Warum sich der Status quo auf dem Tempelberg ändern muss

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Hamas Fahne auf dem Tempelberg. Foto Flash 90
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Die Tatsache, dass die Al-Aqsa-Moschee nicht gefährdet ist, bedeutet nicht, dass der Status quo auf dem Tempelberg unverändert bleiben sollte. Ganz im Gegenteil, er muss sich sowohl aus strategischen als auch aus moralischen Gründen ändern; und um des wahren israelisch-palästinensischen Friedens willen.

von Prof. Hillel Frisch

Alle israelischen Führer, darunter auch Ministerpräsident Netanjahu und die Oppositionsführer, ebenso hohe Beamte und ein Grossteil der israelischen Reporter und Journalisten wiederholen ständig, dass Israel keinerlei Absichten hat, den „Status quo“ auf dem Tempelberg zu ändern. Sie betonen immer wieder, dass die palästinensische Kampagne, also „Al-Aqsa ist in Gefahr“, eine moderne Ritualmord-Legende sei. Es ist eindeutig eine moderne Ritualmord-Legende.

Als die jordanisch-palästinensische Zeitung al-Quds im Jahre 1968 wieder erschien, bemerkte sie mit Genugtuung, dass im Ramadan dieses Jahres 600 Muslime zum Beten zur Al-Aqsa-Moschee gekommen waren. Im Juli 2015, während des Ramadan, 47 Jahre nach der angeblichen Gefährdung Al-Aqsas unter israelischer Herrschaft, berichtete sie (zusammen mit Ablegern der Hamas-Medien) von 300.000 betenden Muslimen.

„Al-Aqsa ist in Gefahr“ hat so ziemlich den gleichen Wahrheitsgehalt wie die Behauptung, dass Israel an ethnischen Säuberungen in den besetzten Gebieten beteiligt sei. Die arabische Bevölkerung in Judäa und Samaria im Westjordanland sowie im Gazastreifen hat sich seit 1967 mindestens vervierfacht, genau wie der Lebensstandard – was zu einem Grossteil erklärt, warum die Anzahl der in Al-Aqsa betenden Muslime exponentiell gestiegen ist.

Die Tatsache, dass Al-Aqsa nicht gefährdet ist, bedeutet jedoch nicht, dass der Status quo auf dem Tempelberg unverändert bleiben sollte. Ganz im Gegenteil, ermuss sich sowohl aus strategischen als auch aus moralischen Gründen ändern.

Der Status quo muss sich aus strategischen Gründen ändern, weil die Forderung, dass Juden (und auch Christen) das Recht erhalten, auf dem Tempelberg zu beten, untrennbar mit Israels gerechtfertigter Forderung verbunden ist, dass die Palästinenser Israel als Nationalstaat des jüdischen Volkes akzeptieren.

Die meisten Palästinenser widersetzen sich aus demselben ideologischen und theokratischen Grund, gegen jüdische Gebete auf dem Har Habayit (dem Tempelberg) und gegen die Anerkennung Israels als jüdischen Staat. Ihrer Ansicht nach können Juden nicht mehr als eine ahl al-Dhimmi sein, eine geschützte aber untergeordnete religiöse Minderheit unter dem Schutz der Muslime, und kein souveränes Volk, dass dem muslimischen palästinensischen Staat und seinen Bürgern gleichgestellt ist.

Erst wenn die Palästinenser das Recht der Gleichheit und Religionsfreiheit auf dem Tempelberg in Jerusalem akzeptieren und Israel als Nationalstaat des jüdischen Volkes anerkennen, wird der israelische Unabhängigkeitskrieg von 1948 wirklich beendet sein.

Jamal Zahalkah, Mitglied der Knesset (MK), der ideologisch stark mit der marxistischen Ideologie der Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP) verbunden ist, ist genau aus diesem Grund so unnachgiebig bei der Verteidigung des exklusiven islamischen Rechts auf den Tempelberg. Er ist davon überzeugt, dass Israel bleiben würde, sollte es jemals effektive Gebietshoheit über den Tempelberg erlangen.

Es gibt noch einen anderen Grund, warum der Status quo auf dem Tempelberg sich ändern sollte. Er beginnt mit der Erkenntnis, dass Israel vor der Situation eines langwierigen Konflikts mit den Palästinensern steht; ein Konflikt, der langfristig geklärt werden muss. In dieser Situation ist es von entscheidender Bedeutung, dass die Palästinenser erkennen, dass der israelische Umgang mit diesem Konflikt nicht zwangsläufig eine Aufrechterhaltung des Status quo bedeutet. Warum sollten die Palästinenser auch ihre Haltung mässigen, wenn sie in einem langwierigen Konflikt nichts zu verlieren haben?

Kurz gesagt, es wird niemals Frieden geben, solange eine jüdische Präsenz auf dem Tempelberg als Provokation und Entweihung der heiligen Stätte angesehen wird.

Dann gibt es noch das moralische Argument. Als moderner demokratischer Staat muss Israel die Gleichheit und Gleichwertigkeit aller religiösen Gemeinschaften gewährleisten, die Jerusalem als heilige Stätte ansehen. Indem sie sich jüdischen Gebeten auf dem Tempelberg widersetzen, zeigen die palästinensischen Führungskräfte und Israels arabische Knesset-Mitglieder ihre wahren Gesichter: Führer, die mehr von theokratischer Überzeugung und antijüdischen Vorurteilen als von demokratischen oder liberalen Überzeugungen geleitet werden.

Das ist natürlich nichts Neues. Viele arabische Knesset-Mitglieder und palästinensische Politiker zeigten vor dem Arabischen Frühling ein kriecherisches Verhalten gegenüber arabischen Tyrannen. Selbst die liberalsten jüdischen Israelis haben sich gefragt, wie das ehemalige Knesset-Mitglied Azmi Bishara, ein sich selbst als liberal beschreibender Professor der Philosophie, israelisches Recht brechen konnte, um Hafez al-Assad, einen der schlimmsten Tyrannen seiner Zeit, zu besuchen und zu ehren. Bishara arbeitete danach als Spion für die Hisbollah, einer vom Iran gegründeten und unterstützten Terrorbewegung, die wohl kaum für ihren Liberalismus bekannt ist, und floh aus Israel.

Die Forderung nach Akzeptanz des israelischen Staates als jüdische Nation durch die Palästinenser (und noch wichtiger durch die arabischen Bürger Israels) steht im Einklang mit der Beschreibung des Judentums des jüdischen demokratischen Staats. Die Forderung, dass die Palästinenser die Gleichwertigkeit auf dem Tempelberg akzeptieren, ist ein Test für die Akzeptanz des demokratischen Charakters des Staates.

Letztendlich sind diese Forderungen zum Wohl der Palästinenser. Die palästinensische Nationalbewegung wird auch weiterhin scheitern, wenn sie mit ihrer theokratischen und antidemokratischen Gesinnung verbunden bleibt. Die aktuellen, radikalen ideologischen Neigungen reichen weit zurück und erklären sowohl den Niedergang der arabischen und islamischen Welt, als auch das arabische und islamische Staatsversagen und die interne Gewalt; und sie bedeuten speziell für die Palästinenser eine Katastrophe.

Leider laufen, 87 Jahre nachdem Haj Amin al-Husayni, der palästinensische Mufti Jerusalems, die falsche Anschuldigung „Al-Aqsa ist in Gefahr“ prägte, von blindem theokratischen Hass getriebene junge Palästinenser in den Strassen Jerusalems Amok, um Juden zu töten. Ihr Verhalten ist ein Spiegelbild der kollektiven Katastrophe der palästinensischen politischen Bewegung und der Tragödie des radikalen palästinensischen Nationalismus, die Israel aufgebürdet ist.

Prof. Hillel Frisch, leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter am Begin-Sadat-Zentrum für Strategische Studien, ist Professor für Politikwissenschaft und Nahost-Studien an der Bar-Ilan-Universität.