das Bundesamt für Migration kommt zu dem Ergebnis, dass die Mehrheit der Muslime sich Deutschland „stark verbunden“ fühlt und mehr Kontakt zu Nichtmuslimen wünscht. Frauen würden sich für das Kopftuch ohne Zwang entscheiden; Verweigerungen wie beispielsweise des Schwimmunterrichts für Mädchen seien Einzelfälle. Der Bremer Verfassungsschutz spricht davon, dass extreme Einstellungen, die der Rechtsordnung widersprechen, nur bei einer kleinen Minderheit zu finden seien.

Teisers Vorstellung, ein Muslim sei verpflichtet, den Koran eins zu eins in die Tat umsetzen, ist abwegig. Muslime gehen davon aus, dass der Koran ein historisches Dokument ist und dass jeder Text seinen sozialen, politischen und kulturellen Kontext hat, in dem er im siebten Jahrhundert geäussert wurde. Der Kontext der Auslegung im 21. Jahrhundert ist ein ganz anderer, nicht für jede Vorschrift besteht eine unbedingte Gültigkeit. Der Koran setzt eine islamische Gesellschaft voraus, deutsche Muslime dagegen leben heute als Minderheit in einer nichtmuslimischen Gesellschaft. Das bedeutet für sie nach ihrem eigenen Verständnis, dass sie die Verfassung des nichtmuslimischen Landes anzuerkennen haben. Durch ihre Anwesenheit haben sie ein stillschweigendes Abkommen mit dem Staat geschlossen: „Muslime sind an ihre Verträge gebunden“, stellt der bekannte muslimische Theologe Tariq Ramadan klar und gibt damit auch die Sicht der islamischen Verbände und Religionsgemeinschaften in Deutschland wieder, ihre Rechtstreue. Geriete ein Muslim in einen Loyalitätskonflikt, müsse er seine Glaubenspflicht mit den geltenden Gesetzen in Einklang bringen. Wiederholt hat es solche Anpassungen von Islam und staatlicher Ordnung gegeben: Die Muslime dürfen Tiere schächten – aber nur mit Narkose; sie dürfen Kinder beschneiden lassen – aber nur von Fachleuten. Beschneidung bleibt Körperverletzung, wird aber strafrechtlich nicht verfolgt.

Mit der Unterzeichnung des Staatsvertrags ist Bremen auf einem guten Weg. Für die Bremer Muslime war der Tag der Unterzeichnung ein „historischer“ Tag, wie der Vorsitzende der Religionsgemeinschaft Schura, Mustafa Yavuz, sagte. Die Mehrheits-Bevölkerung darf sich in ihrem Verständnis des Islam noch weiter entwickeln. Es herrschen noch zu viele Vorurteile, die das Zusammenleben erschweren.

Pastor Volker Keller (Beauftragter für den Dialog mit den Religionen)“

So bastelte sich der Pastor eine Weltsicht zusammen, die von seiner Kirche mitgetragen wird. Sie widerspricht fast allen Aussagen von Moslems, Medien und Forschern. Sind an den Vorgängen in Flüchtlingsheimen, an sexuellen Übergriffen in Köln und anderswo, an islamischen Hasstiraden gegen Juden bei Grossdemonstrationen, an Anschlägen in Ansbach und München allein die „Vorurteile“ der „durchschnittlichen Deutschstämmigen“ schuld? Waren die Terroranschläge in New York, Paris, Nizza, Kopenhagen auch nur die Folge eines mangelnden Verständnisses der Mehrheitsgesellschaft? Des Pastors Aussage steht auch im Widerspruch zur Bremer Realität. Gemessen an der Zahl der Einwohner gilt ausgerechnet Bremen als Hochburg der Salafisten, die des Pastors gewagte Interpretation gewiss nicht teilen.

Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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