Mitglieder des Islamischen Staats an der libyschen Küste, die sich darauf vorbereiten eine Gruppe äthiopischer Christen zu köpfen. Foto Screenshot aus einem im April 2015 vom IS veröffentlichten Video.
Lesezeit: 5 Minuten

Justin Welby, der Erzbischof von Canterbury, wurde vor kurzem zu den Pariser Anschlägen interviewt und zu seiner Reaktion gefragt: „Wie jeder andere – zuerst Schock und Entsetzen und dann eine tiefe Traurigkeit…“, antwortete er. „Samstagmorgen war ich draussen unterwegs und betete und sagte: ‚Gott, warum – warum passiert das?'“

Von Judith Bergman

Welby ist der wichtigste Leiter der anglikanischen Kirche und der symbolische Kopf der anglikanischen Gemeinschaft, die weltweit etwa 85 Millionen Mitglieder hat und – nach der römisch-katholischen Kirche und der östlich-orthodoxen Kirche – die drittgrösste (christliche) Gemeinschaft der Welt ist. Es handelt sich um einen Mann mit extrem starkem öffentlichen Profil und Millionen Christen schauen für spirituelle Führung auf ihn.

Doch warum ist ein Mann, der der symbolische Kopf von 85 Millionen Christen der Welt ist, angesichts eines weiteren vom Islamischen Staat begangenen Terroranschlags schockiert? Hätte der Erzbischof von Canterbury seinen Glaubensgeschwistern im Irak und Syrien mehr als nur etwas flüchtige Aufmerksamkeit geschenkt, würde er wissen, dass der Islamische Staat seit 2006 im Nahen Osten Christen abschlachtet. Schon von 2004 bis 2006, bevor der Islamische Staat sich aus Al-Qaida im Irak entwickelte, zeigte er kaum weniger Eifer bei der Ausrottung der dortigen Christenheit.

Der Erzbischof hatte elf Jahre Zeit sich an die Vorstellung zu gewöhnen, dass Menschen heimatlos, vertrieben, gefoltert, vergewaltigt, versklavt, geköpft und ermordet werden, weil sie keine Muslime sind. Wie viel mehr Zeit brauchte er?

Erzbischof Justin Welby hatte in dem Interview noch mehr Weisheiten zu bieten. „Die Perversion des Glaubens ist einer der verzweifeltsten Aspekte unserer heutigen Welt“, sagte er und erklärte, dass die Terroristen des Islamischen Staats ihren Glauben in einem Ausmass entstellt hätten, dass sie glauben sie würden ihren Gott verherrlichen. Es ist aber unklar, wieso er ein auch so qualifizierter Islam-Experte ist wie der „Kalif“ des Islamischen Staats Abu Bakr al Baghdadi, der über einen Doktortitel in Islamstudien von der Universität Bagdad verfügt.

Christen, Jesiden und verfolgte Muslime im Nahen Osten können vermutlich der Welt Aspekte aufzeigen, die verzweifelter sind als „die Perversion von Glauben“, doch der Erzbischof wiederum scheint von der Lage vor Ort nicht allzu sehr in Anspruch genommen zu sein.

Glücklicherweise sind andere da. Für seinen Artikel „What ISIS Really Wants“ (Was ISIS wirklich will) im The Atlantic verbrachte Graeme Wood Zeit mit eingehender Recherche zum Islamischen Staat und seiner Ideologie. Er sprach mit Mitgliedern des IS und Mittelsmännern für diesen; seine Schlüsse sind die Folgenden:

„Die Realität sieht so aus, dass der Islamische Staat islamisch ist. Sehr islamisch. Ja, er hat Psychopathen und Abenteurer angezogen, die zum grossen Teil aus unzufriedenen Bevölkerungen des Nahen Ostens und Europas kommen. Aber die von seinen glühendsten Anhängern gepredigte Religion entstammt stimmigen und sogar fachkundigen Interpretationen des Islam.

Praktisch jede wichtige Entscheidung und jedes Gesetz, dass der Islamische Staat verkündet, hält ein, was er in seinen Presseerklärungen und Äusserungen, und ausserdem auf seinen Werbetafeln, Nummernschildern, Briefpapier und Münzen „die Methodik des Propheten“ nennt; das bedeutet peinlich genau der Prophetie und dem Beispiel Mohammeds zu folgen. Muslime können den Islamischen Staat ablehnen; fast alle tun das. Aber so zu tun als ob er nicht wirklich eine religiöse, tausendjährige Gruppe sei, mit Theologie, die verstanden werden muss, um sie zu bekämpfen, hat bereits die USA dazu gebracht ihn zu unterschätzen und törichte Pläne, wie ihm begegnet werden soll, zu unterstützen.“

Der Westen tut trotzdem weiter so, als habe der Islamische Staat nichts mit dem Islam zu tun und der Erzbischof von Canterbury ist offenbar nicht anders. Es ist allerdings bemerkenswert, dass der Erzbischof keine solchen Bedenken hat, wenn es um Christen geht. „Ich kann nicht sagen, dass Christen, die zu Gewalt greifen, keine Christen sind“, sagte er dem Muslim Council of Wales vor zwei Monaten. „In Srebrenica behaupteten die Täter, christlichen Glaubens zu sein. Ich kann ihr behauptetes Christsein nicht abstreiten, muss aber zugeben, dass dieser Vorfall nur ein weiterer in einer langen Geschichte christlicher Gewalt ist und ich muss ablehnen, dass das, was sie taten, in irgendeiner Weise ein Nachfolgen des Lebens und Lehrens Jesu ist.“

Während einer Debatte im Oberhaus in diesem Jahr hatte er ebenfalls keine Bedenken zu erklären: „Die vereinzelt auftretenden Aufzeichnungen der Kirche, dass die Befolgung ihrer Lehre mit Gewalt zu erzwingen, ist Grund für Demut und Schande.“

Wenn der Erzbischof von Canterbury das Christsein von christlichen Tätern, die christlichem Glauben zu folgen behaupten, nicht bestreiten kann, wie kann er – der kein muslimischer Gelehrter ist – den islamischen Charakter muslimischer Täter bestreiten, die behaupten dem muslimischen Glauben zu folgen?

Genauso verblüffend ist die Weigerung von Papst Franziskus I. den Namen der Täter auszusprechen. Im August 2014, als der Islamische Staat die nordirakische Stadt Sinjar eroberte und begann Jesiden zusammenzutreiben und zu ermorden und bis zu 100.000 Christen flohen, um ihr Leben zu retten, konnte Papst Franziskus sich nicht dazu aufraffen den Namen des Islamischen Staats auszusprechen. In seinem traditionellen Sonntagssegen sagte er, die Nachrichten aus dem Irak hätten ihn „bestürzt und fassungslos gemacht“. Als hätte jede Gräueltat erstmals stattgefunden! Christliche Iraker waren zu diesem Zeitpunkt von Al-Qadia im Irak und dem Islamischen Staat seit einem vollen Jahrzehnt verfolgt worden. Ohne den Islamischen Staat beim Namen zu nennen und als wäre eine unsichtbare Naturgewalt im Spiel, beklagte der Papst: „Tausende Menschen, darunter viele Christen, sind brutal aus ihren Häusern vertrieben worden; auf der Flucht an Durst und Hunger sterbende Kinder; entführte Frauen; massakrierte Menschen; Gewalt jeder Art.“

Ein Jahr später, im Juli 2015, nannte er den Angriff auf Christen im Nahen Osten „eine Form des Völkermords“, aber immer noch ohne zu erwähnen, wer genau diesen begeht.

Es ist tragisch, dass die Kirche so wenig unternommen hat, um ihrer Herde im Nahen Osten zu helfen. Wo sind der Erzbischof von Canterbury und seine Kollegen von der römisch-katholischen Kirche und den östlich-orthodoxen Kirchen während des letzten Jahrzehnts gewesen? Wo ist jetzt ihre lautstarke und öffentliche Empörung angesichts der Beinahe-Auslöschung ihrer uralten christlichen Kulturen? Wo sind ihre energischen Appelle an Führungspolitiker und militärische Entscheidungsträger, sie mögen zugunsten ihrer leidenden Brüder eingreifen?

Hingegen fand der Papst im letzten Mai die Zeit eine 180 Seiten dicke Enzyklika über Klimawandel zu schreiben und er hat leidenschaftlich über das bizarre Konzept der „Rechte der Umwelt“ gesprochen. Vor der UNO und in einer gemeinsamen Sitzung des US-Kongresses sprach er erneut von der Verfolgung der Christen, als sei diese ein metaphysisches Ereignis:

„Er gab tiefer Sorge wegen der Verfolgung von Christen im Nahen Osten Ausdruck, wo diese und andere Religionsgruppen ‚gezwungen worden sind der Zerstörung ihrer Gotteshäuser, ihres kulturellen und religiösen Erbes zuzusehen‘ und gezwungen wurden zu fliehen oder dem Tod oder der Versklavung ins Auge zu sehen.“

Christen im Nahen Osten leiden und sterben und die Welt schenkt dem kaum Beachtung. Die postchristliche Welt hat offenkundig keine Minute der Nächstenliebe für das Leid von Menschen, für die sie zumindest eine leichte Solidarität empfinden sollte. Aber 2016, gibt die Europäische Union an, wird Europa weitere drei Millionen Migranten in Empfang nehmen. Bisher sind die meisten der Angekommenen Muslime und es gibt wenig Grund für die Erwartung, dass diejenigen, die nächstes Jahr kommen werden, verfolgte Christen sein werden. Die meisten der Flüchtlinge kommen aus Flüchtlingslagern in der Nähe von Syrien; Christen halten sich von den Flüchtlingslagern fern, weil sie auch dort Verfolgung erleben. Nicht anders sieht es mit den syrischen Flüchtlingen aus, die in die USA kommen.

Die Christen des Nahen Ostens müssen sich also weiter selbst zu helfen wissen.

Judith Bergman ist Schriftstellerin, Kolumnistin und Politologin. Sie lebt in Israel. ViaGatestone InstituteÜbersetzung: H. Eiteneier

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