Foto PD
Lesezeit: 4 Minuten

Mexiko, ein Land mit 125 Millionen Einwohnern, das fortwährend mit seinem Image, mit Armut und Drogenbanden kämpft, könnte kaum weiter entfernt sein vom Nahen Osten – geografisch, politisch und was die Mentalität betrifft.

Ein Kommentar von Amotz Asa-El

Doch dass das Land heutzutage ein geopolitischer Brennpunkt ist, ist Teil eines grösseren Problems: des Versäumnisses, Grenzen zugunsten regionaler Alternativen weltweit zu senken.

Das regionalistische Experiment startete vor sechs Jahrzehnten in Europa und segelte dann nach Amerika, später in den Fernen Osten. Im Nahen Osten hingegen havarierte es gleich beim Start, eine Tragödie, die derzeit überall in der entwickelten Welt zu einer Krise dieser Vision führt.

DER REGIONALISMUS begann 1957 mit dem Gemeinsamen Markt, dem Vorläufer der Europäischen Union. Die Vision war es, ehemalige Feinde zusammenzuschweissen, indem man mithilfe gemeinsamer Institutionen den freien Verkehr von Personen, Gütern und Krediten förderte.

Mit gemeinsamer Bürokratie fing es an, bald kamen eine gemeinsame Gesetzgebung und der gemeinsame Reisepass hinzu, schliesslich die Einführung des Euros; durch all diese Massnahmen zusammen wurde die nationale Souveränität ausgehöhlt.

Die Staaten Amerikas folgten dem Beispiel, indem sie die Freihandelszone NAFTA im Norden und Mercosur im Süden gründeten. Sie vermieden Europas politisches Experiment, senkten aber die Handelsbarrieren. Asien tat das Gleiche mit der Gründung des ASEAN.

Jetzt aber erlebt der Regionalismus einen Rückschlag.

Grossbritannien hat in einem Volksentscheid entschieden, die EU zu verlassen, Griechenland hat den Euro beschädigt und die meisten Polen wollen lieber den Zloty behalten. Schlimmer noch, die innereuropäischen Grenzzäune, die gemeinsam mit der Berliner Mauer fielen, werden eilig wieder emporgezogen, von Ungarn und Serbien bis nach Bulgarien und Griechenland.

Die scharfen Auseinandersetzungen über die amerikanisch-mexikanische Grenze sind Teil dieses globalen Trends.

Ja, es ist wahr: Das Zeitalter des Regionalismus machte die USA und Mexiko zu ökonomischen Verbündeten, doch das war in den 1990er Jahren. Heute glauben Millionen Amerikaner, dass der Regionalismus ihre südliche Grenze zu durchlässig gemacht habe. Mexikos Präsident schliesst sich der Kritik an und macht die poröse Grenze dafür verantwortlich, dass Waffen aus den USA so leicht in sein Land kommen können.

Wenn der Regionalismus auch auf dem Rückzug ist, so war er doch eine noble Vision, mutig und – während des Grossteils eines halben Jahrhunderts – ein erstaunlicher Erfolg. Das ist der Grund, warum er Anfang der Neunziger Jahre den früheren israelischen Ministerpräsidenten und späteren Nobelpreisträger Shimon Peres inspirierte, im Nahen Osten ein ähnliches Projekt zu starten.

“Den neuen Nahen Osten”, nannte Peres seine Vision; nach den Land-für-Frieden-Abkommen zwischen Israel und seinen Nachbarn würden die Grenzen in der Region fast bedeutungslos, sagte er.

Personen, Güter und Geld würden sich frei durch den Nahen Osten bewegen; bald würden die Länder der Region durch aufregende Unternehmungen miteinander verbunden – etwa eine malerische transafrikanische Autobahn von Casablanca nach Alexandria; ein Hochgeschwindigkeitszug von Kairo nach Damaskus; eine Riviera am Roten Meer, die von Ägypten über Israel und Jordanien nach Saudi-Arabien reicht; ein gemeinsamer israelisch-jordanischer Flughafen, der Akaba und Eilat bedient; dazu ein regionales Stromnetz, das Nachbarländer miteinander verbindet.

Über eine gemeinsame Entwicklungbank mit Hauptsitz in Kairo würden die Regionalgierungen Kapital sammeln, um gemeinsam leichter Grossprojekte auf den Weg zu bringen. Als Krönung der Transformation würde Israel, dessen Bevölkerung zu 20 Prozent aus Arabern besteht, in die Arabische Liga aufgenommen werden, die dann ein mit der NATO vergleichbares regionales Verteidigungsbündnis schmieden würde.

Es war diese Vision, die Israels Wirtschaftselite davon überzeugte, das Osloer Abkommen zu unterstützen, das sich diesen Monat zum 23. Mal jährt. Gebannt von Peres’ Vision dachten israelische Unternehmer, dass sie schon bald Hotels in Katar bauen, Öl in Saudi-Arabien kaufen und Milchprodukte zum Frühstück nach Kuwait liefern würden.

Das Versprechen von Ministerpräsident Yitzhak Rabin, dass die Autofahrer im Nahen Osten in Tel Aviv ins Auto steigen und ohne Unterbrechung durch den Libanon und Syrien bis in die Türkei fahren könnten, überzeugte den Durchschnitts-Israeli davon, dass die Vision des Neuen Nahen Ostens den Preis an Territorium wert wäre.

Heute kommt einem diese Vision wie eine Fantasie vor.

Da Syrien heute ein Kriegsgebiet und Trümmerberg ist und die Strassen des Libanon von den Checkpoints rivalisierender Milizen gesäumt sind, bevorzugen die Touristen andere Urlaubsziele. Selbst die berühmten Badeorte der Türkei haben wegen des Terrors, dem türkische Städte vonseiten des Islamischen Staates und der Kurden ausgesetzt sind, viel von ihrer Anziehungskraft verloren.

Dass der derzeitige, vom Krieg zerrüttete Nahe Osten der Vision des Neuen Nahen Ostens hohnspricht, ist klar. Doch die Vision war schon gescheitert, lange bevor die derzeitigen Bürgerkriege 2011 ausbrachen.

Die arabischen Eliten lehnten Peres’ Vision ab, und nicht nur wegen Israel; sie sahen, dass aus Mobilität eine Bedrohung ihrer Macht erwachsen könnte. Das ist der Grund, warum arabische Regierungen keinen freien Personen- und Güterverkehr über ihre Grenzen zulassen und niemals auch nur daran gedacht haben, eine einheitliche Währung oder auch nur eine Entwicklungsbank zu schaffen.

„Die Abscheulichkeit der Realität hat die Utopie zum Rückzug gezwungen.“

Dies ist auch der Grund dafür, warum der ägyptische Verlag, der das Buch Der Neue Nahe Osten veröffentlichte, ihm ein Vorwort voranstellte, in dem es heisst, es bestätige die Protokolle der Weisen von Zion, jene berüchtigte antisemitische Fiktion über die jüdische Verschwörung zum Griff nach der Weltherrschaft.

All das war Teil eines breiteren und tieferen Problems, des Versagens dabei, die politischen, ökonomischen und intellektuellen Fesseln der arabischen Gesellschaften zu lösen. Dies war der Hintergrund der Umwälzungen, die 2011 vier langjährige arabische Herrscher stürzten, mehrere Bürgerkriege in Gang setzten und den Islamischen Staat hervorbrachten.

Es war dieses Chaos, das zu dem massenhaften Ansturm von Migranten führte, der wiederum dafür verantwortlich ist, dass sich nun Millionen Europäer von dem Postnationalismus der EU abwenden und stattdessen die Wärme und den Schutz des Nationalstaats suchen.

Trotz der offensichtlichen Unterschiede zwischen beiden fügen sich die postregionalistischen Krisen in Europa und Amerika zu einem Zeitgeist zusammen, von dem die Totgeburt des Neuen Nahen Ostens eine Vorahnung gab. Die Abscheulichkeit der Realität hat die Utopie zum Rückzug gezwungen.

Über Amotz Asa-El

Amotz Asa-El ist leitender Berichterstatter und ehemaliger Chefredakteur der Jerusalem Post, Berichterstatter Mittlerer Osten für Dow Jones Marketwatch, politischer Kommentator bei Israel's TV-Sender Channel 1 und leitender Redakteur des Nachrichtenmagazins Jerusalem Report.

Alle Artikel
Diesen Beitrag teilen
  • 5
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •