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Die Schweizer Medien berichteten in den letzten zwei Wochen kaum von der Gewalt in Nahost, es sei denn, in diesem Zusammenhang wird Israel als Täter dargestellt.

Wenn doch einmal auf den islamistischen Terror hingewiesen wird – wie es die Luzerner Zeitung tut, in dem sie eine SDA Meldung übernimmt – betitelt man die Artikel nach altbekanntem Strickmuster: „Palästinenser von israelischer Armee getötet“. Erst bei einer Bildunterschrift wird lesbar: „Der Angreifer überwand den Sicherheitszaun zur jüdischen Siedlung Salit und griff danach die herbeigeilten Soldaten an“. Dieser Angreifer, genau genommen Terrorist, wurde also nicht grundlos getötet. Die Folgerichtigkeit des militärischen Eingriffs wird aber im Titel verschwiegen und im Text auf übliche Weise eingeschränkt, indem man die Seriosität der Informationsquelle mit „nach [israelischen] Militärangaben“ anzweifelt und den Ort des Geschehens als „besetztes Westjordanland“ ausweist. Zudem folgt die Zeitung dem Prinzip der Desinformation, wenn sie am Ende anführt, der Hintergrund der Gewalt sei „die zunehmende Enttäuschung der Palästinenser über den stockenden Friedensprozess und die Ausweitung der jüdischen Siedlungen“. Die Welle der Gewalt wurde aber – und dies findet in der internationalen Presse durchaus Erwähnung – durch das Gerücht verursacht, Israel plane die Vereinnahmung des Tempelbergs.

Aargauer– und Luzerner Zeitung brachten darüber hinaus Schlagzeilen wie „EU: Israel muss Zerstörung palästinensischer Häuser stoppen“, ohne zu erwähnen, dass es sich hier um Häuser ehemaliger Terroristen handelt. Die Medien rechtfertigen ihre einseitige Berichterstattung zudem über Verweise auf Sprecher westlicher Regierungen, die UNO oder – wie im letzten Fall – die EU. Die Luzerner Zeitung erhärtet die Einordnung Israels als Besatzungsregime, indem sie Äusserungen von Ban Ki Moon aufgreift: „Die Geschichte zeigt, dass die Menschen sich Besatzung immer widersetzen werden“. Mit Worten wie „Brutkasten für Hass und Extremismus“ macht der UNO-Generalsekretär indirekt Israel für den Terror der letzten Monate verantwortlich, fügt aber irritierenderweise an: „Nichts entschuldigt Terrorismus. Ich verurteile ihn kategorisch.“ Er entschuldigt den Terror nicht, sicher! – aber er begründet ihn und macht ihn entsprechend eines Reiz-Reaktion-Schemas nachvollziehbar. Markus Spörndli von der WOZ wiederholt dasselbe Motiv, indem er (gemäss einem Zitat des Gründers von Breaking the Silence) titelt: „Mit der Besatzung kommen wir irgendwann zur 20. Intifada“. In seinem Artikel setzt er zur üblichen Gleichmacherei an: „Seit letztem Oktober kommt es im besetzten Westjordanland und im israelischen Kernland zwischen AraberInnen und JüdInnen vermehrt zu gegenseitiger Gewalt“. Kein Wort, von wem die Gewalt ausgeht. Anschliessend arbeitet er eine Liste einseitiger Schuldzuweisungen ab, die nur jene Stimmen positiv erwähnt, die sich klar israelkritisch geben. Ulrich Schmid berichtet in der NZZ von Frankreichs Entscheidung, „Palästina an[zu]erkennen, wenn der nahöstliche Friedensprozess nicht vorankommt“. Der Artikel, der ausgiebig auf die sog. „markigen Reaktionen aus Jerusalem“ auf diese Entscheidung eingeht, nennt sich übrigens „Stolpersteine auf dem Friedensweg“ – eine sehr einseitige metaphorische Umschreibung israelischer Friedenspolitik. Zudem ist sie übrigens unglücklich gewählt, wenn man die Bedeutung des Wortes im Kontext europäischer Erinnerungskultur bedenkt.

Die Ostschweiz am Sonntag publiziert den Artikel „Der Terror der „Hügeljugend““, in welchem es um jüdischen Extremismus geht, der jenem muslimischer Prägung gegenübergestellt wird. Der Autor Walter Brehm lässt es sich zum Schluss des Artikels nicht nehmen, Parallelen zwischen der Ideologie jüdischer Extremisten und „Äusserungen im Kabinett von Benjamin Netanyahu“ zu konstruieren und damit anzudeuten, dass auch Israels offizielle Politik nicht allzu weit von Einstellungen radikalisierter Bürger entfernt ist, was Israel letztlich in die Ecke der Unrechtsregimes stellt.

Ähnlich dämonisierend wird in Teilen der Schweizer Presse Bezug auf das NGO-Gesetz genommen. Der Blick titelt „Israel macht ernst mit Vorgehen gegen Bürgerrechtler“ (ebenso die Luzerner Zeitung und Watson) und spricht von einer „Hexenjagd“, die sich gegen demokratisches Grundverständnis richte. Alle drei übernahmen dabei eine Meldung der Schweizer Nachrichtenagentur SDA. Professor Gerald Steinberg geht in einem Artikel auf die gängigen Argumente ein und zeigt, was tatsächlich die Dynamik dieses NGO-Gesetzes ausmacht.

Kommen wir zur Schweiz: Der Tages-Anzeiger veröffentlicht einen Artikel mit dem Titel „Beten hinter Panzerglas“. Wegen der permanenten Gefahr haben sich (nicht nur) die Zürcher Juden an die Allgegenwart strenger Sicherheitsvorkehrungen gewöhnt. Allerdings erhalten in der Schweiz die jüdische sowie auch andere religiöse Minderheiten „weder finanzielle Unterstützung noch staatlichen Polizeischutz“, trotz des steigenden Bedarfs nach Sicherheit. Daniel Rickenbacher, Extremismus-Forscher an der Universität Zürich, weist im Artikel auf islamistisch geprägte Kreise als Hauptträger dieses Hasses hin (im Tagesanzeiger finden Sie das komplette Interview und hier auch seine Besprechung einer Studie von Günther Jikeli, der junge europäische Muslime nach ihrer Einstellung zu Juden befrat hat).

Es ist zum einen bestürzend, dass Schweizer Bürger jüdischen Glaubens gezwungen sind, sich zu schützen, zum anderen schockierend, dass sie dafür auch noch selber aufkommen müssen und bisher jede Unterstützung vom Land ausblieb. Die Online-Kommentare der Leser zeugen aber von wenig Empathie. Es werden vielmehr antisemitische Klischees wiedergegeben wie „Juden sind selbst schuld“, „Juden geniessen eine Sonderstellung“ und „Juden kontrollieren die Medien“. Nachdem ein Leser auf dieses Problem hinweist, erwidert ein anderer: „Es herrscht eben auch die freie Meinungsäusserung, solange es nicht zu Diffamierungen kommt. Der Antisemitismus hat zugenommen. Warum wohl?“ Über eine rhetorische Frage wird behauptet, Antisemitismus sei Folge der Reglementierung der „freien Meinungsäusserung“. Manche Leser leugnen partout jede Form antisemitischer Gefahr und betrachten Vorkehrungen als Produkt einer deplatzierten Panik: „wenn gewisse Gebetshäuser aus übertriebener Panik heraus jetzt Panzerglas anschaffen hat das wenig mit der Realität von Juden in der Schweiz zu tun“. Schliesslich wird immer wieder wird von Israels „Kriegslüsternheit“ oder dem Einfluss „jüdischer Kreise weltweit“ als Ursache für den Hass gesprochen.

In der NZZ erschien unter dem Titel „Der ‚Blutzeuge’ vom Bündnerland“ ein Beitrag zum Attentat auf den „obersten Nationalsozialist der Schweiz“, Wilhelm Gustloff, der am 4. Februar 1936 vom jüdischen Medizinstudenten David Frankfurter erschossen wurde. Diese Tat verhalf dem deutschen Regime zu einem Propagandacoup, durch den Gustloff zum Märtyrer erhoben wurde – die Schweiz führte sie zu einem der vielen Dilemmata im prekären Umgang mit Nazideutschland.

Im Anschluss an den Skandal rund um das viel besprochene Schweizer Geheimabkommen mit der Terrororganisation PLO veröffentlicht die SonntagsZeitung den Artikel „Aufsicht soll PLO-Deal klären“, bei dem auf das Vorhaben der Geschäftsprüfungskommission (GPK), das damalige Verhalten der Bundesanwaltschaft zu überprüfen, eingegangen wird. Bezogen auf dieses Thema stellt Georg Kreis von der TagesWoche – ebenso wie ich in meiner letzten Medienschau – die Frage: „Dürfen wir mit Terroristen verhandeln?“, die er allerdings in diesem Falle mit ja beantwortet, denn „die schweizerische Gegenleistung bestand nach bisher vorliegenden Belegen in nichts Ungehörigem. Sie lag auf der auch heute zusammen mit den meisten Staaten verfolgten Linie, den Palästinensern […] zu legitimer Anerkennung zu verhelfen“. Die Hinweise auf den Tathergang und die Folgen dieses Abkommens weist Kreis mehrfach als „Spekulationen“ von Gyr zurück. Er umgeht allerdings eine Beobachtung, die nichts Spekulatives an sich hat: Für die palästinensische Seite musste das Entgegenkommen von Graber so aussehen, dass terroristische Gewalt bzw. ihre Androhung politischen Erfolg nach sich zieht – eine Strategie also, auf die offenkundig auch heute noch gebaut wird.

Claudia Mäder von der NZZ am Sonntag begrüsst in „Böse Bücher. Hitlers ‚Mein Kampf’“ die Veröffentlichung der kritischen Edition zu Beginn dieses Jahres, denn der kritische Apparat „nimmt eine veritable Sezierung von Hitlers Selbst- und Weltbild vor“.​ „Bücher, die im Ruch des Verbotenen standen, waren zu jeder Zeit besonders attraktiv“, stellt sie richtigerweise fest, fügt aber an, dass „einen in dem ganzen grandiosen Wust von Kommentaren zuweilen das Gefühl [beschleicht], dass man dem Text mit dieser Akribie mehr Ehre antut, als er verdient“. Sie erwähnt kritisch „als ob das Buch die Virulenz besässe, seine Leser zu Nazis zu machen.“ Hier muss aber beachtet werden, dass bei verschiedenen Lesern durchaus verschiedene Vorkenntnisse herrschen. Nur ein kurzer Blick in die Verschwörungsforen des Internet lässt den wissenden Leser kopfschüttelnd zurück mit der Frage: Wer glaubt an diesen Unfug? Aber Verschwörungsphantasien erfreuen sich heute bedauerlicherweise immer grösserer Beliebtheit besonders unter jungen Menschen. Hitlers Imaginationen um ein Weltjudentum sind hier durchaus anschlussfähig und dürfen nicht verharmlost werden.

Ein äusserst lesenswertes Interview mit dem Politologen Yascha Mounk findet sich auf der Seite von SRF. Hier geht es um den Konflikt, als Jude in Deutschland leben und sich heimisch fühlen zu wollen und dem Selbstverständnis der Mehrheitsgesellschaft, welches diesem Wunsch entgegensteht – ein wichtiger Artikel, welcher die vielgepriesene Offenheit Deutschlands in der Gegenwart schmerzlich ankratzt.

Über Matthias J. Becker

Matthias J. Becker ist Doktorand an der Technischen Universität Berlin. Er studierte Romanische Philologien, Philosophie und Linguistik an der Freien Universität. In seiner Dissertation beschäftigt er sich mit dämonisierenden Analogien im deutschen und britischen Nahostdiskurs (Web-Kommentare auf Die Zeit und The Guardian), um die verschiedenen Qualitäten eines israelbezogenen Entlastungsantisemitismus’ anhand des Online-Diskurses in liberalen Medien zu erforschen.

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