Eine abgesicherte Bushaltestelle in Israel. Foto Ulrich Sahm

„Plötzlich gerieten die Menschen in Bewegung. Frauen liessen ihre Kinder stehen und rannten um ihr Leben.“ Sacha S. aus Frankfurt besuchte am Freitag den Carmel-Markt in Tel Aviv. „Direkt vor mir waren zehn Männer mit gezückten Pistolen zur Stelle und überwältigen einen Mann mit einem Messer in der Hand.“ Es handelte sich um einen Geistesgestörten. Es war aus einer geschlossenen Anstalt entwischt. „Der Schock steckt mir jetzt noch in den Knochen.“

Solche Szenen sind die Ausnahme. Die „Gewaltwelle“ scheint „fest im Griff“ zu sein. Im Oktober 2015 hatte eine Hamaszelle bei Nablus ein Ehepaar vor den Augen seiner Kinder erschossen. Es war die Initialzündung für eine Anschlagsserie „einsamer Wölfe“, von Frauen und sogar 13-jährigen Kindern. Durch das „Abstechen von Juden“ suchten sie ihren Tod.

Todessehnsucht und finanzielle Anreize
Der Geheimdienst entdeckte, dass Jugendliche ihren beabsichtigten Selbstmord meist auf sozialen Netzwerken wie Facebook ankündigen. Algorithmen wurden entwickelt, um solche Absichten zu entdecken und potentielle Täter oder deren Eltern zu verwarnen. Eine weitere Methode, der Gewalt Herr zu werden, sind massive Strafmassnahmen. Die Israelis gehen davon aus, dass die Grossfamilien die Anschläge hätten verhindern können. So wurden ganze Dörfer und Städte abgesperrt. Die Bewohner verloren Genehmigungen, um in Israel oder in Siedlungen zu ihren Arbeitsplätzen zu gelangen. Soldaten durchsuchten in nächtlicher Stunde Wohnungen. Dutzende wurden verhaftet und verhört. Zur Abschreckung werden oft die Häuser der Terroristen zerstört. Doch das wirkt kaum, weil internationale Hilfsorganisationen dieses Vorgehen ablehnen und bereitstehen, die Häuser kostenfrei wiederaufzubauen. Im Kampf gegen den Terror ist Israel weitestgehend auf sich gestellt.

Der vorgeschobene Grund für die Anschläge war „Rache“ für die vermeintliche israelische Entweihung der El Aksa Moschee auf dem Tempelberg. Dazu heizten palästinensische Medien und Politiker die Emotionen auf, wie 1929 der Mufti von Jerusalem und Jassir Arafat nach dem gescheiterten Camp David Gipfel 2000. Das hat sich nicht geändert. Attentäter, erschossen oder zu lebenslänglicher Haft verurteilt, werden wie Volkshelden geehrt. Sie oder ihre Hinterbliebenen erhalten üppige Apanagen der Autonomiebehörde.

Antiterrorkampf ist nüchtern und sachlich
Laut Statistik ist die Zahl der Toten und Verletzten drastisch zurückgegangen. Versuchte Anschläge werden rechtzeitig abgewehrt. Unverändert seit den 70ger Jahren sind freilich Taschenkontrollen an sämtlichen öffentlichen Einrichtungen, vor Supermärkten und Cafes. Sie vermitteln Israelis ein Gefühl der Sicherheit. Eine neue Methode des Schutzes vor Autoattacken sind stählerne Bolzen vor fast allen Bushaltestellen. An besonders gefährdeten Stellen wurden zusätzlich Betonklötze aufgestellt, damit die Wartenden nicht umgefahren und dann abgestochen werden können.

Vor allem der Aufklärung nach Anschlägen dienen Überwachungskameras. Auf Schritt und Tritt wird man gefilmt, ohne es zu merken. Polizei in Jerusalem und Militär im besetzten Westjordanland sind enorm verstärkt worden. Das tangiert wenig das normale Leben. Die Israelis sind Meister des Realismus. Ein Touristenbus, den ich kürzlich nach Bethlehem begleitete, wurde kaum registriert. Lässig fragt ein Soldat: „Wo sind die alle her?“ Der Fahrer, ein Araber aus Israel, antwortet: „Aus der Schweiz.“ Sofort wird der Bus durchgewinkt.

Israels Waffengesetze
Fast jeder Israeli hat beim Militär gedient und kennt sich mit Waffen aus. Seit der Gewaltwelle sind Soldaten aufgefordert, ihre Waffe bei sich zu tragen. Seit einigen Monaten sollen Wachleute, ehemalige Offiziere und andere Waffenbesitzer ihre Pistolen auch ausserhalb der Dienstzeit bei sich tragen. Grundsätzlich benötigt jeder Waffenbesitzer einen entsprechenden Schein und muss regelmässig am Schiessstand üben. Darin unterscheidet sich Israel nicht wesentlich von anderen Ländern.

Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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