Alte Mauer trifft auf neues Judentum

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Klagemauer in Jerusalem. Foto CC0 Public Domain
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Es geschah nicht zum ersten Mal. Als jüdische Pilger von überall aus der alten Welt in Scharen zum Tempel strömten, um das höchste Fest des Judentums zu feiern, bekämpften sich Juden aus gegnerischen Religionsgemeinschaften und rivalisierenden politischen Lagern am Fusse des Ortes, der schon zur Zeit der Römer die heiligste Stätte des Judentums war.

Glücklicherweise kann man das Schieben und Schubsen an der Klagemauer am 16. Juni nicht mit dem vergleichen, was in den letzten Tagen des Tempels geschah, als sich drei jüdische Milizen in den Höfen des Heiligtums bis aufs Blut bekämpften, während die Römer schon vor den Toren Jerusalems standen.

Dieses Mal gab es zwar kein Blutvergiessen, doch es kam zu Handgemengen, als ultra-orthodoxe Demonstranten das südliche Ende der Mauer erreichten und mit Pfiffen das Gebet von mehr als 200 nicht-orthodoxen Juden störten, die in traditionelle Gebetsschals und -riemen gehüllt waren.

Es war jedoch nur ein kleines Puzzlestück in einer Konfrontation, in der Glaube, Politik und die bestehende Ordnung vermischt werden und die in diesen Tagen nach jahrelangem Schwelen ihren Höhepunkt erreicht hat.

Es geht um die konfessionelle Kontrolle über Jerusalems heiligste Stätte, an der seit 1967, als die Stadt ein Teil Israels wurde, Gebete nach orthodoxem Ritus durchgeführt werden. Zu dieser Zeit wurde der Platz vor der Mauer geteilt, sodass Frauen nur noch ein abgetrennter, viel kleinerer Teil des Ortes zur Verfügung stand, an dem Juden seit der Zeit König Salomons beten.

Damals blieb diese Regelung unangefochten, da das säkulare Israel noch keine nicht-orthodoxen Juden kannte und sich das orthodoxe Israel noch nicht mit dem Feminismus auseinandersetzen musste.

Das hat sich geändert.

Zunächst gab es einen steten Zuwachs an nicht-orthodoxen Synagogen – vor allem dank der Einwanderer aus den USA, die grösstenteils dem konservativen Judentum angehören, das an eine kontinuierliche Anpassung der rabbinischen Gesetze an den Wandel der Zeit glaubt. Andere gehören der Reformbewegung an, die weniger die rabbinischen Gesetze, sondern die jüdischen Werte und Traditionen in den Mittelpunkt stellt.

Beide Bewegungen ernennen schon seit Langem Frauen zu Rabbinerinnen und Kantorinnen und in ihren Gebetsstätten sitzen Frauen und Männer nebeneinander. Dieser Geist erreichte schon bald moderne orthodoxe Israelis – also jene, die im Gegensatz zu den Ultra-Orthodoxen ihren Kriegsdienst leisten, eine säkulare Bildung erhalten und den Zionismus willkommen heissen.

Vor allem in Jerusalem, wo Israelis, die sich selbst als orthodox bezeichnen, Frauen Gottesdienste leiten lassen – egal ob mit Männern oder ohne sie –, entstanden Dutzende feministische Gebetsgruppen, sodass Frauen nicht mehr nur passive Zuschauer bei von Männern geleiteten Gebeten sind.

In den vergangenen Jahren erreichten diese beiden Entwicklungen die Klagemauer, als Frauen – zur wachsenden Beunruhigung ultra-orthodoxer Rabbiner – begannen, monatliche Gebete durchzuführen.

Premierminister Benjamin Netanjahu bemühte sich um die Lösung des Streits und stellte eine Kommission zusammen, die einen Weg aus diesem schwelenden Konflikt finden sollte.

In Israel gehen solche Komitees den Problemen normalerweise lieber aus dem Weg, als sie zu lösen, doch dieses stellte sich gegen den Trend. Die Leiter des Ausschusses – Generalstaatsanwalt Avichai Mandelblit und Natan Scharanski, Vorsitzender der Jewish Agency – verstanden, welche religiösen und nationalen Befindlichkeiten auf dem Spiel standen und waren ernsthaft ideologisch bemüht, diese Bombe zu entschärfen, die man ihnen in den Schoss warf.

Mandelblit, der zuvor als Generalstaatsanwalt der IDF gewirkt hatte und den Rang eines Generalmajors führt, ist ein Beobachter und ein allgemein geschätzter Jurist. Er verfügt also über das religiöse und rechtliche Wissen, das zur Lösung dieses Problems erforderlich ist.

Scharanski, der in der jüdischen Welt und auch darüber hinaus für seine Heldenhaftigkeit als zionistischer Gefangener in der ehemaligen UdSSR gerühmt wird, brachte seine persönlichen Bedenken und die institutionelle Besorgnis der Jewish Agency über die Einheit der jüdischen Nation ein.

Das Ergebnis war die einfallsreiche Empfehlung, dass die Regierung einen Bereich hinter dem aktuellen Gebetsbereich räumen sollte, über den man die Mauer erreichen kann und der für egalitäre Betende und nicht-orthodoxe Gruppen zugänglich ist.

Es war überraschend, eine solche Idee von einem orthodoxen Juden wie Mandelblit zu hören, aber noch erstaunlicher war es, dass sie still und leise von ultra-orthodoxen Politikern akzeptiert und bald zu einer Regierungsentscheidung wurde. Zu diesem Zeitpunkt schrien jedoch mehrere noch unnachgiebigere Rabbis auf, dass der Kompromiss das nicht-orthodoxe Judentum legitimieren und die Klagemauer besudeln würde. Die Ultra-Orthodoxie wurde gegen das vorgeschlagene Arrangement aufgehetzt.

Klagemauer in Jerusalem. Foto CC0 Public Domain
Klagemauer in Jerusalem. Foto CC0 Public Domain

Netanjahu sass nun zwischen den Stühlen seines Interesses am amerikanischen Judentum, das überwiegend nicht-orthodox ist, und seinen Verpflichtungen gegenüber seinen strategischen Verbündeten, der israelischen Ultra-Orthodoxie.

Wie es so oft in solchen Situationen in Israel der Fall ist, wanderte die Krise nach Aufrufen dazu, dass Frauen nicht nur im neuen Bereich, sondern auch im Hauptbereich Gebete leiten sollten – ein Albtraum für alle Ultra-Orthodoxen – vor das Oberste Zivilgericht.

Das Oberste Gericht forderte eine Stellungnahme der Regierung bezüglich der Ausführung ihres Plans und implizierte damit, dass die Richter weibliche und nicht-orthodoxe Gläubige in den Hauptbereich führen würden, wenn die Regierung ihr eigenes Vorhaben nur schleppend durchsetzen sollte.

In Anbetracht der Tatsachen reagierte Netanjahu auf die Auseinandersetzung, indem er am nächsten Morgen öffentlich verkündete, er fördere „eine Lösung, durch die sich jeder Jude an der Klagemauer zu Hause fühlen kann“.

Dann fügte er etwas hinzu, was er noch nie zuvor gesagt hatte.

„Es gibt Personen, die unsere Nation spalten wollen und die andere Juden als böse oder sogar als nicht-jüdisch bezeichnen. Wir sollten diese unangebrachten Worte und Taten zurückweisen, die sich gegen den grundlegenden Geist des Staates Israel richten“, sagte er. Es war eine Warnung an ultra-orthodoxe Politiker, dass sich die Ultra-Orthodoxie auf der falschen Seite der Agenda des Premierministers wiederfinden würde, sollten sie die Militanten in ihrem Lager nicht im Zaum halten.

Der jüdische Pluralismus ist – so gesehen –  nun auf seinem Weg zur Klagemauer und wird dabei von der jüdischen Regierung geschützt, auf die sich Juden des Altertums nicht verlassen konnten, als sie zum letzten Mal in ihrer heiligsten Stätte aufeinandertrafen – nur wenige Momente, bevor sie sie verloren.

Über Amotz Asa-El

Amotz Asa-El ist leitender Berichterstatter und ehemaliger Chefredakteur der Jerusalem Post, Berichterstatter Mittlerer Osten für Dow Jones Marketwatch, politischer Kommentator bei Israel's TV-Sender Channel 1 und leitender Redakteur des Nachrichtenmagazins Jerusalem Report.

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