Jibril Rajoub und „Die Frohe-Weihnachten-Gruppe“

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Jibril Rajoub während eines Interviews im ägyptischen Fernsehen. Foto Screenshot Youtube
Jibril Rajoub während eines Interviews im ägyptischen Fernsehen. Foto Screenshot Youtube
Lesezeit: 8 Minuten

Ein führender palästinensischer Offizieller erzürnt die palästinensischen Christen, indem er sie als „Die Frohe-Weihnachten-Gruppe“ bezeichnete und sie der Unterstützung der islamischen Hamas bezichtigte.

von Khaled Abu Toameh

Jibril Rajoub, Präsident des palästinensischen Fussballverbands und Spitzenvertreter der Fatah, der zuletzt als Kommandeur des berüchtigten Sicherheitsdiensts der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) im Westjordanland gedient hatte, tätigte seine beleidigenden Äusserungen in einem kürzlich geführten Interview mit einem ägyptischen Fernsehsender.

Bezugnehmend auf die ursprünglich für den 8. Oktober angesetzten palästinensischen Kommunalwahlen, die dann aber aufgrund des fortgesetzten Machtkampfs zwischen Fatah und Hamas ausgesetzt wurden, äusserte sich Rajoub in dem Interview wie folgt:

„Selbst einige unserer Brüder, die ‚Frohe-Weihnachten-Gruppe‘, haben [bei den palästinensischen Parlamentswahlen 2006] für die Hamas gestimmt. Heute wird niemand mehr für die Hamas stimmen. Was haben sie denn schon von der Hamas gehabt? Die Hamas hat nichts als Zerstörung gebracht.“

Das Interview wurde später vom offiziellen Fernsehsender der PA, Palestine TV, ausgestrahlt – ein Schritt, der als Billigung des Angriffs auf die palästinensischen Christen verstanden wird. Kritiker argumentierten, dass Palestine TV zumindest die Teile hätte herausschneiden sollen, in denen Rajoub den Christen Beleidigungen und Anschuldigungen entgegen schleudert.

Wenngleich sich Rajoub im Nachhinein halbherzig für die Beleidigung der christlichen Minderheit entschuldigt hat, werden seine Bemerkungen weiterhin von vielen Christen und selbst von einigen Moslems aufs Schärfste verurteilt.

Es war das erste Mal, dass sich ein hochrangiger Vertreter der PA-Führung öffentlich gegen die christliche Gemeinde äusserte. Viele Christen waren der Ansicht, Rajoubs abwertende Kommentare würden die Spannungen zwischen Christen und Moslems in den palästinensischen Gebieten weiter verschärfen. Sie betonten, dass der führende PA-Vertreter dadurch, dass er sie als eine „Gruppe“ bezeichnet, die Christen tatsächlich ausschliesse und ihre Existenz als ein integraler Bestandteil des palästinensischen Volkes leugne.

Rajoubs Bemerkungen zeigen die arrogante und respektlose Haltung vieler Mitglieder der Führungsriege der PA gegenüber den palästinensischen Christen. Dies steht allerdings in eklatantem Widerspruch zu der öffentlichen Strategie der PA-Führung, die höchsten Respekt für die palästinensischen Christen demonstriert und sie als gleichberechtigte Bürger und Partner im palästinensischen „Nationalprojekt“ betrachtet. Den verärgerten Reaktionen der palästinensischen Christen nach zu urteilen, sind sie in diesem Fall jedoch nicht dazu bereit, auch die andere Wange hinzuhalten.

In einem offenen Brief an Rajoub, der wegen Terrorismusvorwürfen 17 Jahre in israelischen Gefängnissen verbracht hatte, schrieb Pastor Danny Awad von der Presbyterianischen Kirche in Baraka in Bethlehem:

„Wir sind ein untrennbarer Bestandteil des palästinensischen Volkes und viele von uns haben im Kampf für die palästinensische Sache ihr Leben gelassen. Wir sind keine Gruppe, die plötzlich vom Mars hierhergekommen ist. Wir sind schon seit mehr als 2000 Jahren hier. Wir sind keine Gruppe, die Sie einfach abwerten können. Wir sind keine Fremden oder Gäste, Ausländer oder Ausserirdische, die eine fremde Sprache sprechen.“

Habib Efram, Leiter der Syrischen Liga, verurteilte die von Rajoub geäusserten anti-christlichen Kommentare als „gefährlich, befremdend und provozierend.“ In Bezug auf die Situation der Christen im Nahen Osten erklärte er:

„Wir wissen schon länger, woher wir diese Hiebe erhalten. Wir weisen die Bemerkungen von Jibril Rajoub, Mitglied des Zentralkomitees der Fatah, zurück und verurteilen sie und wir verlangen eine öffentliche Entschuldigung. Ausserdem fordern wir die palästinensische Führung dazu auf, einzuschreiten und die Situation zu berichtigen.“

In einer früheren Stellungnahme sagte Efram:

„Die Christen sind das schwächste Glied in der Region – das zeigt sich darin, dass die christliche Präsenz in den Städten und Ortschaften im Irak und Syrien nahezu nicht mehr vorhanden ist. Wenn der IS besiegt ist, welche Garantie haben wir dann, dass nicht von irgendwoher ein neuer IS auftaucht, um die Christen zu bedrohen? Wir müssen uns dem mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln widersetzen. Die Christen müssen im Nahen Osten präsent bleiben. Wir müssen unsere Methoden verändern und wir müssen ein politisches Programm haben.“

Eframs Bemerkungen signalisieren, dass Christen im Allgemeinen und insbesondere jene, die in den palästinensischen Gebieten leben, Rajoubs abwertende Kommentare als Teil der verbreiteten Verfolgung von Christen in arabischen und islamischen Ländern betrachten. Es ist ein Feldzug, der in den vergangenen Jahren Tausende Christen das Leben gekostet und viele von ihnen dazu gezwungen hat, in die USA, nach Kanada, Australien und Europa zu fliehen.

Der griechisch-orthodoxe Patriarch von Jerusalem, Erzbischhof Theodosius (Hanna Atallah), stellte fest, dass Rajoubs Aussagen nicht nur die Christen, sondern alle Palästinenser verletzen. „Diese Bemerkungen sind fremd in unserer Kultur“, ergänzte der Erzbischof.

„Palästinensische Christen sind keine Gruppe. Wir sind vielmehr ein Teil der ersten Kirche Palästinas und wir sind stolz darauf, Christen zu sein. Wir sind keine vom Westen aufoktroyierte Ware. Die christliche Präsenz in Palästina hat eine ruhmreiche und lange historische Tradition. Christen wie Moslems sind stolz auf diese Geschichte. Diese beleidigenden Äusserungen bestärken uns nur darin, noch entschlossener an unserer nationalen Präsenz, Botschaft, Identität und Verbindung zu diesem Heiligen Land festzuhalten. Diese Aussagen repräsentieren weder unser Volk, noch unser nationales Erbe.“

Rajoubs aufwiegelnde Äusserungen fanden auf dem Höhepunkt des Kommunalwahlkampfs statt und zielten darauf ab, der Fatah an den Wahlurnen spürbaren Schaden zuzufügen. Die Behauptung, dass einige Christen bei den Wahlen von 2006 für die Hamas gestimmt hätten, wurde zu keinem Zeitpunkt bestätigt. Aber hätte der palästinensische Oberste Gerichtshof die Kommunalwahlen nicht ausgesetzt, dann hätten verärgerte Christen aus Bethlehem und anderen palästinensischen Städten und Ortschaften vermutlich jeden anderen als die Fatah gewählt. Derart abfällige Bemerkungen aus dem Munde eines führenden PA-Vertreters aus dem engsten Umfeld des Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmud Abbas, werden äusserst ernst genommen. Interessanterweise hat Abbas selbst den Äusserungen Rajoubs nicht widersprochen – eine Tatsache, die zu weiterer Empörung in der Gemeinschaft der palästinensischen Christen beigetragen hat.

Während Abbas sich in der von seinem führenden Vertreter ausgelösten Kontroverse still verhielt, wurden innerhalb der Fatah Stimmen laut, die sich den Rufen nach einer Entschuldigung Rajoubs anschlossen.

„Dass islamistische Gruppen über die Rechte der Christen diskutieren ist lachhaft.“

Die Anführer der Fraktion in Bethlehem, wo die Christen in den letzten Jahren zu einer Minderheit geworden sind, waren sich nämlich sehr bewusst, welchen Schaden solche Äusserungen der Fatah zufügen könnten. Sie nahmen die Sache selbst in die Hand und boten ihre eigene Entschuldigung an. „Den Christen steht eine Entschuldigung zu“, sagte Mohammed al-Masri, Generalsekretär der Fatah in Bethlehem. „Wir in Bethlehem sind eine Familie, und so etwas wie eine einzelne ‚Gruppe‘ von Menschen hat es unter uns nie gegeben. Die Christen waren immer Miteigentümer des Landes und Partner in Blut, Verbundenheit und wenn es galt, Entscheidungen zu treffen.“

In einem Schritt, den man nur als ironisch bezeichnen kann, sprachen sich die Hamas und der palästinensische Islamische Dschihad gegen Rajoubs anti-christliche Äusserungen aus. Diese Organisationen lassen keine Gelegenheit vorübergehen, der Fatah und ihren Führern einen Seitenhieb zu verpassen, indem sie sie als Verräter darstellen, die gegen die Interessen der Palästinenser handeln. Dass jedoch gerade diese beiden islamistischen Gruppen über die Rechte der Christen diskutieren, ist geradezu lachhaft. Unter ihrer Herrschaft ist die Zahl die Anzahl der Christen in den letzten zwanzig Jahren von 3’500 auf 1’300 zurückgegangen.

Anfang des Jahres erlitten die palästinensischen Christen einen weiteren schweren Rückschlag, als die Hamas die Ruinen einer antiken byzantinischen Kirche zerstörten, die erst vor Kurzem im Gazastreifen entdeckt worden war. Die Überreste der 1’800 Jahre alten Kirche waren unter dem Palästina-Platz im Al-Daraj-Viertel von Gaza-Stadt entdeckt worden, wo die Hamas den Bau eines grossen Einkaufszentrums plant. Die palästinensischen Christen waren enttäuscht über das mangelnde Interesse der internationalen Gemeinschaft, einschliesslich des Vatikans und christlicher Gemeinschaften in der ganzen Welt, das diese an diesem Fall zeigten, der ihrer Ansicht nach ein Angriff auf ihr Erbe und ihre heiligen Stätten ist.

Und ganz ähnlich, wie in diesem Fall, gelang es auch dem Angriff auf die palästinensischen Christen durch einen Spitzenvertreter der PA-Führung nicht, die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft zu erregen. Vom ihrem Standpunkt aus betrachtet scheint es in Ordnung zu sein, wenn ein palästinensischer Offizieller sich über die palästinensischen Christen lustig macht und sie der Unterstützung der Hamas beschuldigt. Wären die Äusserungen von einem israelischen Offiziellen gekommen, hätte die Berichterstattung möglicherweise ein wenig anders ausgesehen.

Rajoubs hetzerische Worte fielen zeitlich zusammen mit einer vom Generalsekretär des Islamisch-christlichen Komitees für den Schutz Jerusalems und der Heiligen Stätten, Dr. Hanna Issa, herausgegebenen Warnung hinsichtlich der schwindenden christlichen Präsenz im Nahen Osten.

„Was hier in der Region passiert, nämlich der Rückgang der Anzahl der Christen, ist eine Katastrophe, nicht nur für Christen, sondern auch für Moslems“, warnte er. „Dies wird die Auflösung der Gesellschaft zur Folge haben und wenn die Christen uns verlassen, werden wir mit ihnen zusammen auch Vielfalt sowie wissenschaftliche, ökonomische und kulturelle Kompetenzen verlieren.“ Nachdem er angemerkt hatte, dass obwohl 20 % der weltweiten palästinensischen Bevölkerung Christen sind, diese Anzahl bei den im Westjordanland, in Ost-Jerusalem und im Gazastreifen lebenden Palästinensern lediglich 1 % beträgt, kam Issa zu folgendem Schluss:

„Es ist im Interesse der Moslems in der ganzen Welt und insbesondere jener im Nahen Osten, die Präsenz der Christen in der arabischen Welt zu erhalten und mit aller Kraft zu schützen. Mit der Abwanderung von Christen aus dem Nahen Osten werden die arabische Kultur und Identität verarmen.“

Rajoubs Herabwürdigung der palästinensischen Christen wird vermutlich tatsächlich Christen dazu veranlassen, die vom Westen unterstützten Gebiete der Palästinensischen Autonomiebehörde zu verlassen. Solche Äusserungen sind besonders unangebracht zu einer Zeit, da sich Christen in Syrien, dem Irak und Ägypten einer Terrorismus- und Einschüchterungsoffensive durch muslimische Extremisten gegenübersehen. Wenn die Westler, die die PA unterstützen, nicht endlich ihre Stimme gegen eine solche Misshandlung der palästinensischen Christen erheben, entscheiden sich die Christen in Bethlehem möglicherweise, Kommunalwahlen hin oder her, mit ihren Füssen abzustimmen.

Auf Englisch zuerst erschienen bei Gatestone Institute. Khaled Abu Toameh ist ein preisgekrönter arabisch-israelischer Journalist und TV-Produzent.

1 KOMMENTAR

  1. Das sind ganz neue Nachrichten. Die ARD hat uns bisher nur Ch risten vorgeführt, die getreu den Worten des lateinischen Patriarchen Sabah in erster Linie Palästinenser und erst in zweiter Linie Christen waren. Protestanten verfügen sogar über eine neue palästinensische Glaubenslehre. Gästeführer sind übrigens auch gern Christen unbekannter Konfession, wenn die Gäste Christen sind. Sie gehören wohl chamälionischen Kirche an.

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