Im Bezeq Call Center in Hura. Foto Judy Lash Balint
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Raten Sie mal, welches Land die am schnellsten wachsende Bevölkerung der Welt beheimatet? Genau, Israel.

Von Judy Lash Balint

Neben den Sorgen um seine Sicherheit und der Tatsache, die einzige prosperierende Nation im turbulenten Nahen Osten zu sein, beherbergt Israel eine beduinische Bevölkerung, die sich alle 15 Jahre um das Doppelte vergrössert und 2020 voraussichtlich auf 300.000 angewachsen sein wird.

Der Grossteil der Beduinen wohnt in der kahlen Negev-Wüste, einem Gebiet, das 60 Prozent der israelischen Landmasse ausmacht. Durch ihren polygamen Lebensstil hat sich die israelische Beduinenbevölkerung seit der Staatsgründung im Jahre 1948 verzehnfacht. Heute ist jeder vierte Bewohner des Negevs Beduine.

In den vergangenen Jahrzehnten hat die israelische Regierung mit gemischten Ergebnissen versucht, die nomadischen Beduinen in das 21.Jahrhundert zu bringen. Es ist fast unmöglich Sanitäreinrichtungen, Bildung und gesundheitliche Versorgung den verschiedenen Stämmen bereitzustellen, die häufig umherziehen und über ein weitläufiges Wüstengebiet verstreut sind. Sieben Beduinenstädte wurden bereits gebaut und weitere 13 sind in Planung, damit der Staat das Leben der Beduinen verbessern kann, aber nur die Hälfte der Bevölkerung hat sich entschieden, dort zu leben, da die Beduinen vorziehen, ihren nomadischen Lebensstil zu bewahren.

Als Staatsbürger haben die Beduinen Anspruch auf Leistungen des israelischen Quasi-Wohlfahrtsstaats. In der rein beduinischen Stadt Rahat erhalten 79 Prozent der Einwohner israelische Sozialhilfe, vor allem Arbeitslosengeld. Israel gewährt für jedes Kind eines israelischen Staatsbürgers finanzielle Unterstützung. Diese Zuwendungen sind in Rahat, wo 65 Prozent der Bevölkerung unter 18 sind, sehr verbreitet.

Eine neue, durch das israelische Wirtschaftsministerium geförderte Initiative unternimmt den Versuch, Beduinenfrauen in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Ein hauptsächliches Ziel des Ministeriums besteht darin, die Beschäftigungsquote in der Wirtschaft und insbesondere von Gruppen wie den Beduinen zu erhöhen, die nur minimal am Arbeitsmarkt teilnehmen.

Im Arbeitsamt Rahat Rayan, einem der 21 in beduinischen Gemeinden tätigen Zentren, erklärt der Projektkoordinator des Wirtschaftsministeriums Ella Eyal Bar David, wie den Zentren ein beispielloser Erfolg an Arbeitsvermittlungen gelang: durch Zugehen auf die einzelnen Gemeinschaften, enge Zusammenarbeit mit grossen und kleinen Arbeitgebern. Zudem mit einem engagierten Team von Arbeitsvermittlern, die direkt und persönlich mit den Programmteilnehmern arbeiten, sowie mit dem Angebot kostenloser Workshops für Hebräisch, Englisch, EDV-Kenntnisse, Fertigkeiten zum Schreiben von Lebensläufen und Führen von Einstellungsgesprächen, sowie verschiedener fachspezifischer Kurse. Dazu gehören Angebote zur Berufsausbildung und zur Förderung von Unternehmertum, Programme zur Förderung der Beschäftigung auf lokaler Ebene in Zusammenarbeit und Abstimmung mit den lokalen Behörden, sowie Eröffnung und Ausbau von Kindertagesstätten zur Tages- und nachschulischen Betreuung, um es Frauen zu ermöglichen, am Arbeitsplatz zu bleiben.

Es bestehen allerdings soziale Zwänge, die es Beduinenfrauen schwer machen, ein geeignetes Arbeitsumfeld zu finden. Laut Tidhar Ben Hagai, einem der Koordinatoren im Arbeitsamt von Rahat Rayan, müssen die meisten Beduinenfrauen die Erlaubnis ihrer Ehemänner oder Väter erhalten, um zur Arbeit oder zur Schule zu gehen.

Das Bezeq Call Center in der Moschee. Foto Judy Lash Balint
Das Bezeq Call Center in der Moschee. Foto Judy Lash Balint

Ein bekanntes israelisches Unternehmen fand eine kreative Lösung, indem es die Moschee in der beduinischen Stadt Hura in ein Call-Center umwandelte. Bezeq Communications beschäftigt an seinem Standort in Hura ausschliesslich Beduinenfrauen.

Asmat, Managerin im Bezeq Call Center. Foto Judy Lash Balint
Asmat, Managerin im Bezeq Call Center. Foto Judy Lash Balint

Asmat (22), eine der Managerinnen, erklärt, dass dies für die 30 Frauen, die dort im Schichtbetrieb arbeiten, ein sicheres Umfeld ist, das ihre Familien inzwischen akzeptiert haben. „Am Anfang hat es meiner Familie nicht gefallen, dass ich zur Arbeit ging, aber jetzt sehen sie wie viel es mir bedeutet, meinen Beitrag zur Familie und zur Gesellschaft zu leisten. Männer fragen mich, wie ihre Frauen hier Arbeitsplätze bekommen können“, fügt sie hinzu.

Im Jahr 2011 genehmigte die Knesset ein Fünf-Jahres-Programm mit einem Budget von 1,2 Mrd. NIS zur Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung der beduinischen Bevölkerung im Negev.

Die Integration von hunderttausenden, traditionell in nomadischen Stämmen lebenden Beduinen in die israelischen Wirtschaft und Gesellschaft ist nur eine weitere Herausforderung, die von dem modernen jüdischen Staat gemeistert werden muss.