Aramäische israelische Polizisten an einer Veranstaltung des Christlichen Rekrutierungsforums. Foto Aviram Valdman / The Tower

Etwa Tausend Zuhörer, die im Dezember 2014 eine Halle in der 40’000-Einwohner-Stadt Nazareth-Illit füllen, sind enthusiastisch, als der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sich in einer Rede an sie wendet. Obwohl sie selbst Arabisch sprechen, betrachten sie sich nicht als Araber. Sie sind Christen, nennen sich „Aramäer“ und dienen in der israelischen Armee.

Von Aryeh Tepper

Auf dem vom Christlichen Rekrutierungsforum organisierten Treffen feiern die Aramäer auch ihre neue alte Identität: Wenige Monate zuvor hatte der Staat Israel sie offiziell als ethnische Minderheit anerkannt.

Dank dieser Entscheidung sind die israelischen Aramäer seither anderen Minderheiten wie den Drusen und Tscherkessen in ihrem Status gleichgestellt. Und wie diese wollen die aramäischen Christen, dass ihre Söhne zur IDF gehen. Immer wieder betonen aramäische Redner auf der Veranstaltung, wie wichtig es für sie sei, den einzigen Staat im Nahen Osten zu verteidigen, der Christen schützt und es ihnen erlaubt, ihre Religion frei auszuüben. Nur ein Teil dieser Aramäer spricht übrigens Aramäisch, doch gibt es Bestrebungen, die Sprache wieder stärker zu verbreiten.

Die Bewegung zur Anerkennung der Aramäer geht zurück auf eine Begegnung im Jahr 2007. Shadi Chaloul, ein maronitischer Christ aus der nordisraelischen Stadt Gush Halav und IDF-Major der Reserve, traf den Politiker Yariv Levin, der sich anschickte, für einen Sitz im israelischen Parlament zu kandidieren. Chaloul überzeugte Levin, dass Aramäer in Israel als eine eigenständige Minderheit anerkannt werden sollten. Bis dahin nämlich waren alle israelischen Christen als „Araber“ betrachtet worden und nannten sich meist auch selbst so.

Ein altes Volk
Aramäisch sprechende Christen leben im Nahen Osten, seit es das Christentum gibt. Jesus selbst war ein Aramäisch sprechender Jude. Als die von der arabischen Halbinsel kommenden arabisch-muslimischen Armeen den grössten Teil Nordafrikas und des Fruchtbaren Halbmonds überfielen, zwangen sie der Bevölkerung in den von ihnen besetzten Gebieten ihren Glauben und ihre Sprache auf.

Manche aramäischen Christen nahmen den Islam an, andere aber behielten ihren christlichen Glauben; das Aramäische verschwand zwar weitgehend aus dem Alltag, blieb aber die Sprache des Gebets. Und so gab es bis ins 20. Jahrhundert hinein im Nahen Osten noch Menschen, die Aramäisch sprachen, vor allem in christlichen Dörfern im Irak, in Syrien und dem Libanon.

Der Vormarsch der Islamisten und die Vertreibung von Christen bestärkten in jüngster Zeit den Wunsch der Aramäer nach Anerkennung als Minderheit.

Die Geschichte der aramäischen Christen in Israel lässt sich gut anhand von Chalouls Heimatort Gush Halav ablesen. Bis 1948 wurde dort in den Schulen Aramäisch gelehrt. Nach 1948 wurden die Aramäer als „Araber“ eingestuft und mussten in der Schule die arabische Kultur, Geschichte und Sprache lernen. Das Aramäische lebte in dieser Zeit in der Liturgie und in privaten Initiativen fort.

Fairerweise muss man die israelische Politik in ihrem Zusammenhang sehen. Die Vorstellung, dass alle Araber unabhängig von ihrer jeweiligen Religion ein Volk darstellten, wurde im 20. Jahrhundert von vielen christlichen Intellektuellen propagiert und hat auch heute in Israel noch Anhänger. Im Gespräch mit aramäischen Christen erfährt man jedoch häufig, dass diese Idee auf politische Schwäche zurückzuführen war. Um in einer arabisch dominierten Umgebung überleben zu können, mussten die Aramäer zu Arabern werden. Der Glaube, dass ihnen eine arabische Identität zum Vorteil gereichen würde, ist jedoch in den letzten Jahren zerstört worden: durch die Angriffe auf Christen in Ägypten, Syrien und dem Irak, die oft das Ausmass von ethnischen Säuberungen angenommen haben.

Wiedererweckung
Levin wurde 2009 in die Knesset gewählt und fing sofort an, sich für die Sache der israelischen Aramäer einzusetzen.

Bald entstand eine dynamische Bewegung. Parallel zu Chalouls Bemühungen gründete der IDF-Major Ihab Shlayan, ein östlich-orthodoxer Christ, im August 2012 das Forum für christliche Anwerbung zu den Israelischen Verteidigungskräften. Shlayan meinte, dass die israelischen Aramäer nicht mehr länger „die Lügen“ hinnehmen sollten, die sie dazu brachten, einen Kotau vor arabischen Empfindlichkeiten zu machen. Er gewann einen griechisch-orthodoxen Pastor aus Nazareth, Pater Gabriel Naddaf, dafür, die Organisation zu leiten. Naddaf, ein stets ernst wirkender Mann mit einem starken Gefühl für die Wichtigkeit seiner Mission, trug entscheidend dazu bei, dass das Ansehen des Forums immer weiter wächst.

Pater Naddafs öffentliche Karriere hatte 1995 mit seiner Berufung zum Priester der Verkündigungskirche in Nazareth begonnen. Zunächst im Stillen trieb er dort einen Wandel voran. Die östlichen orthodoxen Kirchen sollten den israelischen Christen ihre Geschichte lehren, glaubte er. Warum, so fragte er sich, betrachten sich die israelischen Christen als Araber, „wo doch keiner der Apostel ein Araber war? … In meinen Wurzeln ist nichts, das darauf hindeutet, dass ich ein Araber wäre.“

Der griechisch-orthodoxe Patriarch warnte Naddaf, er solle keine „Provokationen“ anzetteln. Und so trug seine stille Arbeit über Jahre keine sichtbaren Früchte. Das änderte sich mit den brutalen Angriffen auf Christen im Zuge des „arabischen Frühlings“. „Genug ist genug“, entschied er. Die Zeit war reif, „die Furcht und die Lügen abzuwerfen“.

Und so tat sich Naddaf mit Shlayan zusammen. Gemeinsam riefen sie die israelischen Christen dazu auf, anzuerkennen, dass sie keine Araber sind – und sich der IDF anzuschliessen. Seit Pater Naddaf die Christen zum freiwilligen Wehrdienst aufgerufen hat, hat sich die Zahl der christlichen Rekruten verdreifacht. Pater Naddaf ist jedoch davon überzeugt, dass es noch viel mehr sein könnten, wenn Israel sich voll und ganz hinter seine christlichen Bürger stellen würde und null Toleranz für antiaramäische Hetze an den Tag legen würde. Die enthusiastische Reaktion auf Netanjahus Rede in Nazareth-Illit scheint dies zu bestätigen. Zu dem ersten Treffen des Forums zwei Jahre zuvor waren nur 300 Teilnehmer erschienen.

In der Mitte Pater Gabriel Naddaf. . Foto Aviram Valdman / The Tower
In der Mitte Pater Gabriel Naddaf. . Foto Aviram Valdman / The Tower

Unter Beschuss
Während Shadi Chaloul von seiner Liebe zum aramäischen Erbe getrieben wird (mit seinem kleinen Sohn Aram spricht er zu Hause Aramäisch), ist für Pater Naddaf seine religiöse Überzeugung der Antrieb.

„Etwas Himmlisches geht hier vor sich“, sagt Pater Naddaf. Sein Glaube gibt Naddaf den Mut, Dinge zu sagen, die in seiner Gemeinschaft bislang unerhört waren: Das Land Israel gehöre den Juden und das palästinensische Volk sei eine Fiktion, eine Nation, die einzig zu dem Zweck erfunden wurde, die jüdische Souveränität zu untergraben. Ginge es nach Pater Naddaf, würden die Juden auf dem Tempelberg beten und Israel würde sich die Kontrolle über die gesamte Westbank zurückholen.

Da überrascht es nicht, dass Pater Naddaf von vielen Seiten her unter Beschuss ist, vor allem wegen seiner Unterstützung für den Dienst in der IDF. Ein Mitglied der Palästinensischen Autonomiebehörde fälschte sogar eine Stellungnahme des griechisch-orthodoxen Patriarchats, in der Naddafs Absetzung verkündet wurde. Israelisch-arabische Politiker betreiben Hetze gegen ihn, in den sozialen Medien gibt es Morddrohungen.

Solche Drohungen sind ernst gemeint. Im Dezember 2013 wurde sein Sohn Judaan brutal zusammengeschlagen, als Rache für die Überzeugungen seines Vaters. Doch Pater Naddaf weicht nicht zurück. „Wir haben die Angst gebrochen“, sagt er. „Wir sagen die Wahrheit.“ Judaan begann im Dezember seinen Dienst in einer Eliteeinheit der IDF.

Zionismus als Vorbild
Ein wichtiger Bezugspunkt der aramäischen Wiedergeburt ist die aramäische Sprache. Interessanterweise sind Israel und der Zionismus für manche Aramäer – in gewissem Grad –Vorbild. David Dag, ein in Schweden lebender aramäischer Aktivist, drückt es so aus: „Wenn Israel wiederbelebt werden konnte, warum nicht auch Aram?“ Shadi Chaloul sagt: „Wir sind inspiriert von Eliezer Ben-Yehuda, der die hebräische Sprache wiederbelebt hat.“

Die aramäischen Christen sind nicht das einzige nicht-arabische Volk im Nahen Osten, das seine Identität zurückfordert. Schaut man sich die ganze „arabische Welt“ von Nordafrika bis zum Irak an, findet man viele Völker, die die ihnen aufgezwungene arabische Identität abschütteln wollen: Berber, Kopten, Alawiten, Drusen, Kurden, Jesiden etc.

Israel gebührt Anerkennung dafür, dass es der einzige Staat im Nahen Osten ist, der innerhalb seiner Grenzen Pluralismus pflegt. Gleichwohl wird die Gemeinschaft der aramäischen Christen in Israel noch mit vielen ernsthaften Schwierigkeiten zu kämpfen haben.

Lange überfälliger Schritt
Gegner der Anerkennung einer eigenständigen aramäischen Identität (zu ihnen gehört auch die linke Meretz-Partei im israelischen Parlament) sehen diese als einen Angriff auf Israels arabische Minderheit. Doch das wahre Problem scheint ein anderes zu sein: Die aramäischen Christen offiziell anzuerkennen, bedeutet auch, eine alte und gefährlich subversive Wahrheit in den Blick zu rücken: dass die Araber in grossen Teilen des Nahen Ostens nicht die ursprüngliche Bevölkerung sind. Das ist dieselbe Wahrheit, die implizit auch verkündet wurde, als die jüdischen Bewohner des Landes Israels ihre Souveränität wiedererlangten – ob sich die jüdischen Israelis dessen bewusst sind oder nicht.

Das bedeutet nicht, dass die Araber der Region, wie die in Israel, kein unauslöschlicher Bestandteil des Mosaiks von Identitäten im Nahen Osten wären. Doch das gibt ihnen nicht das Recht, sich über andere, gleichermassen legitime Identitäten zu erheben.

Israels Anerkennung der aramäischen Minderheit ist kein Angriff auf jemanden. Es ist die längst überfällige Anerkennung des Rechts aller Minderheiten im Nahen Osten, ihre Identitäten nach ihren eigenen Massstäben selbst zu bestimmen.

In englisch zuerst erschienen bei The Tower. Aryeh Tepper ist Direktor der American Sephardi Federation. Zusammenfassung und Übersetzung Stefan Frank.

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