Foto CC0 Public Domain

Die Terrorattacken in den USA, Frankreich und Deutschland waren für die Schweizer Medienberichterstattung der letzten Zeit von zentraler Bedeutung. Vor diesem Hintergrund betrachteten die Zeitungen auch die Verhältnisse in Nahost und zogen Schlussfolgerungen, welche Massnahmen nun auch in Europa notwendig werden. 

Nach den schrecklichen Anschlägen in Orlando (NZZ), Nizza (NZZ) Würzburg (NZZ, Tagesanzeiger) München (NZZ, Basler Zeitung) und Ansbach (NZZ) berichtete die Schweizer Presse in den letzten Tagen ausgiebig über den (islamistischen) Terror und die Gründe von Jugendlichen, sich zu Mördern zu entwickeln. Dies ist ein wichtiges und überfälliges Thema, allerdings gehören – wie Ulrich Schmid in seinem am 16. Juli erschienenen Artikel „Ein Gefühl des Déjà-vu in Israel“ (NZZ) betont – Terrorattacken in Israel seit Jahrzehnten zur Normalität in Israel (siehe auch Audiatur-Artikel von Ulrich Sahm).

Zuletzt bei der sogenannten Messer-Intifada wurde deutlich, wie schwer es ist, Angriffe von sog. lone actors überhaupt noch zu verhindern, da die radikalisierten Personen „auf eigene Faust vorgehen“. Wie Schmid unterstreicht, nimmt die palästinensische Fatah den Terror gegen Israelis regelmässig hin, begrüsst ihn sogar, während sie den Terror in Frankreich als „abscheuliche Tat“ verurteilt (s. hierzu auch NZZ-Beitrag zu Netanyahus Kritik an der Palästinensischen Autonomiebehörde). Zur Allgegenwart des Terrors in Israel, zur Gelassenheit im Umgang damit und den Folgen für eine Gesellschaft veröffentlicht der Tagesanzeiger zudem einen lesenswerten Erlebnisbericht von Lissy Kaufmann (zum Umgang mit der Terrorangst auch NZZ).

Anlässlich der Anschläge werden diverse Experten befragt: In der Basler Zeitung kommt in einem sda-Interview Nizan Nuriel (s. auch Tagesanzeiger), ehemaliger Anti-Terror-Berater der Regierung Israels, zu Wort und spricht über das Verhältnis zu Terror in Israel.

Stephan Humer vom Netzwerk Terrorismusforschung in Deutschland unterstricht im Gespräch mit 20 Minuten, dass Europa bei der Bekämpfung islamistischer Gewalt dringend von Israel lernen muss.

In einem von Dominik Osswald (Tagesanzeiger) geführten Interview mit dem Kriminalpsychologen Jens Hoffmann geht letzterer auf die Gefahr von Nachahmungseffekten ein, die aus dem medialen und politischen Diskurs resultieren können – dadurch gewinnt insbesondere der IS an Macht (s. hierzu auch Stefan Brändle von der Tageswoche sowie einen weiteren Artikel vom Tagesanzeiger). Hoffmann weist auf die IS-Strategie hin, psychisch labile Menschen zu rekrutieren, sie zu „Soldaten Gottes“ und damit du lebenden Zeitbomben zu machen. Nichtsdestotrotz appelliert der Psychologe an die Leserschaft, nicht paranoid zu werden.

Von der Basler Zeitung wird ausserdem Susanne Knaul interviewt, eine Journalistin, die seit 27 Jahren in Israel lebt. Trotz der Auswirkungen durch den omnipräsenten Terror würde sie Israel nicht verlassen und auch sie prophezeit Europa eine Zukunft, die in Bezug auf Sicherheitsvorkehrungen denjenigen Israels gleichen wird.

In der Basler Zeitung vom 26. Juli wird der israelische Energieminister Yuval Steinitz zum Verhältnis Israels zu seinen Nachbarn befragt. In dem Gespräch geht der Politiker auf die hochbrisanten, gefährlichen Entwicklungen im Iran, auf den stagnierenden Friedensprozess mit den Palästinensern sowie auf die sich verbessernden Beziehungen zwischen Israel und den sunnitischen Ländern ein.

Monika Bolliger setzt sich in der NZZ mit der historischen und gegenwärtigen Rolle des Hizbullah auseinander. Dieses Unterfangen verläuft teils recht unkritisch, da die Autorin weder den affirmativen Umgang der arabischen Welt mit der Terrorbewegung noch ihre Gewaltphantasien Israel gegenüber problematisiert. Auf den Libanonkrieg von 2006, den auch Bolliger thematisiert, gehen Ulrich Schmid und Kirjat Shmona ein (NZZ). Der Krieg fand in den israelischen Medien ein ambivalentes bis äusserst kritisches Echo – die Autoren dazu: „Das Urteil der Medien blieb in bester israelischer Tradition streng bis unerbittlich“. Die verschiedenen Stimmen, die im Artikel zu Wort kommen, zeichnen aber ein deutliches Bild von der demokratischen Meinungsvielfalt in Israel, die selbst dann greifbar wird, wenn man mit einer solch massiven Bedrohungslage konfrontiert ist, wie sie vom Hizbullah ausgeht (in der NZZ gibt es auch eine Kurzmeldung zu dem mutmasslich von dem Hizbullah durchgeführten Attentat an Israelis in Bulgarien vor vier Jahren).

Auch Israels Parlament zeichnet sich durch eine intakte Debattenkultur im Umgang mit Terror aus. In einer afp/dpa-Meldung (NZZ) wird ein umstrittenes Gesetz besprochen, durch welches es bei bestimmten Voraussetzungen zu einem Mandatsentzug für Abgeordnete kommen kann. Laut Artikel sorgte dies für unzählige Debatten. Es heisst darin: „In Israel sollen Parlamentarier, die den bewaffneten Kampf gegen Israel unterstützen, künftig mittels Mehrheitsentscheidung von ihrem Amt suspendiert werden“. Es ist nicht einsichtig, warum diese Suspendierung ein Problem darstellen sollte – in anderen Ländern gehören Vorgänge wie diese schon lange zum etablierten Umgang mit verfassungswidrigen Parteien, bspw. in Deutschland. Es sollte eher gefragt werden, warum dieses Gesetz erst jetzt in Israel verabschiedet wird. Bei BLICK kommt Netanyahu zu Wort: „es sei darum gegangen ‚eine Absurdität zu beenden. Wer Terrorismus gegen den Staat und seine Bürger unterstützt, kann kein Mitglied des Parlaments sein.’“

Betont reisserisch betitelt Onur Ogul bei BLICK einen Artikel mt „Israelische Dschihadisten-Jägerin. Diese Frau will eine Milliarde von Mark Zuckerberg“ und bezieht sich dabei auf Nitsana Darshan-Leitner. In ihrer Arbeit verklagt die Anwältin Terroristen sowie Banken u.a. soziale Netzwerke, die terroristische Aktionen unterstützen. Die Boulevardzeitung unterstellt der Anwältin einen „rechtsradikalen Hintergrund“ und begründet dies unter Verweis auf andere Medienbeiträge, die aber nicht weiter genannt werden.

Wenn es um Terror geht, muss allerdings auch die Gefahrenquelle Internet gesehen werden. Leeor Engländer geht in der Jüdischen Allgemeinen auf terrorverherrlichende und antisemitische Inhalte ein, und inwieweit Facebook für die Verbreitung verantwortlich zu machen ist. Jan Rothenberger und Alan Cassidy vom Tagesanzeiger bringen einen Artikel allgemein zu Hassrede bei Facebook, die in letzter Zeit immer mehr zunimmt. Der Konzern reagiert zu schwerfällig – so der von den Autoren zitierte deutsche Justizminister Heiko Maas. Unter dem Titel „Wer Hass verbreiten will, steht dazu“ bringt die Basler Zeitung vom 26. Juli einen Artikel zu einer Studie der Universität Zürich, die belegt, dass immer mehr Hasskommentare mit Namensangabe der Schreiber ins Netz gestellt werden.

In der Neuen Luzerner Zeitung berichtet Dominic Wirth vom Auschwitz-Überlebenden Gábor Hirsch. Wenn Wirth das Internet und andere Medien benutzt, spürt er die Rückkehr von gefährlichen ausgrenzenden Denkmustern: „Ich fürchte die Konsequenzen […] nicht für mich, sondern für die nächste Generation, die meiner Söhne.“

Die vielen Formen von Hassrede und Ausgrenzung, wie man sie leicht in der virtuellen Realität des Internet vorfinden kann, werden viele ältere Menschen an den Sprachduktus und die fatalen Folgen für Millionen von Menschen in der Vergangenheit erinnern. Umso wichtiger ist es, diese Hinweise ernst zu nehmen und auf diese Entwicklungen präventiv einzuwirken, eh sich Feindbilder in den Köpfen der nächsten (und schon gegenwärtigen) Generationen wieder fest einbrennen.

Über Matthias J. Becker

Matthias J. Becker ist Doktorand an der Technischen Universität Berlin. Er studierte Romanische Philologien, Philosophie und Linguistik an der Freien Universität. In seiner Dissertation beschäftigt er sich mit dämonisierenden Analogien im deutschen und britischen Nahostdiskurs (Web-Kommentare auf Die Zeit und The Guardian), um die verschiedenen Qualitäten eines israelbezogenen Entlastungsantisemitismus’ anhand des Online-Diskurses in liberalen Medien zu erforschen.

Alle Artikel
Diesen Beitrag teilen
  • 10
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •