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Israels Zukunft und sein gesellschaftlicher Bestand werden von zwei finsteren Kräften akut bedroht.

Die einen nennt man „Siedlerlobby“, diese arbeite sehr geheim gegen die ultimative Zwei-Staaten-Friedenslösung indem sie die Errichtung eines (judenfreien) palästinensischen Staates hintertreibt und damit Israels Zukunft als „jüdischer Staat“ gefährdet. Und dann gibt es, noch geheimer, den „zunehmenden Einfluss“ der Orthodoxen, die den säkularen Charakter des Staates gefährden, weil sie in Israel eine Theokratie schaffen wollen, einen Gottesstaat nach iranischem Vorbild, doch nur eben auf „jüdisch“. In Jerusalem können wir zwar von beidem nichts merken, aber was heisst das schon. Wer über Geheimwissen verfügt, der braucht keine Fakten, um überzeugt zu sein.

Wer von „jüdischer Lobby“ in Deutschland, in Europa, in der Finanzwelt oder in der Politik redet, ist zudem davon befreit, Namen zu nennen. Wenn dann doch mal Namen genannt werden, handelt es sich meist um den jeweiligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland und vielleicht noch Henryk Broder oder gar um Charlotte Knobloch. Die werden zu pikanten Themen interviewt, weil sie vermeintlich das schlechte Gewissen der Deutschen repräsentieren. Und wenn sie dann die von ihnen erwartete Kritik äussern, etwa wegen der Preisverleihung an zwielichtige propalästinensiche Vereine oder Personen, werden ihre Aussagen zu einer „Lobby“ hochstilisiert.  Man reibt sich die Augen und wundert sich.

Ähnlich verhält es sich mit der „Siedlerlobby“ in Israel. Mal werden Politiker wie Naftali Bennett oder Uriel Ariel erwähnt, doch die reden nicht als Anführer einer „Lobby“, sondern eher als Minister und Parteipolitiker.

Wer sind die „Siedler“ wirklich?
Eine halbe Million Israelis gelten als „Siedler“, weil sie im Ostteil Jerusalems und in Siedlungen im Westjordanland leben. Doch wenn man die meisten Bewohner Ost-Jerusalems oder der grossen Städte im Westjordanland fragt, wird man schnell feststellen, dass viele sich gar nicht bewusst sind, „Siedler“ zu sein. Sie sind nach Gilo, Ost-Talpiot oder Ramot gezogen, weil sie sich eine Wohnungen im Stadtzentrum nicht mehr leisten konnten. Gleiches gilt für die Bewohner von Schlafstädten nahe Tel Aviv oder für Maaleh Adumim. Deren Bewohner gehören nicht einmal der israelischen Rechten an, wie Wahlergebnisse zeigen. Sie repräsentieren vielmehr „typische“ Israelis unterschiedlicher poliltischer Couleur. Und obgleich die Medien in Europa „die“ Siedler meist als „Orthodoxe“ darstellen, haben 2015 von den 206.000 Wahlberechtigten in den Siedlungen nur etwa 30% die fromme Schasspartei oder orthodoxe Parteien gewählt.

Namentlich erwähnt werden dann noch rechtsextremistische Siedler, meistens nachdem sie verhaftet worden sind, weil sie Kirchen in Israel angesteckt oder gar Mord an Palästinenser begangen haben, wie in dem Dorf Duma. Doch diese inhaftierten Einzeltäter können kaum als „Lobby“ bezeichnet werden, zumal ihr Einfluss auf die Gesellschaft eher beschränkt ist, wenn sie als geächtete Verbrecher im Gefängnis sitzen.

Linke bauen Siedlungen – Rechte reissen sie ab
Bei genauem Hinschauen stellt sich heraus, dass die „Siedlungspolitik“ ganz lobbyfrei von den jeweiligen israelischen Regierungen beschlossen und durchgeführt wird. Die sozialistischen Regierungen bis 1977 und dann noch einmal unter Rabin, Peres und Barak haben aus unterschiedlichen Interessen heraus munter Siedlungen bauen lassen. Ausgerechnet unter rechtsgerichteten Politikern wie Begin und Scharon wurden Siedlungen im Sinai, im Gazastreifen und auch im Westjordanland abgerissen. Unter Netanjahu gab es immer wieder einen Baustopp im Westjordanland, der immer noch anhält, um Abbas an den Verhandlungstisch zu locken. Netanjahu hat zudem den Palästinensern mehr Land zur Selbstverwaltung übergeben als Rabin und Peres zuvor, darunter 90% der Stadt Hebron.

Planung und Bau von Siedlungen sind eine reine Regierungsangelegenheit, die nicht irgendeiner ominösen anonymen „Lobby“ folgen, sondern anderen Bedürfnissen und Interessen gelten, wie einer Behebung der Wohnungsnot.

Einfluss der Orthodoxen
Mit dem vermeintlich zunehmenden Einfluss der Orthodoxen sieht es ähnlich aus. Aus guten Gründen leben die meisten Orthodoxen in geschlossenen Vierteln, etwa in Bnei Brak bei Tel Aviv oder in Mea Schearim in Jerusalem. Wegen ihres ausgeprägten traditionellen Lebensstils tun sie sich schwer, in weltlichen Vierteln zurecht zu kommen, weil dort am Sabbat Autos fahren und jeder Fernsehen schaut. Berichtet werden in Europa grosse Demonstrationen der Orthodoxen, auch weil sie Stoff für exotische Bilder liefern. Doch gerade diese Demonstrationen zeugen davon, dass die Orthodoxen immer weniger Einfluss haben, denn sonst bräuchten sie nicht auf die Strasse gehen und ihre Forderungen erkämpfen.

Einen Höhepunkt der Berichterstattung über den „Kulturkampf“ zwischen frommen und weltlichen Juden im „zerrissenen Israel“ gab es im Dezember 2011, als in Ashdod ein Orthodoxer Jude in einem öffentlichen Bus eine junge Frau, Tanya Rosenblit, von der vordersten Bank in den hinteren Teil des Busses verweisen wollte. Er argumentierte, dass ihm als frommer Mensch der Anblick von Frauen verboten sei. In dem Fall rief der Busfahrer die Polizei. Die zog den Orthodoxen aus dem Bus. Die junge Frau konnte die Fahrt auf der vordersten Bank sitzend fortsetzen. Dieses eine Ereignis führte weltweit zu einem Aufschrei der Empörung wegen „Segregation“ in israelischen Bussen. Es gab später noch einige weitere Zwischenfälle dieser Art und natürlich eine heftige Debatte in Israel. Sie endete mit einer Weisung der Regierung, in allen öffentlichen Verkehrsmitteln Aufkleber an sichtbarer Stelle anzubringen, die es dem Fahrer und den Passagieren streng verbieten, Anderen einen Sitzplatz zuzuweisen. Dass aktuell die Mitteldeutsche Regiobahn in jedem Zug zwischen Leipzig und Chemnitz zwei Frauenabteile einrichten will, war in Israel übrigens kein Thema.

Tatsache ist, dass orthodoxe Parteien fast in jeder Regierung vertreten waren und oft das „Zünglein an der Waage“ darstellten. Doch gleichzeitig verzichten die Orthodoxen auf Ministerämter, weil sie keine Verantwortung übernehmen wollen. Eine Ausnahme bildet jetzt Gesundheitsminister Jakob Litzmann. Der war jahrelang „stellvertetender“ Minister, während der Ministerposten beim Premierminister lag. Weil dieser Zustand als „unnatürlich“ galt, wurde Litzman ultimativ gezwungen, sich endlich als Verantwortung tragender Minister zu bezeichnen.

Wer nimmt hier auf wen Einfluss?
Der übermässige Einfluss der Orthodoxen wurde vor allem in der vorigen Regierung Netanjahus angeprangert, als erstmals seit Jahren keine Orthodoxe in der Koalition vertreten waren. Finanzminister Jair Lapid und andere junge Abgeordnete bemühten sich, den Orthodoxen bisherige Privilegien zu nehmen, wie zum Beispiel die Befreiung vom Militärdienst. Denn das hatte zur Folge, dass viele Orthodoxe nicht arbeiten konnten und auch keine Steuern zahlten. Sowie einer arbeitete, erfüllte er nicht mehr das Kriterium, ununterbrochen die Tora zu studieren und deshalb vom Militärdienst befreit zu sein.

Um dieses Monopol der Orthodoxen zu brechen, hat sich die Armee zunehmend auf ihre Ansprüche eingestellt. Sie hat separate Einheiten geschaffen, in denen keine Frauen dienen, wo die Speisen ultra-koscher sind und wo den Soldaten Zeit für ihre religiösen Studien gelassen wird. Die Absicht ist, Orthodoxe besser in die allgemeine Gesellschaft zu integrieren.

Warum is(s)t selbst die Armee kosher?
Dass in allen Armeeküchen koschere Speisen gereicht werden, hängt nicht vom Einfluss der Orthodoxen ab. Vielmehr geht man von einem „minimalen Konsens“ aus. Denn koschere Speisen können alle essen, auch dienende Moslems. Entsprechend kaufen Palästinenser im Westjordanland und in Jerusalem in jüdischen Supermärkten ein, wo alle Waren einen Koscherstempel des Rabbinats tragen. Für die Moslems garantiert es, dass auch die Fleischwaren „Halal“ sind, also ohne Schweinefleisch. Der Koscherstempel hat in Israel eine ähnliche Bedeutung wie in Europa die Überwachung aller Nahrungsmittelprodukte durch das Gesundheitsamt, nur dass in Israel diese Aufgaben den Rabbinern übertragen worden sind. Rabbiner sind – anders als christliche Pastoren – keine Theologen, sondern Gesetzeshüter.

Es wird vielleicht einige Leser enttäuschen: Aber in über 40 Jahren sind dem Autor in Israel keine finsteren Verschwörer begegnet. Keine geheime rechte Siedlerlobby sitzt an den Schalthebeln der Macht und noch weniger ist mit einer Regierungsübernahme der Orthodoxen zu rechnen. Wer solche Dinge sucht, wird sich weiterhin vertrauensvoll an die europäische Presse wenden müssen.

Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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4 KOMMENTARE

  1. „Und obgleich die Medien in Europa „die“ Siedler meist als „Orthodoxe“ darstellen, haben 2015 von den 206.000 Wahlberechtigten in den Siedlungen nur etwa 30% die fromme Schasspartei oder orthodoxe Parteien gewählt.“

    Viele „Siedler“ SIND orthodox, aber eben national-religiös, nicht „ultra-orthodox“. Und sie wählen häufig die Partei „HaBayit HaYehudi“, die ja orthodox ist. National-Religiöse und „Ultra-Orthodoxe“ (= Charedim) werden leider oft verwechselt, auch in diesem Artikel.

  2. Ein köstlicher und gleichzeitig profunder Bericht über Israels Orthodoxe. Der Autor hat lediglich vergessen, das in diesem Zusammenhang beliebte Vorhängsel „Ultra“ zu erwähnen, das im europäischen Raum besonders gerne von guten und kritischen Menschen verwendet wird. Und die damit ihrer Erleichterung Ausdruck verschaffen, dass sie gottseidank nicht so sind wie „die“.

    Interessant finde ich, welche Anstrengungen die Armee unternimmt um die Orthodoxen in ihren Reihen besser integrieren zu können. Solche Bemühungen, Minderheiten einzuschließen, findet man nur in diesem Ausmaß nur in Israel.

    Ich will nicht verhehlen, dass mir die Orthodoxen nicht auch etwas suspekt sind. Insbesondere der geschilderte Fall mit dem Bus war ein bekanntes Negativ-Beispiel. Insofern ist es sehr begrüßenswert, dass hier inzwischen etliche Versuche unternommen werden, dieses Konfliktfeld zu entspannen.

    Anderseits ist zu bedenken, ob das Judentum als religiöse Gemeinschaft seine Zerstreuung in alle Welt überhaupt überstanden hätte ohne diese Gruppe, die für den Zusammenhalt in dieser langen Zeit eine wichtige Rolle gespielt hat. Angesichts dessen könnte für Außenstehende eine gewisse Zurückhaltung angebracht sein.

    • Hallo,
      völlig richtig. Ich habe noch einiges nicht eingebaut, was wichtig gewesen wäre, zum Beispiel dass Ben Gurion damals die wenigen überlebenden Ultraorthodoxen Schoahüberlebenden in eine Art Naturreservat gesteckt hat, indem er sie vom Militördienst befreit hat. Das kippte, als die sich dank Kindergeld allzusehr vermehrt hatten. Ohne diese Ultraorthodoxen hätte das Judentum bestimmt nicht überlebt. Das war der Kitt, der diese Gemeinschaft zusammenhielt.

      • Man sollte aber auch hinzufügen, dass es mehrere ultra-orthodoxe (charedische) Gruppen gibt, die den Staat Israel gar nicht anerkennen, da sie die Meinung vertreten, dass lediglich der von Gott gesandte Messias das Recht habe, einen jüdischen Staat zu errichten. Diese charedischen Gruppen beteiligen sich nicht an israelischen Wahlen und nehmen keinerlei staatliche Gelder in Anspruch.

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