Roddie Edmonds: "Wir sind alle Juden". Fotos Yad Vashem/Chris Edmonds
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Der verstorbene Stabsfeldwebel Roddie Edmonds, der dem 422. Infanterie-Regiment der US-amerikanischen Streitkräfte angehörte, wurde von Yad Vashem für die Rettung jüdischer Soldaten im deutschen Kriegsgefangenenlager Stalag IX A, als Gerechter unter den Völkern anerkannt. 

„Roddie Edmonds schien wie ein gewöhnlicher amerikanischer Soldat, begegnete seinen Mitmenschen jedoch mit einem aussergewöhnlichen Sinn für Verantwortung und Engagement“, sagte der Vorsitzende von Yad Vashem, Avner Shalev. „Diese Attribute bilden den roten Faden, der Mitglieder jener ausgewählten Gruppe der Gerechten unter den Völkern miteinander verbindet. Die Entscheidungen und Handlungen von Stabsfeldwebel Edmonds gaben den amerikanischen Kampfgefährten ein Beispiel, als sie sich gemeinsam dem barbarischen Bösen der Nazis widersetzten.“

Die Geschichte der Rettung
Stabsfeldwebel Roddie Edmonds von Knoxville, diente als Unteroffizier in der US-Armee und kämpfte während des Zweiten Weltkriegs in Europa. Er nahm an der Landung der amerikanischen Streitkräfte in Europa teil und wurde während der Ardennenoffensive von den Deutschen gefangen genommen. Edmonds war in Stalag IXA, einem Kriegsgefangenenlager in der Nähe von Ziegenhain, Deutschland, interniert.

Die Wehrmacht verfolgte eine judenfeindliche Politik und trennte jüdische Kriegsgefangene vom Rest der Inhaftierten. An der Ostfront wurden viele jüdische Kriegsgefangene in Vernichtungslager deportiert oder umgebracht. Diese Politik wurde in einigen Fällen auch im Westen angewandt. Im Januar 1945 kündigten die Deutschen an, dass sich sämtliche der im Stalag IX A (Stammlager IX A) inhaftierten jüdischen Kriegsgefangenen am folgenden Morgen zu melden hätten. Edmonds, der ranghöchste Soldat im amerikanischen Teil des Lagers, befahl sämtlichen seiner Männer am folgenden Morgen Widerstand zu leisten – Juden wie Nichtjuden. Als der deutsche Lagerkommandant Major Siegmann sah, dass sämtliche Lagerinsassen vor ihren Kasernen standen, wandte er sich an Edmonds und rief: „Das können doch nicht alles Juden sein!“ Darauf erwiderte Edmonds: „Wir sind alle Juden.“ Siegmann zog seine Pistole und drohte Edmonds, doch der Stabsfeldwebel zauderte nicht und entgegnete: „Gemäss der Genfer Konvention müssen wir lediglich unseren Namen, Rang und Seriennummer angeben. Wenn Sie mich erschiessen, müssen Sie alle von uns erschiessen, und nach dem Krieg werden Sie wegen Kriegsverbrechen angeklagt.“ Der Kommandant drehte sich um und verliess den Schauplatz. Unteroffizier Paul Stern erzählte die Begegnung Yad Vashem. Stern, einer jener jüdischen Kriegsgefangenen, die von Edmonds gerettet wurden, erzählte Yad Vashem, dass er am 17. Dezember 1944, während der Ardennenoffensive, als Kriegsgefangener inhaftiert wurde. „Während dem, wie er sich später erinnerte, in Englisch geführten Wortwechsel mit dem deutschen Lagerkommandanten stand Stern dicht bei Edmonds. „Obwohl 70 Jahre vergangen sind“, sagte Stern, „kann ich noch immer die Worte hören, die er dem deutschen Lagerkommandanten sagte.“

Lester Tanner, ein weiterer jüdischer Soldat, der im Zuge der Ardennenoffensive gefangengenommen wurde, war Zeuge dieses Vorfalls. Tanner hatte seine Ausbildung in Fort Jackson absolviert, wo Master Sergeant  Edmonds stationiert gewesen war. Tanner erinnerte sich aus seiner Ausbildungszeit gut an Edmonds. „Er machte sich nicht mit seinem Dienstrang wichtig. Man wusste, dass er sich auskannte, und er begegnete einem ohne Arroganz oder Rücksichtslosigkeit. Ich bewunderte ihn für seine Führung… Wir befanden uns nur kurze Zeit an den Frontlinien im Kampfgeschehen, doch es war eindeutig, dass Roddie Edmonds ein Mann mit grossem Mut war, der seine Männer mit den gleichen Fähigkeiten führte, mit denen wir ihn in den Staaten kennenlernten.“ Tanner erzählte Yad Vashem, dass sie sich den Morden der Deutschen an den Juden bewusst waren und demgemäss begriffen hatten, dass der Befehl, die Juden vom Rest der Kriegsgefangenen zu trennen, eine grosse Gefahr für die Juden bedeutete. „Meiner Schätzung nach gab es mehr als tausend Amerikaner, die in breiter Formation vor den Kasernen standen, während Stabsfeldwebel Roddie Edmonds mit verschiedenen hochrangigen Unteroffizieren, von denen ich einer war, vor ihnen stand … Es stand für mich oder auch für Stabsfeldwebel Edmonds ausser Frage, dass die Deutschen die jüdischen Gefangenen unter hohem Risiko für deren Leben den anderen Inhaftierten trennten. Der beständige Befehl der US-Armee gegenüber seinen in Kriegsgefangenenlagern untergebrachten Offizieren mit Rang lautete, dass sie sich dem Feind widersetzen und für die Sicherheit ihrer Männer bis zum höchstmöglichen Masse einsetzen mussten. Stabsfeldwebel Edmonds widersetzte sich, unter Gefahr seines sofortigen Todes, mit der unerwarteten Folge, dass die jüdischen Gefangenen gerettet werden konnten.“

Roddie Edmonds verstarb 1985. Im Jahre 2015 ernannte Yad Vashem Master Sergeant Edmonds posthum als Gerechten unter den Völkern. Er ist der erste amerikanische Soldat, und nur einer von fünf Amerikanern, neben Varian Fry, Waitstill Sharp, Martha Sharp und Lois Gunden, die von Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern anerkannt wurden. Bis heute haben mehr als 26.000 Personen die Auszeichnung erhalten.

1 KOMMENTAR

  1. Dass Menschen wie Roddie Edmonds in Nachhinein für ihren geradezu unglaublichen Mut geehrt werden ist richtig. Die Courage, die erforderlich ist, für eine solidarische Handlung als einzelnes Individuum sein Leben aufs Spiel zu setzen ist vorbildlich und bewundernswert. Gegen eine feindliche Mehrheit und einem daraus resultierenden hohen Anpassungsdruck seinem Gewissen zu folgen nötigt mir tiefsten Respekt ab.

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