Ramadan Abdu Salah, Anführer des Palästinensischen Islamischen Jihads trifft Ali Khamenei (Oktober 2014). Foto: Office of the Supreme Leader
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Wie es aussieht, hat der sich jährende iranische Atomdeal bislang keine beruhigende Wirkung auf den Nahen Osten gehabt. Die Iraner vertiefen offenbar ihre Intervention in den israelisch-palästinensischen Konflikt im Allgemeinen und in interne palästinensische Angelegenheiten im Besonderen.

Von Khaled Abu Toameh

Diese Einmischung ist eine Ausweitung der permanenten Bemühungen des Iran, seinen Einfluss in den arabischen und islamischen Ländern, einschliesslich Irak, Jemen, Syrien, Libanon sowie einigen Golfstaaten, auszudehnen. Der Atomdeal zwischen Teheran und den Weltmächten hat die Iraner nicht davon abgehalten, ihr Vorhaben, ihre „islamische Revolution“ zu exportieren, fortzuführen. Im Gegenteil – unter Arabern und Muslimen herrscht das allgemeine Gefühl, dass der Iran die Bemühungen, seinen Einfluss auszuweiten, nach dem Atomdeal sogar noch verstärkt hat.

Die direkte und indirekte Präsenz des Iran im Irak, Syrien, Jemen und dem Libanon hat zwar einige Aufmerksamkeit erlangt, dennoch werden seine Aktionen in der palästinensischen Region von der Weltöffentlichkeit weiterhin ignoriert.

Dass der Iran palästinensische Gruppen wie die Hamas und den Islamischen Dschihad sowohl finanziell als auch militärisch unterstützt, war nie ein Geheimnis. Tatsächlich haben beide, Iraner wie auch radikale palästinensische Gruppen, mit ihren guten Beziehungen zueinander geprahlt.

Der Iran finanziert diese Gruppen, da sie seinen Wunsch, Israel zu eliminieren und es durch ein islamisches Imperium zu ersetzen, unterstützen. Wie die Hisbollah im Libanon und die Huthi im Jemen waren auch die Hamas und der Islamische Dschihad bereit, im israelisch-palästinensischen Konflikt die Rolle der Erfüllungsgehilfen und Wegbereiter Teherans zu übernehmen.

Aber Marionetten müssen auch Marionetten bleiben. Der Iran wird böse, wenn seine Puppen nicht nach seinen Regeln tanzen. Und genau das ist mit der Hamas und dem Islamischen Dschihad passiert.

Die Beziehungen zwischen dem Iran und der Hamas sind vor ein paar Jahren im Zuge der Syrien-Krise abgekühlt. Ihren Herren in Teheran die Stirn bietend, weigerten sich die Führer der Hamas, ihre Unterstützung für den vom Iran unterstützten syrischen Diktator Baschar Hafiz al-Assad zu erklären. Seither stehen die Dinge zwischen dem Iran und der Hamas eher schlecht.

Als Erstes schloss die Assad-Regierung die Büros der Hamas in Damaskus. Die zweite Massnahme Assads war die Ausweisung der Hamas-Führung aus Syrien. Und als Drittes schliesslich setzte der Iran die finanzielle und militärische Unterstützung für die Hamas aus und verschärfte so die finanzielle Krise, in der sich die in Gaza ansässige islamistische Bewegung bereits befand.

Als nächstes war der Islamische Dschihad an der Reihe. Die iranischen Mullahs wachten eines Morgens auf und stellten fest, dass sich die Führer des Islamischen Dschihad auf Abwege begeben hatten. Einige der Anführer des Islamischen Dschihad waren erwischt worden, wie sie mit den sunnitischen Rivalen des Iran in Saudi-Arabien und anderen Golfstaaten anbändelten.  Was noch schlimmer war: Die Iraner entdeckten, dass der Islamische Dschihad immer noch eng mit ihrer ehemaligen Verbündeten im Gazastreifen, der Hamas, zusammenarbeitete.

Dabei hatte der Iran hohe Hoffnungen gehegt, der Islamische Dschihad würde die Stelle der Hamas als Teherans Liebling einnehmen und der wichtigste Erfüllungsgehilfe auf dem Schauplatz Palästina werden. Stattdessen mussten sie mitansehen, wie die Führer und Aktivisten des Islamischen Dschihad, in offensichtlicher Missachtung von Papa Iran, mit ihren Gefolgsleuten bei der Hamas zusammenarbeiteten.

Die Mullahs verloren kaum Zeit. Aufgebracht über die offensichtliche Untreue des Islamischen Dschihad führte der Iran seine eigene Terrorgruppe im Gazastreifen ein: Al-Sabirin (Die Geduldigen). Diese Gruppierung, die derzeit aus einigen Hundert unzufriedenen Ex-Mitgliedern der Hamas und des Islamischen Dschihad besteht, sollte den Islamischen Dschihad ebenso ersetzen, wie dieser einst die Hamas im Gazastreifen ersetzen sollte – immer schön gemäss den Anweisungen des Iran.

Aber siehe da: Es ist schwer, es dem Iran recht zu machen. Auch die Al-Sabirin haben versagt, als es darum ging, ihren Herren in Teheran zu gefallen. Palästinensischen Quellen im Gazastreifen zufolge hat der Iran erkannt, dass sich seine Investition in die Al-Sabirin nicht gelohnt hat, weil es der Gruppe in den vergangenen zwei Jahren nicht gelungen ist, irgendetwas „Tiefgreifendes“ zu bewirken. Mit „tiefgreifend“ meinen diese Quellen, dass die Al-Sabirin weder als eine ernsthafte Herausforderung für den Islamischen Dschihad oder die Hamas aufgetreten sind, noch ist es ihnen gelungen, ausreichend viele Israelis zu töten.

Folglich eilte der Iran schnell wieder zurück zu seinem alten Bettgefährten, dem Islamischen Dschihad.

Vorerst ist der Iran jedoch noch nicht vollständig bereit, auch die Hamas wieder unter seine Fittiche zu nehmen. Die Hamas ist aufgrund ihrer regelmässig wiederkehrenden temporären Waffenruhevereinbarungen mit Israel für die Iraner eine „verräterische“ Organisation. Die iranischen Führer wollen sehen, dass die Hamas tagtäglich Juden tötet und zwar ohne Unterbrechung. Ironischerweise ist die Hamas mittlerweile zu „gemässigt“ für die iranische Führung geworden, da sie nicht genug unternimmt, um die Juden aus der Region zu vertreiben.

Also bleibt dem Iran nur noch der Islamische Dschihad.

Überraschend waren der Führer des Islamischen Dschihad, Ramadan Shalah und weitere hochrangige Vertreter seiner Organisation diese Woche bei den Iranern eingeladen, um das Angebot zu erhalten, die Rolle des Islamischen Dschihad als wichtigste Marionette Teherans im Gazastreifen wiederaufleben zu lassen. Zum Ergebnis ihres Besuchs gaben die offiziellen Vertreter des Islamischen Dschihad an, der Iran würde seine Finanzhilfen für die gebeutelte Organisation wieder aufnehmen. Angeblich hat der Iran aufgrund des Zerwürfnisses mit dem Islamischen Dschihad seine finanzielle Unterstützung für die palästinensische Terrororganisation um nahezu 90 % gekürzt.

Einige Palästinenser, wie z. B. der Politikwissenschaftler Hamadeh Fara’neh, sehen in der erneuten Annäherung zwischen dem Iran und dem Islamischen Dschihad eine Reaktion auf die Verbesserung der Beziehungen zwischen der Hamas und der Türkei. Die Iraner, so argumentiert er, sind unzufrieden über die jüngsten Berichte, denen zufolge die Türkei als Vermittler zwischen der Hamas und Israel fungieren soll.

Andere Palästinenser sind der Ansicht, das wahre Ziel des Iran sei die Vereinigung des Islamischen Dschihad mit der Al-Sabirin-Bewegung, damit diese eine reale und realistische Alternative zur Hamas im Gazastreifen darstellen würden.

Was auch immer die Absichten des Iran sein mögen, eines ist klar: Die Iraner nutzen den Atomdeal aus, um ihre Bemühungen zur Ausdehnung ihres Einflusses über einige arabische und islamische Länder weiter voranzubringen. Ausserdem zeigt der Iran, dass er weiterhin äusserst interessiert daran ist, eine Rolle im israelisch-palästinensischen Konflikt zu spielen – eine Rolle, die die Ermutigung radikaler Gruppen beinhaltet, deren entschlossenes Ziel die Zerstörung Israels ist und die die gleichen Werte teilen wie die Terrorgruppe Islamischer Staat.

Das jüngste Werben des Iran um den Islamischen Dschihad ist nur ein weiterer Versuch der Mullahs, ihre Infiltration des palästinensischen Schauplatzes zu verstärken, indem sie jede Terrorgruppe, deren Ziel die Zerstörung Israels ist, unterstützen und mit Waffen ausrüsten. Vorerst sieht es so aus, als würde das Vorhaben der Hamas funktionieren, was grösstenteils der Apathie der internationalen Gemeinschaft geschuldet ist, in der viele glauben, dass dem Iran durch den Atomdeal die Krallen gezogen worden seien.

Aber schon bald könnten weitere Führer palästinensischer Terrorgruppen zu ihren Herren in Teheran „hinüberpilgern“. Wenn das so weitergeht, werden die Iraner selbst jeden palästinensischen Staat, der in der Region geschaffen wird, steuern. Ihr endgültiges Ziel ist letztlich, diesen Staat als Ausgangsbasis für die Zerstörung Israels zu benutzen. Und die Iraner sind darauf vorbereitet und finanzieren und bewaffnen jede palästinensische Gruppe, die willens ist, bei der Erreichung dieses Ziels zu helfen.

In Englisch zuerst erschienen bei Gatestone Institute. Khaled Abu Toameh ist ein preisgekrönter arabisch-israelischer Journalist und TV-Produzent. Er erhielt 2014 den Daniel Pearl Award vom renommierten Los Angeles Press Club verliehen.