Ministerpräsident Benjamin Netanjahu mit dem äthiopischen Premierminister Hailemariam Desalegn. Foto Kobi Gideon, GPO
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Der erste Besuch eines israelischen Regierungschefs in Afrika nach 20 Jahren hat in der Welt nur wenige und in Israel fast keine Schlagzeilen erbracht.

Die überwiegend linksgerichtete und extrem „Bibi-feindliche“ Presse wollte dem seit 9 Jahren amtierenden Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu keinen Erfolg gönnen. Deshalb machte eine vermeintliche polizeiliche Untersuchung wegen des Verdachts von Geldgeschichten und Spekulationen um einen baldigen Sturz Netanjahus grössere Schlagzeilen, als die „historische“ Afrika-Reise. Manche Kommentatoren bezeichneten die Visite als „reine Geldverschwendung“, obgleich sich Netanjahu von 80 israelischen Geschäftsleuten begleiten liess, denen viele Türen geöffnet worden sind.

Gleichwohl waren die von Netanjahu gewählten Stationen teilweise hoch-emotional und könnten durchaus einen dramatischen Wandel in der Haltung Afrikas zu Israel nach sich ziehen.

Emotionaler Auftakt in Entebbe

Netanjahu landete am 4. Juli in Entebbe, exakt auf den Tag genau 40 Jahre nach der sensationellen Geiselbefreiung der Passagiere einer entführten Air France Maschine, 4.000 Kilometer von Israel entfernt. Die inzwischen mehrfach verfilmte Befreiungsaktion hatte für Netanjahu eine persönliche Bedeutung. Dort ist sein Bruder Joni (Jonathan), Befehlshaber der Operation, gefallen. Netanjahu wäre ohne den Tod seines Bruders in Uganda nicht Politiker geworden. In der Delegation Netanjahus befanden sich Überlebende und ehemalige beteiligte Soldaten. Betont wurde bei den Gedenkfeiern die Rolle der beiden deutschen Terroristen der RAF. Die hatten 30 Jahre nach Auschwitz in Entebbe eine „Selektion“ vorgenommen, also die jüdischen und israelischen Passagiere von den übrigen getrennt. Diese ungeheuerliche antisemitische Tat bedeutete damals für manche deutsche Linke ein böses Aufwachen. Denn so war „bewiesen“, dass nicht nur unter Neo-Nazis der Judenhass verankert war, sondern genauso bei extremen Linken.

Ein versöhnliches Kuriosum war in Entebbe daher das Treffen von Netanjahu mit einem Sohn vom damaligen ugandischen Diktator Idi Amin Dada. Der hat sich in Interviews von den Verbrechen seines Vaters distanziert. Idi Amin habe eigenhändig die erkrankte Geisel Dora Bloch, die Mutter eines bekannten israelischen Journalisten, im Krankenhaus ermordet und kooperierte mit den Entführern.

Die nächste Station von Netanjahu war Kenya. Die meisten afrikanischen Staaten haben sich infolge des arabischen Ölboykotts von 1973 den Arabern zugewandt, so auch Kenya. Dennoch hat Nairobi den Israelis während der Befreiungsaktion von Entebbe 1976 erlaubt, auf ihrem Flughafen zwischenzulanden und dort ein Lazarett einzurichten. Inzwischen sind die Beziehungen wieder sehr eng, vor allem in der Landwirtschaftshilfe. Nach Terroranschlägen in Kenya hat Israel geheimdienstlich geholfen.

Kenyas Präsident Uhuru Kenyatta hat für Netanjahu ein Gipfeltreffen mit sieben afrikanischen Regierungs- und Staatschefs organisiert. Dabei wurde beschlossen, für die Zulassung Israels als Beobachter bei der Afrikanischen Union mit 54 afrikanische Ländern aktiv zu werden. Zudem erzählte Netanjahu, dass sein Gastgeber mit dem Staatschef eines „afrikanisch-islamischen Staates“ telefoniert habe, mit dem Israel keine diplomatischen Beziehungen pflege und dass ein Treffen verabredet worden sei. Dieses bestätigt Netanjahus wohl übertriebene Behauptung, dass „ganz Afrika freudig erregt“ gewesen sei, wegen seines Besuches auf dem „schwarzen“ Kontinent.

In Ruanda, der nächsten Station, konnte Netanjahu an die gemeinsame Geschichte anknüpfen. Die Massaker der Tutsis an den Hutus, bei denen eine Million Menschen ermordet worden seien, gelten als Völkermord. Da konnte Netanjahu als Vertreter des jüdischen Volkes, das den Holocaust erlebt hat, bei Gedenkzeremonien überzeugen.

Äthiopiens Schlüsselrolle

Die letzte Station war Äthiopien. Dort warten immer noch Tausende „Falash Mura„, zum Christentum konvertierte Juden, darauf, nach Israel auswandern zu können, um sich mit ihren dort schon lebenden Verwandten zu vereinigen.

Oded Granot, israelischer Experte für arabische Länder, sagte im Fernsehen, dass Netanjahu im geheimen Auftrag Ägyptens in Addis Abeba eine Friedensmission durchgeführt habe. Die Äthiopier planen den Bau eines Staudammes am wasserreichen Oberlauf des blauen Nils. Das könnte Ägypten das Nilwasser vorenthalten. Für Ägypten wäre das ein Kriegsgrund. Angesichts der sehr freundschaftlichen Beziehungen zwischen Kairo und Jerusalem wäre es nicht verwunderlich, wenn Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi den israelischen Premier vor seinem Besuch in Äthiopien um Vermittlung gebeten hätte. Granot berichtete das ohne konkrete Hinweise. Anders konnte er sich jedoch nicht ein weiteres „historisches“ Ereignis unmittelbar nach der Rückkehr Netanjahus erklären. Erstmals seit 2007 absolvierte ein ägyptischer Aussenminister, Sameh Shoukry, ohne Vorankündigung einen überraschenden Besuch in Jerusalem. Dabei ging es gewiss nicht nur um den stockenden Friedensprozess mit den Palästinensern. Ägyptens vordringlichste Sorge ist die Beilegung der entstandenen Spannungen mit Äthiopien und der Kampf gegen El Qaeda und Daesch im Sinai.

Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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1 KOMMENTAR

  1. Äusserst positiv. Israel ist ein Licht für die Welt und für die ganze Region. Netanjahu ist ebenfalls ein Licht für die Welt. Bloss nicht runterziehen lassen vom Negativismus, positiv bleiben, vorangehen, das Gute loben, das Schlechte beim Namen nennen und bekämpfen. Einen anderen Weg gibt es nicht.

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