Die französischen Unruhen von 2005

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Die französischen Unruhen von 2005. Foto PD
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Vor zehn Jahren, Ende Oktober 2005, brachen in Frankreich grosse Unruhen aus. Zwei Jugendliche aus Clichy sous Bois bei Paris wurden versehentlich durch Stromschlag getötet, nachdem sie ein Trafohäuschen betraten. Ihre Freunde behaupteten, sie seien vor der Polizei geflohen.1 Das führte zum Ausbruch von Unruhen, die drei Wochen anhielten; in dieser Zeit verloren die Behörden mehrere Tage lang die Kontrolle.

Von Dr. Manfred Gerstenfeld geschrieben vor den Terroranschlägen vom 13. November 2015 von Paris (Redaktion) 

Mehr als neuntausend Autos wurden in diesen drei Wochen abgefackelt. Zu den abgebrannten Institutionen gehörten Kindergärten, Schulen, Geschäfte, Bibliotheken und ein Theater. Achtzehn religiöse Einrichtungen wurden angegriffen, darunter drei Moscheen und zwei Synagogen. Obwohl England 2011 seinen Anteil an gewalttätigen Unruhen hatte,2 erlangten diese Krawalle sowie andere soziale Unruhen in Westeuropa im Verlauf der vergangenen Dekade niemals das Ausmass der Herbstunruhen von 2005 in Frankeich.

Zehn Jahre nach den Unruhen ist es wichtig eine Bestandsaufnahme dessen vorzunehmen, was damals und seitdem geschah. Die Bedeutung dieses Überblicks geht über die französische Gesellschaft im Allgemeinen und die jüdischen Bevölkerung des Landes hinaus. Sie ist zudem grundlegend für die Analyse und das Verständnis der Situation in Teilen der muslimischen Welt, einschliesslich des aktuellen palästinensischen Terrorismus.

Einer der klügsten Analytiker der Zeit war der jüdische Philosoph Alain Finkielkraut. In einem Interview mit Ha’aretz erklärte er: „In Frankreich würde man gerne diese Krawalle auf ihre soziale Dimension reduzieren, sie als Revolte von Jugendlichen aus den Vororten gegen ihre Lage sehen, gegen die Diskriminierung, unter der sie leiden, gegen die Arbeitslosigkeit. Das Problem ist, dass die meisten dieser Jugendlichen Schwarze oder Araber mit einer muslimischen Identität sind. Sehen Sie, in Frankreich gibt es auch andere Immigranten, deren Lage schwierig ist – Chinesen, Vietnamesen, Portugiesen – und die beteiligen sich nicht an den Krawallen. Daher ist es klar, dass diese eine Revolte mit einem ethnisch-religiösen Charakter ist.“ Er fügte hinzu: „Die Plünderer fordern nicht mehr Schulen, mehr Kindertagesstätten, … mehr Busse: Sie verbrennen sie.“3

Finkielkraut machte während des Interviews auch überzeugende Bemerkungen, für die er hinterher heftiger Kritik ausgesetzt wurde. Er wurde gezwungen sich für einige seiner Bemerkungen zu entschuldigen.

Mehrere Monate nach den Unruhen schrieb Léon Sann, Leiter der Ethik-Kommission eines Krankenhauses, einen detaillierten Aufsatz zum unverhältnismässig grossen Ausmass der Kriminalität unter Minderheiten-Jugendlichen aus „schwierigen“ Vororten. Er legte Statistiken vor, die über einen mehrjährigen Zeitraum gesammelt wurden. Er stellte heraus, dass diese Kriminalität sich in Angriffen auf Gebäude, das Verkehrswesen, Schulen, und Krankenhäuser zeigte und zitierte Quellen, die zeigten, dass Minderheiten 60 bis 70 Prozent der jungen Straftäter ausmachten.4

Die Unruhen vom Herbst 2005 machten klar, dass die vielen früheren Anschläge, hauptsächlich von Muslimen gegen jüdische Einrichtungen begangen, nur ein Auftakt für den Angriff auf das Hauptziel waren: die französische Gesellschaft. Im Herbst 2005 wurden selten gezielt jüdische Institutionen angegriffen;5 Ausnahmen waren die Synagogen in Pierefitte und Garges les Gonesse. An einem Punkt während der Krawalle und über mehrere Tage hinweg warnten die französischen Behörden die jüdische Gemeinschaft sogar, dass sie nicht in der Lage seien sie zu schützen.

Nach den Unruhen kündigten die französischen Behörden an, dass sie Massnahmen ergreifen würden, um die Integration der Minderheiten zu verbessern. Doch bis heute bleibt das enorm problematisch. Der französische Begriff für Vorort, banlieue, ist ein abwertender Begriff geworden, da viele dieser Vororte von Armut, Verbrechen, Arbeitslosigkeit, einem hohen muslimischen Bevölkerungsanteil und sozialer Isolation vom Rest Frankreichs geprägt sind.6 Während des verhängnisvollen Besuchs einer Gruppe niederländischer Amtsträger im Pariser Vorort Saint Denis im letzten Monat, die die dortige Radikalisierung studieren wollten, wurde das wieder international publiziert. Die Besucher wurden von einer Gruppe Randalierer angegriffen. Sie wurden getreten und geschlagen, einer von ihnen erlitt sogar eine Kopfwunde; sie waren gezwungen zu fliehen. Ihnen wurde einiges gestohlen.7

Im Gefolge der Massaker bei Charlie Hebdo und dem Hyper Cacher-Markt im Januar 2015 sagte der französische sozialistische Premierminister Manuel Valls, als er von den Minderheiten-Ghettos sprach, es gäbe eine „territoriale, soziale und ethnische Apartheid“, die diese Viertel vom Rest Frankreichs trennt.8

Wie so oft ist die Lage der Juden ein erstklassiger Indikator der Probleme der Gesellschaften, in denen sie leben. In der jüdischen Gemeinschaft ist das Gefühl weit verbreitet, dass selbstbewusste Juden in Frankreich kaum eine Zukunft haben. Das hat sich in den letzen zehn Jahren enorm verstärkt. Ebenso die jüdische Auswanderung. Mehrere Juden sind ermordet worden, alle von Muslimen. Im Sommer 2014 wurden neun Synagogen von muslimischen Randalierern angegriffen.9

Das oben Angeführte illustriert einige der vielen Facetten der Unfähigkeit Frankreichs in seinem Haus Ordnung zu schaffen, nachdem das Ausmass des Chaos durch die Unruhen von 2005 so klar demonstriert worden war. Trotzdem fordern diejenigen, die Zuhause derart versagt haben, jetzt eine Rolle als wichtiger Spieler dabei Israel zu diktieren, wie es sich zu verhalten hat. Im März diesen Jahres wollte Frankreich eine Resolution zum palästinensisch-israelischen Konflikt in den UNO-Sicherheitsrat einbringen.10 Im Oktober schlug es vor, internationale Truppen sollten auf dem Tempelberg stationiert werden. Vielleicht wäre es effektiver gewesen ausländische Truppen in einige der „Apartheid“-Gebiete in Frankreich zu schicken.11

Das in den französischen Unruhen vorhandene destruktive Element, das Finkielkraut so gut kenntlich machte, ist seitdem in vielen Teilen der muslimischen Welt besser sichtbar geworden. Die dieses destruktive Element treibenden Faktoren sind oft stärker kultureller denn sozio-ökonomischer Natur. Dieses Element ist ausserdem in der palästinensischen Gesellschaft seit vielen Jahrzehnten offenkundig gewesen und seine Führer sind weit stärker daran interessiert Israel zu zerstören als eine eigene Gesellschaft aufzubauen.

Das Ziel der aktuellen Terroraktivitäten, die von den Palästinenserführern mit Beifall versehen und verherrlicht werden, besteht darin die Beziehungen zwischen israelischen wie palästinensischen Arabern und Juden weiter zu verkomplizieren. Diese Taten führten zur Vernichtung vieler Arbeitsstellen für Palästinenser. Arabische Arbeiter in jüdischen Vierteln fühlen sich jetzt bedroht, was vor dem neuen Ausbruch des palästinensischen Terrorismus nicht der Fall war. Die Kultur, zu der – neben anderen – die französischen Randalierer und die palästinensischen Terroristen gehören, hat in der ganzen Welt bereits zu vielen Problemen geführt. Diese destruktiven, kulturellen Elemente, oft auch religiös orientiert, die in der muslimischen Welt so lautstark und gewalttätig vorhanden sind, werden in der Zukunft voraussichtlich auch viele weitere schwerwiegende Probleme verursachen.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Publizist und ehemaliger Vorsitzender des Präsidiums des Jerusalem Center for Public Affairs. Deutsch zuerst erschienen bei http://heplev.wordpress.com

  1. Manfred Gerstenfeld: The Autumn 2005 Riots in France: Their Possible Impact on Israel and the Jews. The Jerusalem Center for Public Affairs, 2006.
  2. England riots: Maps and Timeline. BBC News UK, 15. August 2011.
  3. Dror Mishani/Aurelia Smotriez: What Sort of Frenchmen Are They? Ha’aretz, 17. November 2005.
  4. Léon Sann: Violence Urbaines. Controverses 1, Editions de l’Eclat, 2006, S. 147-173.
  5. Hilary Leila Kriegler: French Jews Remain Largely Untargetd. The Jerusalem Post, 8. November 2005.
  6. George Packer: The Other France. The New Yorker, 31. August 2015.
  7. Nederlandse ambtenaren mishandeld in probleemwijk Parijs. NOS-Internetseite, 21. Oktober 2015.
  8. Sylvia Zappi: Manuel Valls, l’apartheid et les banlieus. Le Monde, 26. Januar 2015.
  9. Manfred Gerstenfeld interviewt Cnaan Lipshitz: Wie die europäische Wirklichkeit sich für Juden verändert hat. abseits vom mainstream, 27. Juli 2015 (englische Version: Israel National News, 27. Juli 2015)
  10. France to Begin Push for UN Security Council Resolution on Israeli-Palestinian Conflict. Ha’aretz, 27. März 2015.
  11. Dana Somberg (Reuters): France advancing plan to deploy international observers at Jerusalem’s Temple Mount. The Jerusalem Post, 17. Oktober 2015.