Eine sonderbare Heilung

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Restauriertes Foto einer Frau die 1944 in einer Gaskammer durch die Nazis ermordet wurde. Foto lapidim / Flickr.com. (CC BY-NC 2.0)
Lesezeit: 3 Minuten

Wieso die Ablehnung des jüdischen Staates nur schwer heilbar ist – oder wieso jeder zumindest für einen Tag jüdische Eltern haben sollte.

Wieso latenter Israelhass nur auf die harte Tour heilbar ist, wurde mir erst durch diese (wahre) Geschichte bewusst: Eine Bekannte von mir hatte eine Patientin, eine 68erin. Diese SPD-wählende Beamte war stolz darauf, keine israelischen Produkte zuhause zu haben und regelmässig an Treffen mit antiisraelischen Intellektuellen teilzunehmen, an denen über die Leiden junger Palästinenser, westlichen Rassismus und die Verbrechen Israels diskutiert wurde.

Sie verzichte mit Freuden auf Blutorangen, Danone-Joghurts und Coca Cola, die Fabriken und Forschungsanlagen in Israel betrieben und somit zu Unrecht existierten. Genau diese Patientin hörte sogar auf meine Bekannte in ihrer Arztpraxis Besuche abzustatten, als sie erfuhr, dass diese gerne in Israel Ferien machte, weil das Essen und das Wetter gut seien dort. Die Patientin konnte diese „perfide“ Unterstützung des jüdischen Staates durch Tourismus und Akzeptanz nicht billigen, weil es sich schliesslich um einen „imperialen Unterdrückerstaat handle“, der „den Palästinensern ihr Land mithilfe der USA wegnimmt.“

Es sollten einige Jahre vergehen, bis eben jene Patientin wieder auf dem Arztsessel meiner Bekannten sitzen würde. Wieso die plötzliche Wende?

Auf dem Sterbebett offenbarte die Mutter der Patientin dieser, dass sie jüdisch sei. Die Mutter überlebte als Kind die Schoah in einem katholischen Kloster, während ihre Eltern in den Gaskammern von Treblinka von den Deutschen und ihren willigen Vollstreckern ermordet wurden, weil sie Juden waren.

Es war ein Wendepunkt: jahrelang marschierte die Frau an vorderster Front an Anti-Israel-Demos mit, schwang Transparente mit israelfeindlichen Parolen, schrieb regelmässig Leserbriefe an pro-israelische Blätter, in denen sie das Existenzrecht Israels relativierte. In ihrer Wohnung in Berlin Neukölln hing eine Karte von Palästina, das israelische Staatsgebiet umfassend und eingefärbt in den Farben des palästinensischen Staates. Abbas und Arafat waren für sie Helden, Scharon und Rabin Verbrecher, die Araber Opfer, die Juden Täter. Gaza war für sie KZ, Tel Aviv ein Splitter in der arabischen Welt und eine Bedrohung des Weltfriedens. Mit einem Mal relativierte sich ihre Einstellung. Sie, die Neo-Jüdin, brach in sich zusammen, zog sich aus ihrem Freundeskreis zurück, wurde depressiv, bis sie begann, ab und zu Synagogen zu besuchen, nach Israel reiste und Konzentrationslager besuchte.Ihre Ideologie wurde schlagartig relativiert. Ihr ganzes Leben lang lebte sie in einem Irrtum. Nicht in jenem über die jüdische Herkunft, sondern in jenem, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Sie musste es auf die harte Tour lernen. Fortan schämte sie sich für ihre Vergangenheit.

Häufig ist es versteckter Antisemitismus im Deckmantel von Israelkritik: Skandierte Parolen wie „Kindermörder Israel“, die an das Bild des kindermordenden Juden erinnern oder das Existenzrecht Israels relativierende Aussagen sind bezeichnend. Empathie ist überzeugten Gegnern des jüdischen Staates fremd. Und auch wenn logische und nachvollziehbare Argumente ins Feld geführt werden, um den einzigen Staat im Nahen Osten, in dem Frauen und Minderheiten Rechte und alle Bürger ungeachtet ihrer Herkunft demokratische Rechte besitzen, zu verteidigen – meist hilft es nichts. Denn unverhältnismässige und jeder Objektivität beraubte Israelkritik ist eine besondere Form von Komplex: Egal was Israel tut, wie viel Entwicklungshilfe es leistet oder Krebsmedikamente erfindet – tut Israel nicht ausschliesslich Gutes, ist es eben ausschliesslich schlecht. Basta. Die vermeintlichen Kritiker des jüdischen Staates verstehen sich moralisch überlegen und hetzen, um meist von eigenen oder grosselterlichen Sünden abzulenken.

Es wird wohl oder übel bei einem fantasievollen Gedankenexperiment bleiben, wie es wohl um Israelhass und Antisemitismus weltweit stehen würde, wenn jeder Mensch zumindest für eine Woche von seinen Eltern gesagt bekäme, dass er jüdisch sei. Gewiss wäre die Haltung gegenüber Israel eine andere.

Daniel Szpilman

Über Daniel Szpilman

Daniel Szpilman ist FDP-Grossratskandidat in Basel-Stadt und freier Mitarbeiter der Basler Zeitung.

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2 KOMMENTARE

  1. Blöde Story. Dass man kranke Denkstrukturen hat und mit seiner Einsicht und Argumenten vollkommen auf dem Holzweg ist, sollte man merken und daran arbeiten ganz unabhängig davon, wo man herkommt. Und vor allem schneller.

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