Der zerbombte Saadallah al-Jabiri Platz in Aleppo. Foto Zyzzzzzy / Flickr, CC BY 2.0, Wikimedia Commons
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Schade für Syrien. Nachdem es vom Militär des Assad-Regimes und dessen russischen, iranischen und libanesischen Verbündeten verwüstet wurde und nachdem es den Norden des Landes an die Kurden, den Osten an den IS und die Strassen der Städte an eine Unzahl miteinander rivalisierender Milizen verloren hat, ist nun auch noch die Türkei in das Land einmarschiert.

Eine Analyse von Amotz Asa-El

Auch wenn die Offensive vorerst noch begrenzt ist, was ihren Umfang und ihre Ausdehnung angeht, so heisst das doch, dass die Türkei damit ihren syrischen Rubikon überschritten hat.

Bislang hat sich das türkische Militär aus den syrischen Kämpfen herausgehalten, auch wenn die Führer der Türkei schon früh und unmissverständlich Partei gegen Assad bezogen hatten. Nun aber ist die Türkei einmarschiert und zwar aus zwei Gründen: wegen des Terrors des Islamischen Staats und wegen der militärischen Gebietsgewinne der syrischen Kurden.

Selbstmordattentate des Islamischen Staats an vielen Orten, von Istanbul im Nordwesten der Türkei bis hin zu Gaziantep im Südosten, haben Ankara die bislang fehlende Motivation geliefert, um sich an dem internationalen Kampf gegen den IS zu beteiligen.

Dennoch ist der IS, vom Standpunkt der Türkei aus betrachtet, nur eine vorübergehende Herausforderung, eine politische Improvisation mit oberflächlichen Wurzeln, begrenzten Ressourcen und einem kontinuierlich näher rückenden Ablaufdatum. Syriens Kurden sind da schon eine ganz andere Sache. Sie sind Teil einer Ethnie, die von ihrer Grösse her der Bevölkerung Spaniens entspricht und ein zusammenhängendes Gebiet von der Grösse Japans abdeckt, das sich vom Iran über den Irak und Syrien bis ins Kernland der Türkei erstreckt.

Da man davon ausgeht, dass 20 Prozent der Bevölkerung der Türkei Kurden sind, und da viele türkische Kurden einen eigenen kurdischen Staat anstreben und einige auch die PKK, die dieses Anliegen mit Gewalt voranbringen will, unterstützen, sieht die Türkei in der kurdischen Sache eine Gefahr für die eigene Integrität.

Der Krieg in Syrien hat dieses Dilemma noch verstärkt.

SYRIENS KURDEN, die auf etwa 2 Millionen Menschen geschätzt werden, die hauptsächlich entlang der türkischen Grenze, von der Mittelmeerküste bis an die Schwelle des Irak verbreitet sind, wurden von der Assad-Dynastie derart heftig unterdrückt, dass man ihnen noch nicht einmal die Staatsbürgerschaft gewährte. Daher war es keine Überraschung, dass die Kurden sich im Norden absetzten, sobald der Bürgerkrieg im Süden ausbrach.

Nachdem sie Assads Truppen erfolgreich aus ihrer Region vertrieben und dort eine de facto-Autonomie errichtet hatten, begannen die Kurden, ihre Eroberungen zu festigen und sich von ihren westlichen Stützpunkten in den nordöstlichen Zipfel Syriens zu bewegen. Dies stärkte die Aussichten der syrischen Kurden, sich mit den irakischen Kurden im Osten und anschliessend mit den türkischen Kurden im Norden verbinden zu können.

Dieses Szenario ist ein türkischer Alptraum und dies ist es auch, was die Offensive in Wirklichkeit verhindern soll. Die Türken wollen die Entstehung eines zusammenhängenden militärischen Bereichs der Kurden verhindern, der sich vom Irak bis ins anatolische Hinterland erstrecken würde. Jetzt, wo sie ihre Bereitschaft gezeigt hat, die syrische Grenze zu überschreiten, wird die Türkei dieses Ziel vermutlich auch erreichen.

Mit der Überschreitung ihres syrischen Rubikons haben die Türken den Euphrat als den kurdischen Rubikon demarkiert und sie verlangen, dass kurdische Milizen an dessen Westufer nicht auf das östliche Ufer übersetzen dürfen.

Dieses Verlangen wird voraussichtlich auch beherzigt werden, da die syrischen Kurden kein adäquater militärischer Gegner für die Türken sind, deren modern ausgestattete und gut ausgebildete Armee die zweitgrösste der NATO ist.

Gleichzeitig gehen die Auswirkungen der türkischen Invasion über die türkisch-kurdischen Beziehungen und auch über das türkisch-syrische Grenzgebiet hinaus.

MIT SEINEN MILITÄRLAGERN auf syrischem Boden wird die Türkei eine zentrale Partei sein, wenn es eines Tages darum gehen wird, die Neugestaltung von Syrien zu verhandeln. Hinzu kommt, dass der Einmarsch der Türkei einhergeht mit dem offenkundigen diplomatischen Rückhalt und der umfassenden militärischen Unterstützung durch die USA.

Insgesamt betrachtet ist dies eine Antwort auf die richtungsweisende Einmischung Russlands im letzten Jahr, als die russische Luftwaffe damit begann, im Auftrag von Assads Streitkräften von einem neugebauten russischen Luftwaffenstützpunkt in der Nähe der Hafenstadt Latakia aus Rebellenziele zu bombardieren.

„Das Syrien, das seit 2011 auseinanderfällt, wird nicht wieder zusammengefügt werden.“

Es bedeutet, dass Washington und Ankara beschlossen haben, einen Ausgleich dafür zu schaffen, dass die Russen und der Iran Assads Alawiten-Minorität schützen, indem sie ihrerseits die sunnitische Mehrheit beschützen.

Tatsächlich sieht es im Moment so aus, als ob dem russischen Schachzug die Luft ausgegangen wäre. Nachdem sie Assad vor der Niederlage gerettet und auch die militärische Waagschale zu seinen Gunsten geneigt hatten, sieht es nun so aus, als ob die russischen Bombardements Assad nicht den Sieg gebracht hätten – ein Fazit, das durch das jüngste Scheitern seiner Streitkräfte bei der Rückeroberung Aleppos bestätigt wird.

Nun, wo sich die Türkei mit US-Unterstützung aus der Luft auf syrischem Boden befindet, wird das, was diese Woche im Norden begann, letztlich auch ins Landesinnere überschwappen.

Die Schlussfolgerung daraus ist einfach: Das Syrien, das seit 2011 auseinanderfällt, wird nicht wieder zusammengefügt werden.

An seiner Stelle wird eine Neuschöpfung entstehen, eine, die effektiv und vielleicht auch offiziell, die alawitische Bevölkerung, die sich entlang der Küste und nach Osten hin bis zum syrischen Küstengebirge, dem Dschebel Ansariye, konzentriert, abspalten wird. Was abzuwarten bleibt, ist, in welchem Verhältnis dieser Bezirk zu Aleppo und Damaskus stehen wird, den kommerziellen bzw. politischen Zentren Syriens vor dem Krieg.

In einigen Jahren, wenn die syrische Mehrheit schliesslich die Besatzung der alawitischen Minderheit durchbrochen haben wird, werden ironischerweise auch die Erinnerungen an die beiden wichtigsten Wünsche des Gründers dieser Besatzung, Hafez Assad, zu den Akten gelegt werden: die Eroberung des Libanons und die Zerstörung Israels.

Über den Libanon sagte Assad stets, es sei Teil des von ihm angestrebten Grosssyrien und über Israel sagte er, es werde verschwinden wie das Reich der Kreuzritter, die das Heilige Land im Mittelalter beherrschten.

Mittlerweile sieht selbst das von Assad zusammengekittete kleinere Syrien aus wie ein Molekül, das in seine Atome zerfallen ist, während die Einwohner des militarisierten Staates, den er errichtet hat – ganz so wie die von ihm verachteten Kreuzritter – unter dem Schutt seiner Bastionen begraben werden.

Über Amotz Asa-El

Amotz Asa-El ist leitender Berichterstatter und ehemaliger Chefredakteur der Jerusalem Post, Berichterstatter Mittlerer Osten für Dow Jones Marketwatch, politischer Kommentator bei Israel's TV-Sender Channel 1 und leitender Redakteur des Nachrichtenmagazins Jerusalem Report.

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