Israelische Juden irakischer Herkunft spielen Backgammon im Jerusalemer Mahne Yehuda Markt, 26. November 2009 Foto Marina Passos/ Al-Monitor.
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Viele irakische Juden, die vor mehr als sechs Jahrzehnten ihr Land infolge Verfolgung und Enteignung zu verlassen gezwungen waren, träumen nach wie vor von einer Rückkehr in ihre Heimat und kultivieren dabei eine Nostalgie zu den Synagogen und den Strassen, in denen sie aufwuchsen. 

Von Mustafa Saadoun

Viele irakische Juden, die vor mehr als sechs Jahrzehnten ihr Land infolge Verfolgung und Enteignung zu verlassen gezwungen waren, träumen nach wie vor von einer Rückkehr in ihre Heimat und kultivieren dabei eine Nostalgie zu den Synagogen und den Strassen, in denen sie aufwuchsen. 

Für die meisten wird es schwer, vielleicht gar unmöglich sein, diesen Traum zu erfüllen. Einige hingegen begannen aufgrund eines kürzlich im irakischen Kurdistan erlassenen Gesetzes zurückzukehren. Vor ungefähr einem Monat verkündete die Regionalregierung im irakischen Kurdistan die Eröffnung eines die Juden repräsentierenden Amtes; dieses ist innerhalb des für Renten und Religionsangelegenheiten zuständigen Ministeriums angesiedelt. Mit diesem Akt wurde die Anzahl der offiziell anerkannten Religionsgemeinschaften auf sieben erhöht. Die anderen Religionen sind der Islam, das Christentum, die Religionen der Jesiden, Jarsaniten, Alawiten und der Kakaismus.

Der Beginn der jüdischen Geschichte in Mesopotamien reicht ins sechste vorchristliche Jahrhundert zurück. Die jüdische Gemeinde erfüllte eine wichtige Funktion im wirtschaftlichen und und kulturellen Leben Iraks. In den 40-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurden unter der Baath-Regierung die Juden Opfer organisierter Angriffe. Viele wurden ermordet, ihre Häuser und Geschäfte geplündert und boykottiert. Die Überlebenden flüchteten nach Europa, in die Vereinigten Staaten und nach Israel. Die Verfolgung der Juden im Irak ereignete sich zeitgleich zum Aufkommen der zionistischen Bewegung, die Vertreibung der Araber aus Palästina sowie die Entstehung des Staates Israel, zu dem die irakische Juden gar keine Beziehung hegten.

Die meisten irakischen Juden wohnten in Bagdad, wo sie ihre Religion frei auszuüben vermochten. Als 1921 der irakische Staat entstand, wurde ein Jude namens Sassoon Eskell zum ersten Finanzminister erkoren. Er bekleidete dieses Amt zwei Jahre lang und wurde bekannt als hingebungsvoller und professioneller Minister

Mariwan Naqshbandi, ein Sprecher des Ministeriums für Renten und Religionsangelegenheiten in der Regionalregierung Kurdistans, sagte gegenüber „Al Monitor“: „Im April 2015 erliess das Regionalparlament von Kurdistan ein die Minderheiten betreffendes Gesetz, das einstimmig abgesegnet und hernach vom Präsidenten des irakischen Kurdistans, Massoud Barzani, unterzeichnet wurde. Dieses Gesetz verleiht jeglicher religiöser Gemeinschaft im kurdischen Landesteil Iraks das Recht, ein Amt zu begründen, das sie vertritt und die Kultusfreiheit einzuhalten ermöglicht.“ Gemäss Naqshbandi leben im kurdischen Landesteil mehr als 300 jüdische Familien.

„Die Anzahl von im kurdischen Landesteil lebenden Juden vergrössert sich tagtäglich, daher hat die Regionalregierung Kurdistans ein Vertretungsbüro eröffnet, so wie das für andere Religionen und Religionsuntergruppen ebenfalls der Fall ist. Momentan sind die Juden befugt, der Regionalregierung Projekte einzureichen, um mithilfe des sie vertretenden Amtes Synagogen zu errichten“, sagte Naqshbandi. „Es gibt eine grosse Anzahl jüdischer Familien, die eine Rückkehr ins Auge fassen, um im kurdischen Teil Iraks zu leben. Diese Menschen sind der Ansicht, dies sei ein für sie sicherer Ort, vor allem nachdem sie versicherten, keine Absicht zu hegen, sich am politischen Leben zu beteiligen.“

Saad al-Hadithi, Sprecher des irakischen Ministerpräsidenten Haider al-Abadi, sagte gegenüber „Al-Monitor“: „Die Eröffnung eines jüdischen Verbindungsbüros in der kurdischen Region ist unter der Voraussetzung ein positiver Schritt, wenn es nicht dem Einfluss des israelischen Staates unterliegt, da Irak sich jeglicher Beziehung mit diesem Staat widersetzt.“

Auf die Frage, ob eine Bitte eingereicht wurden, wonach man ein jüdisches Verbindungsbüro in Bagdad und anderen Gegenden zu eröffnen gedenke, antwortete Hadithi: „Mir wurde eine solche Bitte nicht zugetragen, indes ist die Anzahl von Juden in Bagdad nicht genügend hoch, dass wir für sie, ähnlich wie für andere religiöse Gemeinschaften, ein Büro eröffnen. Die Eröffnung eines solchen Repräsentativbüros ist von der Bevölkerungsanzahl abhängig.“

1950 entzog die irakische Regierung Juden, die das Land verliessen, die Staatsbürgerschaft. Dieselbe Regierung, an deren Spitze während der Zeit der Monarchie Nuri a-Said stand, verkündete 1951 ein Gesetz, das die Besitztümer jeglicher Person, dessen Staatsbürgerschaft aberkannt wurde, einfriert.

Araz Shukr (ein Pseudonym) ist ein in der kurdischen Region lebender Jude. „Unsere Anwesenheit im Irak ist keine neue Sache. Wir leben in diesem Jahr schon tausende von Jahren. Man hat uns vor über einem halben Jahrhundert herausgezwungen, und wir sind in andere Länder emigriert. Wir haben ein Anrecht, in unser Land zurückzukehren“, sagte er „Al-Monitor“. „Es gibt jüdische Familien, die in Israel leben, und in den Irak zurückkehren möchten, um im kurdischen Regionalteil zu leben. Besagte Leute empfänden ein Leben im Irak als Teil ihrer Geschichte, als erneute Bestätigung ihrer Anwesenheit auf dieser Welt. Trotz allem, was ihnen in Israel zur Verfügung stünde, ist Irak nach wie vor ihre Heimat.“

Israa Khaled, die über die jüdische Gemeinschaft im Irak Forschungen betreibt, sagte „Al-Monitor“: „Den Entscheid der kurdischen Regionalregierung, ein jüdisches Verbindungsbüro zu eröffnen, hätte man unmittelbar nach dem Fall des Regimes von Saddam Hussein im Jahre 2003 umsetzen sollen. Wenngleich der Beschluss, ein Verbindungsbüro zu eröffnen, verspätet getroffen wurde, ist er immer noch von entscheidender Bedeutung. Diese Entscheidung wird dem kurdischen Landesteil, in dem einige der ältesten Völkerschaften des Iraks und der Welt beheimatet sind, gut tun. Viele kurdisch-jüdische Familien leben nach wie vor in Kurdistan, sie verbergen hingegen ihre religiöse Identität, da sie eine Unterdrückung von Seiten der sie umgebenden Gesellschaft befürchten.“

Khaled rief die Regierung in Bagdad auf, ebenfalls tätig zu werden. Sie sagte: „Die Regierung sollte ein privates Verbindungsbüro für Juden in Bagdad und anderen Provinzen eröffnen, denn es handle sich hierbei um Angehörige des Landes, die aufgrund von begangenem Unrecht den Irak zu verlassen gezwungen waren, nachdem sie hässlichster Gewalt zum Opfer fielen und in die Emigration getrieben wurden. Diese Iraker hegen nach wie vor nostalgische Gefühle gegenüber dem Land, in dem während Jahrtausenden Juden lebten.“

Khaled fügte hinzu: „Mannigfache Aufgaben obliegen der kurdischen Regionalregierung, unter anderen die Juden zu schützen, ihre religiöse Identität anzuerkennen, ihnen die Gelegenheit zu verleihen, sich am politischen Leben zu beteiligen, ihre Synagogen wiederherzustellen, ebenso ihnen Schutz angedeihen zu lassen, wenn sie Kultstätten aufsuchten und ihre religiösen Gebote einhielten, genau so wie Angehörige anderer Religionsgemeinschaften im kurdischen Landesteil.“

Die Rückkehr von Juden in den kurdischen Teil des Iraks ist ein positiver Schritt; es mag durchaus sein, dass sie anhält. Jedoch wird dies in absehbarer Zeit in Bezug auf andere Landesteile nicht der Fall sein, zumal die Bewohner dort nicht zwischen Israelis, Juden und Zionisten unterschieden. Die baathistische Regierung unter der Führung von Saddam Hussein haben die Juden als Feinde Iraks dargestellt und hierbei die Feindschaft gegenüber Israel bzw. gegenüber den Juden im Allgemeinen vermischt. Es dürfte noch einige Zeit vergehen, bis diese Situation sich ändert.

© „Al-Monitor“ (2015) Übersetzung aus dem Hebräischen: Ronaldo Goldberger.