Hätte Krieg im Nahen Osten verhindert werden können?

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Der Grossmufti von Jerusalem bei den bosnischen Freiwilligen der Waffen-SS. Foto Deutsches Bundesarchiv
Der Grossmufti von Jerusalem bei den bosnischen Freiwilligen der Waffen-SS. Foto Deutsches Bundesarchiv
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In einem Beitrag für Jewish Political Studies Review geht der Politikwissenschaftler Dr. Matthias Küntzel der Frage nach, ob der Krieg zwischen Arabern und Juden in Folge des UN-Teilungsbeschlusses von 1947, bzw. der israelischen Staatsgründung in 1948 unvermeidlich war. Küntzel kommt zum Schluss, dass der Krieg hauptsächlich ein Nachbeben des Krieges der Nazis gegen die Juden war, bedingt durch die antisemitische und antizionistische Propaganda, welche die politische Kultur der arabischen Welt nach der Niederlage Nazideutschlands weiterhin dominiert.

Anmerkung: Dies ist ein Abstract von Küntzels Beitrag, der Link zum Original inkl. alle Quellenangaben findet sich am Ende des Artikels.

Von Dr. Matthias Küntzel

Am 29. November 1947 stimmten zwei Drittel der UN-Mitglieder zugunsten der Generalversammlungsresolution 181, die eine Teilung des Mandatsgebiets Palästina postulierte. Am nächsten Tag wurden acht Juden bei drei Angriffen palästinensischer Araber ermordet. Der arabische Krieg zur Verhinderung der Teilung des Gebietes hatte begonnen. Wurde dieser ursprünglich von irregulären arabischen Einheit geführt, so änderte sich dies am 14. Mai 1948, als Syrien, Libanon, Jordanien und Ägypten in Israel einmarschierten, Stunden nach dem dieses seine Unabhängigkeit erklärt hatte.

Die arabische Welt lehnte den Teilungsplan einheitlich und kategorisch ab. Viele Araber fühlten sich nach dem Ersten Weltkrieg betrogen durch das geheime Sykes-Picot Abkommen von 1916, welches den Nahen Osten zwischen französischen und englischen Einflusssphären aufteilte – früheren Unabhängigkeitsversprechungen Londons gegenüber den Arabern zum Trotze. Gemäss dem Middle East Journal wurde „Palästina zum Test für die Unabhängigkeit der Araber“, die Akzeptanz eines jüdischen Staates hätte eine Wiederholung der Niederlage nach dem Ersten Weltkrieg bedeutet.

Wesentlich umstrittener war jedoch die Frage, ob die Zweistaatenlösung militärisch verhindert werden sollte. Die meisten Araber im Mandatsgebiet waren 1947 gegen Krieg und noch im Dezember desselben Jahres, schlossen sowohl Ägypten als auch Saudi-Arabien und die Arabische Liga im Bewusstsein der internationalen Unterstützung für den Teilungsplan gegen eine Intervention aus.

Neben politischen Überlegungen spielten auch persönliche Motive eine Rolle. Viele arabischen Anführer wie König Abdullah von Transjordanien oder Abd al-Rahman Azzam, der Generalsekretär der Arabischen Liga, erklärten privat, dass eine Teilung des Mandatsgebiet die einzige Lösung sei.  Angesichts dieser Positionen stellt sich die Frage, weshalb es dennoch zum Krieg kam.

Gemäss Küntzel findet sich die Antwort bei Hajj Amin al-Husseini, dem Mufti von Jerusalem, und dessen Zusammenarbeit mit Nazideutschland. Im Jahre 1944, als die kommende Niederlage Deutschlands immer offensichtlicher wurde, setzten sich die Nazis mit der Periode nach dem Ende des Krieges auseinander. Während Europa in Ruinen lag, gab es unter ihnen noch immer den Willen, die Gründung eines jüdischen Staates zu verhindern, selbst nachdem Deutschland besiegt würde.

In seinen Memoiren hält der Mufti fest, wie „Deutschland zustimmte, uns [die palästinensischen Araber, Anm. Audiatur] mit Waffen für die kommenden Aufgaben zu beliefern und ein grosses Lager mit leichten Waffen für Guerillaoperationen anlegte.“ Zudem stellten die Nazis dem Mufti vier Flugzeuge zum Transport von Kriegsmaterial nach Palästina zur Verfügung, darunter Zehntausende Gewehre, Maschinengewehre, sowie grosse Mengen an Kriegsmaterial und Munition.

Neben materiellen gab es aber auch personelle Verbindungen. Ein der Kommandeure der Jihad-Armee des Mufti, Hassan Salama, hatte zuvor in der Waffen-SS gedient. Fazi al-Qawuqji, der Anführer der Arabischen Befreiungsarmee, die durch die Arabische Liga aufgestellt worden war, war als Offizier für die Wehrmacht tätig gewesen. In den Reihen der Befreiungsarmee kämpften zahlreiche bosnische, albanische und kroatische Wehrmachtsveteranen.

Doch die wichtigste Verbindung zwischen den Nazis und dem späteren Krieg gegen Israel war der Mufti selbst, der nach seiner Rückkehr aus französischer Haft in seinem in seinem Buch Fakten oder Wahrheiten zum palästinensischen Problem festhielt, dass „unser Kampf mit dem Weltjudentum … eine Frage von Leben und Tod ist.“ Zuvor hatte er in weiser Voraussicht grosse Teile seiner finanziellen Unterstützung durch die Nazis von Deutschland in die Schweiz und den Irak transferiert.

Obwohl viele Palästinenser, sowie arabische Politiker, den Mufti nicht leiden konnten gelang es ihm nichtsdestotrotz zum Anführer der palästinensischen Araber aufzusteigen. Dies lag vor allem am Druck durch die arabische Strasse, welche ihn als charismatischen Anführer betrachtete. Zudem hatte er die Unterstützung der ägyptischen Muslimbruderschaft, der mächtigsten Organisation in Ägypten, die in 1930er Jahren aufgrund ihrer antisemitischen Ausrichtung finanzielle Unterstützung von Nazideutschland erhalten hatte. Die pro-Mufti Kampagne der Muslimbruderschaft und die Gefahr von Ausschreitungen veranlasste die von Ägypten dominierte Arabische Liga, den Mufti zum Anführer der Palästinenser zu ernennen.

Ebenso war es Druck durch die Muslimbruderschaft, der zur Entsendung regulärer ägyptischer Truppen für den Krieg gegen den neugegründeten Staat Israel führte. Zugleich hatte sie bereits zuvor Gerüchte über zionistische Gräueltäten gegen Araber in Palästina verbreitet und damit die arabische Feindseligkeit gegen die Juden im Mandatsgebiet weiter aufgewiegelt.

Diese Feindseligkeit beruhte zu einem grossen Teil auf der antisemitischen Propaganda der Nazis, die in den arabischen Ländern einen fruchtbaren Boden gefunden hatte. Von April 1939 bis April 1945 hatten arabische Radioübertragungen aus Berlin ihre Zuhörer konstant aufgefordert, die Errichtung eines jüdischen Staates zu verhindern  und die Juden in Palästina auszurotten. Diese Ansicht wurde selbst von arabischen Politikern geteilt, so etwa vom ehemaligen Ministerpräsidenten Ägyptens, Ali Mahir, der  1946 festhielt, dass die „arabische Ablehnung des Zionismus das Produkt von Nazipropaganda im arabischen Osten und Grossbritanniens verworrener Politik war.“

Mit der drohenden Niederlage Nazideutschlands wurde die anti-jüdische Propaganda noch aggressiver und führte zu einer immer stärkeren Dämonisierung des Zionismus unter Arabern. Zahlreiche arabische Anführer aus dem Libanon, Irak oder Ägypten bezeichneten Zionismus wahlweise als „ernsthafte Bedrohung des Friedens“, „grösste Tragödie des 20. Jahrhunderts“ oder „Krebs im arabischen Körper.“ Die paranoide Vorstellung, dass einige Tausend Zionisten in Grossbritannien und den USA gemeinsam mit der jüdischen Gemeinschaft in Palästina eine Bedrohung für die gesamte arabische Welt darstellen würde, hatte nichts gemein mit der Realität, sondern war viel mehr das Resultat jahrelanger Nazipropaganda.

Doch die Arabische Liga beliess es nicht allein bei solchen Aussagen. Stattdessen verbot sie palästinensischen Juden die Einreise in arabische Länder und kündigte einen totalen Handelsboykott gegen Juden an. Die Muslimbruderschaft in Ägypten ging noch weiter und organisierte Demonstrationen, die zu Ausschreitungen und Attacken gegen jüdische Geschäfte und Synagogen führte. Sechs Personen, fünf davon Juden, starben und hunderte weitere wurden verletzt.

Die Niederlage der Araber im Dezember 1948 bedeutete das Ende von Amin al-Husseini als Mufti und Anführer der palästinensischen Araber. Zeitgleich löste die ägyptische Regierung die Muslimbruderschafts-Sektionen in Palästina auf und verbot die Organisation in Ägypten. Hätte die ägyptische Regierung dies bereits 1945 getan, wäre die Pro-Mufti Kampagne nie angelaufen und die ägyptischen Behörden wären unter weniger Druck gestanden, den Mufti zum Führer der palästinensischen Araber zu ernennen. Weder die Bruderschaft noch der Mufti wäre in der Position gewesen, die Stimmung durch anti-jüdische Angriffe in Palästina anzustacheln und Ägypten hätte an seiner Ablehnung des Krieges festgehalten. Eine Teilung des Mandatsgebiets wäre dadurch im Bereich des Möglichen gelegen.

Stattdessen nahm die Geschichte einen anderen Lauf. Der Mufti distanzierte sich nie von den Nazis und berichtet noch 1954 stolz, wie „Hitler den Kampf der palästinensischen Araber bewunderte.“ Und auch die Muslimbruderschaft distanzierte sich nie vom Mufti und dessen Allianz mit Hitler. Dies führte in letzter Konsequenz dazu, dass „gewisse arabische Länder seit 1945 die einzigen Orte auf der Erde sind, in denen Antisemitismus in der Tradition der Nazis öffentlich und offiziell gutgeheissen und propagiert wird“, wie Bernard Lewis schreibt.

Der Krieg zwischen Arabern und Juden war nicht unvermeidlich gewesen. Er fand statt, weil Nazi-Propaganda die politische Kultur der arabischen Welt nach der Niederlage Deutschlands weiter dominierte und damit jeglichen Widerstand gegen die antisemitische Politik des Muftis und der Muslimbruderschaft verhinderte. Insofern war der Krieg 1947/48 ein Nachbeben des Krieges der Nazis gegen die Juden. Der Nahe Osten hat sich davon bis heute nicht erholt.

Abstract von The Aftershock of the Nazi War against the Jews, 1947/1948: Could War in the Middle East have been prevented?“, zuerst erschienen auf Englisch in Jewish Political Studies Review, Vol. 26, No. 3-4 (2016). Dr. Matthias Küntzel ist ein Politikwissenschaftler in Hamburg und Mitglied des Beirates von United Against Nuclear Iran (UANI), sowie der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik e.V.

1 KOMMENTAR

  1. Hut ab vor Dr. Matthias Küntzel! Aber dieser Beitrag bringt einen in Verlegenheit.

    Man „feiert“ gerade mit großem Pomp 100 Jahre des Sykes-Picot-Abkommens und
    verpasst keine Gelegenheit, es als Wurzel allen Übels im Nahen Osten zu bezeichnen und nebenbei ein weiteres Mal den bösen Kolonialismus (ach so willkürliche Kolonialmächte) zu brandmarken. Warum? Alle arabischen Länder – ob aus der französischen oder der britischen Einflusssphäre – haben eigentlich längst ihre Unabhängigkeit erlangt und stellen keine Ansprüche zueinander.
    Weil man sich nicht traut, direkt an der Balfour-Deklaration zu rütteln und von fern beginnt, von der [falschen] Teilung des Osmanischen Reiches. Soll heißen: Wäre das Gebiet als Südsyrien Frankreich zugeteilt worden, käme es zur Balfour-Deklaration überhaupt nicht (wären alle happy). Schade, dass sich der Autor von dieser Sichtweise nicht distanziert…

    „Hätte die ägyptische Regierung bereits 1945 die Muslimbruderschafts-Sektionen
    in Palästina aufgelöst und die Organisation in Ägypten verbot, … wäre … eine Teilung des Mandatsgebiets [ohne Krieg] im Bereich des Möglichen gelegen.“
    Die Geschichte kennt keinen Konjunktiv. Man könnte auch vom Jahr 1919 anfangen. Hätte der Syrische Kongress das Faisal-Weizmann-Abkommen nicht abgelehnt, wäre der Krieg (und selbst die Teilung) auch nicht unvermeidlich gewesen.

    „Die einen sagen so, die anderen so“ ©. Wie bitte schloss der Generalsekretär der Arabischen Liga eine Intervention aus, wenn er am 16.09.1947 sagte: „…es ist in
    jedem Fall zu spät, um noch von friedlichen Lösungen zu sprechen“?

    Ausführungen darüber, wer wem in Sachen Antijudaismus Leviten lesen könnte, sind
    kontraproduktiv. Zweifellos waren/sind Nazis und Araber in diesem Sinne Brüder im Geiste. Fakt ist auch, dass der Vater des Muftis bereits Ende des 19.Jahrhunderts gegen Juden hetzte und dass zur Zeit des ersten Pogroms in Cisjordanien ein ehemaliger Maler österreichischer Abstammung sich mit dem Weltjudentum auseinander setzte…

    Der Autor schreibt weiter, dass auch nach 1945 die Nazi-Propaganda die politische Kultur der arabischen Welt dominierte und damit jeglichen Widerstand gegen die
    antisemitische Politik… verhinderte. Von wessen Seite bitteschön dieser Widerstand zu erwarten wäre?

    Kurzum: Man kennt von Dr. Küntzel viel besser begründete Behauptungen, als dass der Krieg 1947/48 ein Nachbeben des Krieges der Nazis gegen die Juden war.

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