Foto Ralf Roletschek. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons.
Lesezeit: 4 Minuten

„Endlich wieder einmal ein selbständig denkender Journalist“, bemerkt ein Leser der Neuen Zürcher Zeitung in seinem Kommentar. Gemeint ist Israel Korrespondent der NZZ, Ulrich Schmidt.

Von Sabrina Goldemann, freie Autorin

In der Tat scheint er zu den seltenen Schweizer Journalisten zu gehören, die sich nicht ausschliesslich auf die faktenarmen Meldungen der Schweizer Depeschenagentur (sda) und AFP verlassen. In seinem Bericht über das mögliche Aufkeimen einer dritten Intifada macht er sich erneut ausführlich Gedanken über die Toleranz im jüdischen Staat. Besonders Jerusalem als Schauplatz hat es dem Autor angetan, jene Stadt auf dem Berg, die keine „Hochburg der Liberalität“ sei. Dabei vergleicht er die tobenden arabischen Steinewerfer auf dem Plateau des Tempelberges mit den unterschiedlichen jüdischen ultra-orthodoxen Gruppen aus Meah Shearim.

Die einen werfen Steine auf Polizisten, weil sie gegen ein neues Cineplex Kino demonstrieren, das die Schabbatruhe stört, die anderen, weil sie als Minderheit eine Mehrheit vom Beten auf dem Tempelberg abhalten wollen. Der grösste Unterschied besteht wohl darin, und das erwähnt der „denkende Journalist“ nicht, dass die frommen Demonstranten von der israelischen Polizei bei Entgleisungen verhaftet und durch die israelische Öffentlichkeit kritisiert werden. Dagegen Präsident Abbas persönlich die Taten arabischer Steinewerfer öffentlich legitimiert indem er den Schwarzen Peter an Israel weitergibt und das Volk für jeden verletzten Juden kritiklos jubeln lässt. Zudem vergisst Schmidt aus seinem verlinkten Lifestyle Magazin auch den Betreiber des umstrittenen Multiplexkinos zu zitieren. Dieser sei als „Jerushalmi“ die „Shabbatkriege“ gewohnt, aber am Ende erreiche „man immer den Status Quo“, im positiven Sinne.

Widersprüchlich erscheint die kritische Darstellung intoleranter Steinattacken auf Nicht-Muslime vom hohen Tempelberg, aber Schmidts Akzeptanz der strikten örtlichen Trennung unterschiedlicher Beter. Die Juden dürfen nur unterhalb des Plateaus, an der unteren Westmauer beten. Muslime oben-Juden unten, nach alter Dhimmi-Tradition. Für Schmidt ist das in Ordnung, denn so kommen sie sich „nicht in die Quere“. Zudem entschuldigt der Autor auf seltsame Weise indirekt den rüden Umgang mit den „ahnungslosen Touristen“. Er erinnert an das Eintrittsverbot für Nicht-Christen in den Kölner Dom. Das dürfte wohl schon lange nicht mehr aktuell sein, Herr Schmidt.

Für inhaltlichen Ausgleich sorgt der Korrespondent mit einer Auflistung der bekannten Argumente im „Schlagabtausch“ über Schuld und die Unfähigkeit beider Seiten zu einer Einigung zu kommen. Die Krönung des Toleranzvortrages ist die eingebaute Grafik, die Jerusalems Teilungsmauer bis 1967 zeigt – unter jordanischer Besatzung, als den Juden der Zugang zur Altstadt und der Klagemauer noch verwehrt war.

Mutig tastet sich Ulrich Schmidt in einem anderen Bericht an ein weiteres heisses Eisen. Wieso darf Ägypten „brutaler als die Israeli“ die so imposant gebauten Hamastunnel zerstören, sprengen und fluten, ohne „westlichen Zorn“ auf sich zu ziehen? Der Schweizer Ausnahmejournalist vergisst diesmal nicht, zu erwähnen, dass die Antwort ganz einfach ist: Der Protagonist heisst nicht Israel. Präsident Sisis „Feldzug der Zerstörung“ habe, so Schmidt, Gazas Ökosystem und Infrastruktur stark in Mitleidenschaft gezogen. Es folgt eine apokalyptische Beschreibung des Untergangs, aber auch die Erklärung, dass vor allem Israel sich um die Versorgung der Gazabevölkerung kümmert. Dazu gehören auch Spenden wie Baumaterialien, die nicht für den Wiederaufbau zerstörter Häuser genutzt wird, sondern zum Bau von neuen Tunnelnetzen, die bis in den israelischen Süden führen. Durch diese „Lebensadern“ fliessen Waffen, Nahrung und auch israelische Geiseln, um diese gegen palästinensische Gefangene auszutauschen. Im Jahre 2006 wurde der damals 19jährige israelische Soldat, Gilad Shalit für lange fünf Jahre durch eine dieser Adern in den Gazastreifen verschleppt bis er nach zähen Verhandlungen und 1027 palästinensischen Kriminellen aus israelischen Gefängnissen ausgetauscht wurde.

Die beiden Korrespondenten in der Palästinensischen Autonomiebehörde, Karin Laub und Mohammed Daraghmeh arbeiten für die Nachrichtenagentur Associated Press (AP). Daragmeh gehört zum „Arab Media Internet Network“ (Amin), das neuen Wind in die palästinensische Berichterstattung nach westlichem Vorbild bringen möchte. Sie fragen sich wie es „zwischen Israel und Palästina weitergeht“, nachdem Abbas die Oslo Verträge für nichtig erklärte. Die Online-Nachrichtenplattform, „20min“, veröffentlicht eine codierte AP – Sicht der Dinge aus Ramallah, und die NZZ persönliche Eindrücke des Autors Ulrich Schmidt.

Mahmoud Abbas kündigte geheimnisvoll an, dass er während seiner Rede, bei der letzten UNO Vollversammlung eine Bombe platzen lassen wollte – nach dem erstmaligen Hissen der nun wehenden Palästina-Fahne. Das Team Daragmeh/Laub sah eine „explosive Botschaft“ in seiner Rede vor den Vereinten Nationen“, die NZZ dagegen im Ganzen betrachtet nur ein „Sensatiönchen“. Trotz geratener Zurückhaltung von amerikanischer Seite, blieb Abbas‘ Rede jedoch mit den üblichen Anklagen und der darauf ausgesprochenen Abkehr von Oslo I und II relativ noch „wuchtig“, so Schmidt, jedoch ohne „Plan“, also eine „weitgehend leere Drohung“, meint dagegen AP. Alle Autoren sehen den Zeitpunkt der Rede gekoppelt an das schlechte Ergebnis einer Sympathieumfrage innerhalb der palästinensischen Bevölkerung, die besage, dass sich die Mehrheit einen neuen Präsidenten wünsche. Abbas Zusammenarbeit mit Israel brachte ihm kaum Sympathien innerhalb seiner Bevölkerung, in der sich eine starke „Antinormalisierungs“ Bewegung mit antisemitischer Hetze gegen jegliche israelisch-arabische Annäherung weltweit lautes Gehör verschafft, auch als BDS bekannt.

Schmidt bezeichnet Abbas als „Chef von Jerusalems Gnaden“, eine politische Chimäre, entstanden aus den Oslo-Verhandlungen. AP mit sichtlich höherer Insiderkenntnis prognostiziert keine direkte Konfrontation mit Israel von Seiten Abbas, sondern sieht „Spielraum für diplomatische Manöver“. Dazu gehöre auch die mögliche Wiederaufnahme von Gesprächen mit Israel über eine palästinensische Staatsgründung – „vielleicht sogar unter günstigeren Bedingungen“. Laub/Daragmeh erwähnen, dass die Autonomiebehörde „der grösste Arbeitgeber im Westjordanland“ ist und umschreiben damit wohl die bekannte Korruption innerhalb der Behörde umschreibt. In der entstandenen wirtschaftlichen Kooperation beider Parteien, sichert jedoch vor allem Israel Arbeitsplätze.

Der Boykott gegen eine „Soda Stream“ Niederlassung in der Westbank, z.B., zeigte die verlogene Seite des politischen Ränkespiels auf Kosten der sich verraten fühlenden palästinensischen Bevölkerung, die ihre Arbeitsplätze in Gefahr sehen. Abbas, so Schmidt wolle es politisch noch einmal wissen, aber „ohne radikale Rhetorik ist in Ramallah“ nun mal keine Wahl zu gewinnen. Die Seriosität der Friedensbemühungen des Palästinenserpräsidenten ist in beiden Artikeln zumindest in Frage gestellt worden.

Diesen Beitrag teilen
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •