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Gideon Grossman schlägt schnelle Hip-Hop-Beats auf seiner kompakten Installation von Eimertrommeln. Er trommelt so mühelos, dass man kaum glauben kann, dass er an einer einem manchmal lahm legenden Magen-Darm-Krankheit leidet.

von Gabe Friedmann

Neben seinem unerschütterlichen Rhythmusgefühl hat Grossman Morbus Crohn, eine Entzündung des Verdauungstraktes, die sich in der Regel mit chronischem Durchfall und Schmerzen im Bauchraum bemerkbar macht. Bisher gibt es keine Heilung.

Grossman, 24, ist ein schlaksiger und fröhlicher junger Mann aus New Jersey, der auf seinen Charme und sein Talent vertraut, um mit einer ambitionierten Kampagne Geld für die Erforschung von Morbus Crohn und anderer chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen (CED), wie etwa Colitis Ulcerosa, zu sammeln.

Diese Woche startet Grossman die Kampagne „Busking for Crohn’s“ (Strassenmusik gegen Morbus Crohn). Dazu wird er seine Trommeln an der ganzen kalifornischen Küste entlang schlagen, von San Diego bis San Francisco, und seine Erlöse dem „American Gut Project“ der University of California in San Diego spenden. Er hält das Projekt, das sich auf die Kartierung des Bakteriensystems des menschlichen Körpers konzentriert, für das vielversprechendste im Bereich entzündlicher Darmerkrankungen. Dafür möchte er 10.000 US-Dollar sammeln.

Für Grossman ist dies eine Chance, „meine beiden Interessengebiete zu verbinden”, sagte er. Schon im Frühjahr habe er mit der Idee eines Road Trips durch Kalifornien gespielt, so Grossmann.

„Wissen Sie, ich habe beschlossen, dieses andere Element der Leidenschaft meiner persönlichen Geschichte und meines Lebens beizusteuern und diese Reise erfüllender zu machen, als wenn ich einfach nur so herumziehe“, sagte Grossman.

Die Ärzte glauben, dass Morbus Crohn – das zum ersten Mal im Jahre 1932 vom jüdischen Arzt Burrill Crohn beschrieben wurde – zumindest teilweise das Ergebnis einer abnormen Reaktion des Immunsystems auf Darmbakterien ist, die von genetischen Mutationen und Umweltfaktoren ausgelöst wird. Die Krankheit betrifft etwa 700.000 Amerikaner. Aschkenasische Juden sind jedoch bis zu vier Mal häufiger betroffen als der durchschnittliche Nicht-Jude europäischer Herkunft.

Aber das Forschungsgebiet der CED ist noch nicht klar umrissen. Ein Arzt sagte gegenüber der Zeitschrift The Forward im Jahr 2011, die koschere Ernährung und andere sanitäre Gewohnheiten der Juden des 20. Jahrhunderts (vor dem 20. Jahrhundert waren die Symptome von Morbus Crohn und Kolitis kaum dokumentiert) hätten deren Immunsystem möglicherweise schlecht darauf vorbereitet, mit bestimmten Bakterien umzugehen. Im Jahr 2012 entdeckten Forscher der Mount Sinai School of Medicine fünf genetische Marker, die die hohe Zahl der an Morbus Crohn erkrankten Aschkenasim mit erklären könnte.

Strassenmusik zu machen ist für Grossman eine relativ neue Beschäftigung, etwas, was er seit seinem Abschluss in Princeton 2014 macht. Neben Gelegenheitsjobs als Softwareentwickler hat er an den Orten, wo er wohnte, wie etwa New York, Tel Aviv und Hawaii, seine Eimertrommelfertigkeiten verfeinert.

“[Es ist] ein nervenaufreibendes Hobby, aber es ist gerade diese Nervosität, durch die ich mich beim Auftritt so lebendig fühle”, sagte er in einem Werbevideo für sein Projekt. „Einen öden U-Bahn-Bahnsteig in eine Bühne zu transformieren und Passanten, die keine Eintrittskarte gekauft haben, in ein Publikum zu verwandeln, ist eine unvergleichliche Erfahrung.“

Bei Grossman, der eine Tagesschule in New Jersey besuchte und mit der Einhaltung des Sabbat aufwuchs, traten die Symptome von Morbus Crohn zum ersten Mal in einem Ferienlager vor seinem letzten High-School-Jahr auf. Er hatte bis zu sechs Mal am Tag Durchfall, verlor an Gewicht und begann sich bei seinen Lieblingssportarten wie Fussball und Schwimmen müde zu fühlen. Er war beunruhigt, behielt jedoch seine Symptome für sich. Er wollte nicht über seine Probleme auf der Toilette reden.

Als ihn seine Mutter zum Ende des Sommers abholte, erkannte sie, dass etwas nicht stimmte. Also erzählte er ihr von seinen Magenproblemen.

„Das hört keine jüdische Mutter gern”, sagte Grossman. „Wir fuhren nicht nach Hause, wir fuhren direkt ins Krankenhaus.“

Nach einem langen Diagnoseprozess – bei einer ersten Darmspiegelung kam nichts heraus, schliesslich jedoch erkannte eine von Israelis erfundene, schluckbare Mini-Kamera die Morbus-Crohn-Marker – fand Grossman Trost darin, die verschiedenen Bereiche der Morbus-Crohn-Forschung kennenzulernen.

Grossman wurde auf das „American Gut Project“ aufmerksam, eines der grössten crowdfinanzierten wissenschaftlichen Forschungsprojekte. Mit Hilfe von Proben, die ihnen Leute aus dem ganzen Land schicken, vergleichen Rob Knight, der Mitbegründer des Projekts und Professor an der UC San Diego, und andere Forscher, wie die Bakteriennetzwerke einer gesunden Person im Vergleich zu denen eines Menschen mit einer schwer verständlichen Krankheit wie Morbus Crohn aussehen.

Könnten sie die Unterschiede identifizieren, wäre die Heilung von Morbus Crohn möglicherweise so einfach wie eine Ernährungsumstellung zur Kultivierung bestimmter Bakterienarten, erklärte die Projektmanagerin Embriette Hyde. Es gibt jedoch einen Haken: Man weiss bisher nicht, ob die Bakterienzusammensetzung im Körper eines Menschen Ursache oder Folge einer entzündlichen Darmerkrankung ist.

Was Grossman angeht, so liess er sich von seiner Morbus-Crohn-Diagnose nicht vom Musikmachen abhalten. Er hatte jahrelang in verschiedenen Bands und in der Marschkapelle der Schule Schlagzeug gespielt. Nach dem Umzug in eine Wohnung in New York war diese Art Lärm nicht mehr möglich und auch der Platz fehlte. Also begann er, auf den leiseren Eimern zu trommeln – etwas, was er als viel schwieriger bezeichnet als das Spielen auf einem kompletten Schlagzeug. Als er nach Maui zog, um für ein Start-up-Unternehmen zu arbeiten, gefiel es ihm, an den Stränden der Insel zu spielen. Sein Morbus Crohn bildete sich ebenfalls zurück, wozu Injektionen des entzündungshemmenden Medikaments Humira beitrugen.

Grossmans Ziel, 10.000 US-Dollar mit „Busking for Crohn’s“ zu sammeln ist hoch gesteckt – die grösste Summe, die er bisher an einem Tag zusammenbekommen hat, waren rund 40 Dollar auf der Tayelet-Promenade in Tel Aviv, sagte er. (Auf seiner Website werden ebenfalls Spenden entgegengenommen.)

Zusätzlich zur Strassenmusik wird Grossman durch Interviews mit Fachleuten und Posts auf einer Facebook-Seite auf die Krankheit aufmerksam machen. Und er will seinen jeweiligen Standort – der teilweise davon abhängt, wo er unterkommt – über einen Twitter-Account bekanntgeben. Er hat Übernachtungsmöglichkeiten in Südkalifornien aufgelistet, vom Haus einer 70-jährigen Rentnerin in Escondido bis zur Wohnung des Freundes eines Freundes in Los Angeles. Wie er sagt, hat er auch begonnen, Kontakt zu Synagogen entlang des Wegs aufzunehmen, um zu sehen, ob sie Interesse daran haben, dass er zu anderen Juden über die Krankheit spricht.

Nach der Tour hofft Grossman, andere im ganzen Land in sein Strassenmusikprojekt einbinden zu können.

„Wenn andere etwas beitragen möchten, wenn sie Musik machen oder singen oder Gymnastik machen oder Feuer spucken, wenn sie Strassenmusik für die gleiche Sache in ihrer Stadt machen möchten, dann werden sich vielleicht mehr Menschen dafür engagieren“, so Grossman.

Quellen: JTA, The Times of Israel

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