Foto Danny-w. CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons.
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Fussball, ein weltweiter Publikumsmagnet und während der nächsten Wochen Anlass für ein europaweites Fest, hat gerade ein israelisches Märchen hervorgebracht.

Nein, Israel hat es nicht zur prestigeträchtigen Europameisterschaft in Frankreich in diesem Monat geschafft und sich überhaupt seit der Weltmeisterschaft 1970 für keines der grossen Turniere qualifizieren können.

Israel ist besser im Basketball – in dieser Sportart ist das Land ein Vorreiter in Europa – sowie im Segeln und im Judo. Darin gewannen israelische Athleten sogar olympische Medaillen. Doch Fussball ist der beliebteste Sport, der jede Woche in ganz Israel mehr als 100.000 Fans in die Stadien lockt.

Allerdings wird der israelische Fussball von einem städtischen Dreieck dominiert, das auch gleichzeitig sein Antriebsmotor ist: Klubs aus Jerusalem und Haifa entschieden seit 1948 19 Meisterschaften für sich, und bis auf 4 Titel wurden die übrigen von Mannschaften aus dem Grossraum Tel Aviv gewonnen.

Zur letzten dieser Ausnahmen kam es im vergangenen Monat, als Hapoel Be’er Scheva zum ersten Mal seit 40 Jahren die Meisterschaft gewann und dabei das ausverkaufte Stadion mit seinen 16.000 Fans, die grösstenteils in Rot und Weiss – den Farben der Trikots ihrer Helden – gekleidet waren, zum Kochen brachte.

Sportlich gesehen war es der wohlverdiente Sieg einer fleissigen Truppe, die während der gesamten Saison nur drei Partien verloren hatte und zudem ungeschlagen aus einer Serie von 25 aufeinanderfolgenden Spielen hervorging. Dies brachte ihr einen Vergleich mit Leicester ein, dem Aschenputtel der aktuellen Saison der englischen Premier League.

Doch Be’er Schevas Märchen beschränkt sich nicht nur auf den Sport, sondern vermischt sozialen Triumph, unternehmerische Weitsicht und den Geist eines Grenzlandes mit einem Hauch Weiblichkeit.

Eingebettet zwischen Gaza und dem Toten Meer ist Be’er Scheva immer noch das, was schon der biblische Abraham sah, als er dort eintraf: Das Tor zur Wüste Negev, die mit ihren gelblichen Hängen und baumlosen Kratern einen starken Kontrast zu den grünen Regionen in Israels Zentrum und Norden bildet.

Die Trockenheit der Region und deren Entfernung zum Zentrum – auf den modernen Autobahnen benötigt man heute knapp 90 Minuten mit dem Auto von Tel Aviv nach Be’er Scheva – machten aus dem, was sich von dort bis zum Roten Meer erstreckt, ursprünglich eine spärlich besiedelte Mondlandschaft.

Aber das ist es nicht mehr.

Dank eines Einwandererzustroms, einer aufstrebenden Universität, einem modernen Krankenhaus, einer vielversprechenden Hightechindustrie und einer modernisierten Bahnanbindung, durch die Tel Aviv nur noch eine bequeme 55-Minuten-Bahnfahrt entfernt ist, mauserte sich Be’er Scheva mit seinen mittlerweile 200.000 Einwohnern zu einem aufblühenden Ort, an dem moderne Apartmentblöcke, kleine Häuschen und Einkaufszentren aus dem Boden schiessen.

Hapoel Be’er Scheva ist Teil dieses Wandels

Wie die führenden israelischen Fussballklubs wurde auch Be’er Scheva von einem privaten Investoren gekauft. Andere Mannschaften wurden allerdings von knallharten Geschäftsmännern erworben – darunter ein verurteilter Straftäter, der einst in eine Schiesserei verwickelt war –, so wie es sich eben für ein männliches Gewerbe gehört, in dem männliche Spieler für männliche Fans in Fussballstadien spielen, die für ihre Macho-Kultur berüchtigt sind.

Hapoel Be’er Scheva hingegen wurde vor knapp zehn Jahren von einer zierlichen dreifachen Mutter gekauft, die es sich zum Ziel machte, dieser Kultur zu trotzen und Be’er Scheva – damals in der zweiten Liga – dabei zu ungekannter Berühmtheit zu führen.

Mithilfe des Wohltätigkeitsfonds, den sie eingerichtet hatte, nachdem ihr Mann als Hightechunternehmer reich geworden war, erwarb die heute 47-jährige Alona Barkat für 8,7 Millionen Schekel das Team, das zwei Jahre später – nach einigen klugen Investitionen – zurück in der ersten Liga war.

Doch neben dem Kauf von guten Spielern machte sich Barkat auch daran, den Klub in einen sozialen Motor zu verwandeln. Dazu investierte sie in eine Fussballschule für Kinder und in die kommunale Öffentlichkeitsarbeit der Mannschaft. Als Fans nach einem schlechten Spiel den Trainer angriffen, drohte Barkat mit ihrem Rücktritt und zwang die Unruhestifter so, sich zu entschuldigen.

Nach und nach wurden die Spiele von Hapoel Be’er Scheva zu Ereignissen, zu denen sowohl ganze Familien als auch Professoren der Ben-Gurion-Universität und Chirurgen des Soroka-Krankenhauses kommen. Heraus kam Israels besterzogenes Fussballpublikum; eines, das aktiv Fans verstummen liess, die anfangs noch ihrer Gewohnheit nachgingen, lauthals den Schiedsrichter zu verfluchen oder Spieler der gegnerischen Mannschaft zu beschimpfen.

Die Mannschaft ist ein Vorreiter in Sachen Toleranz, was sowohl durch den Einsatz einer bunt gemischten Truppe aus jüdischen, muslimischen und christlichen Spielern als auch durch die Sprachenvielfalt auf den Tribünen aus dem Hebräisch der einheimischen Israelis, dem Russisch der zugezogenen Einwanderer und dem Arabisch der Fans aus den umliegenden Beduinenstädten verdeutlicht wird.

Wie auch die übrigen der geschätzt 100.000 Fans im Land wurde Barkat Fan des Teams, als sie sich während ihrer Kindheit im Süden mit der südlichen Mentalität identifizierte – in ihrem Fall in Aschkelon, der südlichsten Stadt an der israelischen Küste, auf der gegenüberliegenden Seite von Gaza.

Es könnte in Zukunft allerdings schwieriger werden, diese südliche Identität aufrecht zu erhalten, da sich Be’er Scheva immer weiter in Richtung des städtischen Kerngebiets des Landes orientiert.

Das stattliche, moderne und brandneue Stadion der Mannschaft ist nur ein kleiner Teil einer grösseren Entwicklungsoffensive, zu der auch die Errichtung eines riesigen Hightechparks sowie die Verlegung grosser militärischer Aufklärungsstützpunkte vom Zentrum in den Grossraum Be’er Scheva gehören.

Wenn es nach Bürgermeister Ruvik Danilovich geht, wird die Stadt, die sich bereits mit seinem Repertoiretheater und seinem Symphonieorchester rühmt, damit zu Israels Cyber-Hauptstadt.

Im Gespräch mit Reportern vor 100.000 jubelnden Zelebranten in der Altstadt von Be’er Scheva erklärte der 45-jährige Junggeselle Danilovich: „Wir erschaffen Israels neues Zentrum.“

Über Amotz Asa-El

Amotz Asa-El ist leitender Berichterstatter und ehemaliger Chefredakteur der Jerusalem Post, Berichterstatter Mittlerer Osten für Dow Jones Marketwatch, politischer Kommentator bei Israel's TV-Sender Channel 1 und leitender Redakteur des Nachrichtenmagazins Jerusalem Report.

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