Medienschau mit Matthias J. Becker

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Foto CC0 Public Domain
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Das israelisch-türkische Abkommen stand in der letzten Zeit eindeutig im Mittelpunkt des Interesses der Schweizer Medien, wenn es um den Nahen Osten ging – besonders in der NZZ kam es zu einer regelrechten Artikelflut (NLZ, NZZ 1, NZZ 2, NZZ 3, NZZ 4, SRF).

Ulrich Schmid von der NZZ schreibt, bei den Gesprächen handele sich um eine „Versöhnung mit wirtschaftlicher Perspektive“. Inga Rogg (ebenso NZZ) spricht von einem „Wendepunkt“, der auf eine „jahrelange Eiszeit“ folgt. Eingeleitet wurde diese sechsjährige Eiszeit durch den Zwischenfall auf der Mavi Marmara im Mai 2010, dem grössten Schiff einer Flotte, die – so die türkischen Organisatoren seinerzeit – Hilfsgüter zum Gazastreifen bringen sollte. Auch wenn die israelische Marine die Flottille mehrfach aufforderte, die Seeblockade vor Gaza anzuerkennen, den Kurs zu ändern und die Hafenstadt Ashdod anzulaufen (von wo aus die Güter nach Gaza gebracht worden wären), haben sich die hauptsächlich türkischen Aktivisten dagegen verwehrt. Israelische Spezialkräfte enterten daraufhin die Schiffe. Es kam auf der Mavi Marmara zu massiven Attacken gegen die Soldaten. Die Folge war, dass es zum Tod von mehreren Aktivisten kam.

International wurde diese Aktion (der Israelis, nicht jene der Flottille) von unzähligen Medien, Politikern und Verbänden verurteilt; mehrere Länder bestellten die israelischen Botschafter ein – auch wenn, wie Schmid hervorhebt, die UNO (die sich sonst äusserst israelkritisch gibt) die Blockade für rechtmässig erklärte (s. New York Times). Die Hamas wusste sehr genau, welche Folgen auf internationalem Parkett ein Eingreifen israelischer Streitkräfte haben würde, und begrüsste schon im Vorhinein die Aktion der türkischen Aktivisten.

Letztlich – auch wenn Israel rechtmässig handelte – forderte die Türkei dreierlei Dinge: Eine offizielle Entschuldigung, eine Entschädigung der betroffenen Familien sowie ein Ende der Gaza-Blockade. Israel kam den ersten beiden nach; die Letztgenannte würde bedeuten, massiven Terror zurück ins Land zu holen, und ist unter gegenwärtigen Umständen inakzeptabel. Trotzdem bemüht sich Erdogan zurzeit um Gespräche. Mike Szymanski vom Tagesanzeiger charakterisiert dies als Zeichen eines „hemmungslosen Pragmatismus“, der mit dem enormen wirtschaftlichen Druck zusammenhängen wird, der auf dem Land lastet, seitdem die Beziehungen mit Russland seit dem Abschuss des russischen Kampfjets über Syrien ebenso auf Eis liegen.

Die Gespräche zwischen Israel und der Türkei wurden international sehr begrüsst und als Zeichen der Stabilisierung in der Region gefeiert. Die Luzerner Zeitung führt indes eine interessante Äusserung eines türkischen Regierungsvertreters an: „Die Vereinbarung stellt einen diplomatischen Sieg der Türkei dar“ und: „Die Türkei wird den Palästinenserstaat und das palästinensische Volk weiterhin unterstützen“. Wie genau das aussehen soll, bleibt unerwähnt.

An dieser Stelle muss darauf hingewiesen werden, dass die Palästinenser international bereits massive finanzielle Unterstützung erhalten: Die ca. 1.400 Hilfsorganisationen erwirtschaften 60 Prozent der gesamten palästinensischen Einnahmen aus der Wirtschaft. Und: Seit 1993 erhalten die Palästinenser pro Kopf das 15-Fache der Unterstützung, die der Marshall-Plan für den Wiederaufbau der europäischen Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg pro Kopf vorgesehen hat (s. Jerusalem Institute of Justice, zum Reichtum in Gaza s. Audiatur-Online). Diese Zahlen belegen ein weiteres Mal: Die Armut in Gaza hat somit mit der Ablehnung demokratischer Strukturen zu tun, mit Terror und mit Korruption – das Geld ist da.

Erdogan liess es sich auf jeden Fall nicht nehmen, neben einer Annäherung an Israel die Hamas-Führung in Istanbul zu treffen, wie die NZZ berichtet. Es bleibt also abzuwarten, wie viel Stabilität auf die türkischen Gesprächsbemühungen tatsächlich folgen wird.

In einer Reportage berichtet SRF am 27. Juni, dass durch das Abkommen die Türkei „humanitäre Hilfe leisten dürfe für das verarmte und weitgehend abgeriegelte Palästinensergebiet, auch zahlen darf, damit dort ein Minimum der Infrastruktur wieder in Gang kommt, dass es etwas mehr Wasser gibt, etwas weniger Stromausfälle“. Leider verschweigt das SRF die Gründe für die Blockade und ihre Folgen. Man deutet mit dieser Aufzählung nur an, dass es Israel ist, das einem Volk grundlos katastrophale Lebensbedingungen aufzwingt, bis der türkische Humanismus Abhilfe schafft. Leider wurde auch nicht erwähnt, was genau bei der „Affäre Mavi Marmara“ passierte und wie es zu den Toten kam.

Das Tagblatt veröffentlichte am 26. Juni ein lesenswertes Interview mit dem 80-jährigen Rabbiner der jüdischen Gemeinde in St.Gallen, Tovia Ben-Chorin. Dieser spricht über sein bewegtes Leben und Schlüsselerlebnisse, die ihn zu seinem Beruf führten, über die Bedeutung von Ritualen, seine Zeit in der israelischen Armee und seine Vorstellung von einem liberalen Judentum. Der Leser mag sich wundern, wenn ein Mann mit so viel Erfahrung über den Nahostkonflikt auf etwas einseitige Weise sagt: „Derzeit versucht Israel, seine Ziele durch Macht und Kraft zu erreichen, nicht durch Dialog. Aber man muss mit Gesprächen beginnen. Auf allen Seiten. Mit allen. Ich würde auch mit der Hamas reden, warum nicht? Aber es ist leichter, Hass in einen Menschen hineinzujagen als Hoffnung und Veränderung, die er mittragen muss.“ Der Rabbiner würde also mit einer terroristischen Vereinigung verhandeln, die es sich zum Ziel machte, Israel und alles Jüdische zu vernichten? Gehört zu einer Verhandlung nicht auch immer, den anderen anzuerkennen und ihm nicht sein Recht auf Existenz abzuerkennen? Kann man jemanden mit Argumenten erreichen und mit Verträgen binden, der einen im selben Atemzug auslöschen möchte (hierzu sei auch auf der Audiatur-Artikel zu linken israelischen Stimmen genannt)? Vielleicht sind die gegenwärtigen Verhältnisse in Nahost doch etwas anders als noch in den 60er und 70er Jahren.

Ein idealistisches Plädoyer für einen offenen Dialog bringt auch der in Zürich lebende Künstler Daniel Eisenhut, der von SRF Kultur interviewt wird. Eisenhut will mit seiner Malerei ein Zeichen gegen Abgrenzung und Diskriminierung setzen und sieht in der Kunst einen Weg hin zum Menschsein und zur Begegnung. Auch in der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Nahostkonflikt sieht er Potenziale für eine Annäherung und die Überwindung verfestigter Fronten.

In einem anderen SRF-Beitrag wird erneut die Idee von einem liberalen Blick auf das Judentum vorgestellt: Thema ist die Arbeit des Basler Historikers Daniel Lis zum afrikanischen Judentum. Lis stellt fest, dass sich verschiedene afrikanische Volksgruppen momentan dem Mainstream-Judentum immer stärker anzunähern versuchen, indem sie auf den Talmud eingehen, sich auf Rituale einlassen und Hebräisch lernen. Der Historiker spricht gar von „einer Judaisierung Afrikas“. In der Reportage wird auch ein Dokumentarfilm von Jeff L. Lieberman namens „Re-Emerging the Jews of Nigeria“ erwähnt. Die Moderatoren stellen dem Historiker die Frage, ob es sich bei diesen Gruppen denn wirklich um Juden handle – die Verbindung zu Israel liesse sich historisch wohl kaum belegen. Lis antwortet, indem er darauf hinweist, dass sich jeder gläubige Mensch seinen Bezug zum Glauben auf eine andere Weise definiert. Jude sein bedeute nicht immer dasselbe. Afrikanischen Juden immer wieder diese Frage zu stellen, sei tendenziös. Er hält dem das Bild eines multikulturellen, modernen und sich seit jeher verändernden Judentums entgegen, das verschiedene Hindernisse in der Geschichte überwinden musste und das noch heute tut. Gegenwärtige Selbstbilder sind seiner Meinung nach hier entscheidender als historisch begründbare Linien aus der Vergangenheit.

Auch der Holocaust wurde in der Schweizer Presse in den letzten Wochen thematisiert. So berichtet Rea Brändle in der Wochenzeitung von der „Spurensuche gegen das Vergessen“, die der österreichische Slawist und ehemalige Spiegel-Korrespondent Martin Pollack unternahm, um über Essaysammlung die Verbrechen seines Vaters in der NS-Zeit aufzuzeigen.

Watson bringt am 29. Juni einen Artikel zur spektakulären Entdeckung eines Fluchttunnels auf dem Gelände der ehemaligen NS-Vernichtungsstätte Paneriai in Litauen. Lange wurde nach dem Tunnel gesucht, doch erst „mit Hilfe von geoelektrischen Messungen [konnte] dessen Verlauf und exakte Länge erfasst“ werden. Der Archäologe Richard Freund von der Universität Hartford sprach von der Entdeckung „eines der grössten Mysterien der Fluchtgeschichten des Holocaust“. Zwischen 1941 und 1945 wurden 90 Prozent aller damals ca. 200.000 in Litauen lebenden Juden ermordet – bedauerlicherweise ging das Land bisher der Aufklärung der eigenen Rolle im Holocaust nur unzureichend nach. Diese Entdeckung könnte ein neues Kapitel der Aufarbeitung einleiten, so zitiert Watson den litauischen Rundfunk wieder.

Über Matthias J. Becker

Matthias J. Becker ist Doktorand an der Technischen Universität Berlin. Er studierte Romanische Philologien, Philosophie und Linguistik an der Freien Universität. In seiner Dissertation beschäftigt er sich mit dämonisierenden Analogien im deutschen und britischen Nahostdiskurs (Web-Kommentare auf Die Zeit und The Guardian), um die verschiedenen Qualitäten eines israelbezogenen Entlastungsantisemitismus’ anhand des Online-Diskurses in liberalen Medien zu erforschen.

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