Links: Rettungskräfte tragen die Leiche eines Opfers, das von islamistischen Terroristen, auf einem Jerusalemer-Bus im letzten Monat erschossen und erstochen wurde. Rechts: Ärzte tragen ein Opfer, das von islamistischen Terroristen, in einem Pariser Lokal angeschossen und verwundet wurde. Foto Gatestone
Lesezeit: 11 Minuten

Stellen wir uns einmal vor, auf dem Vorplatz des Berner Hauptbahnhofs oder im Zürcher Kunsthaus kommt es zu einem Terroranschlag, bei dem Eltern vor den Augen ihrer Kinder mit Messern ermordet wurden. Das Land steht unter Schock.

(Die Verweise zu den erörterten Texten in den Schweizer Medien finden Sie als nummerierte Hochzeichen nach den jeweiligen Zitaten. Anm. d. Red.)

Wenige Wochen später schreibt die spanische Zeitung El Pais, dass „noch immer […] die Emotionen hoch“1 kommen würden, sobald in der Schweiz dieser Terrorakt thematisiert wird. Was meint der Journalist mit „noch immer“ – ein zu viel? Sind emotionale Schübe unangemessen, wenn unschuldige Menschen auf offener Strasse umgebracht werden?

Gottseidank ist dieser Exkurs (mitsamt dem taktlosen Kommentar aus Madrid) frei erfunden – es kam zu keinem Gewaltakt, zumindest nicht in der Schweiz. In Israel hingegen gehören Verbrechen dieser Art (ebenso wie das beschriebene mediale Echo aus Europa) zum Alltag. Seit Oktober 2015 erlebt die israelische Gesellschaft ein neues Niveau des Terrors, die sog. Messer-Intifada, bei der junge Muslime danach trachten, mit Messern, Schraubenziehern und Schusswaffen so viele Juden wie nur möglich zu ermorden. Das erste traurige Ereignis in dieser Kette war der Mord an Naama (30) und Eitam Henkin (31), die am 1. Oktober vor den Augen ihrer vier Kinder erschossen wurden. Es handelt sich offenbar um keine bestimmte Terrorzelle, die Angriffe scheinen nicht koordiniert zu sein1 – das heisst, sie können überall und jederzeit stattfinden. Wenn man sich vorstellt, welche Konsequenzen dieser Terror für unser tägliches Leben, für unser Bedürfnis nach Freiheit und Sicherheit hätte, dann lässt sich leicht nachvollziehen, was für eine Atmosphäre der Angst in der israelischen Gesellschaft angesichts dieser Verhältnisse vorherrschen muss.

Überraschenderweise wird weder ebendiese Atmosphäre, geschweige denn Empathie für die Lage, in der sich die israelische Gesellschaft gegenwärtig befindet, in manchen Schweizer Medien transparent. Von Journalisten, die über Terroranschläge schreiben, erwartet man eigentlich, dass sie mit einem gewissen Fingerspitzengefühl an das Thema herantreten (man denke hier auch an das sensible Medienecho zum Blutbad in Paris). Sobald auf Israel Bezug genommen wird, fällt diese Dimension fast gänzlich weg. Leser würden normalerweise mit Unverständnis auf eine solch ablehnende Berichterstattung reagieren. Warum dies im Falle der Thematisierung des Nahostkonflikts nicht oder selten passiert, hängt mit der kontinuierlichen Perspektivierung des Konfliktes in unseren Medien zusammen. Dabei stellt sich die Frage, wie diese im Detail aussieht.

Zunächst einmal muss man festhalten, dass jede Form von Anteilnahme für die israelische Seite eingeschränkt wird, indem die Verantwortung für die aktuelle Gewalt bestenfalls beiden Seiten zugeschoben wird. Wenn ein Journalist der Medien das Wort „Gewaltspirale“ 1 2 3 4 5 verwendet, muss er sich ebenso wenig wie der Leser fragen, wer oder was genau hinter der gegenwärtigen Brutalität steckt. Es wird damit unterstellt, dass diese Gewaltexzesse gegen Israelis die Antwort auf die Gewalt durch Israelis seien – ein ewiger Kreislauf, der zwar furcht-, aber nicht beeinflussbar sei.

Auch Watson kopiert diesen Gedanken mit der folgenden Überschrift: „Attentate in Israel: Ernte des Hasses“1. Journalisten ersparen sich also, über die antisemitische Grundlage der Messer-Intifada Worte zu verlieren und blenden damit die Verantwortung der palästinensischen Seite für die aktuelle Eskalation aus. Besonders die NZZ sticht hier in den letzten zwei Monaten heraus, indem sie immer wieder unterstreicht, dass beide „unversöhnliche“1 Seiten – die israelische und die palästinensische (in dieser Reihenfolge) – aufeinander zugehen sollten, um die Gewalt zu unterbinden: „Höchste Zeit für Netanyahu und Abbas, offen zu deklarieren, wie sie sich eigentlich die Zukunft vorstellen“1 oder „Beide Seiten müssen schnellstens von ihrem Hochsitz der Arroganz herab klettern“1.

Das SRF schreibt: „manche Beobachter glauben inzwischen, die Serie von Anschlägen und anderen Gewaltaktionen könne sich tatsächlich zur neuen Intifada verdichten – wenn Politiker auf beiden Seiten nicht zur Mässigung aufrufen.“1 Die Artikel sind gefüllt mit Ratschlägen vor allem adressiert an Israel, die besagen, dass man jetzt verhandeln müsse („Israel sollte mehr Verantwortungsgefühl zeigen, nicht zuletzt auch aufgrund seiner fraglosen Stärke“1); sonst hätte das Land „wieder einmal […] Mühe, sich vor dem «Weltgewissen» zu rechtfertigen“1. Laut Medien sollte Israel also Verantwortung übernehmen und sich in Mässigung üben im Umgang mit israelische Staatsbürger mordenden Terroristen. Man resümiert, dass nicht nur zurzeit die „israelische Seite […] bedauernswert ideenlos“1 agiere. Welche Reaktion erwartet der NZZ-Journalist von einem Land, welches permanent mit terroristischen Übergriffen rechnen muss? Gilt nicht der Grundsatz, dass man mit Terroristen nicht verhandelt? Kritisiert man die französische Regierung ebenso, dass sie als Reaktion auf ein Massaker an der eigenen Bevölkerung am 13.11. den Terroristen den Krieg erklärt, anstatt versöhnliche Worte zu finden? Warum wird im ersten Absatz der genannten Artikel nicht zuerst von der Verantwortung palästinensischer Politiker und Imame gesprochen, den jungen Menschen diese Gewalt auszureden?1 Das Herausstellen Israels, hier den ersten Schritt machen zu müssen, klingt wie ein indirekter Hinweis, dass das Opfer – die israelische Seite – vielleicht insgeheim doch der Täter ist?

Eine entsprechende Perspektive auf die Lage wird umso deutlicher, wenn die NZZ über Israels Regierung schreibt: „Mit drohendem Unterton“ warne diese die Gegenseite, der aktuellen Gewalt Einhalt zu gebieten, sonst müsse diese „hart und mit allen Mitteln bekämpft werden“.1 2 Die Reaktion jüdischer Akteure auf die Terrorwelle wird von NZZ, WOZ und Watson häufig wie folgt beschrieben: „Die Niederschlagung dieser Demonstrationen durch die Armee fordert weitere Tote“1; „Während des Einsatzes hätten Palästinenser auf die Soldaten geschossen. Diese hätten das Feuer erwidert und «drei Treffer verzeichnet»“1; „Jüdische Siedler brennen auf Rache“1 oder „Am Sonntag habe eine 16-jährige Palästinenserin versucht, Passanten mit einem Messer anzugreifen […]. Ein Siedlerführer habe sie daraufhin gezielt mit seinem Auto gerammt.“1 NZZ und WOZ sind sich interessanterweise nicht unähnlich, wenn es um die Rolle der Polizei geht: „Die israelische Polizei reagiert mit altbekannter Gewalt und erschiesst kurzerhand alle wirklichen und manche vermeintlichen Attentäter“ (WOZ)1 oder „Die Rechtfertigung der Polizei lautet jeweils, die Umstände hätten dazu gezwungen [jene Muslime zu erschiessen], es sei darum gegangen, Menschen zu schützen. In etlichen Fällen ist diese Darstellung angezweifelt worden“ (NZZ)1. Die Wortwahl der NZZ ist weniger deutlich, aber die Lesart ist dieselbe wie bei der WOZ – und leider spezifiziert sie weder die „etlichen Fälle“ noch, wer die genannte Darstellung anzweifelte. BLICK distanziert sich von der israelischen Schilderung der Vorgänge wie folgt: „Bei späteren Zusammenstössen erschossen Polizisten einen 17-jährigen Palästinenser, der einen Brandsatz gezündet haben soll1 oder „Zuvor war in Hebron eine Frau festgenommen worden, weil sie angeblich ein Messer bei sich hatte“1 (Hervorhebung M.B.). Schliesslich wird dem Verhalten der Polizei (ebenso wie der israelischen Gesellschaft insgesamt) in verschiedenen Medien eine rassistische Grundhaltung attestiert.1 2 3 4

Soviel zum konkreten Gebrauch der Sprache in den Medien. Problematisch sind aber auch Auslassungen oder Umstrukturierungen von Informationen: Bei Watson lautet ein unpräziser Titel: „Brandsatz gezündet: Israelische Polizei erschiesst jungen Palästinenser“1. Dabei dürfte nicht jeder Leser beim Überfliegen verstehen, welche Rolle dem Palästinenser zukam, sondern nur registrieren, dass die Polizei einen jungen Menschen erschossen hat. Bei einem Grossteil der Medien wird zudem erkennbar, dass der Tod eines palästinensischen Attentäters in Überschriften eher Berücksichtigung findet als sein Tatmotiv, einen Israeli umzubringen: „17-jähriger Palästinenser bei Krawallen erschossen“ oder „Junger Palästinenser bei Ausschreitungen in Ostjerusalem erschossen“.1 2 3 4 5 6 7 8 9 

Armee, Polizei und Siedler sind beim Löwenanteil der Artikel die einzigen Akteure auf israelischer Seite – und sie sind nicht unbedingt Sympathieträger, sobald es um den Nahostkonflikt geht. Jüdische Siedler werden in der europäischen Presse regelmässig als Gewalt ausübende Personengruppen mit Waffenschein beschrieben, die sich an einem Ort niederliessen, der ihnen nicht zusteht. Wenn ein Journalist das Handeln der jüdischen Seite ausschliesslich über das Verhalten der „Siedler“ beschreibt, dann wird in den Augen des Lesers die Legitimität dieser Position geschmälert, wenn nicht gänzlich in Abrede gestellt. Die israelische Gesellschaft besteht nicht nur aus Siedlern und Armee. Und palästinensischer Terror richtet sich zudem gegen alle Nicht-Muslime – es geht nicht nur um Siedler und Soldaten, sondern um die schiere Präsenz Israels, die einen Affront für viele Palästinenser darstellt.1

Die Medien halten konsequent an dieser Schwarz-Weiss-Sicht fest, wenn es um die palästinensische Seite geht. Man hat den Eindruck, es wird in den Medien schon fast für Verständnis für die palästinensischen Terroristen geworben, indem bspw. die NZZ auf ihre „Verzweiflung über die Besatzung und ihre persönliche Lage“1 hinweist: „Sie sind arm, haben oft keine oder nur eine mangelnde Schulausbildung, und ihre Aussichten auf einen Job sind bestenfalls medioker.“1 Im Folgenden geht die NZZ so weit, Netanyahu vorzuwerfen, dass er keine Ohren für die Bedürfnisse dieser Jugendlichen habe. Damit wird klar, wer laut Journalist letztendlich Schuld am Terror hat: das Besatzerregime Israel. Schon im Sommer 2014 nannten Journalisten „Besatzung“ als Grund für die Raketen aus Gaza, ohne anerkennen zu wollen, dass es bereits 2005 zu einem Abzug des israelischen Militärs aus Gaza kam. Das Westjordanland weist seit dem Sechstagekrieg einen strittigen Status auf. Insofern werden hier Begrifflichkeiten unkritisch verwendet, die Israel dämonisieren und die Debatte simplifizieren. In einem Artikel in der WOZ wird geschlagene zehn Mal auf dieses Wort zurückgegriffen, wobei die durch „Besatzung“ ausgelösten Assoziationen mit der europäischen Geschichte in Kauf genommen werden.

Um dieses Narrativ unterdrückter Palästinenser noch zu stärken, geben einige Medien unwidersprochen die Perspektive von M. Abbas auf den Konflikt wieder, wobei sie weder auf seine zweifelhafte Rolle im Friedensprozess eingehen1 2 3, noch seine Schuldzuweisungen Israel gegenüber auch nur einmal hinterfragen.1 2 3 4 BLICK bspw. zitiert ihn mit den Worten: „Die Frustration der Jugend, die sich im Aufstand entlade, nähre sich aus der grossen Verzweiflung und dem Gefühl von Unsicherheit, in welcher die palästinensische Bevölkerung seit langem leben müsse.“1

Die NZZ geht einen Schritt weiter, indem sie eine gewisse Legitimität des Israelhasses anspricht: „Ein allgemeines palästinensisches Gefühl der Ohnmacht und des Zorns kommt dazu, es ist echt und teilweise gut begründet.“1 An anderer Stelle fügt man an: „Viele junge Palästinenser sind derzeit bereit, ihre Versuche, Juden zu töten, mit dem Leben zu bezahlen. […] Die Frage, ob solche Attentate «berechtigt» seien oder nicht, wird von diesem Befund nicht tangiert“1. Der Journalist verwendet Worte wie „berechtigt“ oder „begründet“, wenn er von terroristischer Gewalt spricht – ein Umstand, der jeden Leser beunruhigen sollte. Der Journalist rechtfertigt die konkrete Gewalt nicht, räumt aber ein, es gebe für den Hass durchaus eine Grundlage, und begünstigt damit eine Atmosphäre der Akzeptanz gegenüber Terror.

Wenn so argumentiert wird, müssen ausgefeilte Täter-Opfer-Szenarien (wie das folgende der NZZ) den Lesern vor Augen geführt werden: „Dass die alltägliche Demütigung der Besetzung das ihre zur Gewaltexplosion beiträgt, wird gar nicht erst in Erwägung gezogen. Ein Fehler. Denn natürlich rufen die zahllosen, gut dokumentierten Willkürakte der Polizei, der unentwegte Landraub in Cisjordanien, die permanente Erfahrung der Ohnmacht, die rohe Gewalt und Arroganz der Siedler, aber auch die stetig schwindende Hoffnung auf einen eigenen Staat echte Verzweiflung, echten Zorn hervor. Doch das will man nicht hören. Dieser Versuch, die Deutungshoheit über palästinensische Gefühle zu erlangen, ist nichts als eine entmündigende Anmassung.“1 Wir sehen also, dass allein oben genannte Akteure/Gruppen auf israelischer Seite sowie eine quasi rassistische „Anmassung“ den Kern des Problems auszumachen scheinen.

Diese Vereinfachung durch die einseitige Verortung von Schuld bietet auch die WOZ an, die bei einem Exkurs zur Gaza-Krise 2014 schreibt: „Am Anfang war der Lynchmord am palästinensischen Teenager Muhammad Abu Khdeir”, dann folgte „der wiederholte Bombenkrieg Israels im Gazastreifen und nicht zuletzt dessen bis heute andauernde tödliche Abriegelung, aber auch die zunehmende Gewalt von SiedlerInnen und das tatenlose Zusehen der Armee“.1 Spätestens an dieser Stelle wird der noch so geneigte Leser innehalten und sich fragen, warum die drei entführten und ermordeten israelischen Teenager von der Journalistin unterschlagen wurden, die bei anderen, noch so israelkritischen Medien als Anfang der Gewaltkette des letzten Sommers genannt werden. Warum spricht sie ebenso wenig vom Raketenhagel aus Gaza sowie den Terror-Tunneln der Hamas, die einen Einsatz des israelischen Militärs notwendig machten?

Ebenso wie der Sommer 2014 nur aus einer Perspektive geschildert wird, finden sich auch in Bezug auf die aktuelle Gewalt ausschliesslich Schuldzuweisungen gegenüber der israelischen Seite, die mit „Besatzung“, „asymmetrischer Gewalt“, „Unterwerfung“, „Sippenhaft und Kollektivbestrafung“ aufwartet. Falls der „Aufstand“, wie die Journalistin den Terror nennt, in sich zusammenfiele, „dann werden die stärksten politischen Akteure vor Ort die Lage für sich instrumentalisieren. Und das ist die israelische Militärmacht, zusammen mit der SiedlerInnenbewegung.“1 Ein uninformierter Leser wird bei dieser Form von einseitiger Berichterstattung nicht umhinkommen, allein Empathie für die Palästinenser zu empfinden, da sich diese in einem legitimen Kampf gegen die „israelische Militärmacht“ befänden. Jede Form von Terror, jeder Aufruhr der Schwachen gegen die Starken, kommt unter dieser Massgabe gerechtfertigt, also geläutert daher. In der Presse wird palästinensischer Terror umgedeutet in eine rechtmässige Widerstandsbewegung.

Die NZZ geht sogar so weit zu sagen, dass die Attacken aus der Perspektive israelischer Medien „nicht der Besetzung des Westjordanlands geschuldet sein [dürfen]. Sie […] dürfen nicht echter Not, echter Verzweiflung entspringen, weil dann auch die Rolle Israels in diesem Konflikt und die Politik Jerusalems hinterfragt werden müsste. Da ist es leichter, man bemüht den «irrationalen Judenhass» – wo Irrationalität herrscht, erübrigt sich die Suche nach realen politischen Motiven.“1 Nicht nur wird hier eine Haltung in den israelischen Medien imaginiert (ein Phantasma, betrachtet man die Vielfalt der Meinungen innerhalb der israelischen Medienlandschaft); es wird auch unterstellt, israelische Medien würden die Perspektive auf den Konflikt bewusst vorprägen und Judenhass dort erkennen, wo er nicht vorliegt (hier ist der Vorwurf einer Antisemitismuskeule nicht mehr weit entfernt). Dieser Gedanke ist umso grotesker, als dieser Journalist oben genanntes israelkritisches Zitat („Verzweiflung über die Besatzung“) ausgerechnet der israelischen Zeitung Jedi’ot Acharonot entnommen und dies auch im Artikel ausgewiesen hat.

Die Einseitigkeit bei der Klärung der Ursachen für die Gewalt bestimmt bei vielen Medien auch die Frage nach dem Auslöser der Messer-Intifada: „Am Anfang stand einmal mehr der Konflikt um den Tempelberg in Jerusalem. Es hatten Gerüchte die Runde gemacht, dass Israel die Kontrolle über den heiligen Ort übernehmen wolle.“ 1 2 3 4 6 7 8 9  Dies ist wohl bemerkt eine palästinensische Sichtweise1, die herangezogen wird, um eine kausale Kette für das Aufkommen der Gewalt anbieten zu können. Auch wenn in den Artikeln der NZZ des Öfteren die Attraktivität terroristischer Brutalität für junge Menschen sowie die Schlüsselfunktion der Social Media als Verbreitungsmedium antisemitischer Stereotype genannt werden, schliessen Artikel von NZZ, SRF, Watson, BAZonline und Berner Zeitung doch auf eben erwähnte Weise und erzeugen dadurch einen festen Interpretationsrahmen für den Leser. Die Allgegenwart des Antisemitismus unter Palästinensern, der ausgeprägte Märtyrerkult sowie die Auslöschungsphantasien gegenüber Israel verschwinden damit aus der Sicht und machen einem Gerücht Platz, welches diesen sog. „Widerstand“ legitimiert.1

Es gibt nur eine Zeitung, die sich diesem Auslöser-Narrativ entzieht: die „Schweiz am Sonntag“. Diese Zeitung veröffentlichte ein Interview mit der Autorin Zeruya Shalev, die darauf hinweist, dass Netanyahu die Regelung um die Nutzung des Tempelbergs unberührt liess. Auch wurden Friedensbemühungen in Angriff genommen (an denen sich die Autorin aktiv beteiligte), die allerdings von palästinensischer Seite keine Erwiderung fanden.1 In anderen Medien wie die Weltwoche, das SRF sowie BLICK kommen konstruktive Haltungen israelischer Politiker ebenso zu Wort, was bedauerlicherweise im Schweizer Medienkanon (und darüber hinaus) eine selten erwiesene Reverenz darstellt.

Dieser Überblick zeigt einmal mehr, wie über Gleichsetzung der Verantwortung bis hin zu einer verzerrenden Schwarz-Weiss-Malerei (Dämonisierung Israels und Rechtfertigung palästinensischen Terrors) in den Schweizer Medien grösstenteils ein israelkritisches bis -feindliches Bild gezeichnet wird. Es wäre wohl überheblich, Journalisten an ihre Pflicht zu erinnern, dass bei Auseinandersetzung mit aktuellen Konflikten beide Seiten zu Wort kommen und nicht nur Klischees reproduziert werden sollen. In einer festgefahrenen Berichterstattung, wie wir sie im Umgang mit dem Nahostkonflikt seit Jahrzehnten erleben müssen, wäre ein Neuanfang in der medialen Auseinandersetzung allerdings umso wichtiger, etabliert sich doch europaweit teilweise eine hasserfüllte Boykott-Bewegung gegen Israel, was natürlich auch durch die o.g. mediale Aufbereitung begünstigt wird. Berichte über/von Personen wie Z. Shalev gestatten es, die Positionierung gegenüber dem jüdischen Staat zu hinterfragen. Israel ist eine lebendige Demokratie, in der Meinungsvielfalt erlaubt und gewünscht ist – deren Bürger sehnen sich aber mehr denn je nach Frieden und Sicherheit.

Über Matthias J. Becker

Matthias J. Becker ist Doktorand an der Technischen Universität Berlin. Er studierte Romanische Philologien, Philosophie und Linguistik an der Freien Universität. In seiner Dissertation beschäftigt er sich mit dämonisierenden Analogien im deutschen und britischen Nahostdiskurs (Web-Kommentare auf Die Zeit und The Guardian), um die verschiedenen Qualitäten eines israelbezogenen Entlastungsantisemitismus’ anhand des Online-Diskurses in liberalen Medien zu erforschen.

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