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„Israel ist heute das veganste Land der Welt.“ Das behauptet Kerstin Augustin in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS). Obgleich sich Millionen indische Hindus vegetarisch ernähren, werden aus 5% der 8 Mio. Israelis (Gesamtbevölkerung) die „meisten Veganer“ der Welt.

Der Artikel ist nicht einmal als Satire gekennzeichnet. Mutmasslich hat der Regierungsstatistiker bisher noch keine Umfrage zum Bevölkerungsanteil der Veganer durchgeführt, sodass hier keine zuverlässigen Zahlen vorliegen. 

„Das Phänomen ist enorm“, sagt der israelische Soziologe Rafi Grosglik von der Universität Tel Aviv. „Vor wenigen Jahren war der Veganismus nur ein Phänomen der urbanen, linken Israelis aus der Mittelschicht, jetzt gibt es bis ins rechte Lager viele Veganer.“ Obgleich es in Deutschland zahlenmässig gewiss mehr Veganer gibt als im winzigen Staat Israel, hat die FAS nicht geprüft, ob man anhand des Veganismus auch in Deutschland die Parteizugehörigkeit ausmachen kann, etwa bei Linken oder der NPD.

In dem Artikel heisst es: „In der Bibel lockte Moses die Israelis noch in ein Land, „in dem Milch und Honig fliessen“. Doch heute wollen die Israelis immer weniger davon“.

Zwar gibt es „Israelis“ erst seit 1948, aber in Nahost ist Geschichtsklitterung ein verbreitetes Phänomen, wenn bekanntlich Abraham der erste Moslem und Jesus der erste Palästinenser waren.

Der grösste Hersteller von Milchprodukten, Tnuva, verlor im vergangenen Jahr angeblich zwischen vier und sieben Prozent Umsatz und hat mit einer Reihe veganer Produkte reagiert: Sojajoghurt, Mandelmilch und Sahne aus Reis.“ Tatsache ist wohl eher, dass die Israelis, bekannt als Weltmeister im Konsum von Milchprodukten, ihre Einkäufe eher wegen der hohen Preise von Hüttenkäse und Schokoladenpudding eingeschränkt haben. Zweimal ging es beim Wahlkampf um überhöhte Preise für diese beiden Milchprodukte. Veganismus hatte dabei kein einziger Politiker ins Feld geführt, weder Benjamin Netanjahu noch sein Kontrahent Jitzhak Herzog oder gar Avigdor Lieberman. Und was den Honig angeht, so gehört der zu den traditionellen Speisen beim Neujahrsfest. Da werden Apfelscheiben in Honig getunkt, um das kommende Jahr zu versüssen. Auf diese köstliche Sitte dürften nur eingefleischte Veganer verzichten.

Immerhin werden in Israel 1.435 Mio. Liter Milch produziert, wobei israelische Rindviecher mit über 11.000 Liter Milch pro Kuh einen Weltrekord halten. Steigende Zahlen werden auch bei der Produktion von Honig verzeichnet, 3.400 Tonnen im Jahr 2013 für etwa 8 Mio. Bewohner. Weltmeister im Verzehr von Honig sind übrigens Deutsche mit 1,1 Kilo pro Person.

Weitere Gründe für israelischen Veganismus laut FAS: Juden hätten durch Holocaust erfahren, was Leiden bedeutet. Veganer verabscheuen einen „Holocaust“ an Tieren, wobei es wohl eher eine deutsche Erfindung ist, Massenhaltung von Hühnern in Käfigen mit den KZ und Massenschlachtungen mit den Gaskammern in Auschwitz zu vergleichen. Juden haben sich immer als Menschen betrachtet, auch wenn es heisst, dass sie sich „wie Schafe zur Schlachtbank“ treiben liessen.

Durch Religionsgesetze (Trennung von Milch und Fleisch) seien Juden zudem an kulinarische Verzichte gewöhnt. Das stimmt. Aber wer sich die biblischen Speisegesetze genauer anschaut, stellt schnell fest, mit welcher Akribie dort die zum Schlachten und Verzehr freigegebenen Tiere aufgezählt werden. Das Tabu für Schweinefleisch bedeutet noch längst kein Verzicht auf Rindfleisch oder Hühnchen.

Der Höhepunkt laut FAS: Der schon erwähnte Soziologe Grosglik glaubt: „Wenn der Konflikt mit den Palästinensern unlösbar erscheint, beschäftigt man sich verstärkt mit sich selbst.“ Veganismus sei Ausdruck einer Individualisierung und Entpolitisierung: „Die Welt kann ich nicht ändern, aber meinen eigenen Lebensstil.“ Die mittlerweile fast fünfzigjährige Besatzung, bei der es immer wieder neue Kriege und Terror, aber keine Lösung gibt, führe dazu, dass viele Israelis in ihrer Ernährung moralisch einwandfrei sein wollten.

Sogar bei der Zeitung für Kluge Köpfe scheint es einen Zwang zu geben, bei einem harmlos klingenden Artikel über kuriose Essgewohnheiten bei ein paar fanatischen israelischen Aktivisten unbedingt die Siedlungspolitik einzubringen. Kriege und Terror hat es übrigens zur Genüge auch vor der fünfzigjährigen Besatzung gegeben.

Überzeugte Veganer müssen sich also klar machen, wie viele Hühner und Rindviecher mit ihrem Leben bezahlen müssten, falls die Israelis sich aus den besetzten Gebieten zurückziehen, alle Siedlungen räumen und den Palästinensern einen eigenen Staat zugestehen, wie es die „alternativlose“ Zweistaatenlösung vorsieht. Es klingt fast, als sei die FAS gegen eine Friedenslösung in Nahost, weil das dem Veganismus die Berechtigung nehmen könnte.

In dem Artikel nicht geprüft wurde, ob spiegelbildlich auch bei Palästinensern Veganismus populär ist. Die haben schliesslich ihr eigenes Leiden als Flüchtlinge und Unterdrückte unter israelischer Besatzung zum politischen Programm gemacht.

Immerhin vermerkt die FAS in einer Schlussbemerkung, dass Israels Armee jetzt auch „vegane Stiefel“ ohne Leder zur Verfügung stelle. In Israel scheint Veganismus die politische Einstellung nach rechts oder links zu beeinflussen, aber offensichtlich keinen Pazifismus oder gar Wehrdienstverweigerung zu erzeugen.

Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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