Palästinenser und Juden verbringen das Ramadan-Fastenbrechen miteinander. Foto Vradim Productions Inc.
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Siedlerrabbiner, orthodoxe Jeschiwastudenten und Dutzende anderer Menschen aus dem jüdischen Gush Etzion gesellten sich für ein einzigartiges Ramadan-Fastenbrechen, das von der Friedensorganisation Roots/Shorashim/Judur (hebräisch und arabisch für „Ursprung“) veranstaltet wurde, zu Palästinensern aus Bethlehem und umliegenden Dörfern.

von Anna Rudnitsky/TPS

Bei einer seltenen Gelegenheit für ein Treffen begingen Palästinenser und jüdische Bürger aus Judäa und Samaria am Dienstag ein Ramadan-Iftar und eröffneten dabei Perspektiven auf den Konflikt und eine gemeinsame Zukunft in jenem Land, das beide Seiten als ihr Eigen betrachten. Von Teilnehmern beider Seiten erforderte die Anreise Mut, jedoch betrachteten viele von ihnen dies als eine „verändernde Erfahrung“.

Das Essen basierte auf einem traditionellen arabischen Rezept, bestehend aus Reis mit Hühnchen, und wurde von einem palästinensischen Koch unter der Aufsicht von Roots-Mitbegründer Rabbi Shaul David Judelman zubereitet, um zu gewährleisten, dass es koscher ist. Wassermelonen, die die Palästinenser aus ihren eigenen Gärten mitgebracht hatten, dienten als Nachspeise. Das Essen wurde in einem Zelt auf einem Stück Land in der Nähe der Gush Etzion-Kreuzung serviert, das dem palästinensischen Roots-Mitbegründer Ali Abu Awwad gehört – ein Schauplatz regelmässiger Terroranschläge.

„Unser Ziel ist die Erschaffung einer Umgebung, in der es möglich ist, andere zu treffen und ihren Wert wiederzuerkennen“, sagte Abu Awwad und beschrieb damit den Ort, an dem einst das Haus seines Vaters stand.

„Vor drei Jahren wusste ich nicht, worum es sich beim Ramadan eigentlich handelt und heute feiere ich das Ramadan-Fastenbrechen zusammen mit meinen palästinensischen Freunden“, sagte Rabbi Hanan Schlesinger, ein weiterer Mitbegründer der Organisation. „Ich empfinde diese Erfahrung als erleuchtend, Horizont erweiternd und höchst spirituell. Meine Seele ist gewachsen, um den anderen zu erkennen, ihn zu hören und zu verstehen. Jeder, der an diesen Ort kommt, durchlebt diesen Transformationsprozess und ich bin der Überzeugung, dass dies der Prozess ist, der möglicherweise die Erlösung bringt.“

Palästinenser und Juden verbringen das Ramadan-Fastenbrechen miteinander. Foto Vradim Productions Inc.
Palästinenser und Juden verbringen das Ramadan-Fastenbrechen miteinander. Foto Vradim Productions Inc.

Bei der Ankunft der Teilnehmer – sowohl von Neulingen als auch jenen, die schon zu anderen Roots-Veranstaltungen in diesem Zelt waren – begrüsste Schlesinger freundlich jeden einzelnen von ihnen. Um einen grossen Tisch herum versammelt machten die Gäste schnell neue Bekanntschaften – sowohl unter Juden als auch unter Palästinensern.

„Schauen Sie! Hier treffen Menschen auf Menschen“, erläuterte Hanan Schlesinger der Nachrichtenagentur TPS erfreut.

„Es ist eine wahre Freude, Juden und Araber auf diese Weise zusammensitzend und sich wie normale Menschen und nicht wie unerbittliche Feinde unterhalten zu sehen“, sagte der 25-jährige Aron, ein palästinensischer Mechaniker aus dem Dorf Jabba, dessen Einkommen zum Teil daher stammt, den Siedlern zu helfen, ihre Fahrzeuge gegen Steinwürfe zu schützen.

„Letzten Endes sind wir alle nicht nur Nachbarn, sondern Cousins“, fügte der Jeschiwastudent Nadav hinzu, der gerade seinen neuen palästinensischen Bekannten umarmt. Er stammt ursprünglich aus den Vereinigten Staaten und ist nun Siedler in Alon Shvut.

Die freundliche und heitere Stimmung bei der Veranstaltung hinderte die Teilnehmer dennoch nicht daran, den noch immer gegenwärtigen Konflikt zu diskutieren. Als das Essen vorüber war und sich alle in einen Kreis setzten, um die anderen kennenzulernen, erzählte eine palästinensische Frau, der Ramadan sei eine schwere Zeit für sie, da ihr Sohn in einem israelischen Gefängnis sässe und sie ihn während der Mahlzeiten mit der Familie vermisse.

Ali Abu Awwad sagte, er könne „die Besatzung nicht länger ertragen und strebe danach, seine Situation zu ändern.“ Er fügte dennoch hinzu, dass die Palästinenser bedenken sollten, dass die Juden genauso eine Verbindung zum Land Israel besitzen wie die Palästinenser und dass die Gewährleistung von Sicherheit für die Juden in Israel eine palästinensische Angelegenheit sei, weil die Israelis andernfalls nicht bereit sein würden, den Palästinensern Zugeständnisse zu machen.

Palästinenser und Juden verbringen das Ramadan-Fastenbrechen miteinander. Foto Vradim Productions Inc.
Palästinenser und Juden verbringen das Ramadan-Fastenbrechen miteinander. Foto Vradim Productions Inc.

Roots wurde 2014 von Schülern des späten Rabbiners Menachem Froman gegründet, der ein Rabbiner der Siedlung Tekoa war. Ausserdem war er bekannt für sein Engagement für die friedlichen Beziehungen mit Palästinensern sowie für die Unterstützung des glaubensübergreifenden Dialogs zwischen Juden und Moslems. Die Organisation hat Fotografiekurse und Sommercamps für palästinensische und jüdische Kinder sowie Treffen zwischen Palästinensern und der jüdischen Bevölkerung vor Ort organisiert.

Infolge der letzten Terrorwelle, bekannt als die „Messer-Intifada“, wurden die meisten Gruppenaktivitäten aus Angst der Teilnehmer beider Seiten ausgesetzt, obwohl diverse Treffen mit Palästinensern in den jüdischen Siedlungen abgehalten wurden.

Palästinenser und Juden verbringen das Ramadan-Fastenbrechen miteinander. Foto Vradim Productions Inc.
Palästinenser und Juden verbringen das Ramadan-Fastenbrechen miteinander. Foto Vradim Productions Inc.

„Dies ist ein einzigartiger Ort und eine einzigartige Initiative“, sagte Meir Antopolsky, ein Arzt aus der Gemeinschaft Nokdim. „Es gibt weitere Plätze, an denen sich Juden und Araber treffen können und sogar etwas miteinander unternehmen können, aber dies ist der einzige Ort, an dem unter der Palästinensischen Autonomiebehörde lebende Araber nicht nur Juden, sondern Siedler treffen können. Es ist aus keiner Sicht einfach für die Palästinenser – und diejenigen, die hierherkommen, werden in ihren eigenen Gemeinschaften als Dissidenten betrachtet.“

Während Meir im Gespräch war, unterhielt sich sein 12-jähriger Sohn in der Zwischenzeit mit einem israelischen Teilnehmer aus Tel Aviv, der rührend verkündete: „Man brachte mir bei, Angst vor Arabern zu haben und Siedler zu hassen, und nun habe ich zu beidem meine Meinung geändert.“