Grossbritannien: Das kleine Antisemitismus-Problem der Linken

Lesezeit: 6 MinutenJedes Mal, wenn man denkt, die britische Labour Party sei an einem neuen Tiefpunkt des Antisemitismus angekommen, scheinen sich vollkommen neue Tiefen aufzutun.

Von Douglas Murray

Im September habe ich hier darüber geschrieben, inwiefern die Wahl von Jeremy Corbyn zum Führer der Labour Party ein Mainstreaming des Rassismus in Grossbritannien bedeutet. Obwohl Herr Corbyn behauptet, er toleriere keinerlei Hass gegen wen auch immer, ist er ein Mann, der sich sein ganzes politisches Lebens lang bei Antisemiten und Terroristen, die genozidale Absichten gegen das jüdische Volk ausgedrückt haben, eingeschmeichelt hat. Er hat eng mit Holocaust-Leugnern zusammengearbeitet, antisemitische Extremisten gelobt und die Hamas und die Hisbollah als seine Freunde bezeichnet.

Im Verlauf seiner bisherigen Führung ist klar geworden, dass man auch weiter unten in der Parteihierarchie seinem Beispiel folgt. Im März habe ich beschrieben, wie die Partei anscheinend vom Kopf her anfing zu stinken, als bekannt wurde, dass der Labour Club an der Universität Oxford zu einer vor antisemitischen Beleidigungen strotzenden Vereinigung geworden ist. Und doch hätten sich diejenigen, die dachten, die Partei könne nicht noch tiefer sinken, deren Wendungen in der vergangenen Woche nicht vorstellen können.

Zu Beginn der Woche stellte sich heraus, dass die Abgeordnete für Bradford West, Naz Shah, in Diskussionen auf Facebook Gedanken gepostet hatte wie etwa die Deportation aller Juden von Israel nach Amerika, und dies unter der Überschrift „Problem gelöst“. An anderer Stelle schrieb sie in einer Diskussion, „Die Juden rotten sich zusammen“. Frau Shah ist Muslima und vertritt einen Wahlkreis, der bis zur vergangenen Wahl von George Galloway vertreten wurde. Zu den Lichtgestalten dieser Region gehören auch der frühere Abgeordnete der Liberaldemokraten und David Ward.

So bleibt festzuhalten, dass die Aussagen von Frau Shah unter ihresgleichen nichts Ungewöhnliches sind. Die Posts stammen aus dem Jahr 2014, der Zeit des letzten israelischen Einsatzes im Gazastreifen, ein Jahr, bevor sie Abgeordnete wurde. In ihrer Entschuldigung, nachdem die Posts öffentlich geworden waren, sagte Frau Shah, in dieser Zeit seien „die Gemüter erhitzt“ gewesen. Natürlich verlangt nicht jeder in einer Zeit der erhitzten Gemüter die Vernichtung eines Mitgliedstaates der UN. Aber genau das hat Frau Shah getan, und einen Tag nach der Enthüllung dieser Mitteilungen und einem entsprechenden politischen Aufschrei, wurde sie von der Labour Party suspendiert; eine Untersuchung steht aus.

Und die Woche von Labour hatte gerade erst begonnen. Innerhalb weniger Stunden versuchte eine andere Labour-Abgeordnete, Rupa Huq, Frau Shah zu Hilfe zu eilen. In einem Interview mit der BBC versuchte Frau Huq, die Aufrufe zur Ausradierung des Staates Israel mit anderen „amüsanten“ Dingen, die man auf Twitter finden kann, zu vergleichen. Nach einer raschen Kehrtwende bekam sich Frau Huq wieder in den Griff und verblieb in der Partei.

Als Nächstes kam der frühere Bürgermeister von London, Ken Livingstone, der aktuell im nationalen Exekutivausschuss der Labour Party sitzt, von ganz links auf die Bühne und mischte sich ein. Herr Livingstone ist seit fast fünf Jahrzehnten Mitglied der Labour Party und hat sein gesamtes politisches Leben stets an den gleichen Fronten wie der derzeitige Parteiführer gekämpft. Zusammen marschierten sie für manch furchtbare Sache und standen Seite an Seite auf manch verlorenem Podium. Aber als Ken Livingstone in mehreren Sendungen der BBC erschien, ging er womöglich nicht davon aus, dass, wie die von Frau Shah, auch seine eigene Mitgliedschaft in der Labour Party innerhalb weniger Stunden suspendiert werden würde. Livingstone hatte seine Medienverbindungen genutzt, um eine Diskussion über Hitler zu beginnen – insbesondere behauptete er, der Zionismus sei eine frühe Strategie Hitlers gewesen. Unter dem Eindruck, damit auf schwieriges Gelände geraten zu sein, betonte Livingstone dann, dies alles sei gewesen, bevor Hitler „verrückt wurde“ und sechs Millionen Juden umbrachte.

So war die Führung der Labour Party innerhalb einer Woche gezwungen, eine ihrer jüngsten Abgeordneten und einen ihrer ältesten Granden zu suspendieren – und beide aus dem gleichen Grund. Im Augenblick versuchen Jeremy Corbyn und seine Parteistrategen verzweifelt, es so aussehen zu lassen, als hätten sie das Problem im Griff und gingen angemessen damit um. Aber es gibt Gründe, warum dies nicht funktioniert mit dem Problem, das die Labour Party – und das linke Spektrum in Europa und Amerika – hat, wenn es um Juden und den Staat Israel geht.

Sowohl Jeremy Corbyn als auch Ken Livingstone sagen, sie verurteilten Antisemitismus. Dabei fügen sie fast immer hinzu, sie verurteilten auch „Islamophobie und alle anderen Formen des Rassismus“, eine Erklärung, die immer wie ein bewusster Versuch wirkt, einen Hass auf Juden unter dem Deckmantel jedweder Kritik am Islam zu verbergen. Aber zweifellos glauben sie es auf einer Ebene. Am faszinierendsten ist dabei, dass sie, während sie dies sagen, genau das schüren, was sie zu verurteilen behaupten.

Auf eine Antwort, die Ken Livingstons diese Woche gab, um Naz Shahs ursprüngliche Kommentare zu entschuldigen, indem er sie als „unangemessen und unanständig“ bezeichnete, erfolgte ein grosser Aufschrei. Aber es war etwas, was er zuvor gesagt hatte und was bisher unkommentiert blieb, das viel enthüllender war und auf das zentrale Problem der Linken hindeutet. In einem früheren Interview an diesem Morgen mit der BBC London hatte Livingstone gesagt:

“Es ist einfach so, dass Naz diese Kommentare zu einem Zeitpunkt geschrieben hat, als es einen weiteren brutalen israelischen Angriff auf die Palästinenser gab.
Und eine nackte Tatsache, über die praktisch niemand in den britischen Medien je berichtet, ist, dass in fast allen diesen Konflikten die Opferzahlen zwischen 60 und 100 getötete Palästinenser auf einen getöteten Israeli betragen. Jedes andere Land, das so vorginge, würde der Kriegsverbrechen beschuldigt, aber was die Politik der israelischen Regierung betrifft, messen wir wohl mit zweierlei Mass.“

Und genau das liegt im Zentrum des Antisemitismus-Problems der Labour Party. Es wird so getan, als ob der jüdische Staat so etwas grundlos täte. Die vielen Tausend Raketen, die die Hamas und andere islamistische Gruppen aus dem Gazastreifen auf Israel abfeuern, werden nicht erwähnt. Der Kommentar macht aus einer gezielten Serie von Vergeltungsschlägen Israels auf die Hamas im Gazastreifen einen „brutalen“ Angriff „auf die Palästinenser“ als Volk. So erwähnt Livingstone zwar diese Opferzahlen, hat aber kein Interesse daran, zu erklären, dass Israel Bunker zum Schutz seiner Bürger baut, während die Hamas Palästinenser als menschliche Schutzschilde und nützliche Leichen für die Fernsehkameras missbraucht, damit die Hamas als geschädigtes „Opfer“ dasteht.

Indem man so tut, als sei der Versuch eines Staates, Israel, sich so gut wie möglich vor einem Raketenhagel, Messer- und Autoattacken zu schützen, ein Kriegsverbrechen, wird nicht nur eine Lüge aufrechterhalten, sondern auch unbemerkt ein gedankliches Samenkorn gelegt. Warum, so fragt sich vielleicht der Naive, gilt diese Doppelmoral nur bei Israel, und nicht zum Beispiel beim Iran, China, dem Sudan, Nordkorea oder Russland? Könnte der Grund sein, dass einige Leute einfach Juden hassen?

Ein solcher Kommentar ist auch der Grund dafür, dass die Partei es nicht mehr schafft, das Problem „mit der Wurzel auszureissen“, auch wenn sie so tut als ob. Was Livingstone dort sagte, ging kommentarlos durch, weil es genau das ist, was viele Abgeordnete der Partei und zahlreiche Parteimitglieder glauben. Aber jedes Mal, wenn es gesagt wird, wird eine Lüge aufrechterhalten. Naz Shahs Kommentare damit zu entschuldigen, sie seien gemacht worden, „als ein weiterer brutaler Angriff Israels auf die Palästinenser erfolgte“ schnürt eine ganze Reihe Lügen zu einer zusammen.

Das ist das Problem. Es ist die Geschichte der “Linken” zu Israel, die ein Wiederaufleben des Antisemitismus bewirkt. Es kommt nicht aus dem Nichts. Es kommt aus ihnen selbst. Will sich die Linke damit auseinandersetzen, muss sie sich zuerst mit sich selbst auseinandersetzen.

Auf Englisch zuerst erschienen bei Gatestone InstituteDouglas Murray ist ein Analyst für Tagespolitik und Leitartikler und lebt in London. 

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