Titelseite der Beilage von Haaretz. Foto U.Sahm
Lesezeit: 4 Minuten

„Glauben Sie an Gott?“ Die Zeitung Haaretz schickte im September, im Vorfeld der hohen jüdischen Feiertage, an alle 120 Abgeordneten der Knesset eine kurze Mail mit dieser Frage. Das Ergebnis wurde jetzt in einer Wochenendbeilage veröffentlicht.

70 antworteten mit „Ja“, 39 verweigerten eine Antwort oder reagierten nicht, trotz weiterer Nachfrage und Telefonanrufen. Zwei antworteten so umständlich, dass nicht ergründet werden konnte, ob sie nun an Gott glaubten oder nicht. Erstmals hat die Zeitung eine solche Umfrage 1996 durchgeführt. Damals erhielt sie 91 positive Antworten, 9 verneinten, und 20 verweigerten eine Antwort.

Ein einziger Abgeordneter der „Zukunftspartei“ antwortete mit einem klaren und kurzen „nein“. Insgesamt 9 Abgeordnete glauben ausdrücklich nicht an Gott, schickten aber Rechtfertigungen zu ihrem Unglauben, weil es in Israel heute möglicherweise „politisch inkorrekt“ sei, von Gott nichts zu halten, wie die Zeitung kommentierte. 

Von Premierminister Benjamin Netanjahu kam eine Antwort aus seinem Amt: „Der Ministerpräsident führt politische Gespräche in den USA. Er hat derzeit keine Zeit für leichtgewichtige Dinge.“ Bei der Umfrage 1996 hatte er erklärt, an Gott zu glauben.

Jair Lapid, Chef der Zukunftspartei, schrieb nur „Verzichte“. Oppositionschef Jitzhak Herzog antwortete mit einem kurzen „Ja“, ohne weiteren Kommentar.

Religiöse und ultraorthodoxe sowie islamistische Abgeordnete empfanden die Anfrage als „Unverschämtheit“, während andere erwartungsgemäss positiv antworteten. Manche weltliche Abgeordnete meinten, dass sie „ganz einfach“ an Gott glauben, aber seine Gesetze und die Religion nicht ausüben. Manche schickten Erklärungen mit „viel sprachlicher Akrobatik“, sodass unklar war, ob sie nun an Gott glauben oder nicht. Positiv hervorgehoben wurde Nachman Schai, der seine Zweifel aufschrieb und dann die Stimmung in seiner Synagoge darstellte, ohne ein Wort zu seinem Glauben zu erwähnen.

Zahava Galon von der linksgerichteten Meretz-Partei glaubt nicht an Gott und rechtfertigte sich mit westlicher Philosophie, weltlichen Anschauungen und „universalen moralischen Vorstellungen von Liebe“.

„Private Angelegenheit“

Die Verweigerer einer Antwort behaupteten, sich grundsätzlich nicht an Umfragen zu beteiligen, beklagten einen Eingriff in ihre „persönlichen Angelegenheiten“. Ein Araber der „Gemeinsamen Liste“ forderte eine „Trennung von Religion und Staat“. Mitglieder der grossen Koalitionsparteien verlangten, Glaubensfragen als „private Angelegenheit“ zu betrachten. Ein prominenter israelischer Politiker, der Verteidigungsminister und Vorsitzender der „Israel unser Haus“-Partei, Avigdor Lieberman, wurde nicht befragt, weil er bei seiner Ernennung zum Minister auf die Mitgliedschaft in der Knesset verzichtet hat.

In der Beilage wurden die Antworten von jedem einzelnen Abgeordneten mitsamt Bild wiedergegeben.

Beni Begin, der Sohn von Premierminister Menachem Begin, weigerte sich, „an diesem Projekt teilzunehmen“. Nava Boker vom Likud glaubt an Gott und seine Kräfte, fragt sich aber, wo er denn gewesen sei, als ihr Mann bei einem Waldbrand ums Leben kam. Manche erwähnen ihre Kindheit in einem „frommen Heim“. Joav ben Zur von der orthodoxen Schasspartei weiss genau: „Wo das Wissen endet, beginnt der Glaube“. Ilan Gilon von der linksgerichteten Meretz-Partei glaubt, dass „Gott die Solidarität und die Hingabe aller Menschen“ sei. „Ich glaube aber nicht an ein metaphysisches Wesen mit Bart, das im Himmel wohnt. Ich glaube eher an synergetische Ereignisse in den Herzen der Menschen.“

Masoud Ganaim von der gemeinsamen arabischen Liste glaubt an Gott und vor allem an das Jenseits, weil es dort „keine Besatzung, keinen Rassismus und keine Diskriminierung“ gebe. Mehrere Abgeordnete wissen, dass es Gott gibt, weil es das jüdische Volk schon seit 3’500 Jahren gibt und in Israel einen neuen Staat gegründet habe.

„Gott ist ein gesellschaftliches und politisches Ereignis“

Tamar Sandberg glaubt weder an Gott noch an eine höhere Gewalt oder an ein übermenschliches Wesen. Für sie sind „wir, die Menschen, die Quelle aller Macht“. Gleichwohl wisse sie genau, dass es Gott gebe, aber nicht als „körperloses Vorkommnis“ sondern als „greifbares Wesen“. Sie schreibt: „Gott ist ein gesellschaftliches und politisches Ereignis. Der Mensch hat sich seinen Gott für seine Zwecke geschaffen, nach seinem eigenen Vorbild, fügte ihn der Sprache ein, der Kultur, der Kunst und der Politik. Es ist der Mensch, der in seinem Namen endlose blutrünstige Kriege führte und noch führen wird, Frauen unterdrückt und sich Schwule und Lesben verweigert. Sie empfiehlt, Gott von dem Joch des Staates (Israel) zu befreien und ab sofort öffentliche Verkehrsmittel am Sabbat zuzulassen. „Ich bin sicher, dass er auch dafür ist.“

Dov Chanin, jüdischer Abgeordneter der (arabischen) gemeinsamen Liste sucht Mitkämpfer, die an einen Garten Eden im Himmel glauben, um die Hölle auf Erden zu verhindern. Vom Judentum nimmt er die revolutionäre Idee des wöchentlichen Ruhetags und den Versöhnungstag (Jom Kipur) als vollkommene Pause von Arbeit und Konsum in unserer turbo-kapitalistischen Wirklichkeit.

„Ich glaube nicht“

Scheli Jechimowic, führendes Mitglied des „Zionistischen Lagers“, erklärt: „Ich glaube nicht. Ich bin weltlich ausgerichtet. Das Judentum ist Teil meiner Identität, Teil eines Volkes und Schicksals.“ Ihre orthodox-jüdische Familie sei im Holocaust umgebracht worden. Ihre geretteten Eltern waren wütend auf Gott und betrachteten ihn als einen „Verräter“. Zum Abschluss ihrer Ausführungen schreibt sie: „Ganz offen gestehe ich, mich in Notzeiten gelegentlich an Gott zu wenden, um auf eine Nummer sicher zu gehen.“

Jael Cohen Paran glaubt nicht an die „persönliche Vorsehung“, sondern an eine „unendliche Energie“. Als Wissenschaftlerin habe sie bemerkt, wie schwer es sei, die Welt, in der wir leben, wirklich zu verstehen. Je tiefer man in die Dinge eindringt, werde sie irrationaler und unverständlicher. In diesem Sinne glaube sie an „irgendeine Kraft“, die wir nicht fassen können. Alisa Lavie von der Zukunftspartei ist ihrem Gott erstmals im Buchara-Viertel in Jerusalem begegnet, und seitdem begleitet er sie im Herzen überall hin.

 

Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

Alle Artikel
Diesen Beitrag teilen
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  

1 KOMMENTAR

  1. Dieses Ergebnis überrascht mich nun doch etwas!! Sehr schade, dass der Trend in Israel und ihren Regierenden die gleichen Züge annimmt wie in der gesamten ‚christl. Welt‘ auch. Yahweh erbarme dich deines Volkes, denn sie werden dich noch anflehen und suchen – um Hilfe.

Comments are closed.