Luthers Antisemitismus neu erwacht

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Vor einer Generation, im Jahr 1994, verurteilte die Leitung der Lutherischen Kirche in den USA Antisemitismus von Kirchengründer Luther (links) und brachte ihren Wunsch zum Ausdruck, das jüdische Volk „lieben und respektieren“ zu wollen. Der aktuelle Präsident des Lutherischen Weltbunds, Bischof Munib Younan (rechts), ist bekannt dafür, nicht am Verzicht auf Antisemitismus und Anti-Israelismus festzuhalten. Foto Gatestone
Lesezeit: 9 Minuten

Weltweit bereiten sich evangelische Kirchen darauf vor, den 500. Jahrestag ihres Gründers Martin Luther zu feiern. Martin Luthers bekannte antisemitischen Schmähschriften und biblischen Kommentare wurden gelesen und ausgewertet und sind in der Folge bei vielen evangelischen Christen in Verruf geraten.

von Dr. Petra Heldt

Vor einer Generation , im Jahr 1994, verurteilte die lutherische Kirchenführung in den USA „in Übereinstimmung mit dem Lutherischen Weltbund“ (LWB) den Antisemitismus Luthers und brachte ihren Wunsch zum Ausdruck, das jüdische Volk „lieben und respektieren“ zu wollen:

„In Übereinstimmung mit dem Lutherischen Weltbund bedauern wir zutiefst, dass moderne Antisemiten die Worte Luthers verwenden, um in der heutigen Zeit Hass gegenüber dem Judentum oder dem jüdischen Volk zu predigen. Nicht nur bekümmert uns die Mitschuld unserer eigenen Tradition an dieser Geschichte des Hasses, darüber hinaus verleihen wir unserem innigen Wunsch Ausdruck, unseren Glauben an Jesus Christus mit Liebe und Respekt gegenüber dem jüdischen Volk zu leben.“

Zu dieser Zeit stand der LWB unter der Leitung von Präsident Gottfried Brakemeier, einem Brasilianer mit deutschen Wurzeln und Professor der Theologie. Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Amerika (Evangelical Lutheran Church in America, ELCA) stand unter dem Vorsitz von Bischof Herbert W. Chilstrom. Beide Kirchenmänner sind nach wie vor angesehene Gläubige, die die lutherische Kirche auf einen erkennbar christlichen Pfad geführt haben. Nun scheint dieses Bemühen unter dem Einfluss der zwei aktuellen lutherischer Führungspersönlichkeiten, LWB-Präsident Munib Younan und Elizabeth A. Eaton, Leitende Bischöfin der ELCA, jedoch zu schwinden.

Der lutherische, antisemitische Hass gegenüber den Juden aus alter Zeit ist wieder zu neuem Leben erwacht. Dies wurde – einmal mehr – anlässlich der alle drei Jahre stattfindenden Versammlung der ELCA vom 8.-13. August in New Orleans deutlich. Die Konferenz stand unter dem Titel: „Befreit und Erneuert in Christus: 500 Jahre Gnade Gottes in Aktion.“

Die Versammlung feierte diese bejubelte Freiheit und Erneuerung, indem sie gleichzeitig die Zerstörung Israels in der Denkschrift „Frieden und Gerechtigkeit im Heiligen Land“ guthiess. Es gab zwei Resolutionen, von denen eine die Beendigung jeglicher US-Hilfen an Israel und die andere die Desinvestition aus Israel forderte. Beide Resolutionen zielen de facto auf die Zerstörung des Staates Israel ab. Der anti-israelische Charakter der Resolutionen entspricht ganz dem alten Stil der lutherischen antisemitischen Schmähschriften.

Federführer der Resolutionen war eine Gruppierung innerhalb der ELCA mit Namen „Isaiah 58“. Laut Selbstbeschreibung handelt es sich um „eine Gruppe Lutheraner, die sich für Frieden und Gerechtigkeit im Heiligen Land einsetzen.“ Der Leiter der Gruppe ist Jan Miller, ein Mitglied der Rocky Mountain Synode. Informiert man sich über Jan Miller, so stösst man auf die Initiative „Peace and Walls“, bei der er unter der „Peace and Walls-Arbeitsgruppe der Rocky Mountain-Synode“ sowie als „Reiseplaner“ für eine Reise ins Heilige Land im Juni 2016 aufgeführt ist.

„Scharia als Mittel gegen die israelische Besatzung“

Informationen auf der Internetseite:

„Peace and Walls verbindet Mitglieder der ELCA mit unseren palästinensischen lutherischen Weggefährten – und setzt sich für Würde, uneingeschränkte Achtung der Menschenrechte, Heilung und Versöhnung ein. Gemeinsam mit unseren Freunden in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land (Evangelical Lutheran Church in Jordan and the Holy Land, ELCJHL) und dem Lutherischen Weltbund (LWB) begleiten wir Palästinenser und Israelis, Juden, Christen und Moslems bei der gemeinsamen Arbeit für Frieden in Gerechtigkeit.“

Es folgen zwei Quellen für eine erfolgreiche Reise. Eine ist das Buch des lutherischen Bethlehemer Pastors Mitri Raheb, Glaube unter imperialer Macht. Eine palästinensische Theologie der Hoffnung (2014), welches das islamische Recht der Scharia als das Mittel der Wahl gegen die israelische Besatzung empfiehlt. Die andere ist das Kairos-Palästina-Dokument des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK), das die Eliminierung des Staates Israel zum Ziel hat. Einer der Autoren ist der Leiter des Lutherischen Weltbunds und leitender Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land (ELCJHL). Und genau diese Verbindung zwischen der ELCA-Synode und der ELCJHL plus LWB ist es, die Miller mit seiner Reise im Juni 2016 zu festigen beabsichtigte. Dies war der geistige Antrieb für das erfolgreiche Lobbying der beiden antisemitischen ELCA-Resolutionen.

Sollte die Beziehung zwischen der ELCA-Gruppe Isaiah 58 und Bischof Munib Younans ELCJHL und LWB nicht ausreichend sein, dann ist immer noch die Zusammenarbeit mit dem Ökumenischen Rat der Kirchen zur Hand. Im Mittelpunkt des mit der ELCA kooperierenden Ökumenischen Forums Palästina/Israel (PIEF) steht das Thema „Frieden und Mauern“, genau wie bei Millers „Peace and Walls Synoden-Arbeitsgruppe.“ Es ruft im September 2016 unter dem Motto „Gott hat die trennenden Mauern niedergerissen“ zu einer „Weltwoche für Frieden“ auf. Sie soll „eine Woche der Fürsprache mit Aktionen zur Unterstützung der Beendigung der illegalen Besatzung Palästinas und eines gerechten Friedens für alle in Palästina und Israel“ sein.

Bei der ELCA-Versammlung erhielt Isaiah 58 weitere Unterstützung von bekannten anti-israelischen Verbündeten, wie z. B. dem Israel Palestine Mission Network of the Presbyterian Church (USA), dem American Friends Service Committee, den Friends of Sabeel – Nordamerika, dem New Orleans Palestinian Solidarity Committee, der Jewish Voice for Peace sowie der U.S. Campaign to End the Israeli Occupation.

Die Strategie war simpel: Isaiah 58 (Miller) und das Netzwerk der aktuellen Leitung des LWB (Younan) taten sich für die Vorbereitung der anti-israelischen Resolutionen zusammen. Die organisierte Lobbyarbeit in New Orleans brachte dann die gewünschten Ergebnisse. Um sicherzustellen, dass nichts schief gehen würde, brachte ELCJHL-Pastor Khader Khalila aus Bethlehem die angebliche israelische Besatzung Bethlehems (die selbstverständlich seit 1993 von der Palästinensischen Autonomiebehörde kontrolliert wird) vor der ELCA-Versammlung zur Sprache. Es lief wie am Schnürchen. Keine erkennbare Gruppe lutherischer Christen war in der Lage, ihr Territorium gegenüber solchen antisemitischen Ursupatoren zu verteidigen.

Die Resolution, die US-Hilfe an Israel einzustellen, wurde mit einer überwältigenden Mehrheit von 751 zu 162 Stimmen beschlossen. Sie fordert Lutheraner dazu auf,

„an ihre US-Repräsentanten, Senatoren und die Regierung zu appellieren, Massnahmen zu ergreifen, die verlangen, dass Israel, wenn es weiterhin finanzielle und militärische Hilfe von den USA erhalten will, international anerkannte Menschenrechtsstandards nach bestehendem US-Recht beachten, den Bau neuer Siedlungen sowie die Ausdehnung bestehender Siedlungen in Ost-Jerusalem und dem Westjordanland einstellen, die Besatzung palästinensischen Territoriums beenden sowie einen unabhängigen palästinensischen Staat ermöglichen muss.“

Mit anderen Worten: Sie ruft die US-Regierung dazu auf, jede Hilfe für Israel einzustellen, wenn es den Siedlungsbau nicht unterlässt und „einen unabhängigen palästinensischen Staat ermöglicht.“ Die Resolutionen sind darauf ausgerichtet, den Staat Israel zu schädigen.

Die andere Resolution griff das Thema Desinvestition auf und wurde sogar mit einer noch grösseren Mehrheit von 821 zu 92 Stimmen beschlossen. Sie fordert die Kirche dazu auf, „positive Investitionen in Palästina zu verstärken“ und verabschiedete einen menschenrechtsbasierten Investitionsplan für ihre Sozialfonds, um zu gewährleisten, dass die Kirche nicht von Menschenrechtsverletzungen profitiert; dabei nannte sie namentlich den israelisch-palästinensischen Konflikt.

Beide Resolutionen sehen jedoch nicht der Realität ins Auge. Jede steht für eine hoffnungsvolle Fantasie, die unmittelbar von Tatsachen widerlegt wird, wie etwa den fortgesetzten erfolgreichen Verhandlungen zwischen Jerusalem und Washington für ein langfristiges Hilfsprogramm. Diese Zugeständnisse gehen weiter, als ob es diese Kirchenclique von gerade mal 4 Millionen US-Bürgern nicht geben würde. Wie eine Kleinstadt-Lobbygruppe wollte die ELCA alle Investitionen in Unternehmen, die von Israels „Besatzung“ profitieren, einstellen und rief den US-amerikanischen Präsidenten dazu auf, den Staat Palästina anzuerkennen. Aber nichts ist passiert. Wer hört ihnen zu? Wer interessiert sich dafür? Wer profitiert von einer solch gestrigen, antisemitischen Schmähschrift, die vor langer Zeit von einer früheren, aufgeklärten Kirchenleitung bereits ad acta gelegt worden war?

Die Antwort führt zum gegenwärtigen palästinensischen Leiter des Lutherischen Weltbundes (LWB) und dessen Umtrieben. Er und seine Wählerschaft in Jerusalem sind bekannt dafür, dass sie eng mit den palästinensischen Aspiranten, einschliesslich der ELCA, zusammenarbeiten. Im Gegensatz zu einigen seiner Vorgänger ist der derzeitige Bischof des LWB bekannt dafür, dass er nicht am Verzicht auf Antisemitismus und Anti-Israelismus in Genf festhält. Er ist ausserdem bekannt dafür, dass er Sympathien für die von breiten Kreisen abgelehnte, antisemitische palästinensische Befreiungstheologie, darunter das Kairos-Palästina-Dokument, hegt. Die Einführung des Gebets gegen die Besatzung (d. h. Israel) an jedem 24. des Monats fand auch unter der Federführung eben jenes Bischofs statt. Die ELCA ist eine der treuesten Anhänger dieser nachdrücklichen antisemitischen Aufforderung zum Gebet gegen Israel an jedem 24. des Monats, einschliesslich des Monats Dezember!

Wer also hat ein Interesse an der antisemitischen lutherischen Resolution? Die Schlussfolgerung ist, dass all jene, die sich so sehr über diese Resolution freuen, wollen, dass Israel von der Bildfläche verschwindet, sei es durch eine Ein- oder eine Zwei-Staaten-Lösung; all jene, die in Gaza Millionen Dollar an die Hamas verteilen, um die Zerstörung Israels zu ermöglichen, während die vorgesehenen Empfänger – nämlich die Kinder in Gaza – leer ausgehen; all jene, die ihre Augen davor verschliessen, dass palästinensische Kinder in Ferienlagern und Schulen lernen, wie man Juden tötet und dass der angeblich nicht-existierende Staat Israel zerstört werden muss; all jene, die versagen, wenn es darum geht, die Wahrheit zu sagen über die rechte und gerechte Unterstützung, die viele Israelis Palästinensern zuteilwerden lassen. Sie alle sind diejenigen, die den ELCA-Resolutionen ein offenes Ohr schenken.

Auch wenn demokratisch gewählte politische Institutionen Randgruppen wie der ELCA-Versammlung nur wenig Aufmerksamkeit schenken, könnten solche Resolutionen an Dynamik gewinnen. Anti-israelische NGOs könnten bestärkt werden und die Unentschiedenen könnten ermutigt werden, ebenfalls auf diesen Zug aufzuspringen. Schon einmal wurden Lutheraner beeinflusst, als es darum ging, die Waagschale zum Nachteil der Juden zu neigen, wie es in der ELCA-Erklärung von 1994 reumütig heisst:

„Die Lutheraner, die dem Lutherischen Weltbund und der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Amerika angehören, fühlen in dieser Hinsicht eine besondere Bürde aufgrund gewisser Elemente im Vermächtnis des Reformators Martin Luther und den Katastrophen des 20. Jahrhunderts, einschliesslich des Holocausts, die Juden an Orten erleiden mussten, an denen die evangelischen Kirchen stark vertreten waren.“

Während Politiker es sich möglicherweise leisten können, altmodische und überholte Resolutionen bezüglich Israel zu ignorieren und ungerührt mit dem Tagesgeschäft fortzufahren, sollte eine gute Leitung der weltweiten evangelischen Kirchen dies nicht tun. Es gibt durchaus inspirierende Beispiele lutherischer Führungspersonen, wie etwa Bischof Brakemeier und Bischof Chilstrom. Haben sie noch Anhänger in der lutherischen Kirche? Hört man Rufe der Empörung seitens der Führer der lutherischen Kirchen in Europa und der evangelischen Laien angesichts des Antisemitismus der Gruppe Isaiah 58 und ihrer (in zahlreichen Synoden vorhandenen) Anhänger? Gibt es irgendjemanden, der die Leiter der ELCA zur Rede stellt, die, um die anti-israelische Manipulation noch weiter zu verbreiten, die US-Regierung dazu aufgefordert haben, die Bewerbung des Staates Palästina zur Vollmitgliedschaft in der UNO nicht zu verhindern und in Zusammenarbeit mit dem UN-Sicherheitsrat„den Regierungen von Israel und Palästina eine neue, umfassende und zeitlich festgelegte Vereinbarung anzubieten, die in einem verhandelten Abkommen über den endgültigen Status zwischen Israel und Palästina resultiert, aus dem zwei zukunftsfähige und sichere Staaten mit einem gemeinsamen Jerusalem hervorgehen“?

All dies ist bekanntes arabisch-muslimisches Vokabular auf dem Parkett der UN. Wäre es nun nicht nur recht und billig, eine Rückkehr zu angemessener Kirchensprache zu verlangen, zu einer sinnvollen und guten Nutzung der Kirche als Ort der göttlichen Anbetung und des „Handelns in Gottes Gnade“ – was, nebenbei bemerkt, nach christlichem Denken Israel miteinschliesst?

Dies wäre eine Möglichkeit, den althergebrachten Antisemitismus Luthers wieder einschlafen zu lassen.

Auf Englisch zuerst erschienen bei Gatestone InstituteRev. Dr. Petra Heldt ist Leiterin der Ökumenischen Theologischen Forschungsgemeinschaft in Israel (Ecumenical Theological Research Fraternity) in Jerusalem.

2 KOMMENTARE

  1. Man muss und darf die verschiedenen Antijudaismen nicht gegeneinander aufrechnen. Ihre (ISRANAT) Beschreibung römisch-katholischer Theologie ist definitiv nicht auf der Höhe der Zeit. Informieren Sie sich!

  2. Luthers Antisemitismus neu erwacht
    Jetzt möchten die Katholiken die Misere des Antisemitismus Luther in die Schuhe schieben. Doch das finde ich eine bösartige Diffamie sondergleichen!
    Wenn man die Geschichte vom Katholizismus, angefangen bei Kaiser Konstantin, genau verfolgt, liegt das Grundübel bei den Katholiken selber.
    Sie protzen damit, dass sie an Stelle vom Volk Israel auserwählt wären (Substitutionsillusion). Doch das stimmt ein für ALLE MAL NICHT!
    Diese Denkweise hatten Kaiser Konstatin und ein gewisser Hyronimus, lange vor Luther, in die Welt gestellt. Zudem hatten sie das erste Testament vom zweiten getrennt. Nach dieser Denkweise agieren die Katholiken Heute noch, gegen die Juden!
    Eine zweite Welle kam mit den Kreuzzügen, wo „fromme Katholiken“ hunderttausende von Juden ermordet hatten. Auch sie glaubten daran, dass die Juden ein „entmachtetes Volk“ wären.
    Nun kann man die ganze Geschichte der Katholiken durchschauen. Immer wieder tauchten schwere Judenverfolgungen auf – bis auf den heutigen Tag.
    Sogar der letzte und schwerste Demagog, aus dem 2. Weltkrieg, und die meisten seiner Schergen, waren Katholiken!!
    Da ist Luther nur ein Zwerg gegenüber dem fatalen Machtblock aus dem Katholizismus!!
    Man soll die Geschichte der Menschheit aus sachlichen Büchern lesen – allen Voran die der Juden, dass man einen klaren Überblick über die Religionen und Dekweisen in Europa bekommt.

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