Afrikanische Flüchtlinge an einem Protestmarsch in Tel Aviv, Mittwoch, 15. Januar 2014. Foto: Yossi Zeliger / Flash90

Zehntausende afrikanischer Migranten sind in den letzten Jahren nach Israel gekommen. Vor Ort sind sie als Arbeitskräfte gefragt und werden von NGOs unterstützt, doch die Realität ist auch voller Herausforderungen und ihre freiwillige Rückreise wird unter anderem mit finanziellen Anreizen gefördert.

Von Yoav Dreifuss

Begonnen hat es um das Jahr 2005, als mehr und mehr Migranten aus Schwarzafrika nach Israel kamen. Sie wurden relativ wohlwollend empfangen und es sprach sich schnell herum, dass Israel ein attraktives Land für alle sei, die vor Krieg und Verfolgung fliehen oder einfach ein besseres Leben anstrebten. Die Einwanderung erreichte 2010 ihren Höhepunkt, als monatlich tausende Menschen vorwiegend aus Eritrea und dem Sudan in Israel eintrafen. Jerusalem begann dann mit dem Bau eines Zauns an der Grenze zu Ägypten, der 2013 fertiggestellt wurde und den Zustrom stark eingedämmt hat. Israel hat als einziges westliches Land eine direkte Landgrenze zu Afrika hat und ist deshalb besonders exponiert.

Traumatische Erlebnisse
Vor allem Eritreer wurden auf ihrer Reise durch die ägyptische Sinaihalbinsel von lokalen Beduinen in Camps inhaftiert und auf brutalste Weise versklavt, missbraucht, gefoltert und Frauen wurden vergewaltigt. Die Drangsalierten wurden dabei gezwungen, ihre Verwandten anzurufen, um so Lösegeldzahlungen zu erpressen. Über 7000 Gepeinigte schafften es schliesslich nach Israel, rund 200 von ihnen erhalten staatliche Opferhilfe. Für die restlichen bieten verschiedene NGOs unter anderem psychologische und therapeutische Hilfe an: „Wir haben ein ganzes Projekt, das sich um die Überlebenden dieser Foltercamps kümmert. Viele erlitten schwere Traumata“, sagt Orit Marom von der NGO Assaf, die sich für Flüchtlinge und Asylsuchende einsetzt.

Der heute 20 jährige Usumain (Ismail) Baraka kommt ursprünglich aus der Darfur Region im West-Sudan, wo ein Teil seiner Familie ermordet wurde. Nach einer langen Odysee durch mehrere afrikanische Länder erreichte er Israel und hat hier ein High-School-Diplom erwerben können. Kürzlich hat er versucht, über eine Crowd Funding Platform 48‘000 USD für sein Studium aufzutreiben. Es hat nicht ganz gereicht für diesen Betrag, aber Usumain gibt die Hoffnung nicht auf.  „Ich möchte Brücken bauen zwischen meinem ersten Zuhause, Afrika, und meinem zweiten Zuhause, Israel“, sagt er.

Brennpunkt Süd Tel Aviv
Viele Neuankömmlinge haben sich im Süden Tel Avivs niedergelassen und verfügen über Niederlassungsbewilligungen. Offiziell haben sie keine Arbeitserlaubnis, doch die Regierung duldet die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit. Die Migranten sind gefragte Arbeitskräfte, vor allem in Restaurants, Hotels und im Baugewerbe. Gemäss dem Bericht 2014 des Staatskontrolleurs Joseph Shapira stellen die Migranten in einigen Quartieren in Süd Tel Aviv unterdessen die Mehrheit, was zu Konflikten mit den alteingesessenen Israelis geführt hat. Einige dieser Quartiere sind zu Brutstätten von Gewalt, Alkoholismus, Prostitution und Kriminalität geworden. Viele Israelis meiden diese Gegenden, schon vermehrt ist es jedoch zu Vergewaltigungen gekommen.

Die heute rund 45‘000 Migranten erhalten Hilfe von zahlreichen NGOs, in Notfällen werden sie in den Spitälern kostenlos behandelt und viele arbeiten und können sich so einen bescheidenen Lebensstandard aufbauen und Geld in die Heimat schicken. Ihre Kinder erhalten eine Schulbildung: „Alle Kinder der Migranten sind per Gesetz im israelischen Kindergarten- und Schulsystem integriert“, erklärt Orit Marom.

Freiwillige Ausreise
Der Aufnahme-Prozess ist für alle Neuankömmlinge der gleiche – die Armee liest die Migranten in der Nähe der ägyptischen Grenze auf, wenn nötig erhalten sie medizinische Hilfe, danach kommen sie für einige Monate in die Saharonim – Haftanstalt, anschliessend ins Holot-Zentrum und dann bekommen sie eine Aufenthaltsbewilligung, die sie alle 3 Monate erneuern müssen und mit der sie ihren Wohnsitz wählen können.  „Jeder Fall wird gemäss dem Gesetz individuell geprüft. Es komme auch sehr auf den Status der jeweiligen Person an“, erklärt Sabin Hadad, die Mediensprecherin der Population and Migration Authority des Innenministeriums.  Wer verheiratet oder in einer Partnerschaft ist und wer Kinder hat muss nicht nach Saharonim gehen. „Das gleiche gilt auch, wenn der Gesundheitszustand es nicht zulässt.“

„Ende November 2015 waren im Holot-Zentrum in Südisrael 2500 Personen ohne Niederlassungsbewilligung untergebracht“, sagt Hadad. Im Gegensatz zur Saharonim Haftanstalt können sie sich dort tagsüber frei in Israel bewegen, müssen jedoch die Nacht im Zentrum verbringen. Ein Ziel dieser Einrichtung ist unter anderem, die prekäre Lage im Süden Tel Avivs zu entschärfen. Es gibt Fälle, in denen Migranten von Holot wieder nach Saharonim kommen, meistens, wenn sie die Bedingungen von Holot verletzen, also zum Beispiel nicht mehr dorthin zurückkehren.

Nach Ägypten zurückgeschickt werden keine Migranten, da dort um deren Wohlergehen gefürchtet werden müsste. Die Regierung hat aber damit begonnen, den Migranten die Ausreise in zwei Länder anzubieten – offenbar soll es sich um Uganda und Rwanda handeln, die beide als vergleichsweise sicher gelten. Rund 2900 Migranten sind im Jahr 2015 bereits ausgereist (Stand Ende November). Die Ausreisewilligen erhalten neben dem Flugticket noch 3500 USD. Sabin Hadad betont, dass Israel sich an die internationale Flüchtlingskonvention hält. „Die Mehrheit der afrikanischen Migranten kommen aus Eritrea, wo sie vor dem Militärdienst geflohen sind. Militärdienst ist laut der Genfer Flüchtlingskonvention aber kein Asylgrund. Deshalb ermutigen wir sie zur freiwilligen Ausreise in ein sicheres Drittland. Die meisten, die freiwillig ausreisen, machen dies übrigens von den Städten aus und nicht aus den Zentren im Negev“.

Ganz in der Nähe von Holot befindet sich Nitzana. Dort lernen 50 eritreische Minderjährige, die ohne ihre Eltern in Israel sind, Hebräisch, Englisch, Mathematik und Wissenschaft. Auch wenn Israel seine Tore nicht so weit öffnet, wie Deutschland es diesen Herbst getan hat, zeigt es sich unter Berücksichtigung demografischer Bedenken bei den Schwächsten der Gesellschaft trotzdem auch von seiner humanitären Seite.

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