Aus Nordafrika ins Lager der Nazis

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Foto zVg
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Die jüdische Gemeinde in Libyen hat eine lange Geschichte in dem nordafrikanischen Land. Die ersten Juden kamen nach der Zerstörung des ersten Jerusalemer Tempels vor rund 2500 Jahren nach Libyen.

Die zweite Gruppe suchte im 15. Jahrhundert vor der Inquisition Zuflucht und die dritte Gruppe kam im 17. und 18. Jahrhundert aus dem britischen Gibraltar  in den Wüstenstaat, wo sie wirtschaftliches Potential sah und entscheidend zum Aufbau des Handels zwischen Europa nach Schwarzafrika beitrug 1 2.

Während der Besetzung durch das faschistische Italien wurden während des 2. Weltkrieges viele Juden verschleppt, ein Teil davon kam in europäische Durchgangs- und Konzentrationslager, andere wurden in Camps in der libyschen Wüste interniert. Das berüchtigtste Camp war Jado, wo miserable Bedingungen herrschten und 562 Juden an Hunger, Schwäche und Krankheiten starben.  Nach dem 2. Weltkrieg kamen bei Pogromen durch arabische Mobs nochmals über hundert libysche Juden ums Leben, was einer der Auslöser für die grossen Auswanderungswellen 1948 und 1967 war34. 1967 endete die jahrtausendalte jüdische Präsenz im Land, der Grossteil der überlebenden Juden lebt seither in Israel. Im jüdisch-libyschen Museum in der israelischen Stadt Or Yehuda  werden Erinnerungen an eine einst blühende Gemeinde wach gehalten. Audiatur Online traf dort den ursprünglich aus Tripolis stammenden Holocaustüberlebenden Abramo Reginiano, der das Lager Reichenau überlebte.

Herr Reginiano, was gefällt Ihnen am besten hier im libysch-jüdischen Museum in Or Yehuda?
Es gibt das reiche jüdisch-libysche Erbe weiter an jüngere Generationen, es erzählt die Geschichte unserer Gemeinde. Früher war hier der Pass meines von den Nazis ermordeten Bruders ausgestellt.

Das libysch-jüdische Museum in Or Yehuda. Foto zVg
Das libysch-jüdische Museum in Or Yehuda. Foto zVg

Woher kommt Ihre Familie?
Die Familie meiner Mutter hat Wurzeln im heute israelischen Tsfat, von dort bereiste mein Ururgrossvater verschiedene Länder, schlussendlich gelang er nach Libyen. Die Familie meines Vaters kommt aus Süditalien – dorthin sind sie im Mittelalter vor der Inquisition geflohen. Eine Zeit lang lebten sie dann im britischen Gibraltar – von da her haben wir die britische Staatsangehörigkeit.

Was verbindet Sie mit Libyen?
Ich bin 1934 dort geboren und wuchs mit meinen vier Geschwistern im damals neuen Stadtteil auf, in den die italienische Kolonialmacht viel investierte. Zuhause sprachen wir italienisch. Die jüdische Gemeinde in der Altstadt sprach Arabisch, dieses war jedoch sehr von jüdischen Ausdrücken geprägt.

Wie erlebten Sie den Beginn des 2. Weltkriegs?
1940 wurde Tripolis bombardiert, zuerst von den Franzosen, dann von den Briten. Meine Mutter und ich konnten uns ganz knapp vor einer Fliegerbombe retten.  Ab 1940 lebten wir während zwei Jahren auf einem Bauernhof ausserhalb von Tripolis, weil es dort sicherer war.

Auf Geheiss der regierenden italienischen Faschisten mussten wir danach als britische Staatsbürger mit einem Boot nach Napoli fahren, unser Boot wurde dabei beinahe versenkt.  Nach mehreren Zwischenstationen wurden wir 1942 nach Bologna verfrachtet und lebten dort mit 60 Familien zusammengepfercht in einem Haus. Es gab keine Heizung und kaum richtiges Essen. Am 1. Oktober 1943, es war der jüdische Neujahrstag (Rosh Hashana), stürmten um 4 Uhr morgens deutsche SS Einheiten unser Haus und trieben uns im Pyjama in einen Güterwagen. Die kleineren Familien haben sie nach Bergen-Belsen deportiert, meine Eltern und wir kamen in ein anderes Lager, weil wir 5 Geschwister waren.

Wohin ging die Fahrt?
Die Deutschen brachten uns nach Innsbruck – die Fahrt dauerte drei Tage, weil wir immer wieder anderen Zügen Platz machten mussten, die Waffen und Soldaten transportierten. Wir hatten weder Wasser noch Essen und waren alle zusammen in diesen einen Güterwagen gepfercht. Italienische Bauern brachten uns unterwegs ein bisschen Essen und Wasser. Dann kamen wir ins Lager Reichenau. Mein älterer Bruder wurde von uns getrennt und in einen nahegelegenen Steinbruch gebracht.

Nach der Ankunft mussten wir mit erhobenen Händen an eine Wand stehen. Der leitende Offizier hat gesagt, dass er uns alle erschiesse, wenn sich jemand bewegt. Danach haben die Nazis meiner Mutter die Ohrenringe und den Ehering abgenommen und sie auf Goldzähne untersucht. Dann nahmen sie uns die britischen Pässe ab. Später haben sie uns mit Chemikalien desinfiziert und den Frauen die Haare rasiert. In der anschliessenden Dusche haben die deutschen Offiziere uns zuerst mit eiskaltem, dann mit kochendem Wasser übergossen. Ich war unterdessen 9 Jahre alt.

Wie waren die Verhältnisse im Lager?
Wir wohnten in Baracken, schliefen auf Holzpritschen. Die Lagerverwaltung gab uns eine kleine Scheibe Brot zum Morgenessen, am Nachmittag eine kleine Schale Suppe und zum Abendessen nochmals Suppe. Einmal fand ich eine Rasierklinge und habe so jeweils mein Stück Brot zerschnitten, um es über den ganzen Tag verteilt essen zu können.

Frauen mussten putzen. Wenn etwas nicht genug sauber war, gab es als Strafe einen Tag lang kein Essen. Die Männer haben gearbeitet, einmal mussten sie mit nacktem Oberkörper den Schnee wegschaufeln, um eine Landebahn für ein Flugzeug zu errichten. Mein Vater verlor dabei alle seine Fingernägel; er musste im tiefen Winter ohne Handschuhe arbeiten. Jeden Sonntag kam ein Bus und transferierte 20 Internierte in Konzentrationslager. Eines Tages sahen wir, dass der leblose Körper meines ältesten Bruders in einer Schubkarre an unserer Baracke vorbeigeschoben wurde. Meine Mutter begann zu schreien aber verstummte gleich wieder, als ihr die Wachmänner der SS mit dem Tod der ganzen Familie drohten.

Ausstellung im libysch-jüdischen Museum in Or Yehuda. Foto zVg
Ausstellung im libysch-jüdischen Museum in Or Yehuda. Foto zVg

Wie haben Sie es geschafft, zu entkommen?
Ausser dem einen Bruder überlebte die Familie die Shoa. Unsere britischen Pässe haben uns das Leben gerettet. Ein amerikanisches Ehepaar im Lager hat uns darüber informiert, dass die Deutschen uns wegen der britischen Staatsbürgerschaft gehen lassen müssen. Im April 1944 verliessen wir Innsbruck und kamen in ein Lager unter Aufsicht des Roten Kreuzes im französischen Vittel. Es war ein erleichterndes Gefühl, als die amerikanischen Soldaten uns dann später befreiten.

Unsere Odysse ging weiter und wir gelangten nach Marseille, wo ich zum ersten Mal eine Schule besuchte. Nachdem wir von Marseille über Tunesien nach Libyen gelangten, schafften es meine Eltern dank Bestechung, in den jungen Staat Israel zu gehen. In Libyen waren die Beziehungen mit der arabischen Mehrheitsgesellschaft angespannt, wir mussten stets mit neuen Pogromen und gewalttätigen Angriffen rechnen. Meine Geschwister und ich waren noch eine Weile in Italien und nahmen dann auch ein Boot nach Israel.

Eine Akte aus Yad Vashem. Foto zVg
Eine Akte aus Yad Vashem. Foto zVg

Welches Ihrer Erlebnisse werden Sie nie vergessen?
Als die deutschen Lageraufseher Weihnachten feierten erhielten sie viel und gutes Essen, wir bekamen ausnahmsweise ein bisschen Margarine zum Brot. Das achttägige Chanukka-Fest fiel genau auf diese Zeitperiode und so entschied meine Mutter, die Margarine zu brauchen, um ein Chanukka-Licht anzuzünden. Als Docht nahm sie einen Faden aus der Bettdecke. Ironischerweise wurde genau an diesem Tag mein älterer Bruder ermordet, das kleine Kerzenlicht war also auch eine Erinnerung an ihn.

Ein anderes Mal, vor dem Pesachfest, ist meine Mutter ein grosses Risiko eingegangen und hat aus dem Garten der Lageraufseher zwei Kohlrabis mitgehen lassen. Danach hat sie mit anderen Frauen in ihrer Baracke heimlich einen Pesach-Seder abgehalten. Sie hatte ein ausserordentliches Gedächtnis und hat über Jahre hinweg immer gewusst, wann welcher jüdische Feiertag ist.

Am 27. Januar war der internationale Holocaust-Gedenktag. Wie stehen Sie zu institutionalisierten Erinnerungszeremonien?
Dieses Jahr haben wir italienisches Fernsehen geschaut, sie haben dort die Shoa thematisiert. Ich finde das wichtig. Ich habe selber auch schon bei Yad Vashem am israelischen Gedenktag eine der Kerzen angezündet.

Überrascht Sie der heutige Antisemitismus in Europa?
Wir wurden damals von den italienischen Faschisten, den Nazis und dann nach 1945 von den libyschen Arabern drangsaliert. Wer hätte damals gedacht, dass es 60 Jahre später nochmal einen solchen Antisemitismus geben wird.

Abramo Reginiano Foto zVg
Abramo Reginiano Foto zVg

Wie ist heute Ihre Beziehung zu Israel?
Seit 1949 bin ich hier. Ich sah, wie sich das Land entwickelte, so wie man seine Kinder wachsen sieht. Ich fühle mich sehr verbunden mit Israel. So kurze Zeit nach der Shoa haben wir einen solchen Staat. Es ist ein grosses Wunder.

Sie sind praktizierend jüdisch. Wie erklären Sie sich das, was Sie durchgemacht haben aus religiöser Perspektive?
Meine Verbindung mit der Religion ist sehr stark, nichts kann mich davon trennen. Ich komme aus einer respektierten Rabbinerdynastie. Meine Mutter hat im Lager Reichenau während Pesach kein Brot angerührt. Solche Erlebnisse prägten mich.

Gewisse Holocaustüberlebende berichten von Schuldgefühlen, weil sie im Gegensatz zu vielen anderen überlebt haben. Kennen Sie dies aus Ihren eigenen Erfahrungen?
Nein, es ist einfach Schicksal. Wir müssen damit leben, dass solche Dinge geschehen.

Was möchten Sie der heutigen Welt am liebsten laut sagen, insbesondere der Jugend?
Manchmal muss man die Hektik des Alltags auf die Seite tun und das schätzen, was man hat, die kleinen Dinge, die man heute als selbstverständlich erachtet. Vor 60 Jahren waren sie noch alles andere als selbstverständlich.

Das Gespräch führte Yoav Dreifuss in Or Yehuda.