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In Bezug auf Israel und den Nahostkonflikt standen in den letzten Wochen verschiedene Schwerpunkte auf der Agenda der Schweizer Medien:

Zum Terror-Anschlag auf den Bus in Jerusalem gab es immerhin zwei NZZ-Meldungen. In der einen Meldung weist das Medium auf die üblichen Reaktionen der Hamas hin, den „Attentäter als ‚Märtyrer’“ zu feiern; in der anderen werden Hintergründe zum Terrorakt angeführt. Hier fällt fast schon beiläufig der Satz: „Die Explosion schürt Ängste vor einer Neuauflage der palästinensischen Selbstmordattentate“. Dieser Satz reisst an, was meistens in den Mainstream-Medien ungenannt bleibt: Welche Konsequenzen hat kontinuierlicher Terror für eine Gesellschaft und ihr Schutzbedürfnis. Die israelische Gesellschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt – das sieht man auch am Wahlverhalten. Dieses wird aber von westlichen Medien und Politikern immer wieder vorgeworfen, ohne die Ursachen zu reflektieren. In den letzten Wochen sahen wir bereits, welche Wechselwirkung zwischen den Anschlägen von Paris und Brüssel und den Wahlergebnissen innerhalb europäischer Gesellschaften besteht.

Es ist auch die NZZ, die auf ein weiteres Bedrohungsszenario für Israel hinweist: „Israelische Regierungsvertreter gehen heute davon aus, dass die Hisbollah ihr Raketenarsenal soweit verbessert habe, dass die Miliz damit überall in Israel zuschlagen könne.“ Die Folgen dieser Entwicklung für die ohnehin schon kritische Lage im Nahen Osten lassen sich nur erahnen – die Kürze der Beiträge und der Mangel an Hintergrundinformationen stehen dem diametral entgegen.

Hannes von Wyl schafft es, in seinem im Tagesanzeiger erschienenen Artikel „Nach dem Gebet die Gasmaske“ alle Kriterien für einseitige Nahostberichterstattung zu erfüllen. Er spricht hier von einem sich in „Ohnmacht“ befindlichen „palästinensischen Widerstand gegen die israelische Besetzung“. Im Untertitel heisst es: „Palästinenser protestieren, Israelis antworten mit Tränengas“. Er zeichnet ein emotional stark aufgeladenes Schwarz-Weiss-Bild vom guten, erniedrigten Palästinenser versus den bösen Israeli, welches durch den Schlussabsatz des Artikels noch abgerundet wird: „Auf einem aufgeschütteten Erdhaufen […] spielen jüdische Siedlerkinder. Sie fangen an zu rufen […]. ‚Verreckt, ihr arabischen Hundesöhne!’“ Dieser Artikel ist ein Paradebeispiel dafür, wie sehr ein Artikel durch Anführung von zwar tatsächlichen Vorfällen, die aber nicht begründet und aus dem Kontext (eines ultra-komplexen Konfliktes) herausgerissen wurden, massgeblich zu einer verzerrenden Berichterstattung beitragen kann. Die präzise Ausgestaltung dieses Szenarios durch den Autor bildet einen auffälligen Kontrast zu den spärlichen Ausführungen der oben genannten Artikel zum Terror gegen Israelis.

Dieser Perspektive entspricht auch die Kritik vom Genfer SP-Nationalrat Carlo Sommaruga an der informellen „umstrittenen Schweizer Stippvisite“ von acht Nationalräten, die Der Bund am 02.05. in einem Artikel thematisiert (dieses Thema wird vom 03.05. von der Basler Zeitung aufgegriffen). Der Politiker schreckt in seiner Kritik nicht davor zurück, Israels Siedlungs- mit der russischen Krim-Politik zu vergleichen, ohne zu bedenken, dass die Westbank „nie von einem souveränen Staat regiert worden“ ist und demnach die Genfer Konvention hier nicht angewandt werden kann. Die Debatte um die Grenzen von 1967 ignoriert auch die permanente Terrorgefahr, der Israel noch stärker ausgesetzt wäre, wenn man die Golanhöhen aufgeben würde.

Watson.ch hat ein ausführliches Interview von Spiegel Online mit Abbas übernommen und damit dem Politiker ein breites Forum geboten. Es heisst hier, der palästinensische Präsident „verurteile“ die Taten der Terroristen. Später fügt er an: „Ich bin gegen diese Angriffe und sage das immer wieder.“ All das im klaren Widerspruch zu seiner bereits mehrfach dokumentierten Geste, aus israelischen Gefängnissen freigelassene Terroristen als „Helden“ zu begrüssen.

Zudem meint er über die Messer-Intifada, bei der israelische Zivilisten auf offener Strasse ermordet wurden: „Wir müssen verstehen, warum diese jungen Leute solche Angriffe verüben. Diese Generation erlebt die tägliche Gewalt und Demütigung unter der Besatzungsherrschaft und sie erlebt, wie ihr Land von immer mehr Siedlern besetzt wird. Wenn Israel damit aufhört, wird kein Kind mehr mit einem Messer losziehen.“ Es ist ein altes, immer wieder hervorgebrachtes Märchen, Israels aktuelle Politik allein sorge für Hass und Vernichtungsphantasien unter Palästinensern. Schon ein Blick auf die Geschichte des Nahostkonfliktes zeigt, wie sehr das Ausmass antisemitischer Gewalt unabhängig vom tatsächlichen Handeln Israels war. Hamas und andere Terrorgruppen interessieren sich nicht für das tagespolitische Geschäft in der Knesset, sondern fordern schlichtweg die Vernichtung des jüdischen Staates, egal ob Israel Siedlungen plant oder zu Friedensverhandlungen lädt (s. auch Charta).

Auf die Frage nach seiner Verantwortung für eine Konfliktlösung antwortet Abbas: „Ich frage die Amerikaner und Europäer immer wieder, wo ich etwas falsch gemacht habe. Sie bestätigen mir, dass ich keine Fehler gemacht habe. Es ist die israelische Seite, die alle Möglichkeiten zum Frieden ausschlägt.“ Man sollte den Verzerrungen eines Abbas die Worte von Israels Verteidigungsminister Ya’alon entgegenhalten, dessen Gespräch mit der NZZ ich in meiner Medienschau vom Februar präsentiert habe.

Gemäss dieser Äusserungen weise Abbas’ Umgang mit Israel keine Fehler auf – entsprechend sieht er seine Rolle im Umgang mit dem eigenen Volk. Erneut befreit er sich von jeder Verantwortung für den aktuellen Terror, indem er sagt (und Watson liess es sich nicht nehmen, diese Bemerkung gleich in den Titel mit aufzunehmen): „Wenn ein junger Mensch die Hoffnung verloren hat, dann ist es ihm egal, ob ich seine Taten verurteile.“ Auch wenn im Interview des Öfteren kritisch nachgefragt wird, sind es diese Sätze, die in den Köpfen der Leserschaft haften bleiben.

Auch US-Vizepräsident Biden, zu dessen Perspektive auf den Nahostkonflikt die NZZ eine kurze Meldung lieferte, meint, dass die „Schritte der israelischen Regierung das Land in den vergangenen Jahren in eine falsche Richtung bewegt [hätten]“ und dass darüber „in Washington ein ‚überwältigender Frust‘ [herrsche]“. Auch hier liegt eine gefährliche Verkürzung des Sachverhalts vor, die andeutet, dass Israel die Alleinschuld am Konflikt trägt. Beim Weiterlesen stellt sich aber dann doch heraus, dass Biden „weder bei den Palästinensern noch bei den Israelis“ Initiative erkenne und darüber hinaus Kritik am Umgang der palästinensischen Führung mit dem Terror übt.

Auf diese Äusserungen Bezug nehmend, veröffentlichte die NZZ einen Artikel von Peter Winkler zum US-Wahlkampf und dem „beschämenden Schweigen“ der Präsidentschaftsbewerber über die Politik Israels. Die einzige Ausnahme sei laut Autor Bernie Sanders, und Winkler fügt im Untertitel die rhetorische Frage an: „Weil er Jude ist?“ Das bedeutet wiederum: Juden sind die einzigen, die sich laut Winkler noch trauen, Juden zu wiedersprechen. Für Medienbeobachter wirkt diese Argumentation schon fast wie der Vorwurf (nicht-jüdischen) europäischen Politikern gegenüber, sie würden im Einklang mit historischen Verantwortlichkeiten Israelkritik verbieten und einem Gängelband folgen – eine Unterstellung, die wir auch in Jakob Augsteins Kolumnen finden. Tatsächlich widerlegt Winkler diesen Gedanken aber gleich im ersten Absatz seines Artikels, in dem er unterstreicht, dass die von Sanders hervorgebrachte Kritik an der Siedlungspolitik der Linie Obamas (und Bidens) entspricht, also offizieller Kurs ist – und dieser zeichnet sich nicht durch besondere Folgsamkeit aus.

Wir erkennen also bei den letzten hier vorgestellten Artikeln (zu Abbas und Sanders) einen nicht zu vereinbarenden Gegensatz zwischen Titeln und tatsächlichen Sachverhalten – war das von den Journalisten so intendiert?

Wie Ulrich Schmid in der NZZ vom 15.04., berichtet auch Daniela Segenreich-Horsky am 26.04. von arabischen Künstlern in Israel. Der Artikel bietet äusserst interessante Einblicke und zeugt von aufwändigen Recherchen. Er deutet aber gleichzeitig und vermehrt auf eine gewisse Chancenlosigkeit, auf „einen schmalen Grat“ der arabischen/palästinensischen Kunst- und Kulturszene hin, die nicht weiter durch den Kontext des Konflikts und die daraus resultierende Entfremdung zwischen Juden und Muslimen begründet wird. Zudem geht die Autorin unkritisch auf Edward Saids „Schmöker“-Klassiker Orientalismus ein. Dieses mehrfach kritisierte Werk bildete die wissenschaftliche Grundlage dafür, dass sich muslimische Gesellschaften nach dem Zerfall kolonialer Strukturen unkritisch und im Sinne einer „Belagerungsmentalität“ als permanentes Opfer wähnten (s. hierzu Zeit-Artikel). Schliesslich lässt sie zum Schluss des Artikels die Hintergründe für den Mord an den Künstler Juliano Mer Khamis verschwimmen, indem sie beim Täter nur „von einem maskierten Mann“ spricht. Dabei sollte klar angegeben werden, wem der Künstler ein Dorn im Auge war.

Von der soeben erwähnten Entfremdung zwischen Juden und Muslimen berichtet auch Guido Kalberer beim Tages-Anzeiger. Er stellt ein ernüchterndes Buch des israelischen Schriftstellers Nir Baram vor, der in der Westbank und in Jerusalem Menschen zum Konflikt befragt. Es ist ein tristes Bild, welches hier gezeichnet wird – nichtsdestotrotz ein wichtiges Zeitzeugnis, um die gegenwärtige Wahrnehmung des Konflikts vor Ort zu verstehen.

Rudolf Gruber thematisiert in seinem Artikel „Die Blume von Jasenovac“ (St. Galler Tagblatt vom 20.04.) von der Judenvernichtung auf dem Gebiet des heutigen Kroatien und einer gegenwärtigen „hitzigen Vergangenheitsdebatte“. Damit liefert er wichtige Erkenntnisse über einen Schauplatz des Holocaust, den wir viel zu selten im Blick haben.

Die NZZ vom 20.04. bringt einen Artikel von Matthias Hennig zur Künstlerin Marceline Loridan-Ivens, eine Überlebende des KZs Birkenau. Simon Hehli schreibt am 27.04. (wieder NZZ) über die tragische Lebensgeschichte von der Überlebenden Judita Schlesinger und erwähnt die schwindende „Zahl der Zeugen, die aus eigener Erinnerung über die Judenverfolgung berichten können“. Das erinnert an die Notwendigkeit, mit Zeitzeugen in Dialog zu treten, eh es zu spät ist. Marianne Fehr beschreibt in ihrem am 28.04. im Medium Schweizer Familie erschienenen Artikel „Man kann nicht GENUG TUN“ von Überlebenden des Holocaust, die in furchtbarer Armut zurückgezogen leben und sich aufgrund von Scham im Umgang mit erlebter Erniedrigung nie überwinden konnten, über diese Zeit zu sprechen.

In den Schweizer Medien der letzten Wochen wurde nach wie vor ausgiebig über Blochers NS-Vergleich berichtet (s. auch letzte Medienschau). Sowohl Blick, NZZ, Watson sowie viele andere Medien brachten dazu diverse Artikel. Nick Lüthi kritisiert in seinem Artikel in der Medienwoche treffend die Rolle der Presse, die sich sogleich auf die in der kürzlich ausgestrahlten TV-Debatte zwischen Blocher und Schawinski gewonnene „Nullinformation“ stürzen und eine Story (der man eigentlich keine Plattform bieten sollte) wieder aufwärmen. Schawinski wollte keine kritische Auseinandersetzung mit der Verwendung solcher Analogien, sonst „hätte er eine Historikerin oder einen Rhetorikspezialisten eingeladen“, bemerkt Lüthi richtigerweise. Der Talkmaster setze vielmehr auf die Neuauflage skandalöser Parolen zugunsten hoher Einschaltquoten sowie auf die Bestätigung eines altbekannten Feindbildes in Gestalt eines SVP-Politikers. An dieser Stelle sei nochmals auf den Artikel von Alan Cassidy (erschienen beim Tages-Anzeiger) hingewiesen. Der Autor weist darin auf die Präsenz der „Nazi-Keule“ nicht nur in der SVP, sondern in verschiedenen Parteien hin und beklagt entsprechend die geheuchelte Skandalisierung der aktuellen Debatte. Auch Herbert Winter verweist treffsicher auf genau diesen Tatbestand in seinem Artikel „Provokateure ins Leere laufen lassen“ (Tages-Anzeiger vom 29.04.).

Das „St. Galler Tagblatt“ publizierte am 28.04. einen Artikel von Katharina Brenner mit dem Titel „Antisemitismus hat nachgelassen“ (s. auch bei kath.ch). Der Artikel bezieht sich auf den Antisemitismus-Bericht, auf den ich ebenso in der letzten Medienschau eingegangen bin. Auch wenn dies in den folgenden Zeilen etwas korrigiert wird, sind Titel wie dieser missverständlich. Konkrete antisemitische Tatbestände waren nie ein ausreichendes Barometer für antisemitische Haltungen in einer Gesellschaft, da diese häufig subtil kommuniziert werden und/oder den privaten Diskurs nicht verlassen. Ein Rückgang von Antisemitismus von 2014 zu 2015 lädt kaum zum Aufatmen ein, da die Gaza-Krise 2014 europaweit die Zahl israelfeindlicher Aktionen in die Höhe trieb. Wie der im Artikel zitierte Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds, Jonathan Kreutner, richtig feststellt, dienen Vorfälle in Nahost als „Trigger“ für judenfeindliche Aktionen, als Auslöser – und nicht, wie so oft argumentiert, als Ursache für Antisemitismus. Israel ist heute das Feindbild Nummer 1 für antisemitisch Denkende. Alle politischen Entscheidungen Israels werden obsessiv beobachtet und mit anderen Standards bewertet als die anderer Länder. Würde Israel nicht existieren, so würden Antisemiten nach anderen Hassobjekten Ausschau halten, die sie mit Juden assoziieren.

Brenners Artikel geht zudem auf den Judenhass im Internet ein. Hass online kann nicht ernst genug genommen werden, da Debatten heute zum grössten Teil im Web 2.0 stattfinden. Einstellungen in der Gesellschaft, besonders jene unter jungen Menschen, werden insofern massgeblich von Facebook-Postings, Tweets, aber auch Web-Kommentaren in der Qualitätspresse geprägt. Die Verzahnung zwischen virtueller Debatte und gesellschaftsübergreifenden Einstellungen darf fortan in keiner Analyse zu Hassideologien mehr ignoriert werden.

Über Matthias J. Becker

Matthias J. Becker ist Doktorand an der Technischen Universität Berlin. Er studierte Romanische Philologien, Philosophie und Linguistik an der Freien Universität. In seiner Dissertation beschäftigt er sich mit dämonisierenden Analogien im deutschen und britischen Nahostdiskurs (Web-Kommentare auf Die Zeit und The Guardian), um die verschiedenen Qualitäten eines israelbezogenen Entlastungsantisemitismus’ anhand des Online-Diskurses in liberalen Medien zu erforschen.

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